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Ar. »31.

Marburg, Freitag, 2. Oktober 1885.

XX. Jahrgang.

grschcint täglich außer au Vertragen nach Sonn und Feiertagen. — Quartal- UbonnementS-PreiS bei der grnebition 2*/t IRL, bei »en Postämter 2 Mk. 50 «ja. (exel. Bestellgeld). »asertionSgebühr für die «spaltene Zeile 10 Pf,. Leklaweu für die Zeile

25 W*.

OderheWik jfitmiß.

Anzeigen, nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, fowied.Annoncen- Bureaux von Haafenstein undVvgler in Frankurt a. M.,Caffel, Magdeburg und Wien: RudolfMoffe in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln: S. 8. Daube und To. in Frankfurt a.

Bcrlin,-anuov«r u. Paris.

WöcheiMiche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

88C* Wir ersuchen die Bestellungen bei der Post auf daS vierte Quartal der

Oderhesfische« Zeitung

nebst deren Beiblättern

Amtlicher Ameiger

für die «reise Marburg und Kirchhain und

Illustriertes GormtagSblatt

recht bald machen zu wolle«, da vollständige Exemplare um geliefert werden tonnen, wenn die Bestellung recht- zeüig erfolgt.

______________Die Ex-ed. der Oberh. Zeitung.

Leutfche» Reich.

Berlin, 30. Sept. Die Kaiserin Augusta tritt heute in seltener geistiger Frische in daS 75. Lebensjahr. Mit stauueSwerter Thatkraft und festem Willen hat fie ihr schweres körperliches Leiden bekämpft und überwunden, mit unermüdlicher Ausdauer steht fle ihrem kaiserlichen Gemahl in der Ausübung ihrer Herrscherpflichten zur Seite. Die Reichshauptstadt begeht auch In diesem Jahre das Fest in der seit langen Jahren hergebrachten Weise. Hier wie im ganzen Lande sind eS vor allem die Wohlthätig« keitSaustalte«, denen die Kaiserin stets opferbereite Gönnerin ist, welche den heutigen Festtag in sinniger Feier begehen. Unsere Kaiserin ist zumal im Wohlttzun daS schönste Vor­bild sür alle deutschen Frauen; waS sie in jahrelanger eifriger Arbeit unter dem Zeichen des Roten Kreuzes an­geregt und gefördert hat, wird ihr ein unvergängliches Denkmal in der Geschichte sichern. — Bekanntlich beschäftigt daS KriegSmtnisterium schon seit langer Zeit die hochwich­tige Frage einer anderen Ausrüstung der Infanterie, die hauptsächlich eine Erleichterung des einzelnen Mannes be- zweckt. Vor einiger Zeit sind Preise für die besten Mo­delle eines Tornisters, einer Patrontasche erteilt worden, und eS werden jetzt von kombinierten Kompagnieen uns kleineren Detachements auf Märschen und Uebungen mit diesen neuen Modellen Versuche angestellt, von denen die Einführung derselben abhängt. Doch scheint eS, wie man der ,N.Pr. Ztg." mitteilt, fraglich, ob eins dieser Modelle defintuv sür ote gesamten Fußtruppen angenommen wird, und werden nach wie vor diese Probeversuche mit verschie­denen Modellen fortgesetzt werden. Von einer Einführung deS schwarzen Ledergurtes statt des weißen bet der gesamten Jnsanteite ist bis jetzt keine Rede. — Die .Kolonial- politische Korrespondenz" empfiehlt eine Konsolidierung der deutschen Kvlonialbewegung durch ein systematisches Arbeits- Programm und einen sreuudschastlichen Zusammenschluß aller

Zm Hause der Witwe.

Erzählung von Moritz Lilie.

(Fortsetzung.)

Die fltnkrn Bewegungen, mit welchen sie die Nadel handhabte, zeigten die fleißige und geübte Hand. Zuwellen warf fie einen Blick nach der, tu ein Nebengemach führen­den, offen stehenden Thür; dann ruhte die Arbeit einen Moment, und mit gespannter Ausmerksamkell achtete sie auf jedes Geräusch, daS Im Zimmer hörbar ward.

