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«r. 911

Marburg, Mittwoch, 9. September 1885.

XX. Jahrgmg

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. — Quartal» AbonnementS»Preis bei der Expedition 2y4 Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (efd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Vsg. Reklamen für die Zelle 25 Vs,.

GecheUlhe Jcitmig

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, s owied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankurt a. M., Kassel, ivtagdeburg und Wien: Rudolf Moste in Frankfurt ♦ 0. DL, Berlin,München und

Adln: ®. L- Daube und Co. in Frankfurt a. SR., Berltn,Hanuover u. Paris.

Wöcheutliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Zllnstriertes Sonntagsblatt.

Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Die Antworte« a«f die Umfrage« bezüglich veS unbedingten Verbotes der SountagSarbeit werden nach und rach bekannt; natürlich liegt erst ein ge­ringer Bruchteil vor, aber will man daraus auf das Ge- famtrefultat schließen, so wird daS letztere sich zu einer scharfen Verurteilung der übertriebenen Agitation zu gunsten der Sonntagsruhe gestatten. Es finden sich in den Ant­worten ganz außerordentlich drastische Aeußerungen, die aber den Nagel auf den Kopf treffen. Der VolkSmund feilt nicht lange an seinen Meinungsäußerungen herum, derb und kräftig kommt da ost die Ansicht zutage, und das ist im vorliegenden Falle sehr gut. Wir wollen hier keine Beispiele bringen, die amtlichen Publikationen werden dafür schon zur Genüge sorgen. Bemerkenswert ist, daß nicht nur die Arbeitgeber, sondern zum bedeutenden Teil auch die Arbeiter selber sich für notwendige SonntagSarbett aus­sprechen. So viel Einsicht hat doch die große Mehrzahl der nach den Behauptungen der Sozialdemokraten »Unter« drückten*, daß sie weiß, ob eine Arbeit bis zum Montag zurückgelegt werden kann oder am Sonntag angeferttgt werden muß, und darnach fallen auch die Antworten aus. Weiter ergeben aber die Umfragen, daß eine Sonntags- Heiligung bei uns in der Hauptsache schon besteht. Nur in ganz vereinzelten Fällen wtro in unmotivierter Weise der «vountag zum ganz gewöhnlichen Arbeitstag erniedrigt, und um hier einzuschreiten, bedarf eS keines großen Gesetz;«, das sür viele Industrien vernichtend wirken würde. Fest­gestellt ist außerdem, wa- hier gleich erwähnt sein mag, daß in dem frommen, sonntagheiltgenden England viel mehr gearbeitet wird, als in unserem angeblich gotlloseu Deutsch­land, daß ferner die Zahl der Betrunkenen Sonntags in England größer ist, als bet uns, die wir angeblich den Sonntag nicht heiligen sollen. Niemand hat nölig, uns jetzt noch — benlen wir auch an den MädLevskanval in dem bibelreichen London—die Engländer als Vorbild hin­zustellen; man muß dabei doch gar zu sehr an die Ge­schichte vom Pharisäer denken. Eine Sonntagsheiligung nur dem Namen nach, nur mit den Lippen, das ist keine SonntagShetligung, das ist Heuchelei. Und weil wir die eben nicht wollen, deshalb müssen wir gegen B'.strebungeu auftreten, .die, wenn sie es auch nicht wollen, dies Ziel doch erreichen werden.

Dann sagt mau immer noch, dir Industrie könne sich so einrichten, daß sie stets und ständig die SonntagSarseit zu entbehren im stände sei. Wer daS sagt, der hat einfach noch nicht rechtschaffen gearbeitet und hat keine blaff- Ahnung davon, wie eS im geschäftlichen Leben zugeht. Di-zeitweise SonntagSarbett kann weder die ganze dmtsche Industrie, noch überhaupt eine Totalindustrte der Erde entbehren. Jede Branche hat ihre sogenannte Saison, ihre Flut- und Ebbezeit. Da sind Wochen, in denen die Aufträge außer« gewöhnliche Dimensionen annehmen, die Maschinen und Hände bei angestrengtester Arbeit kaum leisten können, was

Die lustige Lies.

Eine Geschichte aus dem Posen'schen von A. Gnevkow.

tFortsetzung.)

Acht Monate waren verfloss«, seit Fritz gegangen, Novemberstürme hatten daS Laub von den Bäumen ge­weht, den stolze« Wald kahl und öde gemacht und auf Liesbeths Leben den Reif der Enttäuschung und Hoffnungs­losigkeit gebreitet, daß Gleichgültigkeit für ihr ferneres Leben an Stelle der früher«, frohen Zuversicht getreten.

Das warS auch wohl, was sie so müde und ergeben ein „3a* sprechen ließ, alS der Andreas sie zur Frau be­gehrte und Caroline und Hann ihm das Wort redeten, es galt ja gleich, wer sie auf seinen Hof einführte, und sie lehnte sich nur auf, als die Hochzeit so gar schnell ge­friert werdm sollte.

„Bier Monat laßt mir noch Zeit, vier kurze Monat,* bat sie mit zuckenden Lippen, und als ihr die Schwägerin einen bitterbösen Blick zuwarf, ging sie nach oben in ihre Kammer und weinte heiße Thräuen über ein Häufchen welker Kornblumen und trockener Aehren.

Vier Monate find eine lange Zeit, wenn man nicht Ursache hat, mit Furcht und Schreck« an ihren Abschluß zu denken, blickt man aber besorgt dem Ende entgegen, hat man in ihren Tag« nach Aeuderung von diesem oder jenem Nebel erhofft und ersehnt, dann gehen sie nur zu rasch hin und wir möchten sie auSdehuen, immer länger und länger, bi« uv« Erfüllung unserer Wünsche geworden.

So ging r« auch Liesbeth, die zum Erschrecken blaß und elend aussah, je mehr die Frist, die ste auSbedungen, sich neigte, und al« sie dann endlich im schönsten ländlichen

"Een, und wieder Wochen, in denen manche freie Stunde ist. Wie will man diese Kontraste vereinigen? Vorarbeitm auf gut Glück ist unter huntermal achtzigmal unmöglich und in den übrigen zwanzig ein so gewagtes Stück, daß man es dem BetriebSuuternehm r kaum ni» muten kann. Soll sich der Arbeitgeber in der flotten Seit eine größere Zahl neuer Arbeitskräfte annehmen? Gesetzt er thäte es und vermiede so die SonntagSarbett, was würde die Folge davon sein? Sobald die Saison vorüber wäre, würden die zuletzt Engagierten wieder brotlos sein, eine Menge für fie angeschaffter Arbeitsgeräte würde in der ganzen flauen Zeit als tote« Kapital daliegen, für welche der Betriebsinhaber keinerlei Entschädigung erhalten würde, wenn er ste sich nicht durch Preisaufschlag verschafft. Wo soll also da ein Vorteil au« dem unbedingten Verbot auch der notwendigen Sonntagsarbeit Herkommen? Nehmen wir weiter die Handwerker, beispielsweise die Schneider, Schuh» macher und ähnliche Geschäfte, die vor der Festzeit ohne Sonntagsarbeit absolut nicht fertig werden können; rechnen wir ferner die maffenhaften Kleinbetriebe, welche direkt auf den Sonntagsverkehr angewiesen sind und dann mehr ver- dienen, als in der ganzen Woche, die überhaupt mehr oder weniger vom SonntagSgeschäft leben, und sprechen wir dann noch von unbedingter Sonntagsheiligung! Es h-ißt unserem Christenglauben einen schlechten Dienst erweisen, unseren Mitmenschen durch eine drakonische Maßregel teilweise daS Brot zu nehmen I Glaubt man denn, daß solche Leute sich zu einer würdigen Sonntagsfeier noch werden begeistern können? DaS Gegenteil wird der Fall sein; und endlich, ist eS nicht beffer, am Sonntag eine kleine notwendige Arbeit zu thun, ÄS zu praffen?

Deutsche, Reich.

