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Marburg, Mittwoch, 23. September 1885.
XX. Jahrgang.
loltene Zeile 10 Bfg. [amen für die Zeile 25 Pf».
scheint täglich außer an Lrftagen nach Sonn- und Ljertagen. — Quartal-
(Dliciljclfifdif MW.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowied.Annoucen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankurt a. M-,[Cassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frantsurt a. SU, BerlinMünchen und RMn: G. 8. Daube und Co. in Frankfurt a. 3R„ Brrlin,Hannover u. Paris.
Köchciitliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Oberhesfische« Zeitung
M deren Beiblättern
Amtlicher Ameigcr für die Kreise Marburg und Kirchhain und
Illustriertes Souutagsblatt
recht bald machen zu wollen, da vollständige Exemplare gut geliefert werden timten, wenn die Bestellung rechtzeitig erfolgt.
Anfang Oktober erscheint im Feuilleton ein großer höchst spannender Roman von
Theodor Küster: Heißer Sinn.
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_____________Die Exped. der Oberh. Zeitung.
Der Aufstand in Ost - Stumelte«.
Die Herreu Diplomaten meinen für gewöhnlich, ohne chre Erlaubnis dürfe in der Politik nicht das Geringste geschehen, alles sei vom grünen Tische abhängig. O t ist das der Fall, manchmal aber auch nicht, und der Beweis für das letztere ist eben erst wieder gebracht: Auf der Balkanhalbinsel hat dir Miliz von Ost-Rumelten den türkischen Statthalter abgesetzt, gefangen genommen, eine eigene Negierung eingerichtet, den Anschluß an Bulgarien erklärt, «hue jemand gefragt zu haben. Und Fürst Alexander von Bulgarien hat seine Armee mobilisiert, die Kammern etn- berufeu und een größten Willen gezeigt, Rumelien Bulgarien einzuverleiben, auch, ohne jemand zu fragen. Vielleicht mußte er auch in den sauren Apfel beißen; andernfalls Men ihn seine Bulgaren sortgejagt. Jetzt ist er auf der Reise nach Philippopel, der Hauptstadt von Rumelien, um dort die Huwigungen entgegenzunehmen, während die Ru melier militärische Vorkehrungen gegen die Türkei treffen. Hat auch bereits eine Proklamation rrlaffen und einen muen Titel angenommen. Alles ist mit zauberhafter Schnelligkeit geschehen, ohne daß jemand das Geringste geahnt hätte. Die europäische Diplomatie steht vor der That sache der Vereinigung Rumelims mit Bulgarien; eS ist nur die Frage, ob die Thatjache eben Thaisache bleiben soll, ob diese Durchlöcherung der Beschlüffe des Berliner KongreffeS ertaubt und ohne schwierige Folgen möglich ist. Durch dm Berliner Kongreß, tte Kaisertage von Skteruiewice und Kleinster glaubte man die Ortentfrage »für immer" ge- irdnei; wieder Ausstand in Philippopel beweist, ist dem nicht fv.
Der Vater von Ostrumelien ist der Berliner Kongr tz dvu 1878. In seinen Beschlüssen heißt eS folgendermaßen:
Art. 13. Südlich vom Balkan wird eine Provinz gebildet, welche den Namen Ost-Rumelien führen wird, und bet administrativer Autonomie unter die Gewalt Sr. kaiserlichen Majestät des Sultans gestellt werden soll. Sie wird einen christlichen Generalgouverneur haben.
Art. 14. Ost Rumelien wird im Norden und Nordwesten durch Bulgarien begrenzt, im Süden durch die Provinzen des türkischen Reiches (folgt genaue Grenzlinie), im Osten durch das Schwarze Meer.
Art. 15. Se. Majestät der Sultan soll das Recht haben, für die Verteidigung der Grenzen der Provinz zu Waffer und zu Lande durch Errichtung von Befestigungen an diesen Grenzen und durch Truppenaufstellung daselbst Sorge zu tragen. Die Innere Ordnung in Ost-Rumelten wird durch eine eingeborene Gendarmerie aufrechterhalten, welche durch eine Lokalmiliz unterstützt wird.
