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Ur. «30.

JUorßurg, Donnerstag, 1. Oktober 1885.

XX. JahlMg.

^scheint täglich außer an Mrkkagen nach Sonn und Feiertagen. Quartal- gbonnements-Preis bei der Srvedition 3/t Mk., bei d/n Postämter i Mk. 50 «ia. (excl. Bestellgeld), -tasertionsgebühr für dir gespaltene Zeile 10 Pf,, zülamen für die Zelle 85 ffg.

(Dlicrlirffifdir jfituiiii.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankurt a. M.. Cassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a. M., Berlin,München und Rite; G. L- Daube und So. in Frankfurt «. 9JL, B«liu,-a»nover u. Paris.

L>öchc»tliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

838** Wir ersuchen die Bestellungen bei der Post auf das vierte Quartal der

Oberhesfischeu Zeitung

liebst deren Beiblättern

Amtlicher Ameiger für Mit «reise Marburg und Kirchhain und

Illustrierte- SormtagSblatt

recht bald machen zu wollen, da vollständige Exemplare nur geliefert werden können, wenn die Bestellung recht­zeitig erfolgt.

Anfang Oktober erscheint im Feuilleton ein großer höchst spannender Roman von

Theodor Küster: Heister Siu«.

Neuzugchende Abonnenten hiefiger Stadt erhalten die Oberhefstsche Zeitung* vom Tage der Bestellung bis zum 1. Oktober grattS.

______________Die Ex-ed. der Oberh. Zeitung.

Lenrfche« «eich.

Berlin, 29. Sept. Der.Hamburgische Korrespondent* macht la seiner gestrigen Adenvnummer dieneueste Wen­dung des Karoltuen-Streites* zum Thema einer längeren Erörterung, in welcher er u. a. das dem Papste übertragene Vermtttleramt als einen Akt nur formaler Bedeutung charaktertstert, da inzwischen Dinge vorgegangen seien,welche mau als eine faktisch vollzogene direkte Verständigung zwischen brtdm beteiligten Regierungen bezeichnen darf*. Hierzu bemerkt dieRordd. Allg. Zlg.*: So erfreulich und desrie- digeuv nun auch au- den Gesichtspunkten einer friedlichen Lösung die Verhandlungen über die Karolinen - Angelegen­heit sich bisher abgewickelt haben, so geht nach unseren Informationen doch die vomHamb. Kott.* aufgestellte Schilderung der gegenwärtigen Lage weit über den Rahmen der momentanen Wirklichkeit hinaus. Schon infolge von rein sormatm Momenten könnte die Entwickluug nicht bis zu dem vomHamb. Korr.* angedeuteten Punkte gediehen sein; denn vor allem bleibt doch erst von deutscher Sette die kürzlich mttgetetlte zweite spanische Note zu beantworten. Der El twurf zu dieser Antwort liegt aber noch Sr. Maj. dem Kaiser zur Genehmiguug vor und wird voraussichtlich erst gegen Ende ver Woche nach Madrid abgehen können. Bon einem Abschluß ooer, wie derHamb. Korr.* stch ausdrückl, von einerfaktisch vollzogenen direkten Verstän­digung* kann also füglich noch keine Rede sein. Der Minister für Handel und Gewerbe, Fürst Bismarck, hat aus Varzm vom 9. d. M. an die Regierungspräsidenten, Reiterungen u. j. w. folgende Verfügung erlassen:ES ist wiederholt vorgekommen, daß LanveS- oder OrtSpoiizst-

