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JRarßutg, Mittwoch, 16. September 1885.

XX. Jahrgang.

Arscheintitäglich außer an Werktagen nach Sonn- und »eiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Srpedition LV« Mk., bei k,n Postämter 2 «k. 50 «g. (erd. Bestellgeld), qmsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psß. Letlamen für die Zeile SS Pf,.

(OliriiirUW jtitiniü.

Anzeigen nimmt entgegen die Erpedition d. Matte-, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBoaler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfurt a.«.,!8erlin,München nutz Köln: G. 8. Daube und So. in Frankfurt a. 3RN Berltn,channover tt. Paris

LZöchciitliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes,Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Zucker uud Eiseu.

Zwei hochbedeutsame Ausfuhrartikel der deutschen In­dustrie sind Zucker und Eisen und ihrem Absatz wird deshalb stets eine genaue Aufmerksamkeit zugewendet. Eine überaus große Zahl von Arbeilern ist in den zahlreichen existierenden Industrien der Zucker- und Eisenbranche beschäftigt, jede Flaue deS Marktes wirkt auch auf diese zurück und schmälert den Arbeitsverdienst. Es seien hier zunächst die amtlichen Daten über den Zucker- und Eisenverkehr in Deutschland gegeben uud zwar für die Zeit vom 1. Januar bis 31. Juli 1885, unter Hinzufügung der entsprechenden Zahlen deS Vorjahres: Einfuhr aus dem Ausland Ausfuhr aus Deutschland nach Deutschland nach dem Ausland 1885 1884 1885 1884

1. Roh-, Bruch»,

in Tonnen zu 1000 kg.

Luppen- und Absalleiseu

123843

157205

141406

175980

2, Eisen, Ganz-

•

unb Halb- Fabrikate

27513

26230

410652

439616

8. Zucker

1513

1565

330816

307631

Wtvmen wir zunächst dem Zucker einige Worte. Wir können zunächst ohne Selbstüberhebung auSsprechrn, daß unsere Zuckerindustrie einen Weltluf stch erworben und denselben bis auf den heutigen Tag ehrenvoll behauptet hat. Ihre Bedeutung für das Reich ist um so größer, als sie zu den Reichsfinanzen namhafte Beiträge durch die Zuckersteuer gibt, und bei ihrem Gedeihen auch ein großer Lei! der Landwirtschaft interessiert ist, der den Zuckerrüben­bau betreibt. Ueber die Zuckerindustrie ist, wie bekannt, vor mehreren Jahren eine schwere Krisis hereingebrochen, die auch ganz bedeutende Ausfälle tu dem Ertrage der Zuckersteuer hcrbeigeführt hat. Mau streitet noch heute über die Gründe diefeS zeitweiligen JndustrieniedergaugeS; auf alle Einzelheiten einzugehen, würde an dieser Stelle zu wett führen, eS steht in der Hauptsache fest, daß eine ge wattige Ueb rproduktion naturgemäß den Absatz beein­trächtigte uud daß diese Ueberproduktion durch die bei der Zuckerausfuhr za gewährende Zollvergütung — die so­genannte Exportbonifikation—befördert worden ist. Reichs­regierung und Reichstag haben das eiagesehen, und deshalb ist durch Gesetz eine Herabsetzung dieser Vergütung bis in das nächste Jahr hinein befchloflen worden. Daß die Krisis schwer war, hat man in dm Gegenden, in welchen Zucker­rüben gebaut werden, recht sehr gemerkt. Die Rübenpreise hatten einen derartigen Niedergang erfahren, daß kaum die Kulturkosten bezahlt wurden. D-mentsprechend sah eS auch in Den Fabriken aus und eS ist ja bekannt, daß manche von ihnen stch nur mit Mühe und Not gehalten hat. Angesichts der obigen Zahlen können wir noch nicht gerade sagen, daß alles überstanden ist, wohl aber, daß das Schwerste überstanden. Der Bedarf macht stch doch im Ausland bereits wieder in größerem Maße regt, und die MehrauSfuhr dieses Jahres gegenüber dem Vorjahre ist doch bereits eine ganz ansehnliche. Das letzte Wort in der

Zuckerfrage hat der Reichstag zu sprechen: Es muß noch eine weise Reform der Zockersteuer statthaben an Stelle der jetzigen provisorischen, welche für die Zukunft gefunde Verhältnisie verbürgt.