Art. 16. Der Generalgouverneur soll da« Recht haben, die vttomantschen Truppen in den Fällen zu berufen, wo die innere oder äußere Sicherheit der Provinz bedroht sein sollte. In dem vorgesehenen Falle muß die Hohe Pforte von dieser Entscheidung, sowie von der Notwendigkeit, die sie begründet, den R.präsxntauten der Mächte in Konstantin! prl Kenntnis geben.
Art. 17. Der Generalgouverneur von Ost-Rumelien wird unter Zustimmung der Mächte von der Pforte für einen Zeitraum von 5 Jahren ernannt.
Das stad die Artikel der Berliner Kongreßbeschlüffe, welche die Stellung von Ost - Rumelien erklären. Es ist eine türkische Provinz unter christlichem Gouverneur, genießt also eine von Konstantinopel unabhängige Selbstverwaltung, unter Kontrolle der Großmächte. Ost Rumelien hat diese Ausnahmestellung im Hinblick auf seine über wiegende christliche Bevölkerung erhalten, aber man kann nicht sagen, daß die letztere damit einverstanden gewesen wäre. Im Gegenteil hat sich von vornherein der Wunsch nach einer Vereinigung mit Bulgarien geltend gemacht und Demonstrationen im Sinne dieses Verlangens find alle Augenblicke vorgekommen, namentlich von panslawistischen Agitatoren ang stiftet, die auch hier ihre Hände im Spiele hatten. Die gegenwärtige Rebellion hat den Herzenswunsch der Rumelier zur Thatsache gemacht; die Verschwörung hatte einen schnellen, unblutigen Erfolg und bevor eine Nachricht von dem Beginn des Ausstandes ins Ausland kam, war derselbe schon siegreich. Der Generalgouverueur Christic Pascha, von Nationalität ein Grieche, ist abgesetzt, gefangen, ohne baß ihm sonst etwas geschehen; die bulgarischen Truppen, mit deren Regierung die Rumelter jedenfalls im Etnver- ständnis gewesen, sind mobilisiert, und so steht für den Notfall eine Truppenmacht von cr. 40000 Mann gegen die Türken zur Verfügung, falls diese die rumeltsche Grenze überschreiten sollten, um in Philippoprl die Ordnung, d. h. daS Regiment des Generalgouverneurs wieder herzustellen.
Ein größeres Jnkereffe noch, als die Türkei die Ver
bindung zwischen Bulgarien und Rumelien zu lösen und den früheren Zustand wieder herzustellen, haben die Großmächte. Der Aufstand bedeutet einen Bruch de« Berliner KongreßbeschluffeS und geht diese eine Verletzung hin, so werden bald mehrere folgen, die Macedonier warten nur auf eine günstige Gelegenheit, sich an Griechenland anzu« schließen und die orientalische Frage würde im Handumdrehen wieder aufgerollt sein. Die Mächte haben alle Ursache, zu verhindern, daß neue Kriegswollen am Himmel erscheinen, ebenso die Türkei, jede Empörung in ihrem Reich zu verhindern. Lasten es Bnlgaren und Rumelier, entgegen auch den Mächten, auf einen Kampf ankommen, so kann zuletzt ein Sieg der Türken natürlich nicht zweifelhaft sein; es läßt sich aber hoffen, daß es der Intervention der jetzt glücklicherweise eng befreundeten Katsermächte von Rußland und Oesterreich gelingen wird, den Frieden zu wahren. Anch aus dem kleinen bosnisch - herzegowinischeu Aufstande entspann sich bekanntlich zuletzt ein großer Krieg vnd die Mächte haben daher alle Ursache, den ausflammenden Brand im Keime zu ersticken, gerade weil voraussichtlich die russischen Panslavlsten eifrig bemüht sein werden, entgegen ihrer Regierung daS Feuer zu schüren. Die Kalserentrevue von Kremster kann jetzt erweisen, daß sie wirkliche Bedeutnng hatte, daß Oesterreich und Rußland im Orient dasselbe wollen. Ist das der Fall, so wird im Verein mit den anderen Mächten bald eine Lösung der Frage herbeigeführt werden.
