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Mr. 93«.

Marburg, Dienstag, 6. Oktober 1885.

XX. JahrgM,.

Srscheint täglich außer an Werttagen nach Sonn und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition LV» Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Psa. (erd. Bestellgeld). ZnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,. Slulamen für die Zeile

*5 Pf,.

Ohtchesslschk Altilig.

Anzeigen, nimmt entgegen die Expedition d. Blatte», sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Franlfurt e M., Beritii.München und RMn: G. 8. Daube und io. tn Frankfurt a. 3R„ Berlin,Hannover n. Pari».

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

(*ür das vierte Quartal werden Bestellungen ö auf die „Oberh. Zeitung nebst Amtlichem Anzeiger und Illustriertem Sonntagsblatt" noch angenommen, auswärts von allen Post­ämtern, sowie hier von der Expedition (Markt 21.)

Deutsche» Reich.

Berlin, 3. Olt. Polizeipräsident v. Madai, der von seiner UrtaubSreije ohne die gewünschte körperliche Kräfti­gung zurückgekehrt, hat wegen erheblicher Verschlimmerung seines Kußleidens bereits von Königstein im Taunus aus an den Kaiser ein Abschiedsgesuch gerichtet und 618 zum Eintrtlt In den Ruhestand um Urlaub nachgrsucht. — Die verschiedentlich verbreitete Nachricht; daß eine Einigung Deutschlands und Spaniens in der Karoliuenfrage bereits erztett und eine Vermittelung demnach überflüssig sei, ist durchaus unbegründet. Die Antwort Deutschlands auf die letzte spanische Note liegt noch dem Kaifer zur Genehmigung vor. — In Erweiterung der bezüglichen Depesche des „SB. T. B.' meldet der „Germania* ein Privattelegramm aus Rom, daß der preußische Gesandte beim heiligen Stuhl, Herr v. Schlözer, am 1, d. M. bet dem Papste Audienz halte und Sr. Heiligkeit einen Bries Sr. Mas. deS Kaisers mit dem Anträge übergab, in der Karoltnenfrage das Ver­mittleramt (Mediation) zu übernehmen. Bisher hätten, setzt das „Germanta'-Telegramm hinzu, nur Vorverhand­lungen zwischen den beteiligten Regierungen und dem Vati­kan wegen Ueberuahme der Veehandlungen seitens des Papstes stattgefundeu. Jetzt sei der Antrag aus Annahme der Vermittelung an den Papst osfiziell gestellt worden. — In der Presse knüpfen sich mehrfach Erörterungen an die Krage, ob die Konvertierung 4V»proz. KonfolS als ein str uer pflichtiges AnschaffungSgefchäft im Sinne des Börsen- struergrfetzcs anzujeheu ist. Diese Erörterungen gehen von der Annahme aus, daß diese Frage von den zuständigen Behörden im bejahenoea Sinne beantwortet werde. Allein diese Annahme trsft, wie die „Berl. Polit. Nachr.' betören, nicht zu. Wenn eine solche Beantwortung erfolgt sein sollte, so handelt es sich dabei, dem genannten Organ zu olge, keineswegs um eine endgültige Entscheidung, vielmehr um eine theoretische Erörterung, die Erledigung einer auf daS Gesetz bezüglichen Doktorfrage. Au maßgebender Stelle sei man keineswegs geneigt, ohne weiteres oie Beantwortung im bejahenden Sinne als richtig anzuerkennen. Die mit der Verwaltung der KonfolS betraute Behörde fei im Gegen­teil der rechtlichen U berzeugung, daß die Umwandelung derselben nicht unter den Begriff der Nr. II. des Gesetzes vom 3. Juli d. I., bezw. der Tarifnummer 4 falle, und die „B P. N.' glauben, daß diese Anschauung auch vom Ftnauzmlntfter geteilt werden dürfte. In den beteiligten Kreise» werde man daher gut thun, sich nicht einer durch nichts begründeten Beunruhigung hinzugebeu.— Ueber die

Im Hause der Witwe.

Erzählung von Moritz Lilt,e.

(Fortsetzung).

„Ich kann nicht, ich kann nicht — und koste eS mein Leben,* jammerte fie, „niemals kann ich Wlldor,'S Gattin werden, dieses herzlosen Mannes, der mich mit seinem Gelde erkaufen möchte wie ein Stück Waare, dem je:eS edlere Gefühl ftcm? ist, der kalt bleibt beim Anblicke Düne» Kummers, der Dich zu verzehre» droht!'

„Hast Da Otto geschrieben?'

„ES wäre sicher fein Tod, wüßte er, was hier vor- grht. Er würor Tag und Nacht arbeiten, um dir Summe zu erschwingen, und sich dabei aufreiben.'

„Er weiß also Nicht» von Wildors'S Bewerbungen?*

„Ich habe sorgfältig Alle» vermieden, was ihn hätte von unserer Lage uns dm Absichten Wildors'S tu Kenntnis setzen können,* erwiderte Gabriele. „ES ist ihm zwar nicht entgangen, daß Dich eine schwere Sorge drückt, ich habe ihm aber ausweichend geantwortet und er hat sich in seiner rücksichtsvollen Weife damit begnügt.*

„Hast Du daran gedacht, Gabriele, waS ua» bevor- steht?* fragte Frau Werner. Es kann noch Jahr und Tag vergehen, ehe Dein Verlobter in der Lage ist, Dich zum Altar führen zu können — und ein Jahr ist eine lange Zeit!*

Das junge Mädchen senkte da» Haupt; offenbar sand sie keine befriedigende Antwort.

„Die Erträguisie unseres Gartens gewähren uu» den Unterhalt,* fuhr die Wlltwe fort, „durch Sorgfalt und tletß haben wir e» dahin gebracht, daß wir den größt« eil de» Jahre» unsere lletnra Bedürfnisse au« deu Ein-

Bildung einer deutschen landwirtschaftlichen Gesellschaft ver­lautet noch, daß ihr Ehrenpräsident einer der größten dtuischen Grundbesitzer, Graf Otto Stolberg»Wernigerode ist, im Vorstand und Ausschuß sitzt eine große Anzahl be­kannter Landwirte, sowohl Anhänger als Gegner der agra­rischen Bestechungen, z. B. Minister Lucius, Kiepert, Pogge, Sowbart, Seltegast, v. Wöllwaith, Graf Bernstorff, Pro- feffor Delbrück, Dietze, Profeffor Kühn, Scipio, Geh. Rat Thiel, Witte. Aus den Statuten sind folgende Bestimmung« hervorzuheben: „Die Gesellschaft verfolgt, nach Maßgabe ihrer Mittel, folgende Zwecke: 1. DaS Sammeln und Ver­breiten erprobter prakttscher Erfahrungen auf sämtlich« Gebieten der Landwirtschaft. 2. Mitteilung der neuesten wiflenschasiltchen Forschungsresultate mit besonderer Be­ziehung aus ihre praktische Anwendung, in kurzer gemrin- verständltchrr Form. 3. Aureguvg zu praktischen Versuchen und wissenschaftlichen Untersuchungen, sowie Durchführung derselben, wo immer thuvlich, mit Hilfe der Mitglieder, zur Feststellung des Wert.» neuer Verfahr«. 4. Förderung aller Zweige des landwirtschaftlichen Betriebes, in bezug auf a) Landbau, b) Viehzucht, c) Geräte« und Maschinen­wesen, d) landwirtschaftliche Nebengewerbe, ö. Belebung des Handels mit deutschen landwirtschaftlich« Erzeugniffen und Hilfsmitteln im In- und Ausland. Alle und jede polftifche Tendenz liegt dem Streben der Gefellfchaft fern und ist aus ihren Verhandlungen und Publikationen au«- gefchlvffeu.* — Der frühere Uuterstaatsfekretär im Aus­wärtig« Amt, Wirkt. Geh. L-gationSrat z. D. Justus von Gruner, Mitglied deS Herrenhauses, ist am Freitag gestorben. — Die Wühl deS Regenten von Braunschweig wird wahr­scheinlich am 19. Oktober stattfinden und die Wahl wohl auf den Prinzen Albrecht von Preußen fallen. — Zum deutschen Botschafter in Paris soll Graf Münster, bisher Vertreter des Reichs in London, ernannt fein. — In dm russischen Ostseeprovinzeu soll den Deutschen gegenüber eine mildere Handlungsweise eintreten. DaS schroffe Vorgehen soll selbst die Unzufriedenheit des Zaren erregt haben.

