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JUatGutg, Dienstag. 15. September 1885.
XX. JahlM^
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal» zlbonnements-PreiS bei der Expedition 2*/t Mk., bei den Postämter L »k. 50 Psa. (erd. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,. Peklamen für die Zelle 85 Pf,.
OrrMchr Zitmz.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, s owied-Annoncen- Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankurt a. M-, Kassel, Magdeburg und Men; RudolfMoffe in Frankfurt o. M., Berlin,München und Adln: S. 8. Daube und 6o tu Frankfurt a.
Perlin,Hau»over U Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. b. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Ueber die Karolineuiustl«
bringt die „N. St. Ztg." eine ausführliche Schilderung, der wir daö Folgende entnehmen: Der Karolinenarchipel ist eines der schönsten und zugleich auch glücklichsten Stückchen der Erde. Er erstreckt sich einschließlich der Pelew-Jnseln in ziemlich gerader Richtung von Westen nach Osten vom 135—136 Grad östlicher Länge, er umfaßt also einen Raum von 25 Grad, b. h. fast 400 Meilen; die Breite beträgt nirgends mehr als 60 Meilen (6—10 Grad nördliche Breite), lieber diesen gewaltigen Raum, welcher dem des Mittelländischen Meeres fast Aeichkommt, sind etwa 160 bewohnte und bewohnbare Inseln mit einem Gesamt- Flächeninhalt von 43 Quadratmkilen zerstreut; der unbewohnten Inseln sind außerdem noch mehr als 300. Die größte der Inseln, Iap, hat 6 Quadratmeilen und zählt 10000 Einwohner; sie ist in jeder Beziehung der wichtigste Punkt deS Archipels. Die gesamte Einwohnerschaft wird auf 28000 geschätzt werden können. In ihrer äußeren Erscheinung sind die Inseln sehr von einander verschieden, die einen vulkanischer Natur mit hohen, bis zu 2400 Fuß aufsteigeuden dicht bewaldeten Gipfeln, die anderen flach, das Werk korallenartiger Polypen, ragen nur wenige Fuß über das MeereSniveau hervor. Alle sind sie durch die von Korallen gebildeten Barrierenriffe umschlossen, welche nur dort, wo ein Süßwafserstrom dm Bau hinderte, durchbrochen sind und hinreichende Tiefe zum Anlauden größerer Schiffe gewähren. Trotz der Nähe des AequatorS ist das Klima ein gemäßigtes. Die herrschenden Paffatwinde lassen keine eigentliche Hitze auskommen, eine leichte Brise führt fortwährend die vom Ozean mit Feuchtigkeit reichlich gesättigte Luft zu. Der Unterschied zwischen der höchsten und niedrigsten Temperatur ist so gering, daß nicht bloß ein ewiger Sommer herrscht, sondern derselbe auch ein beständig milder und angenehmer ist. Auch die Wafferwärme ist eine sehr gleichmäßige uns geht nie unter 20 Grad herab. Auf den Europäer wirkt die Lust zwar erschlaffend, aber nicht lästig.
Zahlreiche grüne Palmenhaine finden sich auf den Inseln, dagegen fehlen alle reißende Tiere und giftigen Schlangen. Das Meereswasser, hellgrün gefärbt, ist von so merkwürdiger Durchsichtigkeit, vaß das Auge ohne Mühe bis zu dem Korallenboden dringt. In grotesken Formen erheben sich diese Gebilde, und erscheinen bald als feuerrote, schlank amststgende Türme, bald als gelblich schimmernde runde Kegel; ti fblme Thore scheinen den Eingang zu unermeßlicher Tiefe zu bilden und smaragdene Pfeiler das Dach märchenhafter Paläste zu tragen. Zartrote, gallertfarbige Kugeln, blauleuchtende Seesterne, Tausende in wunderbarer Farbenpracht erglänzende, phantastisch gestaltete Fische tummeln sich durch diese Wunderwelt und jeder Augenblick bringt neue, seltsame Formen, größeres, ungeahntes Farben- spiel. Die Bewohner der Jnsiln sind Naturmenschen durch und durch. Freundlich, gutherzig und ohne Arg haben
diese erwachsene Kinder!, die aber doch recht unternehmende Seeleute sind, in dem Verkehr mit dem Europäer nur einen dünnen Ueberzug von Kenntnissen erhalten. Kinder waren sie und Kinder sind sie geblieben und werden sie für die kurze Zeit, in der sie noch weiter vegetieren, auch ferner sei». Wohlgebaut si"d sie alle uns auf manchen Inseln die Frauen sogar von auffallender Schönheit und Zierlichkeit. Sie putzen sich gern mit Blumengewinden, sind leichtlebig durch und durch, und lieben nichts mehr als Gesang und Tanz. Trotz der guten und reichlichen Nahrung, trotz des Segens der Natur und des Klimas sind sie dem Untergänge durch allmähliches Aussterben geweiht. Auch da, wo keine Seuchen herrschen, nimmt die Zahl der Eingeborenen ständig ab. Vorteilhaft zeichnen sich die Insulaner durch Reinlichkeit aus, sie baden und schwimmen sehr gern.
