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JTlaröutg, Mittwoch, 2. September 1885.
XX JahrgMg.
^scheint täglich außer an Verklagen nach Sonn» und Feiertagen. — Quartal- «bonnementS-Preis bei der grpebition 2Vt Mk., bei iin Postämter 2 «k. 50
gespaltene Zeile 10 Pf,. Manien für die Zeile 85 Pf,.
GkkMche ZeitiiW
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Men; Rudolf Mosse in Frankfurt ♦ a.M.,Berlm,München und
Mn: G. 8. Daube und Lo. in Frankfurt a. M» Berlin,Hannover u. Pari-.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Bestellungen für den Monat September auf die Oberhesfische Zeitung und deren Beiblätter werden sowohl von der Post als der unterzeichneten Expedition ent« gegen genommen.
Auf dem Lande nehmen die Landpostboteu Bestellungen an.
Exped. der Oberh. Ztg.
Sedan.
Welch' heißer Tag!
W Da zuckte Blitz auf Blitz
Aus eiserner Feuerschlünde großer Zahl,
Da platzten krachend die Granaten,
Da forderte manch' Opfer sich der scharfe Stahl.
So viele Tote, fie deckten daS Feld, In den Händen die Waffe, die treue: Ein letzter Blick ihnen! Und weiter dann Im Sturmschritt fort über den blutigen Plan Draus und dran!
Ein Ehrentag!
Zu Ende ist die Schlacht!
Dort auf den Wällen seht die weiße Fahne fliegen, Die macht ein End' dem grimmig' blut'gen Streit, Den größten kündet sie von allen deutschen Stegen.
Und liegen viel Tausend so kalt und bleich, Errangen doch Hehres sie, Großes: „Der Kaiser gefangen mit seiner Armee l" Es weicht Frankreichs Fahne in lustiger Höh' Der deutschen!
Welch' großer Tag!
Und Größ'res schuf er noch!
Dem hohen Helden mit dem Silberhaar,
Dem brachte er die neue Kaiserkrone,
Und stolz hob sich des Deutschen Reiches Aar!
Die Krone des Reichs, so schmerzlich ersehnt Von den Vätern seit vielen Jahren, Ward geschmiedet in Sedanseuers Glut, Geschmiedet aus Eisen und teuerstem Blut
Für immer! •
Ein ernster Tag!
Der Tag von Sedan ist's,
Der zeigt, was ein geeinigt treues Volk vermag, Der kräftigt lehrt zusammenhalten, Und gegen deutschen Feind, den deutschen Schlag.
Die Sonne des Friedens, sie leuchtet uns jetzt, Geeint sind die Völker Enropen's;
Doch kommt einmal wieder die Abgunst, der Neid, Daun hetßt's, wie bei Sedan, mit Heller Freud' Drauf und dran!
Der zweite September,
Ruhiger wird die Freude über den Tag von Sedan von Jahr zu Jahr, aber darum nicht schwächer oder bedeutungsloser. Wir jauchzen nicht mehr himmelhoch auf, wie vor 15 Jahren, aber wir erfrischen Herz und Gemüt an der Erinnerung an jenen großen Tag. Treu ist daS deutsche Herz dem Kaiser, treu dem Vaterlande, treu gedenkt es der Ehre und des unvergänglichen Ruhmes, welchen uns der zweite September gebracht. DaS Feuer der flammenden Begeisterung haben 15 lange Jahre mit einer leisen Ascheschicht bedeckt, die Sorgen deS Alltagslebens, der Kampf um das tägliche Brot hat Kopf und Gedanken in hervorragendem Maße in Anspruch gmommen, aber wenn am 2. September alljährlich zur Feier des großen Sieges, zum Andenken an den Grundstein der deutschen Einheit und des neuen Deutschen Reiches die Glocken durchs Land schallen, dann verfliegt jene Aschenschtcht und hochauf lodert abermals die Glut patriotischer Begeisterung in jedem, der eS gut und ehrlich meint mit unserem Volke und unserem Vaterlaude.
