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Marburg, Freitag, 11. September 1885.
XX. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. — Quartal» AbonnementS-PreiS bei der Expedition 21/* Mk., bei den Postämter 2 «k. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld), gnsertionsgebahr für die gespaltene Zelle 10 Ps». Kellamen für die Zelle SS Pf,.
MtthkMr MW.
Anzeige» nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, sowied.Annoncen-Bureaux vontzaasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Men; RudolfMosse in Frankfurt e. M., Berlin,München und Köln: ®. L. Daube und Lo. in Frankfurt e. M, Berlin,Haunover u. Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. h. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Deutsche, Reich.
Berlin, 9. Skpl. Heute empfing der Kaiser den zum Chef des Brandenburgischen JnsanterieregimentS ernannten Prinzen Arnulf von Bayern, den Geueralfelvmarschall Grafen Moltke, den Minister von Puttkamer, dm AdmiralitLtSchef von Caprivi und den Trafen Herbert Bismarck. Die spanische Frage scheint den Kaiser in hohem Maße zu beschäftigen. Abends gegen 11 Uhr soll die Abreise nach Baden- Baden erfolgen. Auch der Kronprinz empfing Graf Herbert Bismarck. — Ein von der „Limes" veröffentlichtes Telegramm aus Madrid, betreffmd einen Brief des Kaisers Wilhelm au den König Alfons von Spanien wird von unterrichteter Sette als eine tendenziöse Erfindung erklärt. — Die Kaiserin hat an den OberlaudeSgerichtS- Prästdenten v. Hollsben folgendes Schreiben gerichtet: Ich habe Ihre Eingabe eutgegengenommen, derzufolge Sie den Vorsitz des Zentralkomitees der deutschen Vereine vom Roten Kreuz ntederzulegeu veranlaßt sind. Wenn Ich Mich einerseits freue, Sie in eine so wichtige und ehrenvolle Stellung, wie die des Präsidenten des Oberlandesgerichts in Königsberg, berufen zu sehen, so werden Sie verstehen, wie eS Mich andererseits schmerzt, daß hierdurch die Niederlegung des freiwilligen Amtes erfordert wird, deflen Sie lauge zum bestm ver Interessen und im Sinne der Aufgabe des Roten Kreuzes gewaltet haben. Meine Dankbarkeit hierfür ist Ihnen bekannt, aber Zch wiederhole den Ausdruck derselben aufs wärmste bet diesem Anlaß, indem Ich Sie bitte, mit Rat und That der Sache treu zu bleiben, der Sie aus Ueberzeugung manches Opfer gebracht und manche Stunde Ihrer besetzten Zeit gewidmet haben. Möchte es in dem neuen Wirkungskreise Ihnen Wohlergehen und möchten Sie mit der Ueberzeugung scheiden, daß Ihre Verdienste um unser gemeinsames Werk Ihnen ein dauerndes und herzliches Andenken in unserer Mitte sichern. Homburg vor der Höhe, den 1. August 1885. (gez.) Augusta.—Prinz Wilhelm von Preußen, Major L la suite ves 1. Garde- RegtmentS zu Fuß und des Garde - Husaren - Regiments, ist, dem „Militär-Wochenblatt" zufolge, mit dem 8. d. M. von der Dienstleistung bet dem erstgenannten Regiment beziehungsweise von der ihm übertragenen Führung des 1. Bataillons desselben entbunden.—Der „Reichsanzeiger" schreibt: Der UuterstaatSsekretär v.Homeyer ist zum wirklichen Geheimen Rate mit dem Prädtkal „Exzellenz" ernannt worden.—Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht ferner ein V-rbot der ferneren Verbreitung der „Amerikanischen Turvzeitung", einer turnerischen Ausgabe der Freidenker, im Reichsgebiete, nachsem eine solche für Bayern bereits verboten worden ist. — Laut einer Meldung aus Kiel ist das Torpedoboot Rr. 3 infolge einer Kollision mit dem Torpedoboote Nr. 8 im Laugelander Belt (zwischen den