Berlin, 7. Sept. Der Kaiser begab sich mit dem Kronprinzen und dem Prinzen Heinrich vormittag« 91/1 Uhr auf om Stettiner Bahnhof, um dem heutigen Manöver de« Gardekorps beizuwohnen. — Die Kaiserin ist um 7/1 Uhr nach Baden-Baden abgereist. Der Kronprinz, Prinz Heinrich und die Erbprivzesstn von Meiningen gaben derselben bi« zum Bahnhof das Geleit. — Der Minister Dr. Lucius ist vor einigen Tagen in Konstan­tinopel eingetroffen, wo er etwa eine Woche zu verbringen gedenkt. Derselbe kommt aus Serbien nnd hat von da aus nach Philippopel denjenigen Weg eingeschlagen, welcher für die künftigen Anschlußbahnen ausersehen ist. — Der Amtsrichter Lossen aus Elsuß Lothringen ist mit der kom« miffarischen Wahrnehmung der Funktionen eine« deutschen Konsuls in Paris beauftragt worden. Man hat hierzu einen mit dem französischen Recht vertrauten Juristen ge­wählt, weil derselbe zugleich als R-chtSkousulent der deut­schen Botschaft in den au diese gelangenden rechtlichen Fragen zur Seite stehen soll. Diese früher vom OeL Zustizrat v. Rechten bekleidete jmMsche Stellung ist seit Schmuck-, den Mytthenkranz aus dem dunklen krausen Haar, dem Andreas zum Altar folgte, meinten die Seite, er hätte sich wohl die Todtenbraut aotraueu lassen, viil Freude könnte er doch nicht haben, wenn so ein Geist 6d ihm im Hofe und Hause umginge.

Da« Hochzeitsfest wurde auf dem Plan gefeiert und wieder der Kochkunst Carolinens alle Ehre angethan, wenn nur das Ganze etwas sauberer gewesen und die Unordnung ihr Regiment nicht in den Winkeln umher aufgeschlagen hätte. So aber schweiften die Augen des Schneiderhmn unablässig, fast ängstlich nach allen Richtungen, wo etwas nicht so ganz gehörig war, und wenn er sich dann scheu nach seinen Gästen umsah, ob auch Niemand etwa« davon gesehen, trank er einen mächtigen Schluck aus dem vor ihm stehenden Glase, ob aus Erleichterung oder ob aus Aerger, daß doch hin und wieder zwei Köpfe sich zusammen neigren und ein flüsterndes Gespräch begannen, wäre schwer zu sagen gewesen.

Caroline trug eine fast geräuschvolle Heiterkeit zur Schau, die aber durchaus erkünstelt war, dmn in ihrem Herzen hatte sich die bleiche Furcht eingenistet. War sie doch am frühen Morgen in ihre Kammer gegangen, um ble Briefe de« Fritz Siebte, die sie in ihrer Säsflgkeit ver­säumt, gleich nach ihrer Ankunft zu verbrennen, zusammen zu suchen unb sie zu zerstören, damit Alle« vernichtet sei, was sie an die vergangene Zeit zu mahnen vermochte.

Sorgsam hatte sie die einzeln« Schreiben zusammm- geschichiet, ste mit einem Bande umbundrn und in die gesteckt, denn bet dem Besuche, den fie der Muhme Müller in der Frühstunde noch zu machen gedachte, konnte ste sich des Päckchens leicht entiebigen, ste brauchte eS ja

deffen im vorigen Herbst erfolgten Tod noch nicht wieder besetzt nwrben. Alles die« läßt darauf schließen, daß die Reichsregierung die spätere definittve Errichtung eines deutschen Konsulats in Paris in ernstliche Aussicht ge­nommen zu haben scheint. — ES verlautet der „M. Z.* zufolge mit Bestimmtheit, daß die PenstonSgesetze in bet nächsten Session des Reichstage« erneut eingebracht werden. Es heißt, der zuletzt vorgelegte Entwurf werde keiner Um­arbeitung unterzogen werden. Man hofft, den bisherigen Widerspruch des Reichstages durch eine Verständigung be­seitigen zu können und geht dabei wohl von der Annahme au«, daß für diese Verständigung ein Zusammenwirken des Zentrums mit der Rechten sich werde ermöglichen laffen. Es ist ferner die ausgesprochene Absicht der Regierung, in der bevorstehenden Session alles zu erledigen, was in das Gebiet der Unfallversicherung der Arbeiter gehört, und in der nächsten oder, wenn dies nicht thunlich fein sollte, in der folgenden und letzten Session der laufenden Legislatur- Periode den Entwurf über die Altersversicherung der Ar­beiter vorlegen zu können. — Den Gerichtsbehörden ist amtlich ein Erkenntnis deö Reichsgerichts mitgeteilt worb«, wonach Versteigerungs-Verhandlungen städtischer Pfandleih- Anstalten stempelpfltchtig find. — Die Bundesrats - AuS- schüffe haben heute wieder eine Sitzung zur Vorberatung der AuSsührungSbestimmungen zum Börsensteuergesetz ab­gehalten. Eine Reihe rein formeller Bestimmungen wurden nach dem Vorschläge der Regierung angenommen. Die materiell wichtigen Bestimmungen unterliegen noch der Be­ratung. Die erste Plenarsitzung wird Mitte nächster Woche staitfiuden.

