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Marburg, Freitag, 18. September 1885.
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König Alsouso vou Spanien
und feine Persönlichkeit ist eö besonders, welche in dem gegenwärtigen Streit zwischen dem Deutschen Reiche und Spanien unsere Teilnahme erweckt. Unserem großen Schlachtendenker, dem greisen Feldmarschall Moltke, wird daS Wort zugeschrieben: .Der König von Spanien thut mir leid!" Der Marschall hat recht, König Alfonso, der mitten in dem Madrider Wirrwarr steht, kann uns in der That leid thun. Er ist in der Hauptsache ganz cuf fich allein angewiesen und hat niemand zur Seite, der die Interessen des Thrones und der Monarchie in uneigennütziger Weise wahrt. Der konservative Minister prästdent CannovaS del Castillo hat mit der Karolinenfragr in Spanien einen Brand entfacht, der um Haaresbreite das Königtum ge. stürzt hätte. Der Herr Minister dachte viel an feinen Monarchen, er dachte nur an feine Stellung und an die Möglichkeit, durch die Karollnenangelegenheit feine eigenen Fehler in der inneren Polttlk zu vertuschen. Wie kurzsichtig dieser früher so gerühmte spanische Staatsmann geworden, beweist auch, daß er sich vor einiger Zeit ganz entschieden der hochherzigen Absicht König Alfonsos widersetzte, dir von der Cholera heimgesuchten Städte zu besuchen. Der König reiste damals doch allein, und auch gegenwärtig hat er allein und selbständig gehandelt. Seine Energie und Entschlossenheit hat dem Ministerium erst Mut gemacht, entschieden gegen die Exzedenten und Revolutionäre vorzu gehen. Trat Alfonso nicht auf, wie geschehen, so wäre heute wahrscheinlich der Krieg zwischen Deutschland und Spanien bereits erklärt, und die Monarchie gestürzt. Der Nebenbuhler des Herrn CannovaS ist der liberale Führer Sagasta, der ansänglich so ungemein kriegseifrig sich zeigte, sich jetzt
Bon den Wirkungen des Lächelns.
Humoreske von Fritz Brentano.
(Fortsetzung.)
Heistenberger umarmte mich aufs Neue, es schien, als ob er — während feine Tochter den Turnern mit ihren Lippen den Dank zahlte — bei dm Schützen dieses Geschält selbst übernommen hätte. Er zog wich in ein Zelt, wo ich Amalie und den Apotheker-Jüngling fand, sagte, ich sei einer der ersten Schützen Deutschlands, und wirklich schenkte Amalie, deren ganze Aufmerksamkeit sich bisher auf dm Turner konzentriert hatte, nun auch mir ein freundliches Lächeln und bewundernde Worte. Doch ich hatte mir vor- gmommm, den heutigm Tag ganz dazu zu verwendm, dm Botet für mich zu gewinnm, und erst am nächsten Tage dm Feldzug gegen die Tochter zu eröffn«. Wir wett mir das Erstere gelang geht daraus hervor, daß Papa Heistenberger am Abend mir vertraulich mitteilte, der Pillendreher solle sich nicht einbtldm, daß er seine Amalie heim'ühre, wenn er auch noch so muskulöse Arme und germanische Haare besäße, seine Tochter bekäme einen Schützm, der das Schwarze treff« könne, wie ich. Ich war zufriedm mit dem Erfolg, dm ich erzielt hatte, und gab mich der SiegeS- srwde so sehr hin, daß cS mir bis heute noch nicht klar ist, wie ich an jmrm Abend nach HeistmbergerS HauS gekommen bin. — Als ich am audem Morgm aufwachte, war schon alles im Hause dl Bewegung; ich sprang aus dem Bette, kleidete mich an und begann mich zu waschen; da hörte ich hinter mir die Thür geh«, ich fuhr herum Md gewahrte Heistenberger auf der Schwelle, Aeichzettig
«uh meine Perrücke ans de« Nachttisch vor dem Bette.
aber bereits besvvnm hat. Er ist nicht bester und nicht schlechter als CannovaS, alle beide würden sich wahrscheinlich um die Beseitigung der Monarchie nicht die geringsten Schmerzen machen, wenn ihnen nur die Präsidentschaft in der Republik Spanien gewiß wäre. Der dritte Faktor, auf den sich Alfonso XII. stützen können müßte, ist das Heer, besten Oberbefehlshaber er ist. Diese Würde ist mehr ein Name, als ein lhatsächlicheS Amt und der Einfluß des Königs in der Armee ist nicht so bedeutend. Dir spanischen Offiziere find erst ehrgeizig, dann patriotisch, der gemeine Soldat ist wetterwendisch und folgt dem, welcher ihm am meisten verspricht, und mit der Disziplin ist es eine sehr zweifelhafte Sache. Leute, wie der Heißsporn von General Salamanca, der am liebsten sofort dem Deutschen Reiche den Krieg erklärt hätte, das find die Männer der spanischen Armee, Männer ohne Ueberlegung und nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Das ist die Gesellschaft, die den jungen spanischen König umgibt, und wahrlich, wir können mit Graf Moltke sagen: .Mir thut nur der König von Spanien leid!'