dänischen Inseln Langeland und Laaland) gesunken und der Maschinisten - Maat Dorpitz ertrunken. Die Korvette „Blücher" und das Schulschiff „Ulan" sind mit Prähmen (niedrige, flache Fahrzeuge) von Kiel abgegangen, um Hebeversuche vorzunehmen. — Während der Anwesenheit der Telegraphenkonferenz in Berlin werden auf dem hiesigen Haupttelegraphenamte fortgesetzt Versuche mit den neuesten Apparaten zur Beschleunigung des TelegrophierenS angestellt. Die Erfinder dieser Apparate, die Herren Baudot und Estienne aus Paris und der Herr Teufelhart aus Wien sind zu diesem Zweck vor einigen Tagen in Berlin eingetroffen. Bei den Apparaten Bandot und Teufelhart handelt es sich um das Gegensprechen mit dem Drucktelegraphen (System Hughes), während der Estienne im wesentlichen auf oem Morse - System beruht und in der That brauchbare Verbefferungen desselben verwirklicht. — In Creisau, dem Gute des Grafen Moltke, wurde letzten Sonntag die jüngstgeboreue Tochter des Hauptmanns v. Moltke getauft, bei welcher der greife Marschall Pateustelle vertrat Später kam das Gespräch auf die Vorgänge in Spanien. Der Felsmarschall hörte ruhig zu und meinte dann nur: «Mir thut der König von Spanien leid!" So berichtet wenigstens das „Schweidn. Tgbt.". — Mehrere französische Offiziere haben dem „Berl. Tagbl." zufolge in Zivil- tiebung und ohne Erlaubnis der deutschen Militärbehörde den Manöver» deL Gardekorps bei Buch an der Stettiner Bahn beiwohnen wollen; man hat ste indeffen alsbald als Offiziere erkannt und ste mit höflicher Enschiedenheit entfernt.
— Die vom preußischen Fiskus gegen den Reichstags abgeordneten Kräcker erhobene Diätenklage stützt sich, wie der „Volksztg." mttgeteilt wird, im wesentlichen ans folgendes: Es sei dem Artikel 32 der ReiLSverfafsnng zuwider aus Beiträgen von GesinnungSgenoffen der sozialdemokratischen Partei ein Fonds zusammengebracht worden, aus welchem ihren Vertretern tm Reichstage Diäten gezahlt worden seien. Ueber die Entstehung und Verwendung dieses Fonds werden die auf dem Gothaer Kongreß im August 1876 gehaltenen Reden, betreffend Feststellung der Diäten für die Reichstagsmitglieder der Partei, angeführt. Daß der DiätenfondS noch existiere, wird auf Nr. 8 des „Sozialdemokrat" vom 21. Februar 1884, in welcher zu entsprechenden Beiträgen ausgefordert, sowie auf Nr. 11 derselben Zeitschrift vom 12. März 1885, worin über den Eingang derartiger Beiträge unter Unterstützungsfonds D quittiert werde, verwiesen. Weiter wird auf einen Leitartikel tu Nr. 106 vom 8. Mai 1885 deS „Berl. Volks bl." hingewiesen, aus deffen Inhalt hervorgehe, daß die sozialdemokratischen Reichstagsmitglieder ohne Rücksicht auf ihre Privat- fUIIung neuerdings 4 Mk. Diäten pro Tag bezogen haben. Zu denjenigen, welche aus dem vorerwähnten DiätenfondS