Da klopfte eS leise an die Thür, und gleich darauf trat ein junger Mann, um die Stirn eine schwarze Binde, iaö Zimmer. ES war Georg Walter, der geräuschlos näher schrill, an der offenen Thür einen Augenblick stehen blieb, um zu lauschen, uns dann sich au die Seite des jungen Mädchens setzte, diesem die Hand reichend.

„Wie geht es?' fragte er flüsternd, mit der Hand nach dem Seitenstübchen deutend.

Die Gefragte zuckte die Achseln. „Der Arzt spricht sich noch immer nicht offen aus, er scheint also nicht ohne Befürchtungen zu sein."

„War er heute schon hier?"

„Er hat uns erst vor einer halben Stunde verlassen, wird aber im Laufe deS TageS noch einmal vorfprechen."

Eine ältliche Frau mit gutmütigem Gesichte erschien jetzt touf der Schwelle. Sie trug Filzschuhe, um jedes Geräusch zu vermeiden, und näherte sich dem Maler, deu- selbru wie einen alten Bekannten begrüßend.

„Ihr armer Freund ist bei dem Unglücke sehr schlecht weggekommen, Herr Walter", sagte sie leise, „doppelter Beinbruch, innere Verletzung — genau so, wie eS der Doktor vermutete."

Ein schmerzlicher Zug glitt über daS Gesicht de» Künst­ln«, „Es ist da trauriges Schicksal, das uns hi« ereilte",

die Kolonisation fördernden Elemente und Vereine. Der Ausschuß der „Gesellschaft für dmtsche Kolonisation" be­schloß, der im Laufe des Oktobers hier stattfindenden Haupt­versammlung ein hierauf bezügliches Aktienprogramm vor- zulegen. — Von angesehener kaufmännischer Seite wird ein Brief aus Phi'ippopel zur Einsichtnahme mitgeteilt, der in hohem Maße das Interests der deutschen HandelLwelt erregen dürfte, wegen der darin enthaltenen Angaben über den ungünstigen Rückschlag der Krise auf die Geschäftslage OstrumellenS. Aus jeder Zeile des Briefes spricht das tiefe Mißtrauen gegen die durch den bekannten Handstreich der großbulgarischen Verschwörung geschaffene prekäre Situa­tion. Der Korrespondent illustriert seine Schilderung der einschlägigen Verhältnisse an der Hand positiver Thatsachen, wie beispielsweise der, daß die Bank in Philip- popel sowohl das Jnkaffo, als jede sonstige Operation ein­gestellt hat, und daß infolge besten die übrige Geschäftswelt ein Gleiches that. Denn die von niemand anerkannte provisorische Regierung bot keinerlei Sicherheit, so zwar, daß für eine kurze Zelt der Verkehr ganz und gar Ins Stocken geriet. Zahlungen würden von niemand geleistet. Schließlich ersucht der Korrespondent seinen dieSsettigen Geschäftsfreund, bis auf weiteres keine Waren mehr nach Phttippopel abgeh! n zu lassen. Die Situation sei dort kritisch und die Folgen unabsehbar, da diese Wendung der Dinge nicht voraus-uschen gewesen sei.

— AuS der Rede des Kultusministers von Goßler zur Eröffnung deS geologischen Kongreffks entnehmen wir folgende Stellen: Seit Jahren sind wir Zeugen einer stets zunehmenden Teilung der Lehr- und Forschungsgebiete in allm Zweigen der Wiffenschaft, vorzüglich der natur« wissenschaftlichen und medizinischen Disziplinen. Unausgesetzt entstehen auf dm Grenzgebieten älterer Wiffenschaft neue, unausgesetzt führm neue Methoden zu Gruppierungm, welche die Anerkennung als neue Wissenschaften beanspruchen, die Gefahr der Zersplitterung und der fehlerhaften Disposition über Zeit und Kraft wäch8 für die Lernenden stetig. DaS Material, welches die wiffenschaftliLe Arbeit an dm Tag fördert, vermehrt sich inS Ungemeffere. Als treibendes Moment gesellt sich weiter hinzu der Wettkampf unter den Nationen. Immer neue Völker erscheinen auf dem Felde der gemeinsamen Arbeit; zu den Nationen der alten Welt habm sich feit Jahrzehnten bereits gesellt die Nordamerikaner, besonders bedeutsam für die Geologie und Paläontologie, und schon r?gt sich im fernen Osten Astens ein arbetts- freudige», mit den Methoden deS Abendlandes wohl ausge­rüstetes Volk. Bet dem Blick in dir Zukunft will nnS dir Sorge nicht verlaffm, daß daS Band, welches die einzelnen Wiffenschaften verbindet, gelockert worden und das Bewußt­sein verloren gehen kann, daß die Trennung in Disziplinen im letztm Grunde nur der Endlichkeit der menschlichen

