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Marburg, Sonnabend, 19. September 1885.
XX. Jahrgang.
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Die deutsche Flotte.
Nahezu einstimmig hat bet deutsche Reichstag im vorigen Jrhre die beträchtliche Summe von ca. 20 Millionen Mk. zur Verstärkung der deutschen Kriegsmarine bewilligt; namentlich sollte aus diesen Geldern die Küstenverteidigung gesördert und die Zahl der Torpedoboote vermehrt werden, die sich gegenüber derjenigen anderer Seemächte als zu gering erwiesen. Der Reichstag bot damals ein schönes Beispiel patriotischer Einmütigkeit, denn ohne jede bedmiung- volle Debatte wurde die Summe bewilligt. In diesem Zähre haben wir bereits ersehen können, daß diese Millionen eine gute Placierung gefunden haben, denn das große Flottenmanöver bei Wilhelmshaven hat in der Haupt sache das sehr erfreuliche Faktum ergeben, daß dieser am meisten feindlichen Angriffen ausgesetzte deutsche Kriegshafen nach menschlichem Ermessen uneinnehmbar ist; wenigstens sind die wiederholten heftigen Angriffe des UebungSgeschwad erS mit Erfolg zurückgeschlagen worven. Die Torpedoboote haben auch hier sich wirksam gezeigt und sie dürften In erster Reihe berufen sein, eine wirkungsvolle Küstenver- teibigung zu bild«, zu deren Unterstützung dann Panzerschiffe in angemeffeuer Zahl herangezogen würden. Offizielle Berichte über diese neuesten Versuche fehlen bisher noch, und eiwaS Abschließendes wird sich erst sagen laffen, sobald dem Reichstag der übliche Flvttenbertcht unterbreitet worden ist; aber jo viel steht doch fest: die Bewachung und Verteidigung unserer Küsten ist tu guten Händen und bet Kriegsgefahr hat das Hinterland nicht nötig, sich mit Sorgen zu tragen.
Deutschland kann auf seine junge Kriegsmarine mit Recht stolz sein; in außerordentlich kurzer Zeit ist ste ent
standen und hat ste einen Höhepunkt erreicht, der sie mit bezug auf Qualität von Menschen und Schiffen jeder anderen Flotte der Welt gleichstellt. Wohl hat Frankreich und erst recht England eine bedeutend größere Zahl von Kriegsschiffen zur Verfügung, aber weder die Seeleute, noch die Panzer der beiden Mächte übertreffen unsere Blaujacken und ihre schwimmenden Festungen. Abgesehen von der französischen und englischen Marine kann aber die deutsche jeder anderen ruhig, sogar mit Aussicht auf vollen Sieg entgegentreten, und es ist auch sehr wohl möglich, daß eine französische Flotte von einer deutschen Flotte ebenso geschlagen werden kann, wie die Rothosen zu Lande von unS Hiebe bekommen haben. Wir haben eben bei England und Frankreich nur das numerische Uebergewicht der Kriegsschiffe dieser beiden Staaten im Auge. Die deutsche Flotte in ihrem gegenwärtigen Zustande hat aber doch schon eine ganz bedeutende Umwälzung hervorgerufen: wesentlich ihre Bildung macht die Vorherrschaft eines einzigen Staates zur See unmöglich, und daß das Wahrheit, müffeu besonders die Briten mit großem Schmerze anerkennen. Mit der Hegemonie Englands zur See ist es vorbei; mag die britische Flotte noch so sehr verstärkt werden, die der übrigen europäischen Staaten wird ihr doch stets überlegen sein. Und gerade diese Thatsache ist die beste Garantie dafür, daß ein großer Seekrieg schwerlich sobald oder überhaupt eintreten wird.
Die deutsche Kriegsflotte auf der Höhe der Zeit zu halten, namentlich jetzt, wo immer größere Aufgaben au sie herautret«, legt dem Reiche schwere Opfer auf. Der Reichstag hat sie, wie aus der eingangs erwähnten Gelderbewilligung ersichtlich, bisher gern gebracht, und diese Beschlüße Haben auch nirgendswo Tadel gefunden, sow it es für eine Pflicht des Reichstages erachtet worden ist, Deutschland zu Wasser und Land wehrk-Lsiig und verteibigungS- fähig zu halten. Daß bie beutsche Kriegsmarine der gebrachten schweren Opfer würdig ist, unS hohe Ehre macht, das haben wiederholte allbekannte Ereignisse bewiesen. Die große Zahl der Bewohner des deutschen Binnenlandes steht in weniger innigem Kontakt zu unserer Flotte, als die Bewohner der Küste, aber auch ste hören das Lob, welches Deutschlands Vertretern auf dem Weltmeere gespendet wird. Ganz besonders sind es unsere Landsleute in fremden Erdteilen, welche von unseren Kriegsschiffen nicht Gutes genug zu sagen wiff n, die das Erscheinen der kolossalen Panzer wie ein Fest feiern. Sie haben am besten Gelegenheit, Vergleiche anzustellen, und sie bekunden einstimmig, daß die Kampffähigkeit unserer Schiffe mindestens ebenso groß ist, als bie anderen Nationen angehörigen. Worin unsere Marine aber allen anderen Staaten voraus ist, weit voraus ist, das ist der Geist, der unter den Seeleuten herrscht, der echte deutsche Mut, die Unerschrockenheit und Würde. Daß unsere Blaujacken sich stets so im AuSlande zeigen, wie es Söhnen der ersten Macht Europas ziemt, das sagen alle
Berichte von Deutschen und Nichtdeutscheu. Sie treten überall als wahre, echte Deutsche auf, während Seeleute anderer Nationen nur an zu vielen Stell« ein« recht schlimmen Ruf haben.