Versucht hat manS auch innerhalb unsererer Grenzen den Tag von Sedan herabzusetzen: nun, wir glauben versichern zu können, daß alle, die das Jahr 1870 erlebt oder gar damals draußen im Felde gestanden haben, dir haben auf solche Versuche nur eine Antwort, eine stumme, aber beredte, den Blick nach einem rechtschaffenen Stock. Wer sich nicht entblödet, jene große Zett jetzt — nach fünfzehn Jahren schon — herabsctzen zu wollen, der mag seinen Namen als Deutscher ablegen, er verdient ihn nicht, und einem solchen sprechen wir üverhanpt jene Fähigkeit, als Deutscher zu denken und zu fühlen, ab.
Deutschland behält den Tag von Sedan im guten Angedenken und im treuen Herzen. 1870/71, da haben wir nicht gefragt oder untersucht, ob unser Nebenmann rechts oder links der oder jener Partei angehörte, damals hieß die Lösing: Drauf und dran fürs deutsche Vaterland, und ein Anderes gab es nicht. Und als an jenem zwesten September die Gefangennahme Napoleons in. eine vollzogene Thatsache war, als die mächtige Armee in Sedan besiegt die Waffen streckte, da brauste aus deu deutschcu Linien auf dem blutgetränkten Boden donnernder Jubel zum Himmel und wieder fracke niemand: »Wer bist Du, was denkst Du?" Da wußten sich alle einig in dem einen Impulse der stolzen SiegeSfreude, deS begeisterten Dankes gegen Gott, im stürmischen Htnjubeln zum Kaiser und seinen Feldherren, dem Kronprinzen, dem jetzigen König Albert von Sachsen, Graf Mo'tke und wir sie alle heißen mochten. DaS war etwas fürs ganze Leben, etwa« Heiliges, Unantastbares, und was aus jenem glorreichen Erfolge emporwuchs, das ist hoffentlich für eine lange, lange Zukunft fest und sicher gegründet: DaS Deutsche Kaiser
reich. Darum ist unS der Tag von Sedan so wert, dämm wollen wir ihn in Ehren halten jetzt und für immer.
Alldeutschland hat sich 1870/71 in seiner machtvollen Kraft gezeigt, es hat erzwungen, was der Traum unserer Väter gewesen; Gott sei Dank, wir haben seitdem nicht wieder von Nöten gehabt, abermals zum Gewehr und zum Degen zu greifen und uns böswillige neidische Nachbar« vom Leibe zu halten. Wohl ist die Kriegsgefahr zu Zeiten eine drohende gewesen, aber unsere RetchSregiemng hat eS vortrefflich und rechtzeitig verstanden, alle Pläne zu vereiteln, die zu unserem Verderben ersonnen wurden, alle Netze zu zerreißen, in denen wir erstickt werden sollten. Nicht leicht ist es gewesen, die Staaten Europas davon eindringlich zu überzeugen, daß das neue Deutsche Kaiserreich nicht auf kriegerischem Gebiete seine Erfolge sucht, sondern daß eS als seine vornehmste Aufgabe erachtet, den Frieden zu hegen und zu pflegen, wo eS nur kann, KriegS- stürme nicht von den eigenen Grenzen allein, sondem womöglich auch von Europa überhaupt feruzuhalten. Wie gesagt, es war nicht leicht, die Staaten deS Auslandes von diesem Charakter des durch blutigen Kampf geschaffenen Deutschlands zu überzeugen, aber eö ist doch gelungen, und heute ist unser Vaterland daS vornehmste Mitglied eines großen FrtedenSbundeS, welcher uns noch lange Jahre friedlichen, sicheren Schaffens gewährleistet. Auch diese FciedenSzeit ist eine Folge des Tages von Sedan, das geeinte machtvolle deutsche Volk schuf sich Ansehen unter bewährter thatkräftiger Leitung, bis zuletzt das FriedmSwerk den ganzen Bau krönte.
