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Ur. »08.
Marburg, Sonnabend, 5. September 1885.
X! Jahrgang.
Erscheint täglich außer an gßerltagen nach Sonn» und «^erlagen. — Quartal- VonnementS-PreiS bei der «Spedition 2*/t Mk., bei den Postämter 2 »k. 50 ff«, (erd. Bestellgeld). Hnsertionsgebahr für die wfealttnc Zeile 10 Sfa. »Samen für die Zeile 85 ff*.
WkWschk IritW.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, fowied.Annoncen-Bureaux von Haafenstein undVogler in Franturt a. M., Kaflel, Magdeburg und SBien; RudolfMoffe in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: ®. 8. Daube und Co. in Frankfurt a.
Berlin,Hannover n. Paris
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. b. Kreise Marburg 11. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expeditione Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
^Bestellungen für den Monat September auf die Oberhesfische Zeitung und deren Beiblätter werden sowohl von der Post als der unterzeichneten Expedstion entgegengenommen.
Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen an.
Expeb. der Oberh. Ztg.
Die spanische Angelegenheit.
Die spanische Regierung unter dem Präsidium des Herrn Cannovas del Castillo bemüht sich nach Kräften, die im spanischen Volke erwachten Leidmschaften zu dämpfen und von Demoustrationkv gegen Deutschland abzuhalten. So recht tst's ihr noch immer nicht gelungen, und namentlich wird ja gemeldet, daß die Bewegung, welche auf eine Einstellung der Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Spanten htnauSläust, sich immer mehr in die Oeffent- lichkett drängt. Einer ganzen Reihe deutscher Industrieller find Absagebriefe ihrer spanischen Kunden zugegangen; jene wollen mit unS nichts mehr zu thun haben, weil Deutschland die Karolinen besetzte, sie denken aber gar nicht daran, daß Spanten Zeit über Zeit gehabt hat, auf den Inseln eine Verwaltung zu organisieren, wenn eS dieselben wirklich beanspiuchte. Weiter wird gar nicht darauf geachtet, daß die RrichSregterung bisher noch nicht gesagt hat, »die Karo- liueuiusrln sind deutsch*, sie hat vielmehr in versöhnlichster, ruhigster Weise dem spanischen Kabinett eine sachliche Prüfung und Erwägung der Angelegenheit vorgeschlagen. Die Spanier haben also gar keinen Anlaß, auf unS wütend zu sein, wenn man die Sache beim Licht betrachtet, aber trotzdem zetern und skandaliekeu sie unv wollen keine HandclS- »erbtndungeu mehr mit uns pflegen. Glücklicherweise sind wir ruhiger und vergelten nicht sofort Gleiches mit Gleichem, sondern können vor allem einmal genau prüfen, waS für Leute denn j ne Briefschreiber sind. ES soll unS gar nicht wundern, wenn schließlich den Hauptteil drrselbeu faule Zahler auSmachen, die bei dieser Gelegenheit sich ihren Verpflichtungen zu entledigen suchen oder enragierte Franzosen- freunde, die ihrem Haß gegen Deutschland tu irgend einer Weiße Lust machen. Warten wir also zunächst ab, waö für Heute eS sind, die uns die Freundschaft kündigen.
Die Spanier sind ein heißblütiges Völkchen; wo wir noch lange nicht an den Stock denken, greifen sie schon zum Meffer. Ihrem heißen Blut und ihrem Patriotismus muß man also manches zu gute halten, was dort unten geschieht. Der Patriotismus der Spanier ist groß, wir wollen sogar zugeben, daß er sehr groß ist, aber größer noch ist ihr Eigennutz, ihre Veränderungssucht. Untersuchen wir die Vorgänge einmal ganz genau! Die VolkSmasie dort gleicht dem Stier der spanischen Arena; wird ihm ein rotes Tuch gezeigt, so stürzt er instinktiv, ohne Ueberlegung daraus los, uns nichts Anderes war diesmal der Fall. Wir wollen wiederum nicht sagen, daß alle die Leute, welche das rote
Tuch, auf welchem die Deutschenhetze als Signal steht, fchwcnkten, aus Eigennutz gehandelt haben, aber die Mehrzahl, da gibts nun kein Streiten und Abhandeln, hats sicher gethan. Der Regierung kam die Sache anfänglich willkommen, weil sie den Sturm der oppostionellen Parteien dadurch von sich ablenken zu können vermeinte, und sie schwenkte das rote Tuch. Aber das Unternehmen war allzu gewagt, als daß es hätte glücken können. ES hat gerade einen neuen Angriff der Liberalen und Republikaner hervor- grrufen, die, um sich populär zu machen, dasselbe Mittel anweuden. Jeder von diesem Heere von Parteileuten hofft etwas von einem Regierungswechsel, fortgesetzt wird also die Bevölkerung durch die Karolinenfrage in Aufregung halten und — zum Sturm gegm die Regierung geführt. Das ist vielfach der wahre Zweck der Bewegung; die Demonstrationen gegen Deutschland sind nur das Mittel dazu.
Man wende nicht ein, daß diese Auslegung eine gesuchte ist, es ist thatsächlich so und die Beweise dafür sind vorhanden. In verschiedenen Städten, namentlich aber in Barcelona, waren die Demonstrationen gegen das Deutsche Reich der erste Schritt zum Aufstande gegen die Regierung. Was hat es denn z B. mit der Abneigung gegen Deutschland zu thun, wenn in Barcelona die Maffe den Regierungspalast zu stürmen, das EingangSthor anzuzünden versuchte, indem sie dasselbe mit Petroleum begoß? König Alfonso steht ziemlich fest in der Gunst der spanischen Bevölkerung, aber die Regierung nicht, und in neues Kabinett wird keine beffercs Schicksal haben. Der Ehrgeiz der Parteiführer hat Spanien schon seit einigen Menschenaltern zerrüttet, die Bevölkerung demoralisiert und von Ruhe und Ordnung entwöhnt, und die Hoffnung, daß hierin eine Amdernng eintreten würde, hat sich leider bisher nicht bewährt. Eine Partei kämpft gegen die andere um den Besitz der Ministermacht und Rücksichten werden in diesem Kampfe niemals geübt. Um wieviel weniger können also wir erst Rücksichten erwarten, die wir Spanien „tätlich beleidigt* haben sollen? So schnell wird die Hitze aus den Köpfen nicht verfliegen, kommt aber die Abkühlung, nun, so wird sie gründlich sein. Wir brauchen unS nicht einzumischen, ihre eigenen Thor- heiten werden die Spanier aufklären.
Deutscher Reich.
Berlin, 3. Sept. Der Kaiser war heute trotz der Anstrengungen, welche der vorhergegangene Paradetag gebracht, frisch und rüstig und erledigte in gewohnter W-ise die RegterungSangelegenheiten. In Audienz wurde der Kommandeur des 4. GardcregimmtS, Oberst von Unger, empfangen, welcher die Geschichte des Regiments überreichte und zugleich die 3 Tambourstäbe vorzetgte, welche das Regiment von der Stadt Spandau empfangen hatte. Später präsentierte sich der neue Gesandte für Serbien Graf Bray. Die für heute geplante Abreise nach Pritz walk in das Mar.överterrän des 3. Armeekorps Hst der
Kaiser auf morgen verschoben. — Der Kronprinz hat gestern nachmittag den Botschafter des Schahs von Persien, Mohstn Khan, sowie den Staattmintster von Bötticher empfangen. Heute früh ist derfelbe mit dem Prinzen Wilhelm von Preußen nach der Prignitz zu den dortigen Mauövern abgereist. — Staatssekretär Dn von Stephan gab heute den Mitgliedern der internationalen Telegraphen- Konferenz in den Räumen des Herrenhauses und dem Garten desselben eine Abeudfestlichkeit. — Prinz Arnulph von Baiern hat mit einer Reihe Ossiziere das Grab des großen Hufarengenerals Joachim Haus von Ziethen im Parke zu Wustrau besucht. Wustrau liegt im Mauöver- gebict deS 3. Armeekorps. — Der Seehandels - Präsident Geh. OberregierungS - Rat Rötger und Graf v. Francken- berg-LudwigSdorf sind zu lebenslänglichen Herrenhausmitgliedern berufen worden. — In der heutigen Plenarsitzung der internationalen Telegraphen-Konferenz fand die zweiie Lesung des BeschluffeS über ein einheitliches Tarifsystem statt. Vier Instruktionen, welche bei der ersten Lesung noch fehlten, sind zwischenzeitlich bis auf eine eiugegangen. Der Beschluß der ersten Lesung ist von sämtlichen übrigen Telegraphen - Verwaltungen in der zweiten Lesung unverändert angenommen