Die Flora der Inseln entwickelt eine kolossale Fülle und Ueppigkeit. Ueberall findet sich die Kokospalme. Das weiße harte Fleisch der reifen Nuß wird in Stücke geschnitten und liefert, an der Sonne getrocknet, als Copra einen wertvollen Handelsartikel. Weiter gedeiht d r Brot bäum, dessen in der Asche geröstete Frucht einen Geschmack hat, der zwischen dem von Brot und Kartoffeln steht. Ja einer Fülle von saftigem Grün entwickelt die Banane ihre manvSgroßen Blätter, aus denen der goldene schwere Frutt- büschrl hervorsteht. Angebaut werden ihrer stärkemehlhaltigen Wurzeln wegen, die bis zu 60 und 80 Pfund schwere Knollen liefern, Taro und Nam», auch das Zuckerrohr gedeiht in üppiger Fülle; der Melonenbau«, die süße Kartoffel und die AnanaS vervollständigen die Zahl der Nutzpflanzen. Die Nahrung der Eingeborenen ist dementsprechend eine vorwiegend vegetabilische, von animalischen Stoffen werden nur Fische in erheblicherer Menge genossen, daneben Hummern, Schildkröten und Krebse, die ohne Mühe in lohnendem Fange zu gewinnen sind. Als besondere Festtagsspeise wird auf das Schwein, das Huhn, teilweise auch eine Art kleiuer, eigens zu diesem Zweck gemesteter Hunde genossen. Jedes der kleinen Inselchen hat seinen besonderen, zuweilen sogar mehrere Könige, die daun verschiedenen Ranges sind, ihren Oberen aber nur eben so viel gehorchen, als sie nicht vermeiden können. Kriege zwischen den einzelnen Inseln, selbst den einzelnen Gemeinden, sind an der Tagesordnung, ab r meist unblutig, denn im Gründe sind eö friedfertige und sanftmütige Leute und von dem ehemaligen Kannibalismus ist heute keine Spur mehr vorhanden. Ents ckt sind die Inseln zurrst von dem Spanier Lazcano, von dem sie auch ihren Namen zu Ehren des letzten Habsburgers auf spanischem Thron, Karl II , erhalten haben. Abgesehen von einem verunglückten Missionsversuch haben sich die Spanier dann nicht weiter um die Inseln bekümmert.
Daß nun aber bei der Besetzung der streitigen Inseln deutscherseits, namentlich auch verkehrSpolitischr bez. strategische Interessen von größter Wichtigkeit eine Rolle spielen,
wird immer wahrscheinlicher. Erklärt doch jetzt auch der bekannte Reisende Paul Dehn im „Hamb. Korresp." tu einem „Zur verkehrspolitischen Bedeutung der Karolinen- Inseln" überschriebenen Artikel unter Bezugnahme auf die diesbezüglichen Auslastungen von anderer Seite u. a.: „Die Andeutung, daß der Stille Ozean nach Durchstechung der Landenge von Panama ein sehr lebhafter und geräuschvoller Ozean und der Schauplatz einer neuen großen Epoche im kommerziellen Leben der Völker werden wird, wenn von Panama aus ein Dutzend oder mehr Dampferlinien nach China, Indien und Australien gehen werden, ist unter allen Umständen — ob nun inspiriert oder nicht — im höchsten Grade bemerkenswert. Einmal weist sie hin auf die zukünftige verkehrspolitische Bedeutung der Karolinen-Inseln, und sodann scheint sie einen neuen Beleg dafür zu geben, daß, wie nach jeder anderen Richtung hin, auch in den kolonialpolitischeu Bestrebungen und Thaten des bewährten Gründers und Leiters des Deutschen Reiches von großen weitauSschauenden Gesichtspunkten ausgegangen und planvoll und ztelbewußt gehandelt wird. WaS man dem Panamakanal auch noch für Schwierigkeiten machen mag, so steht es doch fest, der Panamakanal wird von Europa gebaut und muß von Europa behauptet weisen, well er der kürzeste und vorteilhafteste Seeweg ist von Europa nach Kalifornien, nach Valparaiso und den westlichen Sta ten Mittel- und Süd-AmertkaS. nach Auckland und Neuseeland, selbst nach Japan und Ostasteu, da der Suezkanal mit dem Roten Meer für Segelschiffe nicht fahrbar ist. Auf Grund dieser verkehrSpolitischeu Bedeutung des Panama-Kanals wird eS wahrscheinlich dahin kommen, falls der Privatbetrieb nicht konvcniert oder die Nord- Amerikaner ihre Drohungen verwirklichen, daß mit der Verwaltung des Panama-Kanals eine internationale europäische Kommission, wie sie für die Donaumündungen bereits besteht und für den Suezkanal angestrebt wird, mit souveränen Machtvollkommenheiten eingesetzt wird, welche den Betrieb zu leiten, die gleichmäßige Behandlung aller Interessenten durchzuführen und die Neutralität deS Kanals zu wahren hat. ... Da Spanien jedoch nur noch ein Schatten seiner einstigen kurzen Macht und Blüte sei und, anstatt neue Kolanteen zu übernehmen, kaum imstande wäre, die alten unter seiner jämmerlichen Verwaltung zu halten, so liege angesichts der zukünftigen verkehrpolittschen Bedeutung der Karolinen-Inseln im Hinblick aus den Pa- N ima-Kanal es im Interesse Europas, daß dort eine politisch starke und wirtschaftlich kräftige Hand walte, schaffe und wache, und nicht ein Schatteuregiment die günstigen Vorbedingungen zu neuem Werden und Wachsen unbeachtet und ungenützt versumpfen lasse."
Deutsche- Reich.
Berlin, 12. Sept. Der Reichekanzler wird die zu Mitte dieses Monats beabsichtigte Ueberstedluog nach
Bo« de« Wirkungen des Lächelns.
Humoreske von Fritz Brentano.
(Fortsetzung.)
„Können Sie sich etwas Leglückendere- denken," fuhr der Koofistorialrat fort, „als das Lachen der Liebe? Etwas Niederschmetternderes, als daS deS Hohne», der Verachtung? Kann Etwas uns einen schöneren Beweis von jenen lichten Räumen geben, die uns nach dem Tode erwarte», als das sanfte verklärte Lächeln deS selig Dahinscheidenden? Doch, meine Herren, das gehört nicht an diesen Ort! Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen, welch unangenehmen Eindruck ein Lächeln, mit welchem man beehrt wird und dessen Grund mau nicht kennt, auf Einem machen muß. Denken Sie sich, Sie treten in eine Gesellschaft guter Freunde und als den ersten Gruß finden Sie ein Lächeln auf allen Ltppm, wie dies mir vorhin passiert ist. Ich glaube, so etwas kann uns zur Verzweiflung bringen und ich bin überzeugt, schon Mancher von Ihnen hat es empfunden."
