XX. Jahrgang
JTlarßuig, Mittwoch, 30. September 1885.
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Amtlicher Anzeiger für die Kreise Marburg und Kirchhain und
Illustriertes Gouutagsblatt bald machen zu wollen, da vollständige Exemplare geliefert werden können, wenn die Bestellung recht-
gSF* Wir ersuchen die Bestellungen bei der Post auf tag vierte Quartal der
OberheMcheu Zeitung
Zöchciitliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. -
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Von entscheidender Bedeutung erwies sich die Kaiserliche ! Botschaft vom 17. November 1881, welche gegenüber dem I Wahlresultat in feierlichsten Worten die Notwendigkeit der 1 sozialen Reform betonte und dem Reichstag die Pflicht ans i
Herz legte, an der positiven Förderung des Wohles der I
arbeitenden Klaffen mitzuwirken. Man kann bereits beute । in dieser Botschaft, deren Bedeutung damals von der Fortschrittspartei so wenig begriffen wurde, daß sie dieselbe als einen Eingriff in das parlamentarische Selbstbestimmungsrecht empfand und sogar die Etatsrede deS Herrn Richter als eine „Antwort" auf die Botschaft drucken ließ, einen historischen Akt erblicken, welcher den Grundstein zur Sozialreform legte, und ohne den wir sicherlich in ganz andere Bahnen getrieben worden wären. So kam es, daß der Reichstag, deffen Zusammensetzung wesentlich durch die Abneigung gegen die Srzialreform beeinflußt war, die beiden ersten Etappen auf dieser Straße erreichte; aus seinen Beratungen gingen das Krankeukaffengesetz vom 15. Juni 1883 und daS Unfallver sicheruogSgesetz vom 6. Juli 1884 hervor.
In wenigen Tagen — am 1. Oktober — wird nun auch das letztere in seinem vollen Umfange in Verbindung mit dem Gesetz über die Ausdehnung des Kranken« und Unfallv:rsicheruvgSgesetzeS vom 28. Mai 1885 für den dort vorgesehenen wichtigeren Teil der TrauSportgewerbe in Kraft treten. Nach fast fünfjähriger Arbeit ist endlich eine Einrichtung fertig, welche einen großen und wichtigen Bestandteil des sozialen Reformwerkes bildet; an die sich zugleich die Hoffnung knüpft, daß sie auf unsere sozialen Verhält* niffe einen segensreichen Einfluß üben und weitere Einrichtungen in demselben Sinne nach sich ziehen werde.
Nach zwei Richtungen hin verdient die Bedeutung der Unfallversicherung hervorgehoben zu werden. Sie führt ein neues Recht für die Industrie- und Baugewerksarbeiter, sowie sür die Arbeiter in den Post-, Telegraphie- und Eisenbahnverwaltungen und in den sämtlichen Betrieben der Marine- und Heeresverwaltungen ein, daS Recht eines feststehenden sicheren Anspruchs auf Schadensersatz für die Arbeitsunfähigkeit, in welche sie durch Betriebsunfälle geraten. Gesetzliche Ansprüche standen dem Arbeiter auch schon durch die Haftpflicht zu, sie waren aber unsicher und mußien erst durch Prozesse »stritten werden. Welche üblen Folgen diese Einrichtung hatte, braucht hier nicht ausgeführt zu werden: sie war jedenfalls unzulänglich und hatte oft Störungen des sozialen Friedens zur Folge. In Zukunft fallen die Pcrzeffe weg; weit über 3 Millionen Arbeiter erhalten vom 1. Oktober ab das Recht des Schadensersatzes nach Maßgabe feststehender Normen.
Auf der anderen Seite ist es die berufSgenoffenfchast- liche Organisation selbst, welche als eine Errungenschaft zu betrachten ist. Dadurch, daß die Jndustrieunternehmer nunmehr in bestimmte Verbände mit organischer Einrichtung gegliedert sind, ist an Stelle deS Konglomerats von zu» Unglücke folgten. — Wie lange er ohne Bewußtsein gr« legen hatte, vermochte er nicht zu beurteilen; kühlende Umschläge, die ihm auf Stirn und Scheitel gelegt wurde«, brachten ihn wieder zu sich, und mit Mühe suchte er sich über die Situation, in welcher er sich befand, klar zu »erben. Ein an seiner Seite knieenber Mann fiel ihm zuerst in die Augen, seinen Bemühungen hatte er rS zu danken, daß die schwere Ohnmacht von ihm gewichen war.
Georg richtete sich halb empor; unwillkürlich faßte er sich nach der Stirn, wo er einen heftigen dumpfen Schmerz verspürte, den ihm eine breite Wunde verursachte. Finsternis umgab ihn, nur in einiger Entfernung bewegten sich Lichter hin und her, augenscheinlich von Leuten herrühreud, welche Laternen trugen. Deutlich vernehmbares Stöhnen und Wimmern drang zu ihm herüber, in der Ferne aber zuckte noch immer Wetterleuchten am Himmel, und ein leises, murmelndes Grollen ging als Wiederhall fernen Donner« durch die Wolkenmaffen und verlor sich in den Lüften.
„Der Zug ist verunglückt?" wandte sich der junge Mater an dm Fremden, der fich erhoben hatte und ihn verlasieu zu wollen schien.
„ES sind zwei Züge zusammengestoßen", erwiderte dieser; „aber eS ist noch nicht aufgeklärt, wie das gekommen ist. ES wird falsche Weichenstellung vermutet."
„Sind viele Menschen verletzt?"
„DaS läßt sich noch nicht übersehen, aber eS steht zu befürchten, daß da- Unglück größer ist, als mau bis jetzt glaubt."
„Mein armer Freund Otto Rathenau 1" tief der Maler plötzlich aus, indem er sich ebenfalls, aber nicht ohne einige Mühe, erhob. Erst jetzt kam «hm die Erinnerung an dm Reisegefährten zurück, über deffm Schicksal er gänzlich im Uugewiffen war.
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Anfang Oktober erscheint im Feuilleton ein großer höchst spannender Roman von
Theodor Küster: Heißer Sinn.
Neuzugcheude Abonnenten hiesiger Stadt erhallen die „Oberhefftsche Zeitung" vom Tage der Bestellung bis zum 1. Oktober gratis
_____________Die Ex-ed. der Oberh. Zeitung.
Das Jnslebeutteten der Uufallverficheruug.
AIS im Januar 1881 der erste Entwurf eines Gesetzes, betreffend die „Versicherung der in Bergwerken, Fabrtkm und anderen Betrieben beschäftigten Arbeiter gegen die Folgen der beim Betriebe sich ereignenden Unfälle", dem LundeSrat zur Beratung und Befchlußfaffung vorgelegt wurde, war das Verständnis für das, was man „soziale Reform" nennt, und was mit jenem Entwürfe bezweckt wurde, im allgemeinen nur gering. Man schüttelte den Kopf über die Motive des Entwurfs, in denen es „nicht nur als eine Pflicht der Humanität und des Christentums, von weich.m Die staatlichen Einrichtungen durchdrungen sein sollm, sondern auch atS eine Aufgabe der staatSerhaitenveu Polttck bezeichnet wurde, daß der Staat sich in höherem Matze al« bisher seiner hilfsbedürftigen Mitglieder au- nehme." Damals wurde die Einsühruug eines „sozialistischen" Elements in die Gesetzgebung allgemein für so bedenklich gehalten, daß die betreffende Vorlage in der Begründung eS sür nötig hielt, die darauf beruhenden Be- forgniffe zu beschwichtigen. Der weitere Verlauf zeigte, datz der Reichstag uno die öffentliche Meinung dem Reform- verfuch gegenüber sich kühl oder abhold verhielten. Der erstere scheute sich, eine Befreiung der Arbeiter von jeder Belastung zum Zwecke der Unfallversicherung autzufprechev, und die öffentliche Meinung zeigte bei den ReichStagSwahlen im Herbst 1881, daß sie „dem Frieden" nicht recht traute und im ganzen von den sozialistischen Projekten mehr er- fchreckt, als angenehm berührt war: tnfvlgedeffen erhielt die Fortschrittspartei Oberwasser, während die Zahl der Anhänger der Re.vrm zurückging.
