Nr. 901
Alarkurg, Dienstag, 1. September 1885.
XX Jahrgang
Kn 1 eigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte«, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVoaler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien: Rudolf Messe in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: ®. L Daube und 60. tn Frankfurt o.
Berlin,Hannover n. Paris
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. S. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Soiiutagsblatt
Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal» Abonnements-Preis bei der Expedition 21/* Ml., bei den Postämter ’i Ml. 50 Psg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Vftz. Reklamen für die Zelle «5
L Mb Bestellungen für den Monat September auf die Oberhesfische Zeitung und deren Beiblätter werden sowohl von der Post als der unterzeichneten Expedition ent« gegevgenommen.
Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen an.
________________ Gxped. der Ober-. Ztg.
Znm Inkrafttreten -er Unfallversicherung.
Mit dem 1. Oktober tritt des große Unfallverstcherurg«- gesktz, daö der Reichstag im vorigen Jahre beschlossen hat, im ganzen Deutschen Reiche in Wirksamkeit und beseitigt einen großen Teil der früheren auf die Unfälle bezüglichen Bestimmungen. Die Berstcheruug der in dem Gesetze namhaft gemachten Arbeiterkategorie« erfolgt, wie bekannt, bei den von den Arbeitgebern des bezüglichen Gewerbes gebildeten BerufSgeovssenschasten, die stch zum großen Telle über das Gebiet dcS ganzen Deutschen Reiches erstrecken, in diesem Falle aber zur leichteren Verwaltung in Unterabteilungen, Sektionen, geteilt worden stad. Zweierlei hat die Gesetzgebung durch das geschaffene Unfallgesttz erreichen wollen: einerseits die Sicherstellung der Arbeiter gegen die Folgen während ihrer industriellen Thätigkett erlittenen Verletzungen, eveut. bei Eintritt des Todes des Ernährers die Versorgung der Hinterbltrbeueu, andererseits eine unbedingte Gewißheit für die Leistung der durch das Gesetz vorgeschriebenen Entschädigungen ohne allzu drückende Belastung der Jadustrie. Daö sind die Ziele des Gesetzes, zu deren Erreichung ganz neue Wege eingeschlagen sind, deren größeren oder geringeren Wert nunmehr die Erfahrung und die Praxis klarzulegen haben werden.
Die Ausarbeitung und Fertigstellung deS Gesetzes ist eine unendlich mühsame gewesen; nicht so schwer, weil sie stch in vorgeschriebenen Bahnen halten mußte, doch schwierig genug war die im Laufe der verflossenen Monate dieses Jahres tuS Werk gefetzte Bildung der BerufSgenoflenschafte« und die stch hieran anschließende Durchführung der Ver« Wallung« - Organisation. Berechnet man, daß es sich um Tausende von Industrien mit mehreren Millionen Arbeitern handelte, daß widerstrebende Wünsche zn einander tn Einklang gebracht, Sonderiutereflen auf gütlichem Wege beseitigt werden mußten, und daß endlich nicht« zur Hand war, das als Vorbild hätte dienen können, so ergibt stch von selbst, daß hier eine wahre Riesenarbeit zu überwinden war. Und sie ist, wie wir mit Freuden koustattereu könne«, üb rwunden ohne viel Geräusch und lange Redereien, der beste Beweis dasür, daß die brutsche Industrie den vollen Willen hat, den Intentionen deS UnfallverstchernugSgesetzes Folge zu geben. Unter den Arbeitgebern finden sich sicher viele, die nicht mit jedem Paragraphen deS Gesetzes einverstanden sind, aber der vollendeten Thatsache gegenüber ist für jetzt daö Mäkeln überflisstg und nur zeitraubend; au wen jetzt
Die lustige Lies.
Eine Geschichte aus dem Posen'schen von A. Gnevkow.
tFortsetzung.)