„Gewiß l gewiß!" rief Heuutger lebhaft. „Nicht nur Verzweiflung, nein zur Selbstanklage auch, Herr Konststo- rialrat! Ich habe eine solche Geschichte zu erzählen — sie ist daran Schuld, daß ich — doch ich will nicht vergreisen 1 Sie steht noch so in meinem Gedächtnis, als wäre sie mir heute erst passiert. Hören Sie nur: — Nachdem ich jahre- Ag als Kommis, Reisender und Buchhalter serviert, hatte ich mich kaum ein halbe» Jahr etabliert, als meine Verwandten, besonders der weibliche Theil derselben, glaubten, "Einen nicht allzu glänzenden pekuniären Verhältnissen könne •” besten dadurch nachgeholfen werden, wenn man eine
reiche Partie für mich ausfindig machte. Da traf es sich nun, daß ein r-ich-r Vetter einer meiner armen Basen mit seinem einzigen Töchterlein au» einer Landstadt hierher kam. Nach diesem wurden sogleich die Netze ausgeworfeu; ich wurde, mochte ich wollen oder nicht, in die Nähe der Dame vom Lande gebracht; dem Vater und der Tochter wurden verblümte Andm'uagea gegeben, daß ich kein zu verwerfender Schwiegersohn, resp. Gatte sei, und ich selbst gewöhnte mich daran, in dem Mädchen gar keine üble zukünftige Hausfrau zu staden. Dieses Mädchen hieß Amatia Heistenberger und war die Tochter eines Guts- und MÜhlen- besttzers Heistenberger auS Erbelhausen, welcher in diesem Orte die Würde eines Schützenkönig» bekleidete. Mich zum baldigen Besuch einladend, war Heistenberger nach seiner Heimat wieder abgereist und ich würde vielleicht ihn und seine Amalie bald wieder vergessen haben (beim ich selbst hielt e» noch nicht für so ganz unumgänglich notwendig, meine mit liebgewordene Junggesellen-Freiheit aufgeben zu müssen), hätten nicht immer wieder von Neuem gute Freunde und Basen die Erinnerung wach gehalten und mich endlich zum Turntest als paffende Gelegenheit nach Erbelhausen gedrängt, um dort die Sache zum Abschluß zu bringen. Ich fuhr nach Erbelhausen ab, kam glücklich dort au und sachte HristenbergerS Behausung auf. Er stand in seiner Thüre. — „Sie kommen zur rechten Zell, Herr Hennigerl" rief er mir entgegen. „Keine bessere hätten Sie wählen können I Heute ist große» Schützen- und Turnfest tu Erbelhausen I Seim Sie besten» willkommen!" — Ich entgegnete ihm, daß ich allerdings mit Berechnung gerade diesen Zeitpunkt für meinen Besuch in Erbelhausen gewählt hätte, da « mb Gelegenheit gebe, Herrn Heistenberger in feinen
Funktion« al» Schützenkönig glänzen zu sehen. DaS fette Antlitz de» Gutsbesitzers nahm eine wohlgefällige Mime an, er öffnete eine seiner dicken Hände, legte mit der andern eine unlner Hände hinein und schloß die seine mit Aufbietung aller seiner Kräfte, wobei et: , Gut Heil! Gut Heil!" auSrief. Als er auf meinem Gesicht den Eindruck, bea seine turnerische Begrüßung auf meine Hand« muSkeln auSi-bte, bemerkte, setzte er hinzu: „Nicht wahr, bi» ist ein echter, deutscher Händedruck, der kämmt vom Herzen und geht zum Herzen?" Ich konnte ihm ohne Heber« ireibvng versichern, daß da» Gefühl, welches mich dabei beschlichen, vor den ersten paar Stunden mich nicht verlassen würde. „Bester Vetter," fuhr er fort, „Sie find in der „Sonne" abgestiegen? Nicht wahr, ich habe e» erraten ? Leute, wie unser Einer können nirgend» anders absteigen! Aber Sie dürfen nicht dort bleiben; meinem Hause müssen Sie die Ehre anthun und Ihr Quartier darin aufschlagen, Sie der gewandteste Turner und Schütze der Residenz 1 Vorwärts ! Auf, Betterchen! Amalia wirs erstaunt sein, wenn ich Sie als Gast bringe. — Ja Heistenberger« Rede wat nur ein Körnlein Wahrheit enthalten gewesen, wa» auf mich Bezug hatte, nämlich, daß ich wirklich in der „Sonne" abgestiegen war; außerdem war ich vor Allem nicht fein Vetter, ober ich war, besser gesagt, in derselben Weise sein Setter, wie jeder ältere Mann der Onkel eine» Kindes ist. Dannj war, ich durchaus kein gewandter Turner; ich hatte al« Knabe wohl die Sämerei gelernt. später aber nichts weniger gethan, al» ste geübt — und was den Schützen anbetraf, so hatte ich gar keinen Begriff von diesem Handwerk. (Fortsetzung folgt)