erwiderte er. „Anstatt in den Orangen- und Olivenhaivm Italiens lustwandeln zu können, sich an den Schöpfungen der Kunst zu erheben und zu begeistern, die herrliche Natur zu genießen und die Denkmäler einer untergegavgenm gro­ßen Zeit, eines mächtigen Volkes z« bewundern, seflelt ein düsteres Verhängnis bett talentvollen Künstler vielleicht Monate lang in einem kleinen bayrischen Landstädtchen an das Schmerzenslager, wenn nicht gar ein herberes Geschick den vor wenig Tagen noch so lebensfrohen, aufstrebendm Jüngling ereilt."

„Nur nicht verzagt, Herr Walter, vielleicht wird alle« bester als wir denken", tröstete die Alte. „Gabriele, steh' mal nach dem Ätarten und erneuere den kalten Umschlag auf bet Stirn, aber vorsichtig, daß user Patient nicht erw-cht. Unter uns gesagt", fuhr sie fort, nachdem daS Mädchen sich erntfernt hatte, „auch mir bangt für das Leben de« bedauernswerten jungen Herrn, und so lange der Arzt nicht heranSfindet, welcher Art die innere Verletzung ist, wüsten wir daS Schlimmste befürchten."

„Ich habe werigstkns die Bemhigung, Frau Wern«, meinen unglücklichen Freund in guter Pflege zu wisten", entgegnete der Maler. „Wenn es ihm überhaupt bestimmt ist, zu leben und zur Gesundheit zmückkehren zu dürfen, so wird dies juätet Ihren und Gabrielen« tellnehmeuden Händen ficher weit schneller geschchen, als dies in einer öffentlichen Anstalt der Fall fein könnte, wo die mannig­fachen Eindrücke der Umgebung auf ein weiches Gemüt verstimmend wirken müsteu."

„Meine Tochter und ich haben den armen Herrn Ra- thenau, obgleich er erst wenige Tage in nuferem Hanfe ist, doch so lieb gewonnen, daß wir beim Anblick seiner Leiden schon manche ThrSne vergossen haben. Der stille, «geben« Dulderstun de« Kranken ruft eigne« Mitleid hervor.'.

Leistungsfähigkeit ihre Entstehung vndankt und daß zum mindesten die Naturwistenschaften schließlich nicht« anderes find, als verschiedene Standpuukte, von denen das, was ist, in seiner Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft erforscht wird. Auch können und wollen wir da« Ideal, daß d« KokmoS nur durch ein harmonische« Zusammenwirken der verschiedenen WistevsLasten erkannt und erschlossen werben kann, nicht fahren lasten. Im weiteren Verlaufe behandelte die Rede die Frage: „Sind die internationalen wiffenschaft- lichen Kongresse berufen und befähigt, al« ein lebendiger Faktor (neben den Universitäten) eingereiht zu werden in die Organisation der wissenschaftlichen Arbeit?" und zwar in bejahendem Sinne.

Riel, 28. Sept. Dem „Hamb. Korresp." wird ge­schrieben: Am Sonnabend Morgen wurde der dänische Dampfer „Aurora" bei seiner Ankunft im hiesigen Hafen von mehreren Polizisten untersucht und zwei Pnsonev, bei denen man Revolver, Dolchmester und sozialdemokratische Schriften fand, verhaftet. Am Nachmittag wurden die beiden auf dem Stadthause vernommen. D« eine gab au, et sei ein Däne und heiße Jensen; nach Deutschland komme er, um als Drechsler Beschäftigung zu suchen. Er war ohne Barmittel und schien kein Deutsch zu verstehen. Sein Gefährte nannte sich Fritz Scgadlo, Bäckergeselle aus Königs­berg. Er war im Besitz von etwa 150 Mk. und behauptete, kein Dänisch zu verstehen. Nach ihrer Vernehmung wurden beide wieder in Hast abgeführt.

