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grscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- WonnementS-Preis bei der Expedition SV. Mk., bei den Postämter 2 Ät. 50 Psg. (erd- Bestellgeld). Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 ffg. Reklamen für die Zeile SS Pf«.

Marburg, Sonnabend, 12. September 1885.

XX. Jahrgang.

WerMlhk Aitmig.

Knaeigen nimmt entgegen die Expedition d- Blatte-, sowied.Annoncen-Bureaur von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kastel, Magdeburg und Wien: RudolfMoffe in Frankfurt a. M-, Berlin,München und Mn: S. 8. Daube und So. in Frankfurt a.

Verltn,-annover u. Paris-

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

_________________________________________________________Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Im Trübe« zu fische«

ist von jeher eine Liei lingSausgabe der modernen ita ie- ntschm Staatsmänner gewesen, die fich zwar alle als würdige Nachfolger des großen Cavour, des italienischen Bismarck, betrachten, aber diesem leider zu früh geschiedenen genialen Kopfe auch nicht entfernt das Wasier reichen. Graf Cavour hatte die Einigung Italiens unter Vittor Emanuel mit klaren, kräftigen Strichen vorgezeichnet, alle späteren Ministerpräsidenten sind die bezeichnete Bahn fort« gewandelt, weil sie gar nicht anders handeln konnten; aber eine scharfe, ztelbewnßte Politik, wie sie Cavour gehabt, fehlte allen viefrn Herren. 1866 hat Preußen, 1870 Deutschland für Italien die gütige Vorlehung gespielt. Wer weiß, ob es heute schon den italienischen Dutzrnd- mtnistern ohne diese Hülfe gelungen wäre, die Lombardei «nd den Kirchenstaat — Rom — dem Königreich Italien etvzuverleiben. Die italienischen Minister seit 1870 haben sich als ganz hervorragende Jnttiguanten gezeigt; ihr Haupt« bestreben eben ging darauf hinaus, im Trüben zu fischen, wobei eS ihnen gar keine große Sorge machte, bald so, bald anders sich zu stellen. Zur hohen Politik, namentlich wenn sie auf solch' schlüpfrigem Wege betrieben wird, ge­hören aber auch fähige Köpfe, denn sonst kann eS leicht passieren, daß der strebende Herr Minister rin klägliches Fiasko erlebt.

Man sprach eine Zeitlang von einem Bündnis zwischen Oesterreich-Ungarn, Deutschland «nd Italien. Vielfach ist bezweifelt worden, daß es sich um ein wirkliches Bündnis handele, und wohl mit Recht. Der Staat, mit dem Deutsch­land ein festes Verhältnis schlicht, muß sichere Fundamente haben, da darf es nicht heute so und morgen so aussehen, und deshalb ist Italien, gerade so wie Spanien, vorläufig nicht geeignet, Deutschland so nahe zu treten, wie Oester­reich-Ungarn ihm steht. Immerhin aber hatten sich dir Bezieh», gen zwischen den beiden Katsermächten und Italien sehr freundlich gestaltet, und man konnte wohl annehmeu, daß in der Auswärtigen Politik rin Einverständnis erzielt worden fei. Heute marfchterle also das Königreich Italien mit Deutschland und Oesterreich - Ungarn Arm tu Arm, und morgen hatte eS sich Alt-England, Herrn Gladstone, zum Liebsten erkoren. Reell war die Sache nicht, und in Berlin und Wien trat auch eine sichtliche Verstimmung eia. Indessen, mau konnte ja abwarteu, wir das leichtsinnige Schätzchen mit seinem neuen Geliebten fertig wurde. Nun; bekauullich, die Sache ging , schlecht, sehr schlecht, Herr Glad­stone schlug sich plötzlich in die Büsche und la bella Italia war die Blamierte. Der HanSwurftstretch der italienischen Expedition nach dem Roten Meere, die dem Laude keinen wetteren Vorteil gebracht hat, als große Geldkosten und einige hundert fieberkranke Soldaten, hat das italienische Ansehen sehr gemindert und hätte die Herren Minister lehren können, daß man auf gradem, ehrlichem Wege doch weiter kommt, als auf dem Umwege der Jnteigueu. Und

Die Sammlung der Gypsabgüffe im ReithauS z« Marburg.