— AuS der Nachweisung des Kaiserlich« Statistisch« Amts über die Schulbildung der im Ersatzjahre 1884/85 in die deutsche Armee und Marine eingestellten Rekrut«, der auch die summarisch« Thatsachen für die Vorjahre beigefügt sind, ergiebt sich, daß von den sämtlichen in dem betreffenden nachstehenden Jahre eingestellten Mannschaften ohne Schulbildung waren, d. b. weder les« noch ihr« Namen schreiben konnten: 1884/85 1851 oder 1,21 Proz. aller Eingestellten, 1883/84 1923 oder 127 Proz. aller Eingestellten, 1882/83 1992 oder 1,32 Proz. aller Ein­gestellten, 1881/82 2332 oder 1,54 Proz aller Einge­stellten, 1880/81 2406 oder 1,59 Proz. aller Eingestellten, 1879/80 2217 oder 1,57 Proz. aller Eingestellten, 1878/79 2574 oder 1,80 Prcz. aller Eingestellten, 1877/78 2476 oder 1,73 Proz aller Eingestellten, 1876/77 2975 oder 2,12 Pro-, aller Eingestellten, 1875/76 3311 oder

nahmen zu bestreiten vermögen, die uns durch dm Verkauf unserer Gartenerzeuguiffe zufließen. Da» vom Vater auf uns überkommene Häuschen gab uns Obdach, uud wir würden glücklich und zufrieden leben, wenn —'*

Sie unterbrach sich, als fürchte sie sich, dir fehlenden Worte auSzusprechen.

„Wenn e» richt böse Mmscheu gäbe, den« e« eine Freude ist, dos Glück uud die Zufriedenheit Anderer zu zerstören,' ergänzte das junge Mädchen, und die Röte deS Unwillen» flammte auf ihren Zügen.

„Ja so ist es, aber die Macht der Berhältniffe ist stärker als wir, mein Kind,' versetzte die alte Frau. „Wir sind in SBildors'S Gewalt; nicht umsonst hat er da» Kapital, welche» auf unserem kleinen Besttzthume ruht, erworben, um dadurch sicherer sein Ziel zu erreichen. So lange Rathenau bei uuS war, vermies er eS, unsere Wohnung zu betreten, vielmehr suchte er mich auf meinen Ausgängen« zu find« und für seine Absichten zu gewinnen; seitdem Otto aber sott ist, ist er dreister geworden, obgleich er weiß, daß der junge Mann Dein Verlobter ist.'

„Ec hat wieder mit Dir gesprochm, Mutter?', fragte angstvoll Gabriele.

Die Alte nickte.

„Wtldorf hat mir ohne Umstände erklärt, daß er nun nicht länger warten werde, er müffe «blich Gewißheit hab«. Ziemlich dmüich gab er wir zu versteh«, waS wir im Falle einer Abweisung zu gewärtig« hab«.'

„Der Unverschämte l' rief das Mädchen entrüstet au«, aber die weiteren Worte, die fie hinzufügm wollte, erstarb« ihr auf den Lipp«, denn in diesem Augenblicke erschien in der Thüre die Gestalt eine« starkknochigen Mannes in dm

2,37 Prcz. aller Eingestelltem Greist man die Bezirke, welche den bedeutendsten Prozentsatz von Analphabeten lie­fert«, heran« und stellt für dieselben daS erste dem letzten Jahr der Periode 1875 76—84/85 gegenüber, so betrugen die Analphabeten von der Gesamtzahl der Rekruten:

1875/76 1884/85

3,45

0,75

zentsatzeS; namentlich ist in Pos«, Danzig, Oppeln uud Elsaß-Lothringen eine rasche Befferung zu bemerk«.