der sozialdemokratischen Partei Diäten in ihrer Eigenschaft als in Berlin anwesende Reichstagsmitglieder erhalten und in ihrem Nutzen verwendet haben, gehöre auch der Beklagte und wird dieserhalb auf das ZengniSi der Herren Bebel, Liebknecht, Rittinghausen, Spindler, Singer, Fritsche und Haffelmann rekurriert und eventuell der Eid zugeschoben. Während der vorigen und jetzigen Legislaturperiode weisen dem Beklagten 404 Tage, pro Tag mit 4 Mk. 50 Pfg., in Anrechnung gebracht, was die Summe von 1818 Mk. ergiebt, welche an den preußischen FiSkuS herausgezahlt werden solle, denn es müffe mit den Staats- rechtslehrern von Martitz, von Mohl, Laband und Zorn angenommen werden, daß den ReichStagSmitgliederu auch der Bezug von Entschädigungen ans Privatmitteln untersagt ist, nicht blos derjenige aus Mitteln des Reichs, eines Bundesstaates oder einer sonstigen öffentlichen Korporation, denn der Wortlaut des Artikels 32 verbiete den Bezug von Besoldung und Entschädigung schlechthin und ohne Unterscheidung oder Begrenzung der Bezugsquelle. Der Ausdruck „Besoldung" scheine zwar auf einen Bezug aus öffentlichen Mitteln hinzudeuten, hinsichtlich des Ausdrucks „Entschädigung" fehle es an jedem sprachlichen Grunde, demselben hier nicht die regelmäßige allgemeine Bedeutung, sondern nur die eingeschränkte einer Entschädigung aus öffentlichen Mitteln beizulegen. Dazu komme, daß die von den Gegnern verteidigte engere Deutung nicht in Einklang zu bringen sei mit der gesetzgeberischen Tendenz deS Art. 32. Diese sei seitens der verbündeten Regierungen im konstituierenden Reichstage 1867 wiederholt und ausdrücklich dahin gekennzeichnet worden, daß der Fortfall von Diäten und Entschädigungen ein Sicherungsventil gegen die möglichen, das öffentliche Wohl gefährdenden Wirkungen deS allgemeinen dtr-kten Wahlrechts sein solle. Dadurch, daß die mit der Uebernahme der Mitgliedschaft im Reichstage verbundenen pekuniären Opfer und Lasten den einzelnen Mitgliedern selbst zur Last fallen, soll verhütet werden, daß in der Körperschaft sich solche Elemente einbürgern,' deren finanzielle abhängige Lage ste nicht geeignet erscheinen lasten für die Uebernahme der einem ReichStagSmitgliede zugewiesenen, in der Voraussetzung persönlicher Selbstständigkeit (Artikel 29 der ReichSverfaflnng) beruhenden Aufgaben. Und nun folgen Zitate aus den stenographischen Berichten Seite 706 ff. gelegentlich der Beratung des Artikels 32 im Jahre 1867, ans welchen hervorgehen soll, daß der Bezug von Entschädigungen aus Privatmitteln den Reichstags-Abgeordneten untersagt ist. Wenn nun nach Obigem zwar auf strafrechtlichem Wege nach der bestehenden Gesetzgebung gegen die in Rede stehende Ser» fastungSwidrigkeit nicht vorgegangen werden könne, so sei doch klar, daß Abgeordnete, welche der Vorschrift in Art. 32
Die lustige Lies.
Eine Geschichte aus dem Posen'schen von A. Gnevkow.
(Schluß.)
Leise legte die Alte das Päckchen noch vorhandener Briefe in die Hände der jungen Frau und flüsterte dringend: „Die Nacht kommt, Kind, die dunkle Nacht, darum lies Du weiter, zwei, drei, vier, fünf Schreiben flnd's noch, und ich muß sie alle wisten, denn ste nahmen mich nicht mit zum Hochzeitsmahl, Die dummen Menschen, und wenn fie nun zurückkommeu, erzähle ich ihnen die Katergeschicht. Lies, Kind, lies," und ste stützte die Ellenbogen auf die Knie, legte den Kopf hinein und richtete die Augen, die nicht mehr richtig zu erkennen vermochten, auf die Besucherin.
Liesbeths Züge gewannen Leben, ihre Finger umfaßten fest das Päckchm Papiere, ihre Augen fentien sich darauf nieder, die Brust hob sich in unregelmäßigen Zügen, und plötzlich sprang ste auf, schob den Stuhl weit zurück, eilte trotz deS Rufe» der Alten zur Thür hinaus, weit fort, bis in den verstecktesten Winkel des Gartens, wo sie willenlos in die Knie sank, die Schreiben vor sich auf dem Schoß und mit der einen Hand die Augen bedeckend.
