XX. Jahrgang
JRarGtirg, Sonntag, 6. September 1885.
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Die lustige Lies.
Eine Geschichte aus dem Posen'schen von A. Gnevkow.
tFortsetzung.)
Der Arm des jungen Mannes, der die Taille seines Mädchens umschlang, zitterte leicht, als er die harten Wort- des Urteils vernahm, das die Dorfleute über ihre Liebe gefällt. »Gott ist nicht fo rauh, wie die Menschen, Liese", sagte er endlich in tiefen Tönen, .und eine Sünde isr'S nimmermehr, daß wir uns so lieb, so lieb haben, daß wir uns niemals zu trennen vermögen. Laß alles hinter Dir, was Dir das Herz schwer macht, blick' nur in die Zukunft, wo wir zusammen thun wollen, wa» unS gehört, Du das kleine Erbteil, was Dir von den Eltern zukommt, ich meine paar ersparten Thaler; den Anfang giebt'S schon damit, bis wir uns mehr verdicuru und eins zu dem andern noch Hinzuthun können."
.Aber ich hab' nichts in Händen von dem, was wein eigen wird", flüsterte Liesbeth halblaut, .de« Bruder ist alles gegeben worden, als die Eltern die Augen zuthatru, uns erst, wenn ich mündig werd', braucht er mir meinen Anteil zu zahlen."
Das Gesicht des Burschen umdüsterte sich leicht, eine ganz« Weile hindurch herrschte tiefe Stille, dann aber flammte eS plötzlich in seinen Augen auf, seine Brust hob sich, ein tiefer Atemzug brach sich fast pfeifend Bahn, und fröhlich sagte er: .Wenn'S hier nicht ausreicht, so geht« nach Amerika, Lies, in Amerika läßt sich mit der Arbeit noch ein gut Stück weiterkommen, wie hier bei unS, und arbeiten will ich rechtschaffen, so Gott mir die «rast und Gesundheit läßt, wie hier zu Land. Ach Lies, gleich morgm möcht' ich mich ausmachen, und wir schön wirv'S sein, wenn
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sonntagsblatt
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Ioh. Ang. Koch.
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85 Pt«.
Von der Kaiserzusammenkunft in Kremsirr sind noch manche frohe Nachklänge zu verzeichnen. Besondere Beachtung verdient, daß der Zar und Kaiser Franz Joseph unserem Kaiser Wilhelm ein herzliches Telegramm übersendet haben, das mit einem gleichen beantwortet worden ist. Die Monarchen Laben in ihrer Depesche ausdrücklich hervorgehoben, sie hofften, die Kaisertage von Kremsier würden in ganz Europa als eine Kräftigung und Stärkung des Friedens betrachtet wercen. So gilt denn auch seit Kremsier die afghanische Grenzfrage als in der Hauptsache völlig beigelegt, und wenn Londoner Blätter von einem Bündnis zwischen Großbritannien und China gegen Rußland erzählen, so ist das eine der Enten, die um diese stille Jahreszeit maffenhaft aufflattern. Wo sie bleiben, davon merkt niemand etwas; sie kommen und verschwinden.
Aus unseren Kolonien ist mitzutellen, daß der deutsche Konsul Schmidt aus Deutschland wieder wohlbehalten in Kamerun eingetroffen ist. Die Verhältnisse daselbst scheinen sich ja nun ruhig und ordentlich zu gestalten. Vor Zanzibar liegt das deutsche Panzergeschwader noch immer und dürste auch nicht so schnell aufgelöst werden. Auf dem ostafrikanischen Festlande hat die deutsche ostafrikanische Gesellschaft mit der Anlage von 5 Militärstatiouen begonnen, um welche Plantagen eingerichtet werden sollen. Diese Stationen werden mit Kruppschen Geschützen armiert und erhallen zur Besatzung eingeborene Neger. Den Befehl führen ehemalige deutsche Offiziere. Erwähnt mag hier gleich sein, daß vor Wilhelmshaven ein ungemein großartiges Flottenmanöver statlstnset. Trotzdem so viele unserer Kriegsschiffe in überseeischen Meerm weilen, sind dort doch 33 Fahrzeuge mit über 100 Kanonen und gegen 3000 Mann Besatzung vereint.
