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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
5*ür das vierte Quartal werden Bestellungen ö auf die „Oberh. Zeitung nebst Amtlichem Anzeiger und Illustriertem Sormtag-blatt" noch ^angenommen, auswärts von allen Postämtern, sowie hier von der Expedition (Markt 21.)
Olt* Die Wochenübersicht befindet fich in heutiger Beilage.
LeutscheA Reich.
Berlin, 2. Okt. Ein Kowttee zur Bildung eine« UntclstützungSfondS für die Hinterbliebenen der.Augustaist in der Bildung begriffen, wttchem zahlreiche Männer aller Kreise und Stände augehiren. ES ist beabfichtigt, dir Bestimmung de- Fonds auch auf die EiozelunglückSsälle bet der Marine auszndehuen. — Der rumänische Ministerpräsident Bratiano reist heute nachmittag von hier nach Frtedrichsruh und begiebt sich morgen von dort wahrscheinlich mit eintägigem Aufenthalt in Wien nach Bukarest zurück. — Hier spielt sich gegenwärtig ein Prozeß ab, der die Frage nach dem »Ausschlüsse der OeffentliLkeit" zu einer brennenden gestaltet. Bekanntlich ist dieselbe bei Derhand- luugen, welche unsttlliche Handlungen betreffen, vorgeschriebe», thatsächltch aber genießen die zugelaffenen ZeituugSbericht- erftaster fast unbeschränkte Freiheit der Wiedergabe und nutzen dieselbe tu einer Weife auS, welche im vorliegenden Falle — es handelt sich um die Anklage gegen Profeffor Graef uns Genossin wegen Meineides — alle Grenzen des Zulässigen überschreitet. Die schmutzigsten Dinge werden mit einer Offenheit besprochen, die für einen großen Teil der Lesiwelk, namentlich den jugendlichen, Gift ist. ES ist deshalb die Forderung durchaus am Platz-, daß mit dem Ausschlüsse der Oeffeutlichkeit io Zukunft entschiedener Ernst gemacht, d. h. vor allem die Zulaffung der Zeitungsbericht- ceftatier verboten werde. Daß das eine« ungeheueren Lärm geben würde, wtffrn wir. Wo aber soviel aus dem Spiele steht, thut das nichts. Was sollen alle Anstrengungen zur Hebung ver Stltstchkeit helfen, wenn rS möglich bleibt, daß dir Zestnngen täglich ganze Ströme von Schmutz in« Volk leiten ? — Zn dem jetzt erlassenen Wahlaufrufe der Nattonalltberalm wird auch des Handwerks mst wohlwollenden Worten gedacht und »allm Bestrebungen desselben für die Hebung des Standes, beffere Ausbildung der Lchrlmge und korporative Vereinigung oer Meister und Gehitfen durch Gesetzgebung und Verwaltung* Begünstigung versprochen. Manche Leute werden sich hierdurch verleiten lassen, an eine Schwenkung der Nationalliberalm tu der Handwerkersrage zu glauben. Diesen raten wir, sich mit allgemeinen Sätzen irgendwelcher Art nicht zu begnügen, sondern die nattoualliberalen Kandidaten überall im einzelnen danach zu befragen, was sie unter Begünstigung des Hand-
Jm Haufe der Witwe. Erzählung von Moritz Lilie. (Fortsetzung).
Ottos Genesung schtttr langsam, aber stetig vor- wärt«, seine gute Natur gewann die Oberhand über den Dämon der Krankheit. Die innere Verletzung, durch eine Quetschung herbetgesührt, erwies fich al« nicht so be- denklich, wie es den Anschein hatte, und der schwere Doppelbruch de« Beine« hellte tu durchaus normaler Weise. Nach einigen Wochen konnte er die Krücken mtt einem Stocke vertauschen und kleine Spaziergänge unternehmen, die der inzwischen eingebrochene Winter freilich nur erlaubte, wenn die Wege frei von Schnee und Eis waren. Der Musiker hatte seine Geige zur Hand genommen und studirte fleißig, und oft, wenn er auf dem Instrumente phantasirte und all' sein Lieben und Sehnen, seinen Schmerz and seine Hoffnungen in wunderbaren Tönen ausdrückte, saß Gabriele «eben ihm und lauscht« ttäumeod der melodtschm Sprache der Liebe, welche di« ganze Welt versteht.