behörden die Fortsetzung des Betriebes konzesstonSpflichtiger gewerblicher Anlagen aus dem Grunde, weil deren Zustand den gesetzlichen Bestimmungen oder den Vorschriften der KonzesstonS Urkunde nicht völlig entsprach, ganz oder teil­weise untersagt haben, obwohl nicht festgestellt war, daß die fernere Benutzung der Anlage erhebliche Nachteile oder Ge­fahren herbeizuführen geeignet sein würde. Die Unter­sagung deS Betriebs ist eine Maßnahme, welche unter allen Umständen den Unternehmer und die von ihm beschäftigten Arbeiter in empfindlicher Weise schädigt, fie darf deshalb nur dann angeordnet werden, wenn fie durch eine zweifel­los konstatierte Gefährlichkeit der Anlage oder dadurch ge­rechtfertigt wird, daß die Anwendung der sonstigen gesetzlich zulässigen Zwangs- und Strafmittel bewußter Renitenz deS Unternehmers gegenüber erfolglos geblieben ist. Die sorg­fältige Beobachtung dieses Grundsatzes ist den zuständigen Beamten um so mehr zur Pflicht zu machen, als dem durch eine ungerechtfertigte Betriebsuntersagung benachteiligten Unternehmer der Weg der Regreßklage unter Umständen nicht verschloflen werden könnte. Die in die Ministetial Jnstanz gelangenden Beschwerden über Betriebsuntersagung legen den Sachverhalt nicht immer so vollständig klar, daß auf dieselben ohne weiteres Entscheidung getroffen werden kann. In der Regel hat über dieselben erst Bericht von den beteiligten Behörden erfordert werden müffen. Der hiermit verbundene Zeitverlust steigert in den Fällen, in welchen die Untersagung auS unzulänglichen Gründen ver­fügt ist, den dem Unternehmer und seinen Arbeitern zu­gefügten Schaden in erheblichem Maße. Um dies zu ver­hüten, bestimme ich, daß mir in jedem Falle, in welchem die Fortsetzung des Betriebes einer zu meinem Reffort gehörigen gewerblichen Anlage ganz oder teilweise polizei­lich untersagt wird, von der beteiligten LandeSpolizei- behörde über diese Anordnung und über die Veranlassung zu derselben unverzüglich Bericht zu erstatten ist, damit ich in die Lage gefetzt werde, über dir Aufrechterhal­tung der Untersagung, sei es von AmtSwegen, sei eS auf erhobene Beschwerde, sofort zu befinden.* lieber den Empfang einer Deputation aus Jnvwrazlam beim Minister v. Puttkamer teilt dieGazeta PvlSka* einiges mit: Herr v. Puttkamer erklärte der Deputation, er wiße bereits, welche Angelegenheit sie zu ihm führte, aber im Prinzip könne er stch in keine weiteren Verhandlungen ein- laffen; im Prinz-p könne nichts mehr geändert werden. Die Deputation konnte infolge besten nur noch bestrebt sein- in der Praxis einige Milderungen durchzusetzen. Sie setzte deshalb auseinander, inwiefern bei der Ausführung des MinifterlalerlasteS daS von den OrtSbehöeden beliebte Verfahren für die ländlichen Besitzer im Kreise Jnowrazlaw mannigfache Schwierig ketten zur Folge hat. Der Minister gab zu, daß er in bezug auf otr in der Zuck.rrüben- Jndustrie beschäftigten und die auf Jahreskontrakte ange­

nommenen Landarbeiter gewisse Konzessionen machen könne. Seinem Wunsche, daß die Deputation in dieser Beziehung ihr Anliegen schriftlich fixiere, ist bekanntlich sofort Ge­nüge geschehen. Herr v. Puttkamer soll sehr erstaunt darüber gewesen fein, daß nach der Versicherung der Depu­tation auf Gmnd einer ungefähren Schätzung 10 Proz. der Arbeiterbevölkerung des Kreises durch die Ausweisung betroffen wird. Der Minister zieht über diesen Punkt sei­tens der Lokalbehördm Informationen ein. Die Frage der Versorgung derjenigen Beamten, welche vor Inkraft­setzung des Unfallversicherungs-Gesetze» bei Privat - Unfall- verstcherungS - Gesellschaften beschäftigt waren, hat in den Verhandlungen im Reichstage sowohl als auch in der Dis­kussion der Preffe eine bemerkenswerte Rolle gespielt. Daß die RetchSbehörden diese Frage nicht aus dem Auge ver­loren haben und, soweit es in ihrer Macht steht, bemüht sind, jene Beamten vor Schädigung zu bewahren, beweist ein neuerliches Zirkular des Reichs - VerstcherungSamteS. Dasselbe hat nämlich an alle Vorstände der Berufs« genoflenschaftev Verzeichnisse solcher Personen übersandt, welche geneigt sind, bei den Genossenschaften eine Stellung zu übernehmen, Wie dieB. P. N.* hören, ist eS auch in der That bereits gelungen, mehreren von diesen Privat­beamten pastende Stellungen zu verschaffen. Heute vor­mittag wurde im ReichLtagSsaale durch den Kultusminister der Geologenkongreß eröffnet Der Minister begrüßte die Erschienenen namens der Regierung, v. Dechen wurde zum Ehrenprästdenten, Profestor Beyeich zum Präsidenten gewählt. Nachmittags fand die Eröffnung der geologischen Ausstellung in der Bergakademie statt.