Wir können uns auch der fünfzehn Jahre freuen, die seit dem Tage von Sedan verflossen. DaS Füllhorn des Glücks wird nicht beständig auf ein und dasselbe Volk ausgegoffen, und eS ist Thorhrtt, darauf bauen zu wollrm Haben wir vor fünfzehn Jahren zusammen gesiegt, so haben wir in der Zwischenzeit auch zusammen arbeiten gelernt, tüchtig arbeiten gelernt, und auch den ruhigeren, aber doch für daS Wohlergehen der Nation allein maßgebenden Gebieten der industriellen Arbeit und des Gewerbefleißes manchen schönen Erfolg erzielß Wir hätten vielleicht mehr erzielen können, aber die gewaltige Notwendigkeit, die 1870 Nord und Süd zusammenschweißte, fehlte, die Gedanken und Ansichten gingen hierhin und dahin, manches Saatkorn wurde zertreten, manche Saat kam gar nicht in den Acker. Der Kampf der Meinungen trat hier und da hemmend und einschränkend ein und vereitelte guten Willen und treffliche Pläne. Noch bauen wir i m Deutschen Reich, nachdem seine starken Außenwände längst geschaffen und schwere, ernste Tage hatS auch hier gegeben. Wann hier das Sedan kommen wird, wissen wir nicht, daS aber wtffen wir, daß das, waS jener erste Sedantag geschaffen,
Die lustige Lies.
Eine Geschichte ans dem Posen'schrn von A. Gnevkow.
(Fortsetzung.)
Eine »große Leiche", denn der Schneiderhann und seine Frau, die so gemessen, so bleich und still dem Fried- Hofe zugewandert, nahmen nachher da« Leichengefolge in dem kleinen Häuschen, daS die alten Wagners bewohnt, auf dos Tre'flichste auf/und dem Kuchen fehlte es nicht an Fett, dem Kaffee nicht au Stärke «ud richtiger Süßigkeit.
Das föbnte die Leute völlig mit dem früher so oft besprochenen Schueiderhann au«, und von der Frau wußte man nicht Lobes genug, welch' tüchtige Wirtin sie sei, wenn auch einige von den Alten den Kopf schüttelten und meinten, fie habe gar zu viel für Fronde übrig.
Bet dem Mahle hatte Caroline in freundlicher Weise die Wirtin gemacht, hier die großm Taffen mit den De- vism: »Aus Freundschaft", »Zum Andenken", oder »Au« Lieb-", neugesüllt und dort einen Teller wieder frisch mit mächtigen Bergen Kuchen belegt. A!S sich dann aber die Menschen zerstreuten, die Frauen nach heim mußten, die Kinder zu besorgen, oder nach dem Vieh zu sehe«, und nur noch die Männer bet dem Johann blieben, um über Dies und Jenes klug zu schwatzen und das Dünnbier zu trinken, das der Krüger") im Dorf geliefert, öffnete sie de Thür nach der Kammer, wohin sich Lies schon seit einiger Zeit wieder zurückgezogen, griff nach dem Deckelkorb, der mit Gebäck gefüllt auf der Truhe stand, und forderte da« Mädchen auf, sie zur Müllerfrau zu geleiten, die ein jahrelanges Fußleiden an das Zimmer gefesselt und fern von allen Festen hielt, die im Dorfe vorfielen.
*) Gastwirt,
Golden schien die Abendsonne auf deu breiten, reinlichen Weg, den die beiden Frauen gingen, fröhlich ertönte der Gesang deS jun : en Hirten, der die Herde eintrieb, und die Glocken der Schafe klangen leise und melodisch dazu.