worden. Der Vertreter der noch in- struktionSloseu Telegraphen - Verwaltungen behielt sich daS Protokoll offen. Hierauf erfolgte eine umfaffende Diskussion über die Anwendung der verabredeten Sprache (der sogenannten Codes) im internationalen, besonders im überseeischen Verkehre. Die Kommissionen für daS Reglement und die Taxen erstatteten ihre Berichtei Zu Ehren der Delegierten findet eine Festsitzung des elektrotechnischen Vereins statt. — Nach einer Bestimmung des preußischen Kultusministers soll am 1. Dezember d. IS* an welchem Tage im Deutschen Reiche die allgemeine Volkszählung stattfiudet, wie in früheren Jahren der Unterricht in sämtlichen Schulen aussallen. Es wird dabei erwartet, daß die Lehrer bereit sein werden, sich an dem Zählgeschäft mit» helfend in der einen oder anderen Weise zu beteiligen, Dagegen sollen Schüler dazu nicht herangezogen werden. — Der „Reichs Anzeiger* widmet dem verstorbenen württem- bergischen Generalleutnant, Faber du Faure, einen sehr ehrenvoll« Nachruf. — Die Seemanöver bei Wilhelmshaven, welche am Mittwoch in einem direkten Angriff des Panzergeschwaders gegen den Hafen bestanden, brachten ein großartiges Gefecht. Im Gegensatz zu dem früheren Manöver gelang eS diesmal dem Verteidigungeschwader, den angreifenden Feind zum verlustreichen Rückzug zu nötigen. In der Hauptsache dürste nunmehr die volle Verteidigungsfähigkeit des Hafens erwiesen fein. — Der Botschafter Fürst Hohenlohe, der künftige Statthalter von Elsaß-Lothringeu, hat einige Tage in Straßburg geweilt und ist dann nach Deutschland «eitergereist. Ein Nachfolger deS Fürsten in Paris ist noch nicht ernannt. Im Vordergrund steht nach wie vor General von Schweinitz,
Die lustige Lies.
Eine Geschichte aus dem Posen'schen von A. Gnevkow.
(Fortsetzung.)
Ein böser Blick aus den gesenkten Lidern hervor traf den Sprecher, und die Stimme der Frau klang dumpf und grollend, al- sie erwiderte: „Hast der Schwester stets das Wort gereb’t, weun's gegen mich galt, darum will ich auch utcht, vaß Tu denkst, ich hätt' ihre Hüls' von Nöten, mir mein Bischen Wirtschaft in Stand za halten. Das aber sage ich Dir, recht zum üeberfluß giebst Du der Lies ihre Nahmng, und kommt einmal die Stund', wo Du nötig hätt'st, Hülfe bei ihr zu suchen, fänd'st Du die Thür zu, und sie würd' Dir kein warmes Wort sür all das Gute geben, was sie bei uns gehabt.*
Der Schneider hatte stch einen Stuhl gesucht, ihn mit dem Sacktuche abgewischt und sich darauf ntedergelaffen. Seine Augen schauten durch die kleinen Scheiben hindurch in'» Feld, das noch ein dünner Nebel leicht überdeckte, und Vie sie wett in die Ferne schweiften, sank die Gestalt des noch jungen Manne« müde in sich zusammen, und er sah ast und gebrochen aus.
Hinter seinem Röcken aber begann Caroline geschäftig zu werden und laut r,nb lärmend in der Stube umher- zmäumen. Mit einem Fußtritt wurde die Katze zur Thür hinaus gejagt, Teller und Schüffeln, die noch vom vorhergehenden Abend ungewaschen standen, mit lautem Geklapper ta Waschfaß zusammengestellt, klirrend ein Fensterflügel aufgestotzen und die Wiege so heftig zur Seite geschoben, daß der kleine Bursche darin lebhaft und anhaltend zu schrrien begann.
Langsam wandte sich der Schneider wieder um und blickte enf seine Frau: „Wo aber ist dir Lies?* fragt er abermals und schloß halb die Augen, denn eine Wolke Staub, vom Strauchbesen Carolinens in Aufruhr gebracht, zog drohend gegen ihn an.
„Zur Muhme Müllern und trägt ein Pfund Butter zu ihrem Namenstag bin*, lautete die Antwort, die nicht ohne Trotz abgegeben wurde.
„Zwölf Groschen, die also wieder so dahingehen*, beregnete Johann bedächtig, „zwölf Groschen schlecht gerechnet, denn in der Stadt auf dem Mutte galt die Butter letzthin dreizehn und die FrauenSleut' wollten sie nm diesen Preis noch nicht einmal hergeben.*
Caroline horchte hock auf, ihre Züge gewannen einen starren, eisigen Ausdruck und sie stützte das Kinn auf beide Hände, die den Besen umfaßt hielten. „Bist so wenig eingedenk, Hann, auS welchem Hans Du mich geholt hast, daß Du meinst, ich »erb’ mir mein Geld aufwiegen lassen, was ich aus freien Stücken unfrei Verwandtschaft thu'? Aber freilich vergißt's mancher nach der Hochzeit, wie'« vordem mit ihm anSgefeheu, und er ist's nicht eingedenk, daß ihn niemand gemocht, ihn niemand besucht, daß er wie ein Ausgestvßen-r umhergegangeu und daß er's seiner Frau zu danken hat, wenn jetzt jemand von chm sagt: Der Johann Wagner, daS ist so ein Rechter, von dem läßt stch'S lernen, ein guter, lustiger Nachbar zu sein.'
„Wenn'S nur nicht in den Geldbeutel htueinfräß'*, schattete der Manu, dm die Fran geschickt bei seiner schwäch- stm Seite gepackt, mit mattem Lächeln ein, „so aber werden wir einer schön« Tage- auf den Grund kommen, und
wenn nichts mehr da ist, bleiben auch die guten Freunde fort, die uns jetzt Honig um den Mund streichen.*
Die Frau zuckte geringschätzig die Achseln. „Noch ist mein Eingebrachtes nicht all, daS ich hingeben mußt', Dein und mein Ansehen zu heben*, sagte sie eisig, „später —*
„Später* — unterbrach sie der Hann — „muß ich der Lies hundertundfünf Thaler auszahlen, die chr die Ellern festgemacht, well ich HauS und Hof bekam, und die ich mich verpflichtet hab', ihr am Tag, wo sie mündig wird, zu geben.*
„Wenn sie nicht heiratet, daß sie das Geld entbehr« und uns noch stehen lasten kann*, flüsterte Caroline halblaut. „Sieh'st, da- ist'-, was mich die Muhme Müllern warmhalten und von Zeit zu Zeit gefällig fein läßt, das ist-, weshalb ich die Liefe mit der Butter zu ihr geschickt, dem Andreas soll sie näher kommen, und die Muhme soll daS Mädchen von allen ©rillen tarieren, die eS sich unnötiger Weif' in dm Kopf gefetzt.*
Johann, der jetzt mit feinet Frau auf dem Punkte eines vertraulichen Zwiegesprächs angekommen wat, stand von feinem Stuhle auf und begann den kleinen Raum mit langen Schritten zu durchmessen. „Was meinst mit den Grillen, Line?* fragte er hastig, „dazu ist die Lies noch ein zu junge- Ding, und ich dächt', Du wärst die Frau dazu, ihr alle Narrethei und Eingeblldecheit au- dem Kopfe zu treiben.*
„Aber die mit dem Fritz Siebte nicht*, fiel Caroline rafch ein und um ihren Munb zuckte es häßlich, als sie sah, wie ihr Mann zusammmfuhr und stch schnell uach ihr umwandte.
„Mit dem Fritz Siebte?" wiederholte er gedehnt, ,da-