Kiel, 29. Sept. Kapitän Stenzel wurde zum Ge­schwaderchef des zu formierenden Schulgeschwader, Kapitän Karcher zum Oberwerstdirektor in Wilhelmshaven ernannt.

X Aus Hannover, 29. Sept. Zum erstenmale ver­anstaltet die gesamte konservative Partei der Provinz Han­nover am 4. Oktober einen allgemeinen Parteitag. Für die konservative Partei überhaupt ist dies eine sehr erfreuliche Thatsache, denn Hannover gilt wie bekannt für die Hochburg des Liberalismus; trotz des Terrorismus, den diese letztere Partei durch ihre Preffe auf die Stimmung der Bevölkerung ausübt, tst es der thätigeu Arbeit gelungen, den konservativen Elementen nicht allein Boden zu ver­schaffen, sondern eS dahin zu bringen, daß die gesamte Hrndwerkerpartei für die wirtschaftlichen Tendenzen deS Konservativismus eintritt. Jeder Handwerker weiß hier, daß von den freien Innungen der National- liberalen nichts SegenbriugendeS für da» darniederltegende Handwerk zu erwarten ist, daß allein die obligatorische Innung die Schäden wieder gut machen kann, welche die Gewerbefreiheit dem Handwerkerstande ge­bracht hat. Hier istobligaBrische Innung* das Sttch-

Jm Hause der Witwe.

Erzählung von Moritz Lilie.

(Fortsetzung.)

Herzzerreißendes Stöhnen drang unter den Trümmern hervor, gräßliip verstümmelte Letchuame, halb verdeckt von schweren, zu unförmlichen Massen zusammengedrückten Eisen- platten, lagen zwischen dem Gewirre, weinende Frauen, die ihre Gatten suchten, irrten umher, und zertrümmerte Koffer, Wäschestücke, Kleider und tausend andere, den Inhalt von Taschen.bildende Gegenstände, bedeckten den Bodm und vervollständigten das Bild des Schreckens und der Ver­wüstung, das ein tückisches Verhängnis hier in wenig Augen« blicken hervorgerufeu hatte.

Die Mehrzahl der im Zug befiadlich gewesenen Herren beteiligte stch am RettungSwerke; überall unterstützten fie die Bemühungen der Schaffner und Bremser, die unter den Trümmern begrabenen Verunglückten so schnell als möglich au» ihrer schrecklichen Lage zu befreien. Bon Gruppe zu Gruppe eilte Georg, aber nirgends war der Musiker zu entdeckkn; angftersüllt durchlief er die Reihen der Paff agiere, die stch mit ihre» verschont gebliebenen Effekten am Raine eines Saatfeldes gelagert hatten, fragend und rufend.

Vergeben», niemand vermochte über den Vermißten Auskunst zu erteilen, und immermehr gewann er die trau­rige Ueberzeugung, daß der Freund ein Opfer der Kata­strophe geworden jein müsse.

Mit fieberhafter Hast, der eigenen Schmerzen nicht achtend, begann er mit Hand anzulegen, um womöglich noch Hilfe zu billigen, aber bei der Dunkelheit und der unge­heuren Maffe, welche die zerschellttn Wagen bildeten, war rs schwer zu bestimmen, auf welcher Sette zuerst anzusaffen

fein werde. Einer der Beamten unterstützte ihn bereitwilligst; aber nur die leichteren Stücke vermochten sie zu befeitigen, die schweren Eisenteile, die zerschmetterien Räder, Achsen und Keffilplatten spotteten ihrer Kraft.

