Ur. TSS.
JRaiftucg, Freitag, 25. September 1885.
XX. JahrgMg.
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Wöchentliche Beilagen: Amtüchcr Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.
Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Oberhesfischev Zeitung
nebst deren Beiblättern
Amtlicher Anzeiger
für die Kreise Marburg und Kirchhain und
Illustriertes Sountagsblatt
recht bald machen zu wollen, da vollständige Exemplare nur gelb fett werden können, wenn die Bestellung recht- zeiilg erfolgt.
Anfang Oktober erscheint im Feuilleton ein großer höchst spannender Rowan von
Theodor Küster: Heißer Siu«.
Neuzugehende Abonnenten hiesiger Stadt erhalten die »Oberhestische Zeitung- vom Tage der Bestellung bis zum 1. Oktober gratis ______________Die Exped. -er Oberh. Zeitung. Die türtische und die bulgarisch - rumelische Armee,
In Bulgarien und Ost-Rumelien sind reguläre und Miliz Truppen mobilisiert, die serbische Regierung Hot ihre Truppen gleichfalls mobil gemacht, die Türkei rüstet an der mmMchen Grenze, in Makedonien schreien die Agitatoren nach NolkSerhebung, in Athen hat der Mintsterprästdeut rund heraus erklärt, wenn Bulgarien Rumelien behalte, verlange auch Griechenland seine Portion vom Türkeureiche — alles das ist in ver Zeit von 4—5 Togen eingetreten. Gerade stehrS so aus, als ob die nächste Woche einen allgemeinen Krieg ans der Brlkanhalbiusel bringen werde; aber rüsten und loSschlagu ist doch noch immer zweierlei, und so läßt sich recht gut hoffen, daß auch diesmal der Spektakel ohne blutige Folgen vorüberziehen wird, wmn nur die Mächte fest bleiben. Indessen so weit sind die Dinge doch geriehen, daß man sich unwillkürlich fragen muß: Wie lange wirdS noch dauern, diS doch ein Krieg losvricht? T ie Türkei hat in Bulgarien - Rumelien einen sehr unbequemen Nachbar bekommen, einen Nachbar, dem der PaaslawlsmuS die Rolle zudtkttert hat, den letzten Kamps mit dem Großtürken anfznnehwen.
Kann Bulgarien-Rnmelien sich mit der Tütket messen? Aus die Dauer gewiß nicht I Wird Bulgarien aber von Serbien und eventuell von Griechenland unterstützt, so können die drei Staaten im Notfälle 250000 Mann marschieren lassen, und das ist eine andere Sache. Zunächst kommt aber nur Bulgarien ins Spiel, das den Hauptstoß der Türken auszuhalten haben würde. Ob unter den zahlreichen rnsstschen Offizieren in Bulgarien ein tüchtiger General ist, das muß dahin gestellt bleiben. Fürst Äkxrn- dcr von Bulgarien diente zwar in Potsdam bet der Garde,
aber auch das gibt ihm noch nicht das Privilegium eines Moltke. An Truppen kann er, wenn er den »Landsturm- aufbietet, möglichenfalls 100000 Mann um sich sammeln, eine Macht, die an Ausrüstung 'und Disziplin natürlich nicht mit einer gleich starken deutschen Macht verglichen werden tarnt. Mit der Bewaffnung steht es noch ziemlich mangelhaft aus, besonders fehlen sichere Geschütze, und mit d m Einexerzieren und der Waffensertigkeit steht «S nicht viel bester aus. Marches kann wohl durch russische Freiwillige ersetzt werden, eS bleibt indrsten noch mehr als genug Mangelhaftes übrig. Zugegeben muß nun allerdings werden, daß der Bulgare sich zu schlagen versteht und tapfer drauf geht. Es hat sich das im letzten russisch- türkischen Kriege in hervorragendem Maße gezeigt, und jetzt, wo die patriotische Begeisterung den Bulgaren zum Kopfe gestiegen, würden sie sicher den Türken mit noch größerer Entschlosteuheit gegenübertreten.
Die Türkei hat einen anerkannt großen und ungemein energischen Feldherrn, der allerdings zu gleicher Zeit der miserabelste KriegSwinister ist, den Europa gegenwärtig aufzuwcisen hat. Dieser Mann ist der Marschall OSman Pascha, der Verteidiger von Plewna, der dort den Rusten die schwersten und beschämendsten Niederlagen beibrachte und die Ehre der türkischen Armee rettete. Er unterlag richt, wie damals richtig bemerkt wurde, den Rusten, sondern dem Hungtr und der Not. Man hätte von diesem Manne, der nach dem Frieden von San Stefano Kriegs- Minister der Türkei wurde, erwarten sollen, daß er mit voller Energie, mit derselben, die er bei Plewna gezeigt, sich der Reorganisation der türkischen Armee widmen werden um dadurch einen festen Wall um die zerbröckelnde Herrlichkeit des Halbmondes zu ziehen: nichts von allevem. OSman Pascha hat große Summen, die für Militärzwecke bestimmt waren, verwirtschaftet, hat den deutschen Offizieren, die allen möglichen Fleiß zur Reorganisierung der türkischen Truppen aufgcwendet haben, die größten Hinderniste in den Weg geworfen, kurzum im großen und ganzen die Dinge gehen lasten, wie sie wollten. Möglicherweise glaubt auch er an daö Kismet, das Fatum des Islam, aber jedenfalls ist der Held von Plewna in brat jetzigen Minister nicht wieder zu erkennen.
Wie unter solchen Umständen eS in der Armee auS- sieht, läßt sich denken. Wohl haben die deutschen Offiziere manchen Erfolg erzielt, aber in der ganzen Verwaltung liegt kein Zug. Der türkische Soldat ist ungemein genügsam, aber ein Draufgänger, wie er im Buche steht. Aus dem letzten Kriege ist ja bekannt, daß sich die spärlich gewährte, mit zerissenem Schuhwerk und Uniform b-kieidele türkische Infanterie wie Verzweifelte geschlagen und oft genug die Rusten davon gejagt hat. Aber was können solche Soldaten unter solcher Verwaltung nützen? Kommt eS früher oder später an der rumelischm Grenze zum Kriege, so wird die Türkei ihre Not haben, nur erst eine
genügende Macht auf die Beine zu bringen. In Europa sollen noch ca. 75 000 Mann türkische Soldaten vorhanden febi; aber auch diese Summe steht nur auf dem Papier verzeichnet. An Geld fehltS, wie soll eS möglich fein, so schnell, wie eS notwendig, zu mobilisieren? Hat aber der Türke in einem Kriege nur eine Schlappe erlitten, dann brichts von allen Seiten über ihn her, der Kampf um Konstantinopel beginnt 1 Aus den letzten Ereignissen können die türkischen Staatsmänner klar erfthw, waS ihnen droht: Ohne Reformen ist der Anfang vom Ende dal ________
Deutsche- Reich.
Berlin, 23. Sept. Der Entwurf der Instruktionen zum Börtensten-rgesch ist vou den BnndeSratsauSschüsten mit unerheblichen, fast nur redaktionellen Aenderungen, angenommen. DaS Plenum wird kaum mehr daran ändern. — Der Finanzminister hat durch Reskript vom 12. v. M. die durch Art. 25 der Ausführungsanweisung vom 15. Sept. 1879 zur Verordnung über das VerwaltungSzwangsversahren vom 7. September 1879 angeorbnete Beschränkung der Ermächtigung zur Empfangnahme von Zahlungen bei AnS- fÜhmngrn von P'ändunqen seitens der Vollziehungsbeamten im Jutereste des Publikums dahin abgeändert, daß fortan tie sämtlichen bei den königl. Kreiskasten beschäftigten Vollziehungsbeamten bei der Ausführung von Pfändungen und Versteigerungen stets zur Annahme der vollen betzutreiben- den Beträge ermächtigt sind. — Der »Staatsanzeiger- hat kürzlich durch kaiserliche Verordnung erlastene Ergänzungen unv Aenderungen der Wehrordnnng vom 28. Sept. 1875 veröffentlicht, von denen die auf die Einjährig-Freiwilligen bezüglichen allgemeineres Jutereste haben. Ueber daö ein« zureichende UnbescholienheitLzeugnis, welches der Meldung behufs Nachfnchung der Berechtigung nach § 89, Ziffer 3, Litt. c. beizufügen ist, ward bestimmt: ein UnbescholtenheitS- zeugniS, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Realgymnasien, Ober-Realschulen, Progymnasien, Realschulen, Real-Progymuasien, höheren Bürgerschulen und den übrigen militärberechtigten Lehranstalten) durch den Direktor der Lehranstalt, für alle übrigen jungen Leute durch die Polizei-Obrigkeit oder ihre vortiesetzte Dienstbehörde auSzustellen ist. Die durch den Druck hervorgehobenen Arten von Lehranstalten find neu eingefügt. Ferner erhält das Schema der zum Nachweise der wissenschaftlichen Befähigung auSzustellenoen Schul- zengniste nachstehenden Zusatz: Ans Grund dieses ZengnisteS und der nachstehenden, gemäß § 89, 3 Teil I der Wehrordnung beizufügenden Beläge: a. eines GeburtSzeugnisteS, b. eines EinwilligungS-AttesteS des BaterS ober Vormundes mit der E klärnng über die Bereitwilligkeit und Fähigkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen aktiven DienÜ- zeit zu bekleiden, auszurüsten und zu verpflegen, — zu b: bei Freiwilligen der seemännischen Bevölkerung, sofern ste in der Flotte dienen wollen, nicht erforderlich; — c. eines
Die Schlotzhexe.
Eine Erzählung von Max Viola.
lFortsetzung.)
Ein schönes, stolzes Mädchen, Lranore Perenyi, hatte sich während ver Malzeit eifrig mit ihm beschäftigt, und mit ihr schwebte er im ersten Tanze dahin. Marie hatte dies mit angesehen, ihr Busen wogte, ihr Atem flog, und als ste ein junger Leutnant onfforoerte, da traf diesen ein so schmerzlicher, kummervoller Blick, daß er sich tief verbeugte und ergriffen zurücktrat. Dem beendeten Walzer folgte ein Mazurka, und mit glänzenden Augen trat Paul an sie heran, um ste zum Tanze aufzufordern. Sie stand rasch auf, doch kaum hatte er ihre Hand ergriffen, da brach sie in ein krampfhaftes Weinen aus; als sollte ihr Herz brechen, so angstvoll hob und senkte sich ihre Brust, so unaufhaltsam stürzten die Thränen aus ihren Augen. Die Tanzenden hielten erschreckt inne, in einem grellen Mißtou verklarg die Musik, und alles, voran der alte Szentirmay, stürzte herbei zu dem weinenden Mädchen und dem ergriffen bot ihr stehenden jungen Manne. Noch hatte Ma ienS Vater nicht Zeit zu fragen, was ihre Thränen zu bedeuten haben, als sie plötzlich mit auSgebreiteten Armen an Pauls Brust.sank, ihn fest umklammerte und nur noch heißer, noch herzzerbrechender schluchzte als vorher. Die Glut hatte den Damm durchbrochen und loderte in Hellen Flammen — das Rätsel hatte seine Lösung gesunden.