Liese hatte lautloS den Erguß ihrer Schwägerin mit augehört, so lange er sie nur selbst betroffen; als die Frau jetzt aber schonungslos der greisen Leute gedachte, drängte sich ihr das Blut in die Wangen, In ihren Augen flammte cs zornig auf, ohne sich zn besinnen trat sie an das niedere Fenster heran und rief ihrem Bruder zu: .Komm’ mit, Han«, komm gleich mit, Vater und Mutter find tot, gestorben ohne Gram, ohne Kummer über ihr verlornes, sündiges Kind, die Liese/
Stumm und starr blieb die Schueiderfrau auf dem Flecke stehen, wo sie die Botschaft mit augehört, und ihre Augm bohrten sich tn das Gesicht de« junge« Mädchens, das so plötzlich in dem engen Rahme« deö Fensters auftauchte. Bei den letzten Wortm Liesen« gewannen aber ihre Züge den AuSdrnck de« Schreckens, ihre Hand schlug mechanich ein Kreuz, schnell schritt sie nach dem Bette hin, das an der einen Wand befestigt war, laugte rin Buch in abgenutztem Lederdeckel, mit verblichenem Goldschnitt, herunter Md blätterte mit zitternden Fingern, murmelnden Lippen darin.
Während deß hatte der Schneiderhan« stumm «ach dem braunen Tuchrock gegriffen, der au der Thür am Nagel hing und ihn lMgsam angezogen. Seine Züge waren un« bewegt, seine Augen thräueuloS; wenn ihm der Tod seiner Elter« nahe ging, wußte er eine seltene UeberwindungS- kraft besitzen, denn nach außen hin zeigte sich nichts von Schmerz, und Liese schaudert« lei-, al« er aus der Haustür trat, um sich -u ihr zu gesell««.
das Wort kommt, das ist die Praxi». Die Praxis wird zeige«, ob die durch dcS Gesetz bestimmte Karenzzeit (die Zeit nach dem Unfall, in welcher noch keine Entschädigung gezahlt wird) aufrecht zu erhalten ist oder nicht, die Zett wird bestimmen, wie stch daS Zusammenwirken von Arbeitgebern und Arbeitnehmern regelt und ob nicht hier Ber« befferungen eintrete« können, die Zeit endlich wird darlegen, ob die Bedenken, welche gegen die gegenwärtige finanzielle Grundlage der Genoffenschafte« erhoben wurden, ihre Begründung hatten oder nicht. Ebenso wird daS Funktionieren des ganzen Apparates der Verwaltung darlegen, ob dieser bereits tadellos ist oder ob weitere Korrekture« vorgenommen werden müssen. Die Praxi« ist hier die einzige und beste Lehrmeisterin und es ist nicht zu besorgen, daß ihre Lehren unterdrückt werden. Da« ist auf die Dauer unmöglich.
Ein kurze« Nachwort ist aber angrficht« de« bevorstehenden Einführungstermins des Gesetzes am Platze. Die Zahl der Arbeiter, welche die Unfallverficherung unter ihren Schutz nimmt, ist im Vergleich zu der Gesamtzahl der deusschen Arbeiter noch verhältnismäßig gering; sie ist etwas gewachsen durch das in der letzten Retchstagssession beschlossene Gesetz, durch welche« die Unfallverstchrmng auch aus die Arbeiter der Transport- und ähnlicher Gewerbe ausgedehnt wird, aber groß genug ist fie noch immer nicht. Darum ist es eine Forderung der Gerechtigkeit, daß da« Unfallversicherungsgesetz weiter und weiter ausgedehnt und immer neue Arbeiterklassen in dasselbe einbezogen werden. Alle Arbeiter darin aufzunehmen, wird nicht möglich, wenigstens nicht so schnell möglich sein, wohl aber gibt es noch viele Arbeiter, die de« Eintrittes harren und die ihn verdienen. Hierzu zählen namentlich noch die zahlreichen Arbeiter in der Landwirtschaft und Forstwirtschaft.
Deutscher Reich.
Berlin, 29. Aug. Ueber daö Befinden deS KaiserS läßt stch andauernd nur sehr günstiges Mitteilen. Die Arrzte sind mit den Erfolgen der diesmaligen Sommer- reifen und Badekuren über alles Hoffen zufrieden und auch aus der sonstigen nächsten Umgebung des Monarchen hört man, daß sich im Gespräch und in den Bewegungen de« Kaisers täglich erkenne« lasse, wie überaus gestärkt die Gesundheit desselben und wie frisch und heiter seine Laune sei. An dem mehrmals deS Wetters halber, nicht etwa wegen weniger guten Befindens des Kaisers, verschobenen Avlerschieße« im Katharinenholze nahm der Monarch heute nachmittag teil und die Ueberstedeluug nach Berlin ist für den Schluß dieses Monats vorläufig angesetzt. Daß der Kaiser wieder zu Pferde steigt, ist bekannt. Diese Ritte sind dem greisen Herrn durchaus gut bekommen. Daher ist auch die Abnahme der großen Herbstparade zur Feier deö Sedantagc« durch den Monarchen in Person zu Pferde
„Ke mm noch einmal her, Hann", rief die Schneiderfrau ihrem Mann nach, als dieser schon einige Schritte weit fort war, .komm noch einmal her-, und als er stch um- tocnbte, sah er die große Gestalt seiner Frau mit auSge- streckt» Hand auf der Schwelle der Hauöthür stehen und er sagte mit phlegmatischer Ruhe zu seiner Schwester: »Kehr Du um, Lies, und nimm’« ihr ab, ich will untrrdeß meine Pfeif« hier in Brand bringen/
Ein-« Augenblick zögerte das Mädchen, Widerwillen und Abneigung gegen da« G-bot in de« Zügen, ab» der Schneider schob es bei d» Schulter ein Stückchen weit fort und gleich darauf legte die Schwägerin ein schwarzes, schmal zusammengefallkte« Tuch in seine Hände.
„Was soll'« damit?" fragte Liese mit bebender Stimme und plötzlich kam t« üb» sie wie heißes, inbrünstiges Begehren, nur ein Wort de« Trostes, der Zuneigung zu hören, und ste fuhr fort: „Soll ich'« der Mutter zum Tvtenanzug umthun, daß sie sieht, Du hast ihrer gedacht und willst ihc ein letztes Liebeswerk damit bringen?'
„Nein, Liesbeth, das nicht', — eine flüchttge Röte glitt über die Stirn der Frau und ihre Augen blickte« nicht ganz sicher auf daS Mädchen herab, „was soll der Mutter nützen, wenn wir ihr eine Kravatte in den Sarg mit hincingeben? aber den Leuten gegenüb» darf stch der Han« nicht zeigen, ohne ein Zeichen der Trauer zu trage«, deshalb hab’ Du Sorg', daß er stch das Tuch vor dem Dorse umbiud’/
Die Thür schloß stch, die Schwägerin verschwand und Liese kehrte zu ihrem Brnd» um, der sich seine Pfeife in Brand gebracht und in seiner stillen Manier vorwärts schritt. Rach b» herrschende« Sitte der Landleute, wonach der M«m der Frau tmm« um einige Fuß brrit vvranzugrheu
bestimmt in Aussicht genommen. Auch an den groß« Herbstübungen der Truppen in Pritzwalk gedenkt Kaiser Wilhelm tetlzunehmen und eS ist in diesen Plänen in letzter Zeit nichts geändert worden. Freilich wird sich der Monarch auf den dringenden Wunsch der Aerzte bei diesen größeren Strapazen schonen und zum größten Teil den Manövern zu Wagen beiwohnen müssen. — Die „Nordd. Allg. Ztg/ bringt folgende Mitteilung: „Die „Germania', vom heutigen Tage reproduziert einen Artikel der „KölNi Ztg/ in dem aus spanischen wissenschaftlichen Werken der Nachweis geführt worden war, daß die Frage, ob die geographische Wissenschaft in Spanien die Karolinen-Inseln bisher als spanische Besitzung behandelt habe, nach allem (dem Verfasser des Artikels) zugänglichen Material unbedingt verneint werden müsse. Dazu bem»kt die „Germania': „ES scheint, als ob die Gelehrten auch hier nicht einig wären. Thatsächlich hat Spanien die Insel Yop im