Im Hause der Witwe.
Erzählung von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
Der Maler schwieg; gedankenvoll schaute er hinaus in die Landschaft, auf welche sich inzwischen tiefe Nacht herabgesenkt hatte. Nur hin und wieder tauchte draußen in Weiler Ferner ein Licht auf, um eben so schnell wiever zu verschwinden. Der Himmel war bewölkt, kein Sternchen schimmerte durch das Dunkel, drüben am Horizonte aber nhellte sahleS Wetterleuchten aus Augenblicke daS Firmament, das gleich darauf in um so tiefere Finsternis zu ver- finken schien. Kein Laut regte sich tu der Natur, auf welcher eine gewiffe Bangigkeit lagerte — die Stille und schwüle Ruhe vor dem Gewitter.
Da plötzlich war eS, als wenn ein Erdbeben die Waggons ewporfchleuderte; ein mächtiger Ruck warf die Reisenden mit unwiderstehlicher Gewalt gegen einander, ein furchtbares Praffeln und Krachen ertönte — eine Sekunde lang das tiefe Schweigen tödlichen Schreckens, dann erfüllte Stöhnen und Wehgeschrei die Lust. Zwei Züge waren mit voller Kraft ineinander gefahren, und im Augenblicke war daS Entsetzliche geschehen.
Georg Walter fühlte beim Statteten der Katastrophe einen wuchtigen Schlag gegen den Kopf, der ihn halb betäubte; er hörte das markerschütternde Krachen der zertrümmerten Wagen, daS unklare Bewußtsein, daß hier etwa« Außerordentliche« vorgiag, dämmerte in ihm, e« war ihm, als werde er mellenwett tu die Lust fortgetragen und dann aus der Höhe auf die Erde herabgeschleudert; ein schwerer Fall erschütterte seinen Körper, daun schwanden ihm die Sinne. Eine wohllhätige Ohnmacht verbarg ihm die erst« Schrecken der Jammer- und SchuerzeuSscmeu, die dem
sammenhanglosen einzelnen Unternehmern die feste Grundlage von UnternehmungSgenoffenschaftm mit öffentlich rechtlichem Charakter Betreten, welche dazu berufen sind, ihre, wie ihrer Arbeiter Interessen zu vertreten, und welche vielleicht noch weitergehenden Zwecken dienen können. ES sind bis jetzt 57 solcher BerufSgenoffenschaftm gebildet; ihre Organisation ist vollendet, ihre Vorsteher sind gewählt, die Statuten festgestellt, die Beamten ernannt WaS es sagen will, tiefen gewaltigen Apparat in der verhältnismäßig kurzen Frist eines Jahre« so fertig zu ließen, daß die Maschine vom 1. Oktober ab im Stande ist, zu funktionieren, davon haben wohl nur diejenigen einen Begriff, deren unermüdlicher Thätigkeit daS Werk gelungen ist.
Mit dem JnSlebentreten der Unfallverstcherung tritt eine Organisation in Deutschland tnS Werk, welche bisher ohne Vorbild. DaS Deutsche Reich ist dm übrigen Staaten auf diesem Gebiete bahnbrechend vorangegaugen, und mit spannender Erwartung blickm diese auf diesen ersten Versuch, bereit, denselben sofort uachzuahmeu. Daß sich die Organisation bewähren wird, kann nach dem glücklichen Gelingen ihrer Durchführung kaum zweifelhaft sein. Aber eS ist auch zu wünschen, daß ste die Wirkung haben möge, welche damit in erster Linie beabsichtigt ist, nämlich, daß daS Vertrauen der arbeitenden Klaffen zu dem Staate wiederkehren, und so der soziale Frieve fich befestigen werde. Freilich wird eS hierzu auch noch anderer Maßregeln bedürfen. Aber das JnSlebentreten der Unfallversicherung wird den Weg dazu bahnen, wie sich mit Bestimmtheit erwarten läßt___________________________________
Deutsche» Reich.