Von sonstigen Ereigniffen ist zu erwähnen, daß in Münster unter sehr starker Beteiligung die diesjährige deutsche Katholikenversammlung stattgefunden hat. Die Verhandlungen sind in der Hauptsache eine Demonstration gegen dm Ktrchenstreit; alle Redner fordern völlige Aufhebung der Maigesetz-, auf die Rückberufung aller Or- denSgesellschaften, darunter der Jesuiten. Der Papst hat der Versammlung wiederholt seinen Segen gespendet. — Verstorben ist der württembergische Generalleutnant und Bevollmächtigte zum Bundesrat General Faber du Faure, eine in Berlin ebenso angesehene Persönlichkeit, wie in Stuttgart. — Der BundeSrat wird um die Mitte dieses Monats seine Sitzungen wieder aufnehmen, einzelne Aus- schüffe haben schon jetzt mit dm Arbeiten begonnen. Neber den Zusammentritt des Reichstags ilt noch immer nichts bekannt gegeben, ebenso wenig ist bisher der Termin für die preußischen AbgeordnetenhauSwahlen bekannt, doch wird die Publikation binnen kurzem erwartet. Die Wahlagitation ist noch außerordentlich geringfügig und eS sind bei weitem noch nicht in allen Wahlkreisen Kandidaten aufge-
ich Dir und der Mutter die Freikarten schick', daß Ihr mir Nachkommen könnt, wie fröhlich und guter Ding wollen wir leben und vergeffm, daß mau unS hier so gestört und unS unser Leben verletd't hat."
„Und dort drüben darf ich auch wieder die lustige Lies fein, darf lachen und springen, ohne daß man mich ungeberdig schilt?" fragte LteSbeth wie träummd und blickte zu dem Geliebten auf, der ihr plötzlich so viel größer und männlicher erschien, nun er einen solchen Entschluß gefaßt, um ihres Glücke- Willen fem außer Landes zu gehen.
„Gewiß, Lies, gewiß", beteuerte Fritz mit U-berzeugung, „nach der Arbeit ist dort gut ruhen, wie mir Schützen« Peter geschrieben, der schon feit acht Jahren in Amerika Ist. Glaub', Liese, nicht- beffereS könnt mir einfallen, wie der Gedanke, mich einzuschiffm, und gieb Acht, wenn erst Schnee und Et« fortgeht, bin ich unterwegs und schreib' Dir von allem, was ich in der Fremde schau' und erlebe."
„Und die Mutter?" schaltete Liese ein und suchte ihr eigenes Weh bei dem Gedanken an Trennung unter der sürsorglichm Frage zu verbergen.
„Der Mutier laß ich die Hälfte von dem zurück, Waich mir beim Dienen erspart, und die andere Hälfte gebe ich dem Frenzel in der Stadt, der Einem die Schiffskart' dafür besorgt. Ach, Lte«, mir ist'-, als hält' Gott uns ten Ausweg gezeigt, um von aller Plackerei loszukommen, und Du wirst Ruh' in der Zeit habm, wo ich fort bin, Ruh' vor der Caroline, Deinem Bruder, dem Andrea- und seiner Sippe. Schau nicht so trübäugig drein, wie eine Schneewoll' am Himmel. Dein Schatz bleibt Dir tteu und zu guterUtzt werden der Fritz und die lustige Lieb' doch noch ein Paar, ob'- auch da« ganze Dorf grämt und die 2ml’ sich den Atem schier au-reden möchten."
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Mt worden. — Die Ausweisungen russischer Untertanen aus dm preußischen Ostprovinzen haben bedeutenden Um- fang gewonnen, dagegen stnv die Nachrichten von den Ausweisungen Deutscher aus Russisch-Polen stark übertrieben. ES bandelt sich nur um geringfügige Zahlen.
