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JRorßucg, Sonntag, 30. August 1885.

XX. Jahrgang.

-scheint täglich außer an Wagen nach Sonn- und Einlagen. Quartal- ^nn-mentS-Pr^bei der ^ Postämter L «k. 50 W? * /.,,r 9WMTnorhY

Ävaltene Zeile 10 vsß. Wamen für die Zelle LS Vf,.

(Olietljeffifdic Miliiz.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Franlurt a. M-, Kassel, Magdeburg und Wreu; Rudolf Moffe in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: S. 8. Daube und Io. tu Frankfurt a.

Berlin»Hannover a Paris

ztzöcheiitliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Zllustriertcs Sonntagöblatt.

Expedition- Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

gM- Bestellungen für den Monat September guf die Oberhesfische Zeitung und deren BetblLtter werden sowohl von der Post als der unterzeichneten Expedition ent- gegengenommen.

Auf rem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen an. _____________________Gx-ed. der Oberh. Ztg.

Wochenschau.

Die Kaiserzusammenkunst in Kremfler hat stch pro­grammmäßig unter großem Glanze vollzogen und ist durch keinerlei Störung getrübt worden. Ganz genau genommen, hätte man eigentlich erwarten wüsten, daß da- Ereignis mehr Furore machen würde, als thatsächltch der Fall ge­wesen. Speziell bet nnS in Deutschland ist eilfertiger über die Eutrevne hinweggegangen worden, als bet den sehr freund­schaftlichen Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und Oesterreich-Rußland angemeflen war; aber eS mag das daran liegen, daß wir auch nach anderen Seiten hin leb­haft beschäftigt wurden. Freuen wollen wir uns der Kaiser­tage von Kremfler aber ganz gewiß, und wir haben auch Ursache dazu. Die große Frtedensetnigunz der Drei Kaiser­mächte har durch die Festtage in der kleinen mährischen Landstadt eine neue, starke Kräftigung erhalten und zwischen Oesterreich und Rußland ist jetzt auch der leiseste Schein einer Meinungsverschiedenheit geschwunden. Das ist für dm Feiedeu Europas sehr viel wert, denn Rußland, wenn eS stch im Orient sicher weiß, kann nach anderen Setten namentlich England gegenüber in Asten viel ruhiger und nachgiebiger auftreten. Thatsächltch neigen sich ja auch jetzt die Verhandlungen wegen der afghanischen Grenze ihrem Ende zu. Das ist die Bedeutung der Katserentrevue von Kremfler, die erst zu einer einfachen Höfltchkeitsvifite herabgedrückt werden sollte, obgleich das Gegenteil klar zu Tage lag. Um einen einfachen Besuch werden denn doch nicht solche Apparate, wie In Kremfler, in Bewegung gesetzt. So ist venu die Zusammenkunft, wie gesagt, unter großem Glanze bei tiefer politischer Bedeutung vollzogen, und wenn etwas nicht recht zum Ganzen paßte, so war eS nur das PolizetkorpS, welches den russischen Herrscher auf Schritt und Tritt umgab l DaS ist der Revers der Kaiserherrlich, kett von der Newa. Am Mittwoch spät abenkS sind die russischen Majestäten nach Petersburg gereist, während stch Kaiser Franz Joses und Kronprinz Rudolf zu een Manövem nach Böhmen begeben haben.

Von einer Begrüßung zwischen dem russischen Kaiser und unserem Kaiser Wilhelm im bevorstehenden Herbst ist jetzt keine Rede mehr; vielleicht ist daS Projekt nur an­gegeben, um unserem greisen Herrn in der Manöverzeit «eitere Strapazen und Anstrengungen zu ersparen. Der Katser bereitet stch im Schloß Babelsberg schon auf die Manöver­tage vor und steigt täglich zu Pferde. Zum Beginn nächster Woche erfolgt die Ueberstevelung von Potsdam nach Berlin,

wo der Monwch, wenn die Witterung es irgendwie ge­stattet, am 2. September persönlich die Sedanparade über das Gardekorps abzuhalten gedenkt. Eine Woche später erfolgt dir Abreise nach Karlsruhe. Der Kronprinz reist in den letzten Tagen dieses Monats nach Regensburg, um dort die balertsche Kavallerie zu inspizieren. Ins Leben getreten ist jetzt die vom Reichskanzler aus den ihm zu seinem 70. Geburtstag dargebrachten Sammlungen gegrün­dete Schönhauser Stiftung zum Besten von Kandidaten des höheren Lehrfaches und von Witwen und Waisen höherer Lehrer. Den beiden Söhnen des Fürsten, den Grafen Herbert und Wilhelm, hat der Sultan das Großkreuz des ÖSmanie - Ordens verliehen. Eingetroffen in Berlin ist eine außerordentliche Botschaft des Schahs von Persien, die in nächster Woche vom Kaiser in außerordentlicher Audienz empfangen werden wird.

Hebet die Kaiserzusammenkunft von Kremfler stand für nnS an Jntereffe in dieser Woche der Streit mit Spanien wegen des Besttzrechtes auf die Karