Rt. 910.
IRatÖurg, Dienstag, 8. September 1885.
XL Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Soiiutagsblatt.
,Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Die Beschimpfung des deutschen GesaudtschaftshotelS tu Madrid.
Die spanische Angelegenheit, die sich aus dem Streit über den Besitz der Karolineninselu in der Südsee entwickelt, hat plötzlich ein ernsteres Aussehen erhalten; ein ernstes können wir vorläufig noch nicht sagen und wollen auch hoffen, daß es dahin nicht fommt Aber ernster ist die Sache jedenfalls geworden, seitdem sich die Bevölkerung von Madrid in der Nacht zum Sonnabend zu einer Beschimpfung des deutschen GesaudtschaftshotelS hat hinreißen lasten, weil die Besetzung der zu den Karolinen gehörigen Insel Yap nunmehr von Deutschen vollzogen ist. Liegt darin eine Schuld? Mau höre weiter: Vom 22.—24. August hat der spanische Dampfer .Manila" vor der Insel geweilt, um die Flagge seines Staates dort aufzuhisten; er hat es aber nicht gelhau. Warum nicht, nachdem angeblich schon vor einem Vierteljahre von Madrid aus der Befehl dazu erteilt war? Hier herrscht ein Dunkel, daS jetzt noch nicht zu lüsten ist, aus deu Thatsachen geht aber hervor, daß Spanten bei der versuchten Inbesitznahme der Inseln in einer so zweifelhaften Weise vorging, als glaube es selbst nicht an sein Recht. Am 24. August abend« erst traf ein deutsches Kanonenboot ein, das die RcichSflagge aufhißte, die Insel besetzte. Die Spanier protestierten dagegen; aber wcShalb handelten sie denn vorher nicht, da sie mehr als genügend Zeit hatten? Die Nachricht traf am Freitag Abend in Spanien ein und hat dort kvlostale Aufregung hervorgerufen. Ungemein zahlreiche Kundgebungen gegen Deutschlano haben stattgefunden, die Republikaner traten offen hervor, und an Krawallen hat es so nicht gefehlt. Namentlich versuchten in Cadix die Revolutionäre einen Putsch, wurden aber nach mehreren Stunden auSeinander- gejagt. Am schlimmsten gestalteten sich die Dinge in Madrid. Dichte Meuscheumasten durchzogen die Straßen, und die Lage wurde so drohend, daß die Garnison unter Waffen trat. Die Minister und Generäle traten zu Besprechungen zusammen. Die Volksmaste zog vor die deutsche Gesandtschaft, warf die Fenster ein, riß daS deutsche Wappen samt den Fahnenstangen herunter und verbrannte alles öffentlich unter dem Rus; »Nieder mit Deutschland!" Dann zog man vor die französische Gesandtschaft und das Haus des Generals Kalamanca, der seinen deutschen Orden zurückgesandt, unv brach in Hochrufe aus. Die Polizei schritt ein und verhaftete ca. 60 Personen, war aber zu schwach und mußte einen Gefangenen wieder freigeben. Daraufhin wurden Truppen kommandiert, welche endlich die Menge zerstreuten. Am Sonnabend war die Stadt ruhiger; zunächst wurde der Polizeioffizier, der den Gefangenen entlasten, seiner Stelle entsetzt und dann versucht, alle Ansammlungen zu verhindern. Vormittags kehrte der deutsche Gesandte, Graf Solms, der in La Granja sich aufgehalten, nach Madrid zurück, und wurde von Mstgliederu der Zivtl-
Dte lustige Lies.
Eine Geschichte aus dem Posen'schen von A. Gnevkow.
lFortsehung.)
»Hätte sie nur eine Seele gehabt, um einmal ein Wörtchen über den Fernen austauschen zu können, aber dem Hann und der Caroline durfte sie damit nicht kommen, denen trat sie fern und ferner, je mehr nach außen hin geprunkt und geprahlt wurde, im Innern des Hauses aber Unordnung und Unsauberkeit überhand nahmen, und ins Dorf hinein, wo dieser oder jener Bursch mit dem Fritz Siebte Bekanntschaft gehabt, kam sie nur sehr, sehr selten.