Keiner der regierenden europäischen Fürsten hat irn Hinblick auf die Jahre ein so wechselvolle» Leben hinter sich, wie der 28jährige Alfonso XII., der in seiner Jugend als ein ganz unbedeutendes, leidendes und willenloses Kind geschildert wurde. Die Vertreibung seiner Mutter Isabella jagte auch ihn irn Jahre 1868 über die Grenze. In Wien und England wurde er erzogen, und man rühmt, daß diese Erziehung sich wesentlich von der am Madrider Hose unterschieden habe. In diesen Jahren ist Selbständigkeit und Kraft in den Sohn Isabellas hinelngekommen. Ende 1874 wurde er, nachdem die Spanier der Republik ebenso müde geworden waren, wie des Königtums des Prinzen Amadeus von Italien, des zweiten Sohnes Viktor Emanuels und Bruders des heutigen Königs Humbert von Italien, zum König ansgerufkn und hielt Januar 1875 unter enthusiastischen Freudenkundgebungen seinen Einzug in Madrid.' Ein doppelter Kampf begann nun: Die Republikaner versuchten wieder und wieder Putsche, und von Norden her drang Don KarlvS siegreich vor. Nach vielen Mühen gelang eS endlich, die innere Ruhe notdüritig wieder herzustellen. Nun beganvm aber die Parteikämpfe, die dem jungen König schwere Sorgen bereiteten, seine erste Ge- mahlin starb, er vermählte sich zum zweitenmale, beimliche AttentatSvkrsuche wurden entdeckt, kurzum der Königstuhl von Spanien zeiote mehr Dornen als Rosen. Als Alfonso im Sommer 1883 seine Reise nach Deutschland plante, brach ein neuer Aufstand los, den niederzuschlagen große Energie notwendig war. Hier schon zeigte sich der König entschloflener als seine Minister. Nach der sehr ehrenvollen Aufnahme in Deutschland folgte die unerhörte Beschimpfung in Paris, welche den König zur fchltunigen Weiterreise nach Madrid veranlaßte, wo man ihn mit donnerndem Jubel empfing. Spätherbst 1883 folgte bet Besuch deS deutschen
ES war, als führe ein Blitzstrahl auf mich nieder; die Perrücke aufzusetzen war zu spät, ich stülpte den Hut auf mein kahles Haupt und faßte vor dem Tische Posto.
»Ei, ei, Herr Vetter', sagte der Schützenkönig und ein dünnes Lächeln zog sich um seine breiten Lippen; .Sie schein« noch etwas derangiert zu sein!'
.Ich glaubte, e8 ftl nicht so spät', stotterte ich. .Wir hatten gestern Abend doch wohl etwas zu viel Wein ge- ttunken.'
,O, das will ich nicht sag«', gab Heistenberger zur Antwort mit demselben Lächeln. Ich fühlte mich entsetzlich unbehaglich. Hatte er die Blöße meines Hauptes entdeckt oder nicht? Seiner Ruhe nach hätte ich das Letztere hoffen dürfen, aber diese» sterotype Lächeln mußte etwa» verbergen. War e« da» Wetterleuchten vor dem Ausbruch des Gewitters? Ich nahm meine ganze Ruhe zusammen und sagte: »Jst'S Wetter heute schön?'
.Recht angmehm! Nicht zu heiß, gar nicht zu heiß', war die Antwort und daS Lächeln blieb auf dem Gesicht, gleichzeitig machte Heistenberger einige Schritte geg« daS Fenster, in dessen Nähe der Nachttisch und vor diesem ich selbst stand. In mir stieg die Idee auf, die Perrücke meiner Liebe zu opfern nnd sie mit starker Hand durch da» Fenster auf die Straße zu schleudern und ihr Dasein für immer zu verleugnen; aber des Schützmkönigs Zorn hatte sich ja nicht nur gegen daS Bedeckung-mittel, sondern auch gegen die vorzeitige Blöße selbst, die et eine Schmach nannte, gerichtet. Mein Opfer würde nicht» genützt haben. Heistm- berger stand jetzt dicht vor mir und drohte, an mir vorbei zum Fenster tretmd, mich nnd dm Nachttisch in die Flanke zu fass«; ich machte eine hübe Wmdung um den Tisch
Kronprinzen. DaS Jahr 1884 brachte die wütendsten Parteikärnpfe und neue revolutionäre Putsche, 1885 die Cholera und jetzt die Karolinenfrage, die auch einen Sturm auf da» Schloß in Madrid hrrbeiführte, der mit Waffengewalt zurückgeschlagen wurde. Zwei Tage darauf gab der König ein neue» Zeichen seine» Mutes: er fuhr ganz allein in Madrid durch die Straßen. Da» find in kurzem die Lebensschicksale Alfonso», und er ist doch erst 28 Jahre alt. Ein Gute» hat alle» dies gehabt: Es hat den jungen König gereift und gestählt; er will Spanien den innerm Frieden wiedergeben; mag e» ihm gelingen!