Deutscher Reich.
»erlitt, 21. Sept. Wie der .Nordd. Allgem. Ztg.« von auswärts mitgeteilt wird, sind im letzten Ministerrat am Dienstag die Wahlen zum Abgeordnetenhause auf den 29. Oktober, bez. auf den 5. November, anberaumt worden. — Der Reichskanzler Fürst BiSrnarck und Gemahlin, sowie die Gräflich Rantzausche Familie sind am Sonnabend ans Varzin hier eingetroffen. Der Aufenthalt des Reichskanzlers in Berlin wird nur wenige Tage dauern; der Fürst begiebt sich von hier nach Friedrichsruhe. — Der König von Bayern hat, wie die ,Allg. Ztg." meldet, dem Erbgroßherzog von Baden den Hubertus-Ordm verliehen und demselben die Insignien dieses Ordens durch den General-Adjutanten Grafen Pappenheim auf Schloß Hohenburg überreichen lasten. — Von dem Fürsten zur Lippe ist der Kabinetts - Minister Freiherr v. Rtchthofen zum Bevollmächtigten zum BundeSrat ernannt worden. — DaS .Braunschweiger Tageblatt" schreibt: Im Anschluß an unsere gestrige Notiz bemerken wir noch, daß unsere Regierung auch noch daS zum Privatvermögen unsere« verstorbenen Landesherrn gehörige sogenannte Bevernsche Kapital in Händen hat. Dieses Kapital, im Betrage von 100000 Thaler Gold, soll, wie am 30. Juni d. I«. im Landtage witgeteilt wurde, auch erst nach Regelung der Erbschaftssteuer (die etwa 500000 Mark ausmachen dürfte)
[Nachdruck verboten.j
Die Schlotzhexe.
Eine Erzählung von Max Viola.
Längst vermodert waren die Gebeine jener Edlen auS dem jpaufe derer von Szentirmay, welche abseits von allem Weltverkehre, mitten in der Putzla drin, ein Schloß hatten üufbanen lasten, als ob da ein König mit feinem gewaltigen Hofstaat residieren sollte. Auf einem öden flachen Plan, welcher nur in der östlichen Ferne von einem großen Föhren- öchölze begrenzt wurde, stand das große Schloß. Eine Terrasse aus grauem Marmor, so brett wie die ganze dchioßseite, führte in einen langen Säulengang, und wenn man diesen durchschritten hatte, gelangte man in das aus- gebreitete Erdgeschoß. Dort lag ein Saal, in welchem tausend Menschen zu tanzen vermochten, und um den Saal wutn befanden sich zweiunddreißig kleinere und größere ^vhagemächer. Alle diese Stuben waren möbliert, der Vaal war jedoch der Art bestellt, daß jeden. Augenblick eine Gisillschast ihren Einzug zu halten vermochte. Die Spiegel, welche den Plafond bedeckten, waren zwar blind, aber rein ^scheuert, die Wandmalerei war verblaßt und die Gestalten
Blumen bereit« unkenntlich, doch kein einziges Spinn- Knvebe haftete an ihr. Der venetiantsche Mojackboden war gebahnt, die mit längst verblaßtem Sammet überzogenen Stühle standen in schönster Ordnung oa die Wand gereiht 7$ in einer Ecke befand sich sogar ein großes Tabouret, uw die Musikanten aufzunehmen, welche zum Tanze auf- Wen sollten. Im ersten Stockwerke reihten fich vierund- fWa Zimmer aneinander, alle versehen mit einer Ein- wie sie zu Zeiten Ludwigs XIV. üblich wak
Bon der Stukkatur de« Plafonds fehlten jedoch mächtige Stücke, die Vergoldung an dm Stühlen und Tischen war rot geworden, die Sammet-Ueberzüge warm verschosten und die ehemals w iße Farbe der Thürm, Fenster und Möbel glich nunmehr altem Elfenbein. Es war ein gar altes, verwitteiteS Gebäude, und seine Einrichtung datierte noch auS der Zeit her, da die Mauern weiß und da« ziegelgereckte Dach rot erglänzten. Nicht Meuschenwerk, der Zahn der Zeit hatte das Schloß und seine Einrichtung hinfällig und verwittert gemacht.