In Frankreich ist die Agitation für die Neuwahlen zur Deputiertenkammer nunmehr tüchtig in Aufschwung gekommen; am 4. Oktober finden auch bereits die Wahlen statt. In der Hauptsache handelt eS sich um ein politische- Duell zwischen den Herren Ferry und Clernenceau, der Are, ?er Vertreter der sogenannten ,gemäßigten Republikaner", der letztere der Führer der Radikalen und Roten. Die Blutroten, die Kommunisten, haben verhältnismäßig wenig Aussicht und was die Monarchisten mit ihrer stillen, aber energischen Agitation erreichen werden, bleibt abzu- warten. Die gegenwärtige Regierung des Herrn Briffou kommt in dem Wahlkampf überhaupt nicht in« Spiel. <MeS Ferry hat vor einer Massenversammlung In Bordeaux eine große Rede gehalten, die sich sehr von früheren, stark nach Revanche riechenden Ovationen unterscheid^. Der Exminister hob besonders hervor, Frankreich muffe sich das Vertrauen Europas erwerben dadurch, daß eS die Rechte der anderen Staaten achte und eine feste Regierung erhalte. Die „feste Regierung" ist natürlich Herr Ferry selber und das wäre allerdings noch nicht das schlechteste. -- Der Leichnam deS in Ostafien verstorbenen Admirals Courbet ist in Abbeville beigesetzt worden. Namenttich der Klerus hat großen Pomp bei der Zeremonie entfaltet. Der Admiral war nämlich ein sehr eifriger Katholik. — Zur Genüge ist nun endlich fcftgefleCt worden, daß der Pariser Schriftsteller Ollivier Pain im Sudan wirklich eine« natürlichen Todes gestorben und nicht auf englischen Befehl erschoflen worden ist. — AuS England liegt nichts von größerem Jntereffe vor. Gladstone ist von feiner Nordseereise nach Hanse zurückgekehrt.
Die Exzeffe, welche die Czechen in Königinhof gegen den dort weilenden deutschen Trautenauer Tumverein verübten, machen in Oesterreich und darüber hinan« noch immer viel von sich reden. Nach czechischm Organen sollen die deutschen Turner durch Schimpfworte den Skandal herbeigeführt haben, bei dem es bekanntlich zu Steinwürfen gekommen ist. Kein Wort von dieser Weißmacherei ist wahr l Die Czechen stad vornherein darauf anSgegangen, dm Deutschen tüchtig Eins anzuhängen. Das Ganze war nichts, al« ein Komplott schlimmster Sorte. Die Köaiginhofener Vorgänge haben auch bereit- Schule gemacht: es ist konstatiert worden, daß deutsche Fabrikarbeiterinnen von ihren Kolleginnen czechischer Nationalität mit Feldsteinen geworfen worden find. Kann man mehr verlangen ? Und dabei schwebt bezüglich dkffm, wa-in Königinhof geschah, eine Untersuchung. Nette Untersuchung, die nicht einmal solchen Eindruck macht, daß sie eine Wiederholung solcher Schändlichkeiten verhindert.
Da- Mädchen lächelte, und wie e« der Bursch fest an sich drückte, brach gerade au« grauen Wolken die Sonne mit mattem Schein und beleuchtete ring- da- Schneefeld, in der Ferne, die hohen, schlanken Bäume und dicht vor ihnen die Häuser deö Dorfe-, die in chren Mauern viel bäuerlichen Hochmut, Unduldsamkeit und Härte bargen. —
Schnee und Eis gingen fort, da- erste Frühling-grün sproßte hervor, Lerchen sangen in blauer Luft, und aus dem kleinen protestantischen Kirchhof wurde ein schmucklose- Grab hergerichtet.
Die Mutter de- Fritz Siebte war gestorben, heimgegangen aus einer Welt, die ihr oft mit ihrer Unbill nahe getreten, geschieden von der Erde, ehe ihr der Kummer geworden, den einzigen Sohn von stch gehen zu sehen.