Plötzlich tiefen einige Männer in Georgs Nähe nach einem Arzte; es war ihnen mit unsäglicher Mühe gelungen, einen der Veru 'glückten unter einer schweren Last hervor- zuztehen, die mit erdrückender Gewalt auf ihm lag. Von banger Ahnung ergriffen, stürzte der Maler zur Stelle, wo stch eine Gruppe teilnehmender Reisender gebildet hatte, und aus den ersten Blick erkannte er seinen beklagens werten Freund, der bleich und ohne Lebenszeichen auf einer Decke log, die einer der Passagiere mitleidig geliehen hatte.

Otto bist Du tot?* rief Georg in seiner Herzens­angst, sich über den stillen Mann beugend und dessen Ge­sicht mit seinen Thränev netzend.Retten Sie meinen armen Freund, wenn Sie können!* flehte er den eben her- zntretenven Arzt an, der ihn sanft bei Seite schob und ben regungslos Dalieaendsn zu untersuchen begann.

In wahrer Seelenpein hingen die Blicke des Malers an d-n ernsten Mienen deS Arztes, von deffen Lippen in dieser Minute die vernichtende Botschaft der Trauer ober der hoffnuiigSerweckende Ausspruch, daß noch nicht alle« verloren sei, kommen mußte.

Da ertönte ans bet Ferne dumpfe» Rauschen; zwei feurige Punkte, die Lichter ver Lokomotive, nahten langsam heran, und bald daraus hielt der zur Hilfe herbeigeellte Zug an der UnglückSstätte, Letzte und Vorrichtungen zum Transporte bet Verwundeten und Toten mit sich führend.

ES war ein kleines, trauliches Gemach, durch deffeu geöffnete Fenster die Sonne ihre warmen, goldenen Strahlen sandte. Die Ausstattung der Stube war einfach, fast ärm­

lich, aber die darin herrschende Sauberkeit hatte etwa» un­gemein Wohlthuendes und Anheimelndes. Die Dielm waten blank gescheuert und zum Teil mit einem vielfach auSge« befiedert, gewirkten Teppich bedeckt; Kanapee und Stühle, ebenso wie die übrigen Möbel von altmodischen Formen, zeigten frischgewaschene Kattunüberzüge; über der rntt großm Messtngschlöfiern versehenen Kommode lag eine gehäkette Decke von blendender Reinheit und die dünnen Vorhänge, welche die niedrigen Fenster zum Tell verhüllten, geigten hier und da sauber reparierte, schadhaft gewesene Stellen, waren aber ebenfalls von tadelloser Weiße. Blühende Zimmerpflanzen standen in doppelter Reihe auf dem Fen- sterstmS; zuwiilen kam eine fleißige Biene ober ein nasch­hafter Schmetterling zu den Blumen auf Besuch, nippte von dem Nektar ihrer Kelche und flog dann summend und flatternd wieder davon.

In dem Gatten am Hause erblickte man eine Anzahl Beete, die mit Gemüsen und Küchenkräuter bepflanzt und gut gepflegt waren eine kleine Gärtnerei, deren Erzeug­nisse ben Bedarf bet kleinen Laudstädtchen» deckten. Oben am Fenster hing ein Käfig, in welchem ein cltronenfarbener Kanarienvogel feine Triller und Läufe ertönen ließ; fast schien es, als sei er stolz daraus, wenn Ihm eine Koloratur besonders gelang, denn et wendete dann leicht da» Köpfchen, als lausche et auf die Beifallsbezeugungen de» jungen Mädchens, daS unter ihm saß und emsig mit einer Näherei beschäftigt wat.

ES war ein blonde», jugendfrisches Wesen, mtt seelenvoll blickenden blauen Augen von etwas träumerischem Ausdrucke. Zn ihrer schlichten Kleidung prägte sich dieselbe Armut, aber auch die gleiche Sauberkeit au», die den ©raubten des kleinen Hauswesens bildete. (Fortsetzimg folgt.)