Sieben Jahre hat die Sammlung der GypSabgüfle dahinten im Deutschhaus .in sich gebückt und unbekannt* ein bescheidenes Knospendafetu geführt, bis nunmehr die wohlwollende Einsicht der UniversttätSverwaltung die kürz­lich fretgewordeuen Wohnräume im ehemaligen Reithaus (welches auch den Saalbau beherbergt) ihr zu einem an­ständigeren Dasein überwies. Für die neue Bestimmung find die Räume frisch hergestellt, die Wänve pompejauisch rot mit schwarzem Sockel, die Decken ltchtgelb, und auch sonst ist nach Möglichkeit das Nötige vorgekehrt woroen.

Wie wahr es ist, daß nur in reichlichem uuo in archi­tektonisch gestaltetem Raume, und unter voller und richtiger Beleuchtung, das plastische Kunstwerk seinen Wert dem Be­schauer entfaltet, während in ungehöriger Umgebung eS sich verfchließt, das zeigt unsere Sammlung recht eindringlich bei ihrer jetzig« Umsiedelung. Die meisten Abgüffe (sie geben alle die oft erkleckliche Größe der Ortginalftatueu wieder) find zu einer ganz anderen Wirkung gelangt, wäh­rend einzelne auch jetzt unter dem noch immer in Wette und Höhe zu knapp bemesieue» Raume und der nicht über­all korrekt zu beschaffenden Beleuchtung leidem Den hohen Anforderungen eines solchen, der ästhetischen Erziehung ge­widmeten Institutes könnte nur ein eigens für den Zweck errichteter Neubau voll genügen.

Indessen hat mau sich in den gegebenen Räumen ein­gerichtet. Und die Besncher werden mit Erstaunen gewahr werden, welche stattliche Sammlung wir hier bereits besitzen. Zmn größten Tell au« dem private», vom Ertrag popu-

der Fischer, der im Trüben einen prächtigen Fischzug hatte thun wollen, der Minister des Auswärtigen, Cairo», plumpste dabei selbst ins Wasier und verschwand.

Manche Leute sollen erst mit dem vierzigsten Jahre klug werden, manche aber überhaupt nicht. Es scheint, als ob die italienische Regierung noch nicht gelernt hätte, eine offene Politik der Heimlichthuerei vorzuziehen, obgleich in Italien selbst sich großer Lärm gegen dies Verfahren er­hoben hat, weil es durch seltene Kopflosigkeiten gekrönt wird. Denn schwerlich ist ein Ministerium schon dage­wesen, daö mehrere tausend Mann Soldaten in ein ent­ferntes Land schickt, ohne zu wisien, was sie da eigentlich sollen. Das ist aber der Fall bei der Sudanexpedition Italiens gewesen. Jetzt kommen aus Rom Nachrichten, nach welchen in den Hafenstädten geheimnisvolle Rüstungen vorgenommen, Schiffe konzentriert und armiert werden sollen. Es ist möglich, sogar wahrscheinlich, daß von Rom aus bestritten wird, e« werte ein neuer, überseeischer Zug geplant —, bis dann eines schönen Tages doch wieder eine Flotte den afrikanischen Gestaden zusteuert. Was die italienischen Minister treiben resp. treiben wollen, ist die offenbare, unverfälschte Raubpolitik, denn sie haben auch nicht eine Idee von Recht auf die Küste des Sudan vor­zuweisen. Solche Politik scheut aber das Licht des Tages, deshalb wird alles im Geheimen abzuwiüeln und um das Ganze ein Schleier zu hüllen versucht. Uns kann es ja gleichgiltig sein, was die Italiener in jenen Gegenden treiben, nnseretwegen könnten sie auch noch den Berg Sinai in Beschlag nehmen, aber gut ist's, daß wir wisien, waS von solchen Herren zu halten ist, die das Fischen im Trüben lieben.

Deutscher Reich.