— Das Aktenstück, durch welches die spanische Souve- ränetät über sämtliche Karolinen« unb Palao - Inseln als über allen Zweifel erhaben hingestellt werben soll, wirb von ber offiziösen „Konespondencia be Espana* veröffent­licht und lautet in wörtlicher Uebersetzuug: Im Namen des Allmächtigen Gottes und im Namen Don Alfonso XU,, Königs von Spanien: Die Unterzeichneten, Aba Thule, König von Korror, und Ereklse, Bruder und Bevollmäch­tigter des Arra Klaye, König« von Artingol, versammelt in ber Kajüte de« Herrn Kommanbanten be« Kreuzer« „Velasko* anerkennen feierlich vor bem Herrn Komman­danten des Kreuzers „Balesko* den Schutz des König- Don Alfonso XII. und die unzweifelhafte Souveränetät desselben über die Karolinen- und Palao-Inseln; besagte Könige Aba Thule von Korror und Arra Klaye von Ar­tingol schließen ferner in brüderlicher und dauerhafter Freundschaft einen Frieden auf Grund des Waffenstill­standes, den fie dem Herrn Kommandanten des Schiffe« Ihrer britischen Majestät „Espiegle* verdanken; also ver­pflichten sich besagte Könige, den Vorstellungen und Be« mühungen genannten Vertreter« nachgebend, in einem brüder­lichen und dauernden Frieden mit einander zu leben, von bem Augenblicke ber Unterzstchnung biefer in drei Exem-

| nur in den Bach zu werfen, deffen Waffer die Schrift 'zerflören^ da« Papier durchweichen würde. Auf dem Hin- wege hinderten fie spielende Kinder, die vom Ufer nach ihr blicken, an ihrem Vorhaben, und al« sie bei ber Rückkehr W die Tasche griff j, war da« Packet fort, verlor«, wahr­scheinlich durch eine schadhafte Stelle der Tasche, die fie nicht beachtet, hindurch geglitten. Da« »ar«, wa« ihre Stimmung am Hochzeitstage zu einer lärmenden, unge­berdigen machte, was ste übermäßig viel schwatz« und sprechen ließ, um daS Gespenst zu verscheuchen, da« ihr unablässtg ins Ohr schrie: „Wie wird'S werden, wie wird'S werden, wenn die Briefe, die Du vergebens gesucht, Andere finden, Andere, vielleicht die LieS selbst.*

In der Abenddämmerung ging Liesbeth noch einmal zum Dorfe, um die Gräber ber Elte« zu besuchen unb ihrer Schwiegermutter, ber Müllerfrau, ein Willkomm« }u bieten, ba diese ber Krankheit weg«, zu Hause und vom Feste fern geblieben.

Der Andreas wollte ffeine Junge Frau begleit«, sdie Burschen und Mädchm erboten sich znm Mitgehen, die Liese aber wehrte Alle ab unb ging nun allein d« Pfad, dm sie vor einem Jahr so frisch und fröhlich betreten und der sich jetzt, wie eine Schlange, durch die kahlen Felder mit den kurzen, hart« Stoppeln zog.

Am Grabe der alten Wagners kniete fie nieder unb segnete sich mit bem Kreuz, benn nun war ja Alle« vorbei, Jugend und Frohsinn, Hoffen und Harr«, und wie sie starren Auges sich wieder erhob unb zum Weitergehen an- schickte, ließ sie au« ihrer Hand ein paar welke Blum« auf dm Hügel sinken, die letzte Erstmemug an ihr ent« schwundeues Glück. (Fortsetzung folgt)