Lnttsche, Reich.
Berlin, 16. Sept. Nach der .Kreuz-Ztg.' verlieh der Kaiser dem General Obernitz den Schwarz« Adler- Orden, Prinz Wilhelm ist zum Obersten und Kommandeur de» Garve-Husaren- Regiments, General Heuduck zum kommandierenden General de» fünfzehnten Armeekorps ernannt, General Gottberg erhielt die Kavallerie-Division des fünfzehnten Armeekorps und Oberst Schlieffen die achtzehnte Kavalleriebrigade. Letzterer wurde gleichzeitige zum General ä la suite des Kaisers ernannt. Der Kommandeur der Gardehusaren, Below, erhielt das Garde-du-KorpS-Regiment. — Einer der »Post' zugegangenen Berichttgung zufolge ist die Meldung über die Nicht-Entlastung ■ der Marine- Reserven unrichtig. Nur zutreffend ist dieselbe für Mannschaften außerhalb der auf Station befindlichen Schiffe, wo die Entlastung selbstredend nicht stattfiuden tonn. — Der deutsche Ministerrefldent in Marokko, Herr Testa, hat sich nach Varzin begeben. — Neber die am Montag hier übergebene Note der spanischen Regierung lesen wir in den „B. P. N.' folgendes: .Die gestern Hierselbst ein- getroffene Note der spanischen Regierung verfolgt, dem Vernehmen nach, inbezng auf die zwischen Berlin und Madrid schwebenden Fragen genau denjenigen modus proce- dendi, den wir kürzlich als im Einklänge mit den üblichen diplomatischen G-pflogenhetien befindlich anzudeuten in der Lage waren. Dementsprechend zerfällt die dem Herrn Grafen v. Benomar zugegangene Kundgebung de» Madrider Kabinetts in zwei getrennte Teile: einen, welcher die Entschuldigung Spaniens wegen der der deutschen Gesandtschaft in Madrid zugefügtcn Unbill und die dafür zu gewährende Genugthnung behandelt, und den zweiten, welcher sich über die spanischen Rechtsansprüche auf die Inselgruppe der Karolinenivseln sehr eingehend verbreitet. Wie wir hören, wäre seitens des spanischen Gesandten einstweilen nur der erste Teil der Note im Auswärtigen Amte zur Verlesung gebracht worden, indeß vom zweiten Tell vorerst eine authentische Uebersetzung angefertigt wird. In Verhandlungen über diesen zweiten, die materielle Seite der deutsch« spanischen Besitzkontroverse behandelnden Teil dürste, um mehrfach Gesagtes zu wiederholen, erst nach Erledigung der formellen Frage etngetreten werden." — Die .Allgem.
herum und entzog durch meinen Körper noch einmal den fatalen Gegenstand sein« Blick«.
„Ist heute noch ein Nachfest in Erbelhausen? fragte ich.
.Nein, eigentlich nicht»!' lächelte Heistenberger.
.Ist also gar nicht» lo» hmte?' fragte ich von Neuem verzweifelnd.
»Heute, Betterchm, heute kommen die Ueberraschungm!' grinste der Schützmkönig.
.Satan!' ries'» in meinem Inne«. »Für so raffiniert rnalitiö» hätte ich Dich AÜ-German« nicht geholten!"
»Sitte, lassen Sie sich nut nicht Im Ankleiden stör«!' setzte er hinzu und dasselbe Lächeln flog über fein fette» Gesicht. ES war klar, er hatte die Perrücke oder mein kahle» Haupt bemerkt. Diese« Lächeln bewies es genug. Sollte ich nun gleich einem, auf einem Vergeh« ertappten Schulknaben, vor ihm stehen und ihm die Freude taffen, sich an meiner Verlegenheit zu weiden mit seinem ewig gleichen Lächeln? Nein, ich «ar entschloffen, das Aeußetste zu wagen und ihm mit einer eleganten Nonchalance entgegenzutreten.
»Gewiß, weshalb sollte ich mich genieren', begann ich. „Sind wir doch Männer! Mit dem, was Sie durch ein« Zufall «tdeckt haben, würde ich Ihnen sonst selbst eine Ueberraschung gemacht haben." Bei dies« Worten nahm ich mit möglichst kaltem Blute meinen Hut ab und griff nach meinet Perrücke. Heistenberger hatte mittlerweile da» Fmstcr geöffnet, bei mein« Worten drehte er sich um. Al« er mich kahlhäupiig mit der Perrücke in der Hand sah, wurde sein Anttitz bleich, seine Aug« traten au» ihren Höhl« und sein Mund blieb einige SÄundeu offen stehen.
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