Deutsche» Reich.
Berlin, 17. Sept. Fürst Bismarck wird, wie ver- lantet, heute abend von Varzin hierherkommen. — In der heutigen Schlußsitzung der internationalen Telegraphenkonferenz sand nach bet Verlesung des Protokolls über die vorletzte Sitzung der Austausch der Erklärungen der Delegierten der Türkei, Rumäniens, Serbiens und Bulgariens, betreffend die Llrnttrophen Verhältnisse statt; daun wurde der fünfte Bericht der Tariskommisston, welcher die schließlichen Erklärungen bezüglich der Kabelgebühren für Australien enthält, verlesen und diskutiert. Hierauf wurde von der überwiegenden Majorität Paris als Sitz der nächsten Konferenz gewählt, wo dieselbe 1890 (fünfundzwanzig Jahre nach dem daselbst erfolgten Abschluffe des internationalen Telegraphen-Vertrages) zusammentritt. Der französische Delegierte erklärte die Zustimmung Frankreichs zu diesem Beschlüsse. Demnächst erfolgte die Unterzeichnung ver 34 Exemplare des UeberelnkommenS. Hierauf hielt Staatssekretär v. Stephan die Schlußrede, in welcher er einen Rückblick auf die Arbeiten der Konferenz warf. Der Redner hob die große Reform des Tarissystems hervor, durch welche ein wichtiger Fortschritt für die Vereinfachung und Unifikation der bisherigen zahlreichen Taxen erzielt werde und gleichmäßige Grundlagen für die Tarife in Gesamt-Europa herbeigeführt werden, welche die Ermäßigung der Toxen zulaffen. Auch für daS außereuropäische System hätten die Konzesstoneu mehrerer größerer Gesellschaften Reduktionen ermöglicht. Aus den Beratungen dürfe man schließen, daß man auch da, wo Reduktionen noch nicht möglich oder unzureichend waren, in zwei ober tret Jahren sich der allgemeineren Bewegung anschließen werde. Die nächste Konferenz, deren Sitz Paris ist, werde unter der geschickten Leitung der französischen Administration gewiß das Werk vollenden. Mehrere Konzessionen seien unter Bedingungen gemacht worden, doch sei bei dem allgemein h-rvortreteuden besten Willen und da der Termin des Inkrafttretens bet Beschlüsse (1. Juli 1886) dazu Zelt gewähre, zu hoffen, daß auch nach dieser Richtung hin das Werk gänzlich vollendet werde. Der Redner gedenkt sodann mit großer Anerkennung des lebhaften Eifers und der großen Beharrlichkeit, womit die Konferenz sich den argestrengten Arbeiten gewidmet habe, und dankt namentlich den Vorsitzenden der beiden Kommissionen Brunner von WatlenSwyl und Hake, sowie deren Referenten Fribourg und Delarge, ferner dem internationalen Büreau und deffen Direktor Curchod unb dem Sekretariat. Wenn die Konferenz auf die Resultate ihrer Arbeiten und deren Konsequenzen zurücktticke, jo dürfe sie darüber befriedigt
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zu ö t. 1885.
Bo« den Wirkungen des Lächelns. Humoreske von Fritz Brentano.
(Fortsetzung.)
»Sie — tragen — eine Pertücke!' stieß er mühsam heraus. „Sie — hab« — keine Haare mehr? — Diese Worte trafen mich härter, als jeder Wutausbruch, denn sie gaben mir den Beweis, daß Helstenberger nichts gewußt hatte, daß ich mich selbst vertaten! In demselben Augenblick ließen sich harmonische Laute von der Straße her hören, Hetsteuberger schrie unb gestikulierte zum Fenster hinaus: «Still! still! Er ist ein Unwürdiger, ein Betrüger!"
Erstaunt blickte ich übet seine Schultet ebenfalls zum Fenster hinan- und vergaß in der Aufregung sowohl Hut wie Petr Ocke aufzusetzen; ein vielstimmiges Gelächter empfing mich.