Nach dem Begräbnis hatten sich der Fritz und die Lie-beth zum letztm Mal getroffen und gesprochm, bann schnürte der junge Mann sein Räuzel und roanberte au-, wie es sich die Leute im Dorfe nicht ohne Erstaun« einander erzählten.
„Er wirb wohl der Liebschaft mit ber Sie« überdrüssig geworden sein", meinten die Meisten und sie wurden von dem Schneiderhanu und seiner Frau nicht widerlegt, wmn auch Caroline tief im Innern ganz anderer Ansicht war und die unveränderte Heiterkeit ihrer jungen Schwägerin dahin deutete, daß ste im Geheimen noch im Einverständnis mit dem Fritz Siebte sein müsse.
Wochen gingen hin, Siese blieb gutm Mutes, denn sie wußte ja, daß ber Fritz mit einem Segelschiff fahren würde, und daß das nicht sobald die Küste vor. Amerita, von der der Bursch au- Nachricht geben wollte, erteilen tonnte.
(Fortsetzung folgt )
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MM» Bestellungen für den Monat September juf die Oberheffische Zeitung und deren Beiblätter werden sowohl von bet Post al« der unterzeichneten Expedition ent* gegengenommen.
Aus dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen an.
Exped. -er Oberh. Ztg.
Wochenschau.
Die abgelaufene Woche brachte die Sedanfeter. Fünfzehn Jahre sind nun seit dem Tage verflvflen, an welchem ber elektrische Draht uns die Kunde von dem großen Siege ber deutschen Armeen unter ber Heldenführnng König Wilhelms brachte, daß mit samt jenem Herrscher, der den großen Krieg in frevelhaftem Leichtsinn herausbeschworen, seine ganze Armee gefangen sei. Ein Jubeltag war das damals, ein Freudentag ist der 2. September heute noch, ein deutsches Nationalfest, an dem wir uns die Erfolge jener großen Zeit vergegenwärtigen. Wird hier auch ber Tag von Sedan großartiger, dort ruhiger begangen, wer deutsch denkt und -fühlt, der feiert ihn mit und die frohe Eriun rung schon ist ein Fest. Wie seither regelmäßig, hat auch an diesem Sedantage Kaiser Wilhelm die Herbstparade Mr seine Garden auf dem Tempelhofer Felde bei Berlin abgehalteu^ bei echtem, prächtigen Kaiserwetter. Noch niemals waren solche Menschenmengen, um den Kaiser zu begrüßen, anwesend, als in diesem Jahre, und als alle den kaiserlichen Herrn frisch und wohl dahersahren sahen, da brach ein Jubelsturm lo-, wie er nut selten in den Straßen ber Reichshauptstadt gehört worden ist. Der Kaiser war bewegt und dankte ununterbrochen mit seinem freundlichen, ÜebenSwÜrdigen Lächeln. Auf den dringenden Wunsch der Aerzte bestieg der Kaiser auf dem Paradeplatze kein Pferd, sondern nahm im Wagen den Vorbeimarsch ab. Kräftig stand der greise Herr aber mehrere Stunden hindurch aufrecht. Hoffen wir, daß e- unserem Heldenkaiser immer noch eine Reihe von Jahren vergönnt sein möge, am 2. September die Sedanparade abzuhaiten.
Mit dem Beginn dieser Woche ist daS Kaiserpaar von Schloß Babelsberg in das Berliner Palais Übergestedelt, von wo aus der Kaiser in etwa 8 Tagen seine Reisen nach Süddeutschland — nach Karlsruhe und Stuttgart — anzutreten gedenkt. In Audienz empfangen hat der Kaiser dm außerordentlichen Botschafter des Schahs von Persien, Mohstn Khan, welcher ein Handschreiben seines Monarchen Überreichte. Der Kronprinz hat mehrere Tage in Bayern zur Abhaltung von Militär - Inspektionen geweilt un, ist auch diesmal ebenso wie bei früheren Besuchen durch enthusiastische Ovationen gefeiert worben. Die Kronprinzessin weilt mit den Prinzessinnen Töchtern noch Immer in Ober- Italien und wirb erst im Lause dieses Monats von dort nach Berlin zurückkehren.