Der Schrecken deS Vaters und der versammelten Gäste war bald geschwunden und ein sröhlicheS Ereignis wurde gefeiert: noch in derselben Nacht wurde die Baronesse Marie v. Szentirmay die Braut des Ulanen-Rittmeistera Baron Paul von Zarvschetzki. Run folgten Tage der
Freude und des seligsten LiebeSlebenS. Marie schien in Wonne und Glück anfzugehen, die zarte Blume hatte den starken Stamm gefunden, an welchem sie sich emporzuranken vermochte. Das unaetrübte Glück der Liebenden währte so large, dis die Frist zn der zur Vermählung festgesetzten Zeit nur noch drei Tag- betrug. König Friedrich war in bie Lande Maria Theresias eingebrochen, die Soldaten mußten ins geb, den Feind zu bekriegen, und Marie erfuhr erst, daß der Geliebte fort müffe, als dieser in voller Marsch- auSrüstnng an der Spitze seiner Eskadron vor dem Schlöffe erschin, um sich von ihr zu verabschieden. Wohl wurde sie bleich, wohl schien sie sich in Tdränm anflösen zu wollen; aber sie ward ruhiger und gefaßter, als er den letzten Kuß ans ihre Stirn drückte. »Du kommst wieder?' — »Ick komme wieder l' Noch ein Händedruck, bann stürmte er die Treppe hinunter, schwang sich auf sein Roß und jagte, während sie mit einem w ißen Tuche winkte, an der Spitze seiner Eskadron in Sturmeselle davon. Bald war er ihren Auren entschwunden, er befand sich auf dem W-g- nach dem wllsen, blutigen Schlachtfeld im fernen, fernen Schlesien.
ES war ein lang anhaltender wilder Krieg, die kawpfeS- mutigen Kämpfer schienen nicht zur Ruhe kommen zu wollen; ein Jahr war dahingegangen, wieder war der Karneval ins Land gekommen, aber bis in da- Schloß ter Szentirmay war keine Nachricht über das Verbleiben des Rittmeisters Zarofchetzki gedrungen. Und wie das Jahr geschwunden war, so schwanden auch die andern, das nimmer ruhende Rad der Zeit rollte unanshaltsam vorwärts, ein Jahrzehnt war bereits vergangen und der alte Szentirmay legt? sich bin und starb.
Sie wartete.
»Er wird wiederkommen', das waren die Worte, welche in den Stunden des Tage- und der Nacht von ihren Lippen floffen.
Stiller wurde es im Schlöffe zu Szentirmay, immer stiller und stiller. Keine frohen Gäste zogen mehr ein, in öre Ruhe versenkt lagen die weiten Hallen und Säle; Einer und der Andere von der Dienerschaft hatte sich verheiratet und war aus dem Schlöffe fortgezogen, Einer und der Andere war gestorben — wieder war eia Jahrzehnt vergangen. Jahrzehnt um Jahrzehnt verfloß in ängstlicher, tödlicher Ruhe — er kam nicht. Blatt für Blatt fiel vom Baume, die Umgebung des Fräuleins von Szentirmay stieg ins Grab, eine neue Generation drängte sich heran, eine» Morgens erwachte ste und fand auch ihre letzte und einzige Dienerin tot Der Baum war nun völlig entlaubt, kahl und vertrocknet Istaud der Stamm da — ste wartete und wartete. Jahrzehnt floß hin um Jahrzehnt.
Etn neues Menschengeschlecht mar herangewachsen und sah verwundert dem Treiben des alten einsamen Mütterchens Im verlassenen Schlöffe zu. Niemand war mehr da, der sie jung gesehen. In ihrer wunderlichen Kleidung trippelte vas verwitterte Fräulein mit dem faltigen Antlitze in den leeren Zimmern umher unv lugte hinaus in die Ferne und w -rtete. »Aus längst verfloffenen Jahrhunderten ist st- Übrig geblieben, neue Jahrhunderte werden dahin- fließen und ste nicht mit sich nehmen, ste wird ewig leben, — die Schloßhexe-, sagten die Leute. Und wie so die Jahre kamen und gingen und ihre harten Zeichen in ihr Antlitz gruben, ste wich nicht und wankte nicht. E« war allmählich eine sanfte, selige Ruhe über sie gekommen und hoffnungsfreudig blickte ste in bie Ferne. (Fortsetzung folgt.)