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Marburg, Dmnerrtag, 17. September 1885.

XX. JahlMg.

«rscheintltLglich außer an Werktagen nach Sonn» und

firpebition LV» Mk., bei Sn Postämter 2 Mk. 50 «fd (erd. Bestellgeld). ^serlionSgebühr für die «spaltene Zeile 10 ff«. Mamen für dir Zeile * SS ff«.

OberheMk ZeitilW.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankurt a. M., Kastel, Magdeburg und Wie»; Rudolf Moste in Frankfurt a-M, Berlin,Münch««» Köln; «. L Daube tu» Co in Frankfurt a.

Berlin,Hannover u Pari«.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sanntagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

gflb* Wir ersuLeu die Bestellungen bet der Post auf baS vierte Quartal der

Obercheffischen Zeitung

nebst deren Beiblättern

Amtlicher Anzeiger

für die kreise Marburg uud Kirchhain

und

Illustriertes Gonutagsblatt

recht bald machen zu wollen, da vollständige Exemplare nut geliefert werden können, wenn die Bestellung recht­zeitig -rfolgt.

Anfang Oktober erscheint im Feuilleton ein großer höchst spannender Roman von

Theodor Küster: Heißer Sinn.

Neuzugehende Abonnenten hleflger Stadt erhalten die „Oberhesstsche Zeitung" vom Tage der Bestellung bis zum 1. Oktober gratis.

______________Die Ex-ed. der Oberh. Zeitung.

Deutsche» Reich.

Berlin, 15. Sept. In der heutigen Sitzung des Bundesrats wurde den Anträgen des Ausschusses, betr. die Ausführung des G.setzes über die Erhebung von ReichSstempelabgaben zugestimmt. Die Eingaben, betr. die Novelle zu demselben Gesetz wurde als durch den Beschluß des BunbeSrates vom 21. Mai 1884 erledigt erachtet» — Zn neuerer Zett haben sich die Minister deS Innern und des Unterrichts dahin ausgesprochen, daß die Kriegerveretne durch die polizeiliche Genehmigung um die Ermächtigung zu den in der Allerhöchsten Ordre vom 22. Febr. 1842 bezeichneten Kundgebungen erhalten, daß aber, soweit eS stiy um die kirchliche Beerdigung von verstorbenen Kame­raden handelt, die betreffenden Geistlichen und Kirchenvor- stände die Art uud taS Maß der Mitwirkung der Krieger- Vereine bei denselben zu bestimmen haben, auch befugt sind, diese Mitwirkung von der Leistung gewisser Garantteen ab­hängig zu machen und unter Umständen ganz zu unter­sagen. Auch ist den Militärvereinen aufgegeben worden, ihre Fahnen daraufhin prüfen zu lassen, ob dieselben den über vte Fahnen der Milttärvereine ergangenen Vorschriften entsprechen, und den Nachweis zu führen, daß zu der Führung der Beretnöfahnen die ministerielle Genehmigung ewgeholt uud erteilt sei. So lange diese Genehmigung nicht erteilt worden ist, dürfen diese Fahnen nicht öffentlich gebraucht werden. — Mit der provisorischen Direktion deS geodätischen Instituts ist nach General BayrS Tode der bisherige SekttonLchef, Professor Boersch, ein geborener Marburger, vom Kultusminister betraut worden. Im Ministerim ist man dem Plane nicht abgeneigt, das In­stitut nach Potsdam zu verlegen, wo es in eine enge

Verbindung mit der Sounenwarte gebracht werden könnte. — Im neuesten .Militär-Wochenblatt" wird der (anscheinend nicht unpraktische) Vorschlag gemacht, die RegimentSmustker im deutschen Heere im Krankenträgerdienst auSbildeu zu lafleu. Der Sanitätsbericht über die deutschen Heere im Kriege gegen Frankreich 1870/71 bietet Belege genug, daß bei Schlachten uud Gefechten vielfach Mangel an ausge­bildeten Hilfskrarkenträgeru gewesen ist, und dieser Mangel ist nicht beseitigt worden durch das — zwar bestimmungs­mäßig unstatthafte — aber doch sehr gern gesehene Ein­greifen der Zivil-Krankeupfleger. In einzelnen Fällen haben nun damals schon, zum Teil mit aufopfernder Hingebung, die RegimentSmustker den HilfS - Krankeuträgerdienst aus eigenem Antriebe versehen. Gerade in diesen Fällen wäre eine Vorblldung der Musiker im KrankentrSgerdieuste sehr erwünscht gewesen. Man hat dabei noch zu berücksichtigen, daß die Hautbotsten zum größeren Teile lange Zeit bei der Truppe dienen, daß ihre Ausbildung als Krankenträger durch die jährlichen Wiederholungen daher eine sehr gründ­liche sein könnte. Die Fortbildung als Musiker anderer­seits wür e wohl kaum darunter leiden, wenn in den be­treffenden Monaten die Hautbotsten wöchentlich etwa zwei Stunden zum Samariterdienst angelernt würden. Scheint der Zuwachs an Hilfskrankenträgern auf dem Schlachtfelde durch eine Verwendung der Musiker auch nicht groß, so werden immerhin für jedes Jnfanteriebataillon etwa 10 Mann verwendbar, ohne die Truppe irgendwie zu schwächen. — Bezüglich der Korvette .Augusta" hat die Kaiserliche Ad­miralität aus eine Anfrage unter dem 14. d. M. folgende Antwort erteilt: „Auf Ihren gefälligen Antrag vom 8. d. Mts. erwidert Ihnen die Admiralität ergebeust, daß Se. Maj. Kreuzer-Korvette „Augusta" noch nicht als mit zwei­felloser Gewißheit verschollen angesehen werden kann. Sc« bald hierüber Zweifel nicht mehr gehegt werden können, wird das Bekanntwerden der Besatzungsliste des Schiffes diesseits veranlaßt werden." — In den AuSführunaS- bestimwungen zu dem Börsensteuergeseh sind vielfach Er­läuterungen über die bezüglich der Auslegung deS Gesetzes in den beteiligten Kreisen erhobenen Zweifel vermißt worden. Dabei ist, nach Meinung der „B. P. N.", übersehen, daß die Ausführungsanweisung diejenigen Bestimmungen zu enthalten hat, welche mit rechtsverbindlicher Kraft zu er» lassen der Bundesrat berechtigt ist. Dabei kommen ins­besondere diejenigen Anordnungen infrage, welche nach 8 30 a. a. O. der Bundesrat üb-r die Form des Stempels u. f. w. zu treffen hat. Eine Deklaration der Bestim­mungen des Gesetzes würde dagegen nach außen der ver­bindlichen Kraft entbehren und insbesondere die Judikatur nicht binden, wie denn ja auch bekanntlich das Reichsgericht bereits in einem Falle abweichend von einer von dem Bundesrat angenommknen Auslegung des Reichsstempel- gesetzeS entschieden hat. Gerade diese Erfahrung fordert ohne Zweifel zur größten Vorsicht inbezug auf den Erlaß

von Anweisungen deklaratorischer Natur auf und läßt, ganz abgesehen davon, daß solche ihrer verschiedenen rechtlichen Natur wegen nicht mit der bundeSrällichen Ausführungs- Anweisung zusammen erlaffen werden dürften, den Erlaß an sich nicht unbedenklich erscheinen. Gleichwohl werde der Bundesrat dafür sorgen, daß von vornherein eine einheit­liche Behandlung der zweifelhaften Punkte seitens der auS- führenden Organe aller Bundesstaaten gesichert wird. Zu diesem Ende sollen die Bundesregierungen eiuheiüiche Direk­tiven zur Instruktion ihrer Beamten über die Handhabung der als zweifelhaft erkannten Punkte deS Gesetzes erteilen; wobei die aus der Mitte der Handelsvorstände laut gewor­denen Wünsche und Anregungen eingehendste Prüfung und, soweit sie als begründet anzuerkennen sind, Berücksichtigung zu gewärtigen haben. Obwohl diese Direktiven zunächst für den internen Gebrauch der auSführevden Beamten be­stimmt sind, so werden sie doch zweifelsohne nicht geheim gehalten, sondern in geeigneter Weise zur Kenntnis deS be­teiligten Publikums gebracht werden. Wie die „B. P. N." ferner hören, sind die Beratungen, welche die Feststellung jener durch den Bundesrat zu gebenden Direktiven vorbe­reiten, soweit gediehen, daß mit Sicherheit darauf zu rechne« ist, daß diese interpretativen AuSführungSbestimmnngm rechtzeitig nicht nur zur Kenntnis der Beamten, sondern auch zur allgemeinen Kenntnis gebracht »erben können.