Der Kampf, welchen die Zuckerindustrie zur größeren Hälfte wohl durchgekämpft, steht für die Eisenindustrie noch mehr im Beginn. Die oben gegebenen Zahlen weifen leider einen sehr bedauerlichen Ausfall in der Ausfuhr Deutsch­lands nach dem AuSlaude auf, der auch in der Industrie sehr lebhaft empfunden wird. ES ist gewiß ein gutes Zeug­nis für die Lüftungen unserer Eisenfabriken, daß ihr Ex­port gegenüber der englischen Konkurrenz eine solche Höhe erlangt hat, aber die Zeitverhältuisie sind nun einmal stärker und mächtiger, als alle ihre Anstrengungen. Auch hier kommt die Ueberproduktion in beträchtlichem Maße ins Spiel, der Markt ist überfüllt, eS fehlt der Begehr nach neuen Produkten. Ganz besonders haben aber auch, wie auS den HandelSkammerberichten ersichtlich, die russischen Eisenzölle auf eine Reihe von Artikeln gewirkt und eine bedeutende Minderung der Produktion hervorgerufeo. Die deutsche Eisenindustrie ist allerdings nicht allein in dieser schwierigen Lage, der englischen ergeht es nicht bester. Bei uns Klagen, jenseits deS Kanals ebenfalls. Einzelne Abteilungen der Industrie haben noch ein günstiges Resultat erzielt, so ist z. B. die Ausfuhr der Eisenbahnschienen gestiegen, aber im großen und ganzen haput» doch sehr. Und das schlimmste bei alle dem ist noch, daß die verminderte Produktion auch ein fortwährendes Sinken der Preise zur Begleitung gehabt hat. In dieser letzteren Thatsache sind alle amtlichen Handels­kammerberichte einig. Die Eisenidustriellen könnten ja nun versuchen, eine künstliche Preissteigerung herbeizuführen, allein das ist eine für die Dauer sehr gewagte Spekulation. Es erübrigt nichts weiter, als abzuwarten, bis die Pro­duktionshochflut stch verlaufen refp. bis dahin die Produktion der betreffenen Artikel einzufchtänken. Die deutschen Eisen­waren sind durchaus reell uud preiswert und sie werden sicher wieder neue Absatzvermehrmgm erfahren, wenn die jetzige Krisis überwunden. Wo allerdings der Zoll das Thor ins Ausland schließt, da ist« vorbei.

Deutsche» Reich.

Berlin, 14. Sept. Der „Reichs Anz.' veröff.-ntlicht einen allerhöchnen Erlaß, welcher die zweite ordentliche Generalsy wie der 9 älteren Provinzen auf den 10. Oktober einberuft. — Die „Post* bestätigt, daß die Wahlen zum preußtfOen Abgeorsnetenhaufe am 12. November, die Wahlen der Wahlmäuner eine Woche vorher, also am 5. November stattfindui werde. — StaatSminist rDr. Lucius ist von Ko stantinopcl nach Athen gereist. Der Sultan hat dem Minister in einer Privataudteoz das Großband des Medjtdje Ordens überreicht. — Staatssekretär v. Böt­ticher ist aus Hessen-Nassau nach Berlin zurückgekehrt. — Wie auS Rom telegraphiert wird, stattete die deutsche