Mit dem nahenden Frühlinge, so war ed bestimmt, wollte Otto in die Heimat zurückkehren und die Vorde- reituuaen zur Begründung be« «igenen Hausstandes treff m; die Reife nach Italien halte er gänzlich aufgehoben. Die Eltern de» jungen Manne« waren längst tobt, Geschwister hatte er nie b-s ssin und so sehnte er sich nach einem stillen ttanlichem Heim, in welchem er das geliebt« Mädchen als HanSfrau etuzusühren gedachte. Mtt Bangen sah Gabriele der Abreise Otto'« entgegen; e« war thr, als wüffe ihm rin neues Unglück zuftoßeu, wenn sie nicht mehr um ihn sein könnte. Sie wußte, das der junge Musiker ohne alle Mittel war; seine Ersparutffe, bk er ursprünglich zur
weitet« verstehen, ob sie z. B. mit dem von dem Abg. Ackermann uvd Gen. im Reichstage geforderten Befähigung«- m chweise einverstanden sind und wie sie fich zur Frage der obligatorischen Jonung stellen. Dann wird sich ja sehr bald zeigen, was eS mit dem Wohlwollm eigentlich auf sich hat. Zudem ist zu bemerke, daß sich der Aufruf durch die vorautgeschickte Bemerkung, daß die Gewerbesreihett ihrem vollen Umfange nach aufrecht erhalten werden müffe, den Röcken vollständig deckt, so daß jederzeit der Rückzug angetreien werden kann. Nach den Wahlen wird daS voraussichtlich auch geschehen.
— Die Nachrichten auS den Balkanstaaten lauten seit gestern scheinbar beunruhigend, und man begegnet hier und dort der Ansicht, die Lag- wäre selbst von den Regierungen, die von dem wirklichen Stande der Dinge unterrichtet sein müßten, etwas zu günstig ausgefaßt worden. Die Botschafter in Konstantinopel müßten sich jedenfalls mtt ihren Beratungen beeilen, damit der bedenklichen Gährnng Einhalt grthau werde. Der König Mllao namentlich sei der auf ihn etndrtngenden Bewegung nicht gewachsen und könne unversehens weiter get» leben werden al« er wünsche. In Griechenland gehe eS vorderhand weniger stürmisch zu, weil man dort Serbien den Vorrang laffen wolle, aber ihm, wenn e« handele, bald folgen werde. Das Ministerium DelyanniS werde jedenfalls, wenn 'S unthätig bleibe, einen harten Stand in den Kammern haben. Man müffe sich daher alles in allem trotz der südlichen Anstrengungen der Mächte auf Zwischenfälle gefaßt machen, die deren Absichten durchkreuzen könnten. Man verhehlt indessen nicht, daß eine verhältnismäßig ruhige Entwickelung der gegenwärttgen Wirren ihre Aussichten behält. WaS ein offiziöses Petersburger Telegramm über die notwendige »Aktion* der Mächte den von Belgrad, Athen, Sofia und Albanien her drohenden Gefahren gegenüber fatzt, wird als eine an die Unruhestifter gerichtete Warnung aufgefaßt. Sonst wollte man die diplomatische Lage als im großen und ganzen unverändert ansehen. Die einfache Wiederherstellung des früher« Zustandes wird noch immer deswegen bezweifelt, weil sonst eine gemeinsame Beratung oder Konferenz überflüssig gewesen wäre. Man hätte alSvann die Türkei zum Einschreiten veranlassen muffen, gleichviel ob daS die orientalische Frage mit allen ihren Wechselfällen aufgerollt hätte. Die Mächte wollten offenbar das Wagnis nicht unternehmen und wrrden sich auch weiterhin schwerlich dazu entschließen. Im übrigen glauben unbeteiligte Personen, die den Orient genau kennen, ein in irgend einer Form, selbstverständlich unter Wahrung bet Hoheitsrechte der Pforte, geeinte« Bul- garten werde stets Rußland gegenüber eine größere Unabhängigkeit bewahren, als eS dem getrennten möglich war, und eS werde da« Serbien und Griechenland einen beflern Stützpunkt gewähren al« irgend ein kostspieliger Gebiet«- erwerb, der mit einem gewagten Spieleinsatz erstrebt würde.