— lieber die gesundheitswidrige Verfälschung von gei­stigen Getränken in den Vereinigten Staaten von Amerika gibt eine soeben in Newyork erschienene Schrift unter dem vielversprechenden Titel: „Die Kunst des Mischens und Zu- sammensetzens von Likören und Weinen" Intereffante Aus­kunft. Der Verfass er, Joseph Fleischmann, selbst ein früherer Schankwirt, will seinen Lesern zeigen, wie alle jme so be­liebten Marken von Korn- und anderen Branntweinen, Likören und Weinen gegenwärtig für dm Handel zubereitet werden. Er will durch das Buch seine Berufsgenoffm in« standsetzen, die bisher nur von den Grossisten und „Fabri­kanten" betriebenen Verfälschungen selbst vorzunehmen und auf diese Weise den bisher den ersteren allein zuflleßendm Gewinn sich selbst anjuelgnen. Als alter GeschäftSpraktiker plaudert er einmal aus der Schule und teilt folgende Re­zepte mit, nach denen mit Erfolg gearbeitet werden ton«, und wie der Berfaffer zugesteht, allgemein gearbeitet wird. Zunächst zeigt er uns die Herstellung verschiedener Sorten geringeren Whiskys. Den Hauptbestandteil davon blldet Sprit, wovon die Gallone (38/< Liter) etwa l1/« Dollars (41/2 Mk.) kostet. Hierzu kommt Färbestoff, Zwetschensast, Neu - England - Rum und Perlöl. Die Gallone diese» GemischeS kommt auf ca.8/*—*/< Dollars zu stehen. Das sogenannte Perlöl [beadingoil] selbst ist eine liebliche Mischung von Schwefelsäure, Süßmandelöl und Ammoniak. Diese Stoffe haben bekanntlich die Wirkung, daß sie selbst bei starker Verdünnung die Zähne angreifen und bet länge­rem Gebrauch die Verdauungsorgane zerstören. Zur Her-

Bo» de» Wirk»«ge» des Lächelns.

Humoreske von Fritz Brentano.

iFortsetzung.)

Znm Glück war die Zeit herangekommen, um welche der Turnzug In der Stadt begann und wir brachen auf. Amalia unv der Apotheker, um sich an ihm zu beteiligen, Heistenverger und ich, um ihn auf dem Turnplatz zu er­warten. Dortselbst zog ich mich in den Schatten eine» Zeltes zurück, wo ich noch einige Erbelhäuser fand, die gleich mir einen festlichen Tag durch einen festlichen Trunk feiern wollten. Sie suchte ich über Helstenberger auSzu- horchen. Alle waren voll feines Lobes und des seiner Tochter. Er war ein reicher, thätiger Mann, Amalie ein guterzogenes Mädchen; da« Einzige, was man ihm nach- fagen konnte, war eine gewisse Excentricität, mit welcher er an allem Urwüchsigen hing und womit er gegen manche Verfeinerung ankämpfte; so gegen Perrücken. Er hatte Im Stadtrate angetragen, ben Friseuren daS Verkaufen blefer Gegenstände zu verbieten — wer mit Ehr« alt geworden fti, der brauche sich seine« kahlen Schädels nicht zu schämen *- wer aber schon in der Jugmd habe Haare laffm müffen, der sollte auch seine Schande öffenüich tragen. — Das waren recht erbauliche Aufklärungen, aber ich tröstete mich damit, daß erstens kein Mensch in Erbelhausm wußte, daß ich durch Kunst der mangelhaften Natur meine- Haar­wuchses zu Hilfe gekommen war und somit auch Niemand es meinem Schwiegervater in spe verraten konnte; zweiten» über, daß der für Helstenberger so verhaßte Gegenstand von einem der geschickteste« Haarkünstler der Restdmz ver­fertigt war und sei« Dasein so leicht nicht zu entdeck« sei.

«ar entschloffm, meine Heirat zu beschleunig«, und

war Amalie erst m in Weib, bann hoffte ich schon im un­glücklichen EntdeckangSfall Helstenberger- Zorn zu besänftigen. In meinen Reflexionen wurde ich durch ein hundertstimmiges Geschrei vom Platz deS Schauturnen- her unterbrochen; ich eilte hinaus und sah an ben Stufen einer Tribüne Amalie stehen, an ihrem Munde hing der von germanischem Haar- schmuck umwallte Apotheker. Ein unnennbares Gefühl er­faßte wich, e- war gerade keine Eifersucht, aber eS war eine unbehagliche Empfindung, die un- beschleicht, wenn wir eine Person, für welche wir Jntereste zu fühl« glaubm, oder wirklich fühlen, In einer Weise sich produzieren sehen, die uns nicht paff, nd erscheint. Meine Augen sucht« Heisten- berger. Da kam er mit strahlendem Gesicht auf mich zu.

„Sehen Sie, FreundchenI" rief er, „das ist ein er­hebender Augenblick I DaS erfreut das Herz deS deutschen Mannes, sowie da- de« Vaters!"

„Aber weniger das des Bräutigams!" hätte ich hinzu­fügen mögen — jedoch ich begnügte mich zu frag«, «aS die (Zeremonie bedeute.

„Aber, bester Vetter, das wiffen Sie nicht? Amalie hat dem Sieger im Preisturnen den Kranz überreicht und ihn Namens der Jungfrauen Erbelhausens geküßt. Wiffen Sie, diese Ehre ist Amalia zu test geworden, weil sie am würdigsten deutsche Jungfrauen repräsentieren kann."

„Sie wird aber in Zukunft auf derartige Ehrm ver­zichten müffen," dachte ich, „wenn sie erst meine Braut ober gar meine Frau ist."

„Jetzt kommt bie Reihe au un«," unterbrach Helsten­berger meinen weiteren Gedankenganz. „Da- Schieß« be­ginnt! Vorwärts, an die Stände!"

Lange Zeit hatte ich mich mit Anstand unter dem Vor­

wande der Bescheldmheit vorn Schießen zurückgehalten, endlich aber ging e- nicht mehr; entschloßen ergriff ich de« Schützen­königs Büchse und drückte los. Ein sekundenlange», bange» Schweigen, dannGelächter undGeschrei: „Ein Loch in-Blane!".

Ich hatte die Scheibe gar nicht getroffen; mit heroischer Miene stand ich stumm da. „Gefehlt!' hatte Heistmberger neben mit geschrieen, sich aber schnell fassend, sagte er: „Die Büchse ist ihm in der Hand losgegangen!"

„Ja! Ja!" stimmten einige ErbelhSuser Schütz«, dm« ich glücklicher Weise einige Zest vorher von meiner bestm Sorte Cigarren offeriert hatte, bei: „Der Schuß ist ihm zu frühe losgegangen! Noch einmal!"

Ich hob die wieder geladene Büchse auf» Neue. „Hält der Kerl nicht die Büchse, wie ein Ladenschwengel da» Ellenmaß?' hörte ich einen Forstprakttkantm hinter mir zu einem Steueraufseher sagen. Ich drückte lo». Schweig« — daun ein: „Hurrah!" — Ich hatte Centrum geschossen. Helstenberger umarmte mich und schrie: „Noch einen Schuß! Noch einm Schuß!"

„E» ist nm die Schw— zu kriegen mit dem Kerl!" sagte der Forstprakttkant hinter wir. „Er hat genadelt beim Zielen wie ein Elenntier! Ich wette darauf, wenn ich beim nächsten Schuß ihm in die Kniekehle trete, er trifft doch wieder!" — Und wirklich fühlte ich, al- ich lo»« drückte, einen Stoß an meinem Bein; aber — „Hurrah 1 Hurrah! Wieder in» Schwarze." — „©atullere 1" brüllte der Forstpraktikant «nd schlug mich auf die Schulter, daß ich mit Mühe eine Grobheit, bie ich ihm bafür in» Ge­sicht schleudern wollte, unterdrückte und ein freundliche»: „Danke schön!" zwischen ben Zähnen hervorbrachte.

(Fottsetzm« folgt)