Kronprinzessin am Sonntag dem König und der Königin von Italien in Monza einen Besuch ab. Gestern ist die Kronprinzessin mit ihren Töchtern in Venedig augekommeu. — Der preußische Eisenbahnminister Maybach hat den Eisen- bahndirektionen mitgeteilt, daß von der Einführvng deS Telephons im Eisenbahndienst abgesehen werde, weil eS für den Eisenbahndienst nicht als zweckmäßig befunden sei. — Morgen finden im Königreich Sachsen die ErgänzungS- wahlm zum sächsischen Abgeordnetenhause statt. Neu zu wählen sind 33 Abgeordnete in 15 städtischen und 18 ländlichen Wahlkreisen. ES kandidieren 27 Konservative, 3 Freikonservative, 7 Nationalliberale, 6 Fortschrittler, 12 Sozialdemokraten, 3 Liberale unbestimmter Partei­richtung, ein Antisemit. — AuS Schwerin heißt es, der Ministerpräsident Graf Lrssewttz wolle wegen Alter und Kränklichkeit seinen Abschied nehmen. — vr. Max Buchner, der Begleiter Dr. Nachtigals auf seiner Kolonialreise, be­findet stch seit einigen Tagen in Berlin. Herr Buchner, der noch sehr der Erholung bedarf, geht auf längere Zeit nach Süddeutschland. — Die „Köln. Ztg.* schreibt in einem ihrer Berliner Artikel, die nicht aus Der Feder ihres dortigen Vertreters, sondern von weiter her kommen, gegen die aufreizenden Nachrichten des Pariser Telegraphenbüreaus „Agence HavaS*. Aus denselben laffe stch erkennen, daß eS in den Pariser Regierungskreisen Elemente gebe, die entgegen den Leitern der französischen Politik eine offene Hetze gegen Deutschland trieben. ES dränge stch mehr unv mehr die Ueberzeugung auf, daß die jahrelangen Be­mühungen Deutschlands, Frankreich gegenüber in die Bahnen der Versöhnung einzulenken, vergebene Mühe gewesen! DaS ist für Paris, und nun für Madrid: Deutschland habe gar keine Jntereffen an dem politischen Schicksal Spaniens; nähme die französische Republik Spanien in sich auf, — uns könne es gleich fein! dieser Hieb wird in Madrid sitzen, denn bekanntlich träumen eine ganze Zahl Franzosen, die jetzt für Spanien randalieren, von einer Vereinigung der beiden Staaten, von der natürlich die Spanier rein gar nichts wiffen wollen, mögen ste für die Franzosen so viele Sympathie empfinden, wie ste wollen.— Zur spanischen Frage lassen wir hier noch eine Anzahl Nach­richten folgen, die thatsächlich aber nichts neue» bieten: Nach der „Agence HavaS* hat der Kommandant de» deutschen Kanonenbootes „Iltis* dem spanischen General- Gouverneur der Philippinen-Inseln die Mitteilung gemacht, er h tbe eine ganze Reihe Karolinen - Inseln besucht und seine Anwesenheit konstatieren lasten. Der Generalgouver- neur soll übrigens abgesetzt werden, well er stch von den Deutschen hat überflügeln lasten. — Der internationale Schiedsgerichts- und Friedens-Verein hat stch sehr war« für den deutschen Schiedsgerichts - Vorschlag ausgesprochen und demselben hohen Beifall gezollt. — In den spanischen Provinzialstädten dauert der KrtegSenthustaSmu» noch fort. Hier bietet ein Rheder dem Staat Schiffe an, dort will

Von den Wirkungen de» Lächeln».

Humoreske von Fritz Brentano.

(Fortsetzung.)

Oben in Heistenberger» Befuchzimmer fand ich Amalia und einen in vollem Turnornate leuchtenden Herrn. DaS große, blonde Mädchen war im weißen Jungfrauenkleide und drückte mir die Hand beinahe eb n so deutsch wie ihr Vater. Der junge Mann, der mir alS Apotheker-Admini­strator und Turnwart vorgestellt wurde, begrüßte mich im Namen der frisch, fromm, frei und fröhlichen Jugend Erbel- hausenS und hoffte, daß ich an ihrm Hebungen teilnehmen würde, worauf ich nicht umhin konnte zu gestehen, daß ich kein Turner sei.

„Sie sind kein Turner!* rief Heistenberger und fein Gesicht nahm einen minder wohlwollenden Ausdruck an.

„Wie Schade!' seufzte Amalie, und etwa« von einem »Resisenzsöhuchen* murmelte der Apotheker. Ich sah, ich war sehr im Ansehen bei den drei Personen, denen ich mich gegenüber befand, gesunken. Ich mußte etwa- sagen, was meinen Kredit wieder hob. Wenn es sein mußte, warum sollte ich nicht ein wenig aufschneiden.