Berlin, 28. Sept. Der Reichskanzler und die Frau Fürstin v. Bismarck haben sich gestern nachmittag nach FriedrichSruh begeben. Der Unterstaats - Sekretär Graf Herbert v. Bismarck, welcher daS fürstliche Paar nach Lauenburg begleitet hat, soll heute schon wieder zurückkehren. — Der „Reichs-und StaatS-Anz." schreibt: „Da« Kaiserliche Generalkonsulat in Budapest wird häufig in Anspruch genommen, um Ausstellung von Päffen sür Personen, welche, ohne sich im Besitz irgend eines Legitimationspapiers zu befinden, eine Reise nach den Balkan- ländern, Rumänien, Rußland oder der Türkei angetreteu haben. Mit Rücksicht hierauf erscheint eS notwendig, wiederholt daraus aufmerksam zu machen, daß in den genannten Ländern Paßpflicht besteht, und daß daher Reisende, welche nicht mit ordnungsmäßig visierten Heimatspässen versehen sind, sich der Gefahr aussetzen, an der Fortsetzung ihrer Reise gehindert oder sogar verhasiet und zur Strafe gezogen zu werden. Die Kaiserlichen Konsuln find häufig nicht In der Lage, derartigen unvorstchiigen Reisenden aus der Verlegenheit zu helfen, da ste ihrersells Päffe nur au solche Personen erteilen dürfen, welche sich über ihre Her-
„Sie vermiffen Jemand?"
„Gewiß, gewiß!" erwiderte Georg hastig, ,o, helfen Sie mir suchen, stehen Sie mir bell*
„ES harren noch viele Verwundete der Hllfe des Arztes", erklärte der Andere, „ich darf nicht länger zvgem, ihum Linderung zu verschaffen. Sehen Sie sich inzwischen nach Ihrem Frmnde um, vielleicht ist er unverletzt geblieben; wenn Sie meiner bedürfen, so rufen Sie mich."
Er legte einen leichten Verband um die Stirn be« Künstler«.
„Ihre Wunde ist ungefährlich und wird bei richtiger Behandlung und Abwartung bald gehellt sein", sagte er. „Wir müssen hier den HllfStraln erwarten, der uns zur nächsten Station fährt; denn beide Lokomotiven der verunglückten Züge find zertrümmert; ohne Zweifel sehe ich Sie bis d-hin noch einmal und hoffe dann Näheres über da« Schicksal Ihre- Freundes zu erfahren."
Elllg schritt er der Richtung zu, von welcher die Klage- laute tarnen; Georg folgte ihm.
Ein gräßlicher Anblick bot sich dem jungm Mann, al« er näher an die Unglücksstätte herantrat. Von dem düsteren Lichte der kleinen Laternen in den Händen der unverletzt gebliebenen Beamten des Zuges matt erhellt, zeigte sich ein grauenerregende« Trümmerchao«. Da« Holzwerk der Wagen war in Splitter verwandelt, zerbrochene Eifenstücke, Glasscherben, Fetzen von Polsterkiffen, verbogene Schien« türmten sich zu einem Berge aus, aus welchem die znsam- mengcquetschten Reffei und Schornsteine der Maschinen hervorstarrten. Zischmd ergoß sich da» siedende Waffer in die Glut der brennenden Kohlen, die da« feindliche Element i in eine mächtige Dampfwolke verwandelten, welche wie ein : wogender Schleier die SchreckenSsceue umgab.
(Fortsetzung folgt)