Studienreise nach Italien bestimmt hatte, reichten kaum hin, die Kosin der langwterigkn Krankheit zu decken, und der Arzt hatte ihm cuf« Bestimmteste untersagt, sich an- zustrengen, oder gar öffentlich la Konzerten aufzutreten da die damit verbundene Aufregung die nachteiligsten Folgen aus den Zustand des ReconvaleScenten haben müffe. ES blieb dem jungen Künstter daher vor der Hand Nicht« übrig, als Unterricht zu erteilen und die einträgliche Thättg- keit bis zur vollständigen Wiederherstellung seiner Gesundheit aufzuschieben.
Der Tag der Abreise d-S Musiker« stand nahe bevor, und Otto war glücklich, daß die Geliebte ruhiger und gefaßter erschien, al« er erwartet hatte. Um so mehr mußte e« ihn befremden, daß Frau Wemer mtt jedem Tage trauriger und stiller wurde und e« sichtlich vermied, von dem bevorstehende« Scheiden de« Geliebten ihrer Tochter zu sprechen. Otto glaubte den Grund zu der Veränderung im Wesen der sonst so heiteren Frau in der Sorge nm ihr Kind zu erblicken; wenn er aber bemerkte, daß sie ost mit rotgeweinten Augen in da« Zimmer trat, daß sie zuweilen schwer und tief seufzte, wenn sie sich unbeachtet glaubte, dann mußte er sich sagen, daß eine schwere, drückende Sorge aus ihr lasten müffe. Einmal nur hatte er Gabriele «ach der Ursache de« Kummers ihrer Matter gefragt; weinend war ihm das junge Mädchen um den Hal« gefallen und hatte ihn flehentlich gebeten, nicht weiter zu forschen, es müffe alle- noch gut werden. Nur schwer gelang es dem jungen Manne, die Geliebte zu beruhigen und er beschloß, nicht weiter zu torschm, bi« sie ihm selbst räthselhaftr Wesen der Mutter erklärm werde.
MS er nun endlich der Wlttwe Lebewohl sagte, war diese so schwach und angegriffen, daß sie im Stuhl zurück-
Die unruhigen Köpfe davon zn überzeugen, wird allerdings Müh- kosten. — Di- Ankunft des rumänischen Minister- Präsidenten Bratiano, der gestern mittag hier etntraf, wurde schon vorgestern al« wahrscheinlich angesehen. Man glaubte, ec wolle sich ähnlich wie In Wien über die Anschauung der Regierung bezüglich der letzten Vorgänge näher zu unterrichten suchen. Anderweitige Vermutungen bedürfen der Bestätigung. — Bratiano ist nach FriedrichSruh zum Reichs- kanzler gereist.