Breslau, 28. Sept. Der „Schief. VolkSztg." ent­nehmen wir folgende Mitteilung: „Als Kandidat für daS Bistum Ermland wurde kürzlich in den Blättern Herr Dompropst Dr. Kayser in Breslau genannt. Wir erfahren nun, daß die preußische StaatSregiernng in der That die Kandidatur unsere« Dompropstes als Nachfolger« des Bischofs Dr. Krementz betreibt und mit allem Nachdruck an derselben festhält. Die bezüglichen Verhandlungen sind noch nicht zum Abschluß gelangt"

Chemnitz, 30. Sept. (Sozialistenprozeß.) Vor den Plaidvyer« bemerkte der Rechtsanwalt Dr. Freytag, er ver­teidige die Angeklagten Bebel, Auer und Dietz, während Rechtsanwalt Dr. Munckel die Verteidigung der übrigen Angeklagten übernommen habe. In fünfviertelstündig« Rede wies der Oberstaatsanwalt Schwabe darauf hin, daß es sich nicht um einen politischen Tendenzprozeß, sondern darum handele, ob innerhalb der Sozialdemokratie eine Ver­bindung bestehe, auf welche die 88 128 und 129 des Deutschen Strafgesetzbuches anwendbar seien. Eine solche Verbindung sei unzweifelhaft vorhanden, und zwar auch nach dem Erlöste des Sozialistengesetzes. Der Verteidiger Dr. Freytag bestritt die Existenz einer derartigen Ver­bindung der sozialdemokratischen Partei; jene Verbindung sei durch das Sozialistengesetz gesprengt worden und nur

„Ich reise morgen ab, grau Werner, daS eherne Ge­bot der Pflicht ruft mich. Lasten Sie eS meinem Freunde an nichts fehlen und suchen Sie ihm meine Abreise so lange al« möglich zu verheimlichen."

„Sie wollen uns verlastev?" fragte das junge Mäd­chen, da« eben wieder eintrat. „Hen Rathenau wird Sie vrrmistev, er fragt in fieberfreien Stunden stets nach Ihnen."

„Ich muß, Gabriele, so gern ich Sie anch in bet Pflege des Kranken unterstützen möchte. Man erwartet mich tn Rom, die Thätigkeit, zu bet ich berufen bin, leibet keinen Aufschub. Aber eins müsteu Sie mir versprechen, mir mindestens jede Woche einmal zu schreiben, wie e« unser« Pattenten geht."

Noch einmal trat d« Maler an das Bett des Leiden­den, der in ein« Art Betäubung dalag. Lange betrachtete er die schönen, jetzt marmorbleichen Züge, und nur mit Mühe vermochte er die Rührung, die ihn zu übermannen drohte, zu bemeistern. Dann bog er sich nieder zu de« Gesichte de« Schlafenden und hauchte dnen leisen, innigen Kuß auf besten Waffe, farblose Lippen.

Er ging, von den Frauen bi« an die HauSthür be­gleitet. Die Witwe hatte ihm noch so vielerlei zu sagen, sie war so mütterlich besorgt und «mahnte ihn, Im fremde» Lande ja recht vorsichtig zu fein, damit ihm kein Unglück zustoße, sich auch beim Ein- und AuSsteigen in« Konp« recht in Acht zu nehmen, denn mancher {d dabei zu Schaden gekommen, und ja nicht zu vnsäumen, seine glückliche An­kunft zu melden, um die besorgten Frauen zu beruhigen. Als diese endlich in ihr bescheidenes Stübchen zurückgekehrt nmren, fanden sie auf GabrieleuS Arbeitstisch ein kleine« Paketcheu mit Goldstücken, da« der Mal« zurückgelassev hatte. (Fortsetzung folgt)