Gern wäre sie in dieser Zest der Schwägerin in allen Stücken zur Hand gegangen, Arbeit half j, so gut die Zeit hiobringen, und oft hob sie die kräftigen Arme in die Höh, im Vollgefühl der Kraft, noch Manches anders im Hause gestalten zu können, daS dem Bruder jetzt so schlecht behagte, daß er mehr und mehr sich in der Stadt zu schaffen machte und oft erst spät Abends nach Haus kam; wenn er Einkäufe dort zu machen gehabt. Caroline aber wehrte mit fast ärgerlicher Heftigkeit der Liesbeth jede Arbeit, denn noch wußten die Gäste, die sich häufig ein- stellten, des Lobens kein Ende über die tüchtige, allzeit stilendide Wirthin, und ihre Eifersucht ließ kaum zu, daß sich das Mädchen des kleinen Knaben annahm, der unter der Unordnung seiner Mutter und deren häufigen AuSaäuaeu nicht wenig zu leidm hatte.
Mehr als je stand die Schneiderfrau jetzt mst dem Hause des Müllers im Zusammenhänge, denn wie ein drohendes Gespmst schwebte der Termin vor ihren Augen, to dm LieSbeth mündig wurde, ein Termin, der in kaum
behördeu mit einer starken Eskorte nach seinem Hotel ge- 3m Laufe des Tages faud dann ein Ministerrat unter Vorsitz König Alfonsos statt. Es läßt sich annehmen, daß derselbe die Sachlage ruhig erwogen haben wird, doch ist ein Rücktritt des Ministeriums CanuovaS und ein Ersatz durch den liberalen Sagasta nicht auSgeschlosten. Wirkliche Gefahr erwachsen und ernste Verwicklungen heraufbeschwören könnte nur eine Revolution, welche an Stelle der Monarchie die Republik einführte; indesten scheint eS nicht, als ob es dahin kommen sollte. Sonnabend Abend fand vor dem königlichen Palaste in Madrid eine Kundgebung statt unter den Rufen: „Es lebe Spanien! Es lebe König Alfonso!" Die Haltung der Menge war eine ruhigere. Beachtenswert ist die Aufnahme, welche der Vorfall in den Kreisen der Reichsregierung hervorgerufen. Dir »Nordd. Allg. Ztg.", Fürst Bismarcks Blatt, schreibt in ihrer letzten Sonntagsnummer:
»ES kann kaum ausbleiben, daß die Vorfälle in »Madrid eine gewisse Erregung in dem Geiste der deut- »schen Leser Hervorrufen weroen; vor allem dürfte ein „hoher Grad von Verwunderung Platz greifen, da in »den Augen jedes Unbefangenen der ganze Verlauf der »Karolinen - Angelegenheit bisher kein Moment geboten „hat, aus welchem das zügellose Treiben der Madrider »Tumultanten sich erklären ließe. Aber derlei Vorgänge „wollen nicht nach den ersten Eindrücken beurteilt werden. „Es giebt im Leben der Völker Augenblicke, in denen „selbst eine kräftige Regierung, wie z. B. die preußische, „sich vorübergehend außer Stande sehen könnte, Aus- »schreitungen zu verhüten. Im vorliegenden Fall wird »hoffertlich, wenn nicht auf anderem Wege, doch jeden- »falls durch gerichtliche Untersuchung, klargestellt werden, »was für Leute es warm und von welchen Impulsen „geleitet, die zu jedem Mittel greifen, um Feindschaft »zwischen Deutschland und Spanien zu stiften."