— Rach dm Veröffentlichungen de« Statistischen Amtes stellte sich die Getreide - Einfuhr im Monat August 1885 für das deutsche Zollgebiet folgendermaßen:

8,59 Proz. 9,10 , 8,47 , 7,36 „ 3,13 „

3,48 „ 5,18 „

. 15,26 Proz.

. 11,90 „

. 11,30 „

. 9,62 „

. 9,80 , . 6,74 „

. 5,88 „

im Reg.-Brz. Posen . .

„ „ Marienwerder

„ „ Bromberg .

„ „ Gumbinnen

„ Danzig .

„ „ Oppeln

, „ Königsberg.

in Elsaß-Lothringen .... o,»u „ u, <u „

Ueberall ergiebt sich eine erfreuliche Abnahme diese« Pro-

August 1885.

August 1884.

D.-C.

Weizen

188649

458765

Roggen

509601

569694

Hafer

95569

232199

Buchweiz«

5674

1421

Hülsenfrüchte

14958

21224

Gerste

124888

117683

Raps uud Rübsaat 105896

135342

MaiS

84853

136133

Malz 14185 40443

Die Getreide-Einfuhr in den ersten 8 Monaten 1885 repräsentierte folgende Mengen:

Erste 8 Monate Erste 8 Monate

1885.

1884.

D.-C.

D.-C.

Wetzen

4919843

5082343

Roggen

5531954

6274761

Hafer

1737453

3040655

Buchweiz«

95024

75137

Hülsenfrüchte

316968

360076

Gerste

2704107

2099863

Raps und Rübsaat

531412

554599

Mat«

1524517

1513230

Mal,

518470

438884

Bon diesen letzter« Meng« stad zum Satze von 3 M. verzollt worden 553421 D.-C. Weizen, 1344544 D.-C. Roggen, zum Zollsatz von 1.50 M. 151808 D.-C. Hafer, zum Satze von 1 M. 45603 D.-C. Buchweizen, zum Satze von 2.M. 11315 D.-C. Raps und Rübsaat, zum Satze von .. M. 144545 D.-C. Mai« und zum Satze von 3 M. 19112 D.-E. Malz, zum Satze von 2.40 M. aber 228425 D.-C. Malz.

■—^^■**"^^^^^^*I*B*****- mittleren Jahren, warf die Mütze mit leichtem Gmße auf die Kommode und nahm sofort Platz. Dir Züge de« Augekommenm hatten etwas Rohe», und die riesig« Hände bratet« ebenso wie die mächtig breite Brust auf bedeutende Kraft.

»Da« lobe ich mk,* sagte er zu Gabriele, die ihre Arbeit wieder aufgenommen hatte, „immer fleißig l Ga junges Mädchen muß sich stet« Beschäftigung machen, faule Frauenzimmer werd« niemals gute Hausfrauen.'

Ein unangenehme« Lächeln verzog d« Mund de« Sprechenden, die Frauen aber wagt« nicht« zu erwidern.

„Ich hätte mich schon zehnmal verheiraten können,' fuhr er fort, „denn eint Frau findet bei mk schon etwas mehr al« leere vier Wände, aber die jetzigen Mädch« möchten am liebst« gleich vornehme Damen werden und sich bei chren Einkäufen den Handkorb vom Dienstmädchen trag« laffeo. Sie schäm« sich, den Besen in die Hand zu nehmen, bleiben bi« in den hellen Tag hinein im Beite liegen und werfen womöglich Salz in d« Kaffee, d« sie wohl trinken, aber nicht zu kochen versteh«.'

„Sie haben Recht, Herr Wlldorf,' erwiderte Gabriele, „die Mädch« von heute find unfähig, einem HauSwesm vorzustehen. Bleiben Sie unverheiratet, Sie leb« viel sorgenloser und brauchen sich nicht zu ärgern!'

Wlldorf machte ein eigenthümlich sauer-süße« Gesicht, und seine grau« Augen ruhten mit seltsamem Ausdrucke auf der frischen Gestalt des lieblich« Wesens.

„Run, Ausnahmen giebt'« ja, wenn sie auch fett« sind,' meinte er zögernd. „Sie zum Beispiel, Mamsell Wewer, können sich dazu schon rechne».'

(S-rtschmm folgt )