Berlin, 10. Sept. Der Kaiser ist heute mittag 12 Uhr im besten Wohlsein in Karlsruhe eingetroffen und von dem Großherzoge und der Großherzogin von Baden, den Ministern, der Generalität und den Spitzen der Be­hörden empfangen worden. Auf dem Wege zum Schloß war eine unabsehbare Menschenmenge angesammelt, die Se. Majestät stürmisch begrüßten. Die Einfahrt erfolgte, trotz des Regens, im offenen Wagen, der Kaiser fuhr mit der Großherzogin, der Kronprinz mit dem Großherzog und dem Prinzen Wilhelm. Die Stadt ist festlich geschmückt, auch ein Triuwpf bogen ist errichtet. Im Gefolge des Kaisers befindet sich auch Graf Moltke, dem ebenfalls zahlreiche Ovattonen dargebracht wurden. Nachmittags waren die fürstlichen Herrschaften, die Generalität, die Spitzen der Behörden zum Galadiner vereint, abends fand großer Zapfenstreich st-ckt. Dem Kaiser wurden unbeschreibliche Ovationen bereitet. — Der Kaiser hat an den Oberpräst- benten der Provinz Brandenburg folgenden Erlaß gerichtet: .Ich bin auf Meiner Fahrt zur Besichtigung des 3. Armee­korps durch den Mir überall — und namentlich in den lärer wiflenschaitlicher Vorträge zur Begründung eine« Archäologischen Instituts aufgesammelten Fond angeschafft, neuerdings aus regelmäßig zufließenden Staatsmitteln ver­mehrt, auch durch Schenkung Einzelner bereichert, füllt sie mit ihren Statuen, Statuetten, Reliefs und Büsten fechs Zimmer, die mit den römischen Ziffern I bis VI bezeichnet sind. Die Anordnung der GypSabgüsie in diesen Zimmern ist historisch, daS heißt, sie ist so getroffen, daß der Be- schauer darin zugleich ein BUd der geschichtlichen Entwicke­lung der griechischen Kunst durch ihre Haupiperioden er« hält. Zur Orientierung für die Besucher geben wir hier eine gedrängte Ueberstcht, indem wir nur daS Wichtigste hervorheben. UebrigenS ist jeder Abguß mit einem Namens­schild versehen.

Man betritt zuerst Zimmer III, für welches einige Werke im Stil der schönsten Blüte der griechischen Plastik ausgewählt wurden, damit sie den Besucher in die rechte Stimmung versetzen und für das weitere empfänglich machen: die Gruppe de« Jünglings und der Jungfrau, in gegen fettigem wehmütiginnigem Anschauen verloren; die herrlichen Porträtstatuen des Tragödiendichterö S o p h o k l e S und einer römischen Matrone; die ergreifende Kolosialgruppe der schmerzensreichen Mutter Niobe mit ihrem jüngsten Töch­terchen.

Wenden wir «nS in das links anstoßende Zimmer II, so finven wir hier einige Vertreter de« hohen StUS des Phi^iaS ans der Zeit veSPerikle«, außer der Karyo- ttbe vorläufig hauptsächlich einige Reliefs; eine Gruppe auS den berühmten Parthenongtebeln wird demnächst zur Ausstellung kommen. Die madonnmgleiche Friedens­göttin mit dem Knäbchen auf dem Arm, welche« de«