— (Zur Karolinenfragesi Der »Times* wird ans Rom geschrieben: »Dir Nachricht, daß Deutschland vorgeschlagen und Spanien eingewilligt habe, die zwischen ihnen bestehende Schwierigkeit bezüglich der Karolinen-Insel« der Vermittelung des Papstes zu unterbreite« und daß Leo XIII. daS Amt angenommen hat, war hier eine ebenso große Ueberraschung, als die Revolution in Ostrumelim für ganz Europa gewesen. Fürst BlSmarckS Vorschlag erfolgte direkt durch den deutschen Gesandte« in Madrid an Seuor CanovaS del Castillo und Senor Pidal. Er wurde vo« denselben günstig aufgenomme«, aber eS war zuerst notwendig, den Vatikan über den Gegenstand zu sondieren. Der Nuntius wurde davon verständigt uvd eine Depesche ging an Kardinal Jacobini ab. Seine Antwort war hinlänglich befriedigend und daraufhin wurden Instruktionen an den Mar q «iS di MolinS, de« spanische« Botschafter beim päpstliche« Stuhle, der feine Ferien in Ancona verlebte, telegraphiert, unverzüglich nach Rom zurückzukehren. Er kam am Dienstag Morgen hier an unb wurde im Laufe des Tages von dem Papst in einer Pri- vatandienz empfangen, in welcher er die guten Dienste Sr. Heiligkeit als Vermittler zwischen Spanien und Deutschland uachsuchte. In einer zweiten Audienz, am Freitag, willigte der Papst ein, und am Sonnabend Morgen wurde« die Redacteure der vatikanischen Zeitungen zum päpstlichen Sekretär berufen und in den Besitz der Thatsacheu gesetzt. Die Kardinäle Jacobini, Saurenjl, Czacki, Le- dochowski, Bianchi, Farrochi und Monaco traten am Montag Morgen im Vatikan unter dem Vorsitz des Papstes zusammen, worauf ein Ausschuß gebildet wurde, der die mit dem spanisch-deutschen Streit bezüglich der Karolinm- inselu zusammenhängenden Dvkamevte prüfen soll. — Die Wiener ,N. Fr. Pr.* bringt folgendes Telegramm: Rom, 29. September. »Heute werden Schlözer und DcmoltnS vom Papste empfangen werde« und ihm die Bitte um Annahme des Vermittleramtes in dem Streite um die Karolinen - Inseln unterbreiten. Der Papst wird erklärm, daß et das Amt mit Freude übernehme. Hierzu ist alles schon vorbereitet. Die Streitsache wird der Kongregation für außerordentliche kirchliche Angelegenheiten zur Prüfung übertragen, Monsignore Gallmberti wird den Bericht verfassen, doch ist die Verlautbarung des päpstlichen Spruches nicht so bald z« erwarten, da der Papst vor allem Zett sank als sie den Versuch machte, sich zu erheben. Gabriele begleitete bett Geliebten nach dem Bahnhofe, und der junge Mann mußte endlich die Arme des jungen Mädchens gewaltsam löse«, die Ihn im wllden Schmerz an sich preßte, al« fürchte sie, ihn auf ewig zu verlieren.
Still und einsam war e« in der kleinen Wohnung geworden, al« der allen llebgewordme HauSgmvffe der Fra« Werner und ihrer Tochter dlefelbe verlasse« hatte. Eine tiefe Niedergeschlagenheit schien sich der beiden Frauen bemächtigt zu haben, lange saßen sie sich schon gegenüber, ohne daß Eine von ihnen da« Schwetgm gebrochen hätte.
In Gabrielen« Hand flog wieder die Nadel durch dm Stoff, aber ihre Gedanken wellten offenbar nicht bei der Arbett; unwillkürlich sänke« ihr zuwellm die Hände untätig in den Schooß und ihre Augen schauten träumend in« Leere, während die kummervollen Blicke der Wittwe mtt schmerzlichem Ausdrucke auf dem Anllitz be« junge« Mädchen« ruhten.
»Hast Du einen Entschluß gefaßt, Gabriele?* fragte die alte Frau endlich mit kaum hörbarer Stimme.
Verwundert schaute die Tochter auf, al« begreife ste die seltsame Rede der Mutter nicht, barm strich sie mtt der Hand über die Stirn, um den Schleier, der ihre Gedanke« zu umhülle« schien, zu eMfernm.
»Du kennst meinen Entschluß, Mutter,* erwtederte da« Mädchen mtt fester Stimme, »niemals werde ich diesem Menschen die Hand reichw, lieber untergeben!"
»Ich gehe mit Dir unter, mein Kind,*, hauchte die Wittwe, nicht ohne einen gewissen Anflug von Vorwurf.
Gabriele sprang auf und sank der Mutter wetumd an die Bmst. (Fortsetzung folgt.)