_ Ach hätte ste nie lesen gelernt, nie im Lesen in der Schule als die Beste gegolten, denn, war es ein Spiel der Hölle, das mit ihr vorging, ein böser Traum, der sie gefangen nahm, oder Wahrheit, Wahrheit, daß sie den Beweis in Händen hielt, wie chr der Fritz noch jederzeit m treuer Liebe angehangen. Lag nicht in einem der letzten Briefe die Schiffskarte eingeschlvffen, die sie zu chm führen sollte, und hatte ste nicht mit brennenden Blicken die Worte gelesen: „Du bist gar zu vorsichtig, Lies, daß Du mir nicht einmal Antwort giebst, und ich steh doch ost bittre Angst «ns, wenn ich mich so an Niemand «enden kann,
Nachfrag nach Dir za halten. Nun aber ist Alles gut, in drei Wochen kannst Du bei mir sein, denn die Karr', die ich Dir schick, ist für ein Dampfschiff und Du brauchst nimmer so lang auf dem Waffer zu bleiben, wie ichl" — „In drei Wochen," o, es war zum Verzweifeln, und ein», zweimal flüsterte die junge Frau die Worte des Schreibens vor sich hin, bis ste sie wie wahnsinnig, lachmd und weinend hinausstieß, die Papiere an sich drückte, sie dann in den Händen zerknitterte und au« dem Garten hinausüef ins Freie, wo die Dämmerung allmählich mehr zugenommen und der Nebel in weichen, luftigen Gebilden aufstiep.
Die Hochzeitsgesellschaft saß noch scherzend und lärmend zusammen, als sich der Hann mit stieren Blicken umsah und nach seiner Schwester verlangte, deren Fortgehen er kaum gesehen.
„Sie ist irn Dorfe bei der Müllersfrau, auf dem Kirchhof," hieß es durcheinander, aber ein Jeder fing jetzt an, die Brant zu vermiffen, und der Andreas schlug mit geballter Faust auf den Tisch und behauptete, er werde eS bet Lies gedenken, daß ste am Hochzeitstag so wild von ihm fortgelaufen,
Neues Gelächter, neckende Reden hin und her, als aber Stunde um Stunde verging und die junge Frau nicht erschien, begannen die Mädchen sich Schauergeschichten zu erzählen von den Irrlichtern, die den Wanderer verführten und zum Sumpf hinlockten, von nächllichen Erscheinnngen und nnheimlichen TvdeSarten.
„Wer weiß, ob die Irrlichter nicht fie verwirrt gemacht und ine Waffer getrieben," flüsterten und tnschelten fie durcheinander und wie daS Gespräch an die Ohren des Schneiderhauu drang, gewann sein Gesicht wieder an Klarheit, er stand auf, griff nach der Mütze und Laterne und ging hinaus.
Still folgten ihm Andreas und die meisten der Hoch- zeitsgäste, nur Caroline blieb und tief lachend nach, weit würden sie nicht zu suchen brauchen, die Stelle, wo der Fritz die Lies zum letzten Mal geküßt, könne ja nicht jenseits des Waldes liegen.
Weit war es nun eben nicht, wo ste die Lies fanden, denn der Bach, der so gar arg angeschwollen, daß er die Brück« nicht über sich gelitten und weggetiffen, floß dicht hinter den letzten Häusern deS Dorfes entlang und er hatte den Körper der Todten, der Ruhe in feinen Fluten gesucht, mit rauher Gewatt wieder hinauSgeworfen auf den Uferfanb, der sich nur mäßig vom Waffer abhob.
Dort fanden die Suchenden die lustige Lies, und wie sich Hann mit todtenbleichem Gesicht von der Leiche erhob, über die er sich geworfen, griff er mechanisch nach dem weißen Papiere, das neben ihr lag und das der Wind wohl anfs Trockene gejagt, und nach dem Päckchm anfge» weichler Briefe, das sie fest in der geschloffenen Hand hiät.
Still trugen die Männer dm Körper der Entschlafenm dann nach Hanfe; als Caroline sich aber schreiend und weinend der Leiche nähern wollte, zog ste eine rauhe Hand ungestüm zur Seite und der Schnelderhaun beutet« stamm auf di« Schreiben aue Amerika, die ihr trotz ihres zerstörten Aussehens gar wohl bekannt waren.--
Lange wußte Fritz Siebt« im fernen Erdteil warten, ehe er Nachricht bekam, warum die Geliebte ansblieb und nimmer kam, ob er auch Kunde von jedem anlangendm Schiffe einzog. Als ihn dann aber mdlich nach Jahr und Tag ein gebeugter, bleicher Mann aufsuchte, der daheim seine Schwester, späterhin auch fein einzig Kind begrab« und der sein schlechte« Weib onlaffm, da blieb ihm nichts als die Erinnerung an die lästige Lies, sein treues Lieb in der deutschen Erd«.