Stäben Pritzwalk und Perleberg — Bereiteten Empfang, sowie durch die ganze Haltung der Beoölkemng so ange­nehm berührt worden, daß Ich gern Veranlasiung nehme, Ihnen dies hierdurch auszusprechen und Sie mtt der weiter« Bekanntmachung Meines Dankes zu beauftragen. — Der preußische LandwirtschaftSminister Dr. Lucius, der z. Z. in Konstantinopel weilt, ist vom Sultan in Audienz empfang« und zum Diner geladen worden. — Mit Allerhöchster KabinetSordre ist der Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen, S koude-Ltmtenant A la suite des Garde-RegimmtS z. F., mit der Uniform dieses Regiments und unter Belastung ä la suite des 6. Thüringischen JnsaMerie- Regiments Nr. 95 zu den Offizieren ä la suite der Armee versetzt worden. — Der „Post' zufolge hat sich der letzte preußische Ministerrat auch mit der Frage der Einberufung des Reichs­tages befchästigt. Ein definitiver Beschluß ist nicht gefaßt, doch hat man sich dahin ausgesprochen, daß auch in diesem Jahre der Reichstags vor dem preußisch« Landtage einzu­berufen sei; daß aber der Termin erst dann festzusetzen, wenn der Bundesrat mit feinen Arbeiten so wett vorge­schritten sei, daß man übersehen könne, welche Arbeiten dem Reichstage unterbreitet »erben sollten. — Im Marineamt ist man bereits damit beschäftigt, die notwendigen Unter­stützung« für die Hinterbliebenen der Mannschaft der Au­gusta festzustell«. — Bei den Landtagswahl« im Groß­herzogtum Weimar hab« die Sozialisten den Sitz Apolda errungen. — Der Schuhmacher-Innung in Driesen ist durch Verfügung des RegierungSprästbenten in Frank­furt a. Oser das LehrlingSprivilegium verliehen worde«. (Nur JnnungSmeister dürfen Lehrlinge halten!) — Nach der „Bosi. Ztg.' wird die spanische Regierung außer einer Entschuldigung für die Krawalle in Madrid eine zweite Note noch Berlin senden, die, obwohl versöhnlich gehaltw, die Rechte Spaniens auf die Karolinen entschloss« geltend macht, «nd die Abneigung der öffenllichm Meinung des Landes betont, die Frage einem Schiedssprüche z« unter­breiten, ohne ober den bezüglichen deutschen Vorschlag ab- fotat zu verwerfen. — Allem Anschein nach will man in Madrid also Zeit gewinnen, damtt die Aufregung sich wieder völlig legen kann. — General Salamanca, der seinen Orden nach Berlin zurückschickte, bereitete thatsachlich einen Anfstanh vor. Die Regierung kam ihm aber zuvor, namentlich hat sich König Alfonso sehr entschlosien gezeigt. Der Polizeiinspektor in Valencia, der die Beschimpfung des dortigen deutschen Konsulats zuließ, ist kassiert. — Die „N. A. Z.' meint, daß in Madrid sich ein weiteres Fortschreiten in versöhnlicher Richtung bemerkbar mache. Selbst die Parteiführer sähen ein, daß man zu weit ge­gangen. Die „Köln. Ztg.' telegraphiert dagegen, daß überall in Spanien republikanische Demonstrationen statt- sänden.

— Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht die Note de« Reichskanzlers, durch welche dieser die angeblichen Rechte

Wohlstand vorstellt, der ja nur unter der Pflege des Frie­dens gedeiht, schließt sich als ein etwas jüngeres Werk d« vorgenannten an.

Der nämlichen Periode, aber ander« Künstlern, ge­hören die großen Figuren im folgenden Zimmer I, die Amazone und der Speerträger dem Polyklel, der D i s k u s w e r f e r und der verblüfft zurückprallmde Satyr dem Myron. Besondere Beachtung verdient noch der an­sprechende dornauSztehende Knabe, welcher dieBor- blüte repräsentiert, wt> auch die Jünglingsfigur Al­bent, während der Apollo von Tenea und die Relief« den altertümlichen Stil und die Anfänge der griechischen Bildhauerei veranschaulich«. An den drei Statuen de« Appollo, de« Jüngling« und de« Speerträger« kann man die allmählichen Fortschritte in der Bildhauerei mit Händm greifen; Im folgend« Zimmer IV findet man sie auf der höchsten Höhe. D'e« kleine Gemach umschließt nähmlich den Abguß de« einzigen eigenhändigen Werkes, welches un« von einem der großen griechischen Bildhauer, und zwar von dem Virtuosen der Marmorbildnerei Praxiteles erhalt« ist, als der schönste Fund aus dm dmtfchen Ausgrabungen im Olympia, den Merkur mit dem BacchnSktnd auf dem Arm. Ein wundervolles Grabrelief daneb« könnte aus demselben Atelier hervorgegang« fein. Der letzte der großen griechifchen Meister, LyflppoS, zur Zeit Alexan­der« des Großen, ist auch noch hier vertret« durch die geschmeidige Gestalt des Schabers. Der rechte Fuß einer Siegerstatue au« Olympia Mld ein Kinderärmchen ebendaher sind wie von der Natur abgeformt r lt folgt der Saal V. Wie Erscheinungen au« einer höheren Wett tret« uns da die königlich« Antlitze de«