»Das war meine Ueberraschung!' keuchte Heistenberger. »Die Schützengilde sollte Ihnen eine Morgenmusik bringen, «bet Sie find eia Nichtswürdiger! — Perrückenaffe l —*
— Was soll Ich noch hinzufügen? Eine Viertelstunde später verließ ich per Extrapost Erbelhauj«. — Eine tüchtige Grobheit in- Gesicht sagen, selbst eine kleine Thätlich- wt laß ich gelten, mau weiß woran man ist, aber ein Lächeln, deffen Grund man nicht kennt, führt zur Vet- äweiflung, ja, macht einem zum Selbstankläger. Mich hat r- um eine Ehehälfte gebracht — oder, da man jedem Ding die beste Seite abgewinnen muß, mit Hai es den goldenen Junggesellenstand erhalten.'
Die Gesellschaft lachte über HeunigerS Mißgeschick, und Herr v. Hallen bemerkte:
_ »Herr Henuiger, Sie hab« mich au einen ähnllchm ttofau «US meiner Jugend erinnert; nur endigte er für
mich befriedigender. Wir haben noch eine Viertelstunde bis zum Mittagseffen, wenn es dm Herr« genehm, erzähle ich ihn!' -
.Gewiß! gewiß!" tönte eS von allen Selten und v. fallen begann:
.Ich hatte meinen Vater frühzeitig verloren und ward von meiner Mutter, die sich auf ein kleines Gut zurückgezogen hatte, aufS Sorgfältigste erzogen. Sie wurde hierbei von dem alten, ehrwürdigen Geistlichen des nächsten an unfern Hof grenzenden Dorfes unterstützt. Als ich das 21. Jahr erreicht hatte, spiegelte sich in meinem Charakter der meiner Mutter fast ausschließlich wieder. Unter ihrem Einfluß hatte ich eine sehr hohe, heilige Achtung vor dem weiblichen Geschlecht empfang« und bewahrt; die Begriffe von Ehre und Tugend war« rndner Idee nach unzertrennlich mit dem Dasein eine« Edelmannes. Um diese Zeit sollte ich versuchen, hinaus in die Welt zu gehen unb zwar dm Anfang mit einem Ausflug auf das Gut des Oberst v. Borstell mach«. Der Oberst v. Borstell, ein alter pensionierter Haudegen, dabei Lebemann, war bet intimste Freunb meines Vaters gewesen, hatte meine Mutter ver- jchiebme Male während meinet Jugend besucht und sich meinen Besuch auSgebeteu. Er war Vater einer Tochter, welche ich bis dahin noch nicht gesehen hatte. Ich reiste nach Almdorf, fo hieß des Obersten Gut, mit sonderbar beklemmenden Gefühlen ab. Ich war zum erst« Male von der Mutter, der Heimat entfernt, und obgleich ich den Oberst kannte, so hatte ich doch eine bange Scheu vor ihm und gar erst vor seiner Tochter, welche stch meine Phantasie als ein höheres Wesen auSmalte. Ich kam auf dem Gute an unb wurde von Vater Md Jochtet auf das Herzlichste
empfangen. Die Tochter, ich kmn es ohne zu schmeicheln h-ute noch sagen, wat ein sehr hübsches Mädchen, nur entsprach ste nicht ganz meiner Phantasie.
Ich hatte nämlich in meiner jugendlichen Zurückgezogenheit nur SchulmeistetSlöchter unb Bauernmädchen gesehen unb stellte mit die Tochter eines hochadeligeu Offiziers auf ganz eigentümliche Weife vor, unnahbar, von einem Nimbus umgeben. Ich fand jedoch in Lina v. Borstell ein Mädchen, das fo laut und munter lachte und umherfpranz, wie Schulmeisters Katharina zu Haus, da» sogar feinem Batet de» Morgens zum Frühstück Liqueut zutrank. Ich glaube, Lina und ich wären bald vertrant gewordm, wenn nicht eines Mittags beim Tisch bet Oberst das Gespräch auf- Heiraten gebracht hätte — ein Gegenstand, bei deffen Erwähnung, nebenbei gesagt, ich damals errötete — und ein Lächeln auf den Lippen zu mir gesagt hätte: „Wir Väter müssen bei Zelten daran benten, tüchtige Männer für unsere Fräulein Töchter zu beschaffen, und daß ich die- halb unb halb auch gethan, weiß Du wohl?' — Lina suchte eine Brodkmme unter dem Teller und ich, der Ich nicht- von dm Absichten de- Oberst« iubezug auf seine Tochter wußte, glaubte, e- sei unschicklich, darnach zu fragen, und machte eine stumme Verbeugung. Von diesem Augmbllck au wat für mich Lina erst recht ein unnahbarer und unantastbarer Gegenstand: die Braut eine- Andern! Nur an sie zu denken, schien mir ein Verbrechen I Ich hielt mich fortan in achtbarer Entfernung von ihr uud ihre Versuche, stch bekannter mit mit zu machen, hielt ich für Ehrensache zurückzuweisen. Von Zeit zu Zelt jedoch stieg der Gedanke in mir auf, e» fei recht schade, daß Lina schon vergeben; ein« rechten Grund zu dieser Idee konnte ich jedoch noch nicht finden.
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