Maßvoll ist die Reichöregierung in der Karoliuen- srage von vornherein aufgetreten, maßvoll ist sie auch angesichts der Beschimpfung geblieben, welche dem Hause des deutschen Vertreters zugefügt worden ist. Die Hauptschuld an all den leidigen Vorgängen fällt entschieden der spanischen Regierung zu, die, wie die offizielle Madrider Note aus voriger Woche beweist, ihren Feyler eingesehen hat, aber zu spät. Sie hat die harmlose Karolinenfrage, die in aller Stille geschlichtet werden konnte, zum Gegenstand der Volks- letdenschaft gemacht, die Bewegung hervorgerufen, der sich jetzt zum großen Teile Republikaner und Frauzvsenfreunde bemächtigt. Weshalb hat ferner die spanische Regierung die Karolinen nicht längst besetzen lasten, weshalb haben ihre Schiffe dort 3 Tage müßig gelegen? Gegen die Deutsche« tobt Die Madrider Bevölkerung aus, was ihre eiaenen Minister verschuldet. Wir «ollen es ihnen nicht nach- tragen, das wäre zudem ganz zwecklos, vielmehr wünschen, einem halben Zahre stattfaud und der das Mädchen berechtigte, daS Erbteil der Eltern von ihrem Bruder zu fordern. Bis dahin mußte der Ehekontrakt mit dem Andrea» im Rünen sein, bis dahin mußte die Lies, als die Frau des reichen Müllersohnes, dazu bestimmt werden, die Summe ruhig auf dem Häuschen des Schneiderhann stehen zu lassen, denn das Gelv zu beschaffen war unmöglich, und die Mülle» s:eut würden die Schande fürchten, eine befreundete Famllte zum Sturz zu bringen. Noch lag der Sonnenschein auf dem Gesichte der lustigen Lies und das Versprechen des Fritz, ihr gleich nach seiner Ankunft in Amerika 8« schreiben, klang in ihrer Seele nach, ihr da» Wartm von einem Tage zum andern erträglich machend, als schon die Schneiderfrau einen Brief aus dem fernen Weltteil, den sie dem Postboten heimlich abgenommen, mst zitternden Händen in ihre Kammer trug, nachdem fie dem Briefträger einen reichen Lohn geboten, wenn er ihr die Schreiben, die an LieSbeth ankämen, zustellte.
Wie hoffnungsreich schrieb der Fritz, wie freudig sah er der kommenden Zett entgegen, unv rote war es ihm geglückt, gleich beim Landen eine einträgliche Stelle zu finden, die iym einen guten Nebenverdienst abroarf. »Kaum zwölf M°nat wtrd es dauern," hieß e» in den Zellen, „bann schick ich D-r bk Karr', Sie», unb Du sollst sehen, wie gut e« uns gehen wird, wenn Du zumal noch bie paar Thaler jut Einrichtung milbringst, bie Dir in biefer Zeit vom Hann ausg zahlt werben wüsten. Vielleicht reicht« dann noch, baß wir uns ein Schwein, eine Kuh, ein paar Hühner halten, wie baheim die Bauersleut, und hantierst Du im Hause unb Hofe herum, wird Dir da» Heimweh nach Mserm Dorfe nicht kommen."
DaS warm mm nach der Ansicht der Schneiderst«
daß es König Alfonso und seinen RätenZ gelingen möge, den Sturm zu überstehen. Eine Monarchie wird die Friedensliebe des deutschen Reiches stets zu würdigen wisteu, eine Republik in Spanien würde gegenwärtig nur der Diener Frankreichs fein, ihre Errichtung würde die Pariser Revanchegelüste immer steigern. Diese größere Gefahr kann ein Sieg der Republikaner in Spanien zur Folge haben.
Wie weiter oben schon erwähnt, liegt aber noch kein Anlaß vor, anzunehmen, daß König Alfonso der Karolinm- frage zum Opfer fallen wird. Nicht alles Feuer, welches sich im fernen Süden entzündet, hält dauerhafte Glut, es ist auch viel Strohfeuer darunter. Das Volk von Madrid hat sich gleichzeitig von feinem heißen Blut und von Agitatoren fortreißen lasten; giebt es ruhigerer Ueberleguug Raum, so wird eS erkennen, daß eS eine Nation beleidigte, die ihm nie etwas that. Wir wiederholen: die Lage hat sich ernster gestaltet, aber noch ist kein Anlaß vorhanden, zu glauben, es könnten sich kriegerische Konflikte entwickeln. Wir Deutschen aber können den Madrider Ereignissen gegenüber stolz darauf fein, daß wir diesem blinden Toben gegenüber nicht unsere Würde außer Augen gelaflm haben.