„Ich habe mich von Jugend auf,* sagte ich mit dem unbefangensten Gesicht von der Welt, „immer mehr ans dem Schießstande als auf dem Turnplätze berumgetrieben. *

„Ha, das konnte ich mir wohl denken!' rief Heisten­berger und versuchte aus- Neue meine Hand zu ergreifen, wa» ihm jedoch nicht gelang. „Sie find mein Mann, Vetter, Ja —

Mit sicherm Aug und fester Hand, Weun'S gilt für Recht und Vaterland.

Nicht wahr? Wir werden den Herren zeigen, wie man da»

Schwarze aus der Mitte trifft! Und nun wollen wir einen kleinen Imbiß zu uns zu nehmen!'

Das thatm wir benn auch, und Heistenberger füllte die Pausen zwischen dem Esten mit Lodsprüchen au» auf die Muskelstärke, auf daS alte Germanentum und hob hervor, daß daS einzige H tl dieses jetzigen vetkommenen Geschlechts darin liege, seinen Vorsahrm e» au Athletik gleich zu thun. De: Apotheker reichte seinen rechten Ober­arm herum, um dir Muskelansamm'ung an demselben prüfen zu lasten. — So lange Heistenberger und der Apotheker noch bei den Vivats blieben, schmeckte der Schinken und der Rotwein ganz erträglich und ein beifällige» Ge­murmel genügte als mein Anteil an der Unterhaltung; als ste jedoch an die Pereats tarnen, fingen unangenehme Em­pfindungen über mein Schicksal an in mir rege zu werden.

„Nieder mit den Kerls, welche Gottes freier Natur nicht mehr offen ins Antlitz schauen können!' schrie der Apotheker, „die stet» ein Stück Fensterglas vorm Auge tragen müssen!'

„E- ist entsetzlich weit abwärts mit der Menschheit ge­kommen! jammerte Heistenberger. „Sonst war es höchsten» einem Manne in den Siebzigen vergönnt, eine Brille zu tragen; heutzutage läuft jeder grüne Junge mit einem Nasenklemmer umher!'

Ich fühlte unwillkürlich nach meiner Westentasche, in welcher stch ein solches Instrument befand.

„Sonst galt ein graue«, kahle» Haupt als Gegenstand der Verehrung — heute haben stch die Helden des Salon« mit 30 Jahren schon eine Platte angelebt, die ste unter einer Atzet verstecken! Pfui! Nicht« ist mir erbärmlicher, al» ein frühzettigerPerrückeaträger! demoustrierteHeistenberger.

„Ein Mann mit einer Perrücke ist etwa« Entsetzliche». Lieber möchte ich gar keinen,* erklärte die zartfühlende Amalie.

Mich überlief e« warm; ich hatte durch viele» Nacht­arbeiten auf dem Kontor unter der Gaslampe einige dünne Flecken an der Haardecke, welche meinen Hlrnschädel ein­hüllte, erhalten, die ich unter einem sogenannt« Tomchen versteckte.

„Wmn ich einen Mann noch so lieb hätte/ fuhr Fräulein Heistenberger fort, „und ich entdeckte eine Perrücke an ihm, wir wären geschieben.'

„Er wird so dumm sein und e» Dir auf die Nase hingen,' dachte ich, „und zum Glück ist die Kopfhaarver- befferungSkunst so weit vorgeschritten, daß man e» so leicht von selbst nicht merkt.'

„Die wahre Kraft und Stärke de» Manne» liegt im Haare!' behauptete der Apotheker. „Da« beweist Sirnson. Sehen Sie, da« ist Haar!' — und dabei fuhr er mit beiden Händen durch feinen mindestens einen Fuß langen rötlichen Haarwuchs.

„Auch Sie haben schöne Haare,' bemerkte Amalie und streckte in unschlttbiger Weise ihre Hand nach meinen künst­lichen Locken aus. Entsetzt fuhr ich zurück.

„Was ist Ihnen?' fragte ste bestürzt.

.Mir?' stotterte ich. „Oh Nichts! Ich pflege mlr Oel In mein Haar zu thun und fürchtete, Sie würden sich be­schmutzen.'

„Pomadenhengst,' brummte der Apotheker und setzte laut hinzu: „die alten Germanen thaten Kalkwasser in da» Haar, wodurch e« jenen goldenen Schimmer bekam, welcher e» so berühmt machte!' (geetfcVma folgt)