In diesem großen Schloste hauste eine einsame Fran, die Schloßhexe. Eigentlich hieß sie Marie greiln von Szentirmay, aber gemeinhin kannte man sie nur als die Schloßhexe. Warum sie die Schloßhexe genannt wurde? Sie hatte niemals jemandem Böses zugefügt, bei keiner Kuh die M4ch versiegen, kein Kind krank werden lasten, sie hatte nie da« Pferd eine« Bauern ttumm, noch auch schlechtes Wetter gemacht, aber darum hieß sie dennoch die Schloßh-xe. Die Bauern meinten, fit fei mindestens bereits dreihundert Jahre alt, und da ein gewöhnlicher Mmfch nicht fo lange zu leben vermag, konnte sie nur durch Zauberkünste ein fo hohes Alter erreicht haben, und deshalb war sie eine Hexe. Es befand sich auch im ganz'n Umkreise kein Mensch, welcher ihr Alter anzugeben vermocht hätte. Die Kirche samt der Sakristei und dm Kirchenbüchern war vor fünfzig Jahren nledergebraant, ihr Alter war also nicht dokumentarisch festzustelleu, und da sich selbst die Lltestm Leute nicht erinnerten, sie einst jung gesehen zu habm, glaubten die Leute die Zahl ihrer Jahre füglich auf dreihundert oder auch noch darüber schätzen zu können.
Alt und verwittert, wie ihr Wohnhaus, war auch die Schloßherrin. Sie schien von Freund Hein bergefftn, au« vergangenen Jahrhunderten übrig geblieben zu sein uud ragte nun fremd und altertümlich in die neueste Zeit hinein. Sie war von zarter, schmächtiger Gestalt; trotzdem jedoch Jahizent um Jahrzehnt an ihr vorübergestrichen war, ging sie noch aufrecht und ungebeugt einher. Wenn sie au« irgend einem Winkel auftauchend, plötzlich in den verödeten Hallen de« SchloffeS erschien, umfaßte eS den Besucher mit Grauen; e« war, al« ob die Schloßgrust sich geöffnet hätte, und einem der Särge eine vor Jahrhunderten begrabene Freifrau entstiegen wäre, um gespenstig die weiten Säle des Schlöffe« der Szentirmay zu durchpilgern, ob keine ruchlose Hand die geheiligten Gemächer zu entweihen wagt Wie sie in den öden Zimmern ruhelos umherwanderte, in einem Kleide au« großblumigem Stoffe, dessen Enden in Bogen hinaufgezogen waren, daß da« spitzenbesetzte Unterkleid und die Schnallenschuhe mit den hohen roten Hacken sichtbar wurden, mit einem Leibchen, welches in eine lange scharfe Spitze auslief uns am Halse mit einer groß« vierfachen Krause besetzt war, mit der hohen, mit Straußenfedern gezierten Lockenfrisur und den Schönpflästerchen im Antlitze, da schien sie einen modrigen GrabeSgeruch um sich her zu verbreiten, e« war als ob alte, längst verklungene Sagen von galanten Königen und verliebten Hoffräuleln« wieder lebendig wurden und al« erschiene nun mitten in der modernen Zeit ein alles, alles Edelfräulein, um die Säle vor dem Erscheinen des Hofe» zu mustern.
(Fortsetzung folgt.)