Ueber die deutsche Gesandtschaft in Madrid, den Schauplatz der letzten Exzeste, schreist mau der „Nat.-Ztg.": die deutsche Gesandtschaft bewohnt in der Straße Zsabella la Catolica den mittleren Stock. Die genannte Straße gehört keineswegs zu den größeren der spanischen Residenz, ist vielmehr ziemlich mg und winkelig; umgeben ist die Straße von Quartieren, die durch die nieveren Klasten der Madrider Bevölkerung bewohnt werden. Um zu dem Wappen über der nur mäßig hohen HauSthür zu gelangen, bedarf eS keiner besonderen Vorbereitung. Die Entwicklung von Militärmacht in der engen Straße mit selbst für Madrid mangelhaften Zugängen ist allerdings nicht ohne Schwierigkeit, es läßt sich leicht benten, daß eia aus der Nachbarschaft zusammengeströmter Mob für eine Zeitlang in dieser Straße dominieren kann. Die Erdgeschotzfenster find nach Madrider Sitte vergittert, da zu den Volksvergnügen der spanischen Restdeuzler neben den Stiergefechten von Zeit zu Zeit ein Straßenauflauf und eine Revolution gehört, die feit einer für spanische Begriffe außerordentlich langen Zelt sistiert waren, so ist der Eifer, welchen der Madrider Pöbel bei dieser Gelegenheit entwickelte, umso verständlicher. Dagegen darf man al» sicher annehmen, daß innerhalb Der demonstrierenden Masse über die Lage and Bedeutung der Karolinen gar keine oder höchst verwirrte Begriffe existieren!
Deutsche- Reich.
Berlin, 5. Sept. Der Kaiser ist abends 8*/* Uhr wohlbehalten von den Manöver« bei Pritzwalk hierher zuganz abscheuliche Worte, und den Kopf ängstlich umweudmd, ob es auch keinen unberufenen Lauscher in bet Nähe gebe, warf sie ben Brief in eine Truhe, deckte alte» Zeug barüber und schloß sie bann sorglich zu.
Liese hoffte und harrte weiter, aber ihre Augen verloren etwas an Glanz, ihre Wangen waren nicht mehr so frisch, und zuweilen konnte sie über ben Knaben fort, ben fie auf bem Schoße hielt, Minuten- und stundenlang in die weite, weite Ferne starren.
Wa» er wohl machen mochte in dem fremden Welt« teile, wo die Menschen eine andere Sprache hatten al- ring« um ihr Heimatsdörfchen, wo die Bäume höher, viel höher als der Kirchthurm, gen Himmel ragten und wo man Wochen brauchte, um hin zu gelangen ? Ach es ist doch etwas Anderes, ein paar Mellen weit fort in ein anderes fremdes Dorf, als nach Amerika zu zieh«, wo mau nichts von einander hört und bie Briefe so leicht verloren gehen Wunen, benn baS mußte doch geschehen sein, weil ihr bet Fritz sonst gewiß längst Nachricht gegeben.
Unb bet Sommer kam, Veilchen und Primeln wichen den Rosen und Narziflen, aber Liesbeth sah nichts von alledem, ihr war nut so angst, so angst um» Herz, daß fie oft mit beiden Händen hingriff und unruhig hiuauSlief in die dufterfüllten Felder unb Wiesen.
Kein Brief vorn Fritz, kein Sterbenswörtchen, daß er sie nicht vergeffen, daß fie ihm nachkommen solle iu die neue Heimat, und doch mußte sie fort, fort aus der wüsten Unordnung, die die Schwägerin umgab, fort von dem Bruder, bet oft nach durchgefochtenen Streit mit bet Frau statten Blicke» nach bet Branntweinflasche griff, fort bon bem Elende, da» wie mst eiserner Klammer ihre Brust
(Fortsetzung folgt )