Ungehemmt und ungetrocknet liefen die Thränen über die Wangen des verwaisten Mächen«, während die Schnei« derfrau sich lebhaften Geistes den Dank auSmalte, den ihr die Muhme für die Spende frischen Kuchen« darbringen würde. Für sie galt nur der Augenblick, indem fie sich gerade bkw-gte und während str vorher am offenen Grabe so bittere Thränen geschluchzt hatte, daß die Leute mit wahrer Bewunderung ihren Kummer um die allen Wagner« angesehen, glänzten jetzt ihre Züge von Befriedigung und sie nahm einen rascheren Schritt an, um schnell zu ihrem Ziele zu gelangen.
Vor dem Häuschen de« Müller« angelangt, da« sich an den Fuß des mäßig hohen Berges lehnte, auf deffen Spitze die hölzerne Mühle ihre gefchäftiaen Arme drehte, blieb Liesbeth zögernd einen Augenblick stehen und blickte auf die weißgetünchten Mauern, die lichten, grün« Fensterläden. Sie war nicht gern und nur auf deu ausdrücklichen Wunsch Carolinens mit der Schwägerin gegangen, der Ton im Hause des Müllers bebagte ihr nicht, die ewigen Reden um Geld, Erwerb und Gewinn widerstrebten ihrem frischen fröhlichen Geiste und daS teilnahmlofe bleiche Gesicht der kranken Frau, dem nur da« Geschwätz von Caroline einiges Leben zu geben vermochte, drängte sich immer noch stunsenlang nachher in all ihr Denken und Vornehmen. Heute nun, sie fühlte eS, würde Caroline mehr bean je da« alte Thema anschlagen, würde über die Wildheit, die Gottlosigkeit der jungen Schwägerin zu der Muhme klagen, chr Betteio in Empfang nehmen, daß die LieS alle Ermahnungen in den Mud schlüge, und doch, da« jung,
Mädchen empfand es und eine heiße Blutwelle übergoß ihr Wangen und Stirn, eine trotzige Falte bildete sich zwischen ihren Brauen, heut, am Begräbnistage der Eltern, hatte kein einziger das Recht, die hinterlaffeve Waise zu schmähen. Kein einziger, deshalb hob sie auch den Kvpss al« sie hinter der Schwägerin da« Zimmer de« Müller« betrat, in dem die Kranke auf weichem Stuhle am Fenster faß, und senkte ihn nicht, al« die Schneiderfrau mit der Thür gleichsam ins Haus fiel und nach der ersten Begrüßung sagte: »Und die LieS brachte ich Dir mit, Muhme Bertha, damit Du ihr auch in« Gewiffen sprichst und ich nachher nicht allzuviel Müh und Drangsal mtt ihr hab'."
Die Müllerfrau sagte nun zwar nicht«, sie starrte nur mit matten, durch Nachtwachen und Thränen geschwächt« Augen auf Liesbeth hin, und ihre blöden Züge gewannen den Ausdruck de« Schreckens, als Caroline, wie so oft schon, die Vergangenheit ihrer jungen Schwägerin, die sie bis aufs Kleinste von deu Nachbarn erforscht, vor ihren Blicken entrollte.
Da war die Lies als Kind oft in den Zweigm der höchsten Bävme gesehen worden, wenn sie au- den Gärt« der reichsten Bauern Aepfrl und Simen geholt, die sie dann Landstreichern und bettelnden Kindern zugetragen, In ganz jungen Jahren aber schon halle sie die Kleinen deS Dorfes verlockt, mit ihr die heiligen Prozesfionen nachzuahmen und hinter Fahnen, die sie sich aus bunten Flicken gemacht, mit lärmenden Schreien und Singen herzuziehen. Später umging sie vielfach das Kirchengehen und wurde statt deffen bei der kranken Siebten hn Walde gefunden, die der Schulze als OrtSarme verzeichnet, und die nicht so viel ihr eigen nannte, daß sie sich alle Tage eine Suppe kochen konnte.
(Fortsetzung folgt.)