westlichen Teile schon seit längerer Zeit im Besitze. Die« kann Deutschland nicht bestretten; ebensowenig, daß Spanien durch versuchsweise Entsendung der Kolonisten und Missionen, wenn nicht juridische, so doch faktische und moralische Rechte erworben hat/ Vor einigen Tagen hatte dasselbe Blatt aus der friedliebenden versöhnlichrn Haltung der deutschen Regierung Spanien gegenüber nichts weiter deduziere« können, al« sei die« ein Beweis, daß die Ansprüche Deutschlands nicht über allen Zweifel erhaben seien. ES ist bezeichnend für die Stellung der „Germania' in deutschen Angelegenheiten, daß fie das einzige Blatt in der ganz?« deutschen Presse ist, welches die Partei des Auslandes ergreift und welches die Ruhe und Sicherheit, mit der Deutschland die Karolivensrage behandelt, indem es stch bereit zeigt, eine schiedsrichterliche Entscheidung darüber zu acceptieren, nicht als Beweis der Friedensliebe und Versöhnlichkeit unserer Politik auffaßt, sondern darin Veranlassung findet, die Rechtmäßigkeit unserer Sache anzu- zwetfeln. Die Haltung der „Germania' überrascht uu« jedoch nicht, denn die „Germania' ist überhaupt kein deutsches Blatt, sondern d» Bundesgenosse jedes, auch des frivolsten Angriffes auf daS Ansehen und die Interessen Deutschlands. Die öffentliche Meinung wird voraussichtlich balv in der Lage sein, den Verdunkelungen der .Germania' gegenüber die deutschen Rechtsansprüche in der Karolinenfrage beurteilen zu können, denn wir bezweifeln nicht, daß im Anschluß an die bisherige Behandlung der Kolontalpolitik auch die Episode der Karolinen durch Veröffentlichung der darüber sprechenden Aktenstücke dem allgemeinen Urteil unterbreitet werden wird.'
Ausland.
Parts, 28. Aug. Heute traf in Madrid der Botschaftskurier als Träger der letzten Depesche Deutschlands in Sache« d-r Karolinen ein. — Diesen Morgen wurde auf pflegt, ließ auch er seine Schwester hinter stch, ohne sich auch nur einmal nach ihr umzuwenden, und erst jetzt empfand daS arme Mädchen mit tausend Schmerzen die völlige Bereinsamuug und Leere, die ihr durch den Tod der Eltem geworden.
Der Begräbnistag kam und ging vvrüb». Auf den Kiffen, von denen stch die greisen Häupter der Entschlafenen bleich und friedlich abhoben, log wie blitzender Thau das Tbräneuopf», das Liese ihren Lieben gebracht, riuzelnr Tropfen, funkelten i« den Kelchen der Rosen und Nelken, auf den sammteuen Blättern de» Salbei-, die sie den Toten in die Hände gedrückt, von dem Augenblick aber, wo die Särge geschlossen worden, hatte Caroline an denselben Platz genommen und ununterbrochen fromme Gebete und Fürbitten gemnrmelti
Liese war in ihr Kämm»che« gegangen, al« die Schwägerin hartnäckig nicht vom Flecke wich, deshalb konnte fie auch nicht sehen, daß die Leute, die teil« aus Neugier, teils aus Mitgefühl im Hause ab- und zugingen, Caroline wegen ihrer Trauer, ihrer Frömmigkeit belobten, e« entging ihr die Röte der Befriedigung, die die Züge der Schwägerin bei de« lobende« Wortm überflog, e« entging ihr aber auch der Tadel der Nachbarn, dir sich vergebens im Stübchen nach ihr «rnschautm und kopfschüttelnd bem»ktm. die Liese gebe doch gar zu wenig auf Sitten und gute Gebräuche.
Eine „große Leiche' wn es gewesm, wmigstmS nannten die Leute daS Begräbnis d» alten Wagutt« so, dmu sämtliche Helligeubilder und Fahnen wurde« den Särge« vorauf getrogen, der Probst eröffnete in seine« festtäglichen Kleider« den Zng, Knaben schwangen die Weihrauchgefäße, und da« blitzende Becken enthielt Weihwasser, um die Gräber damit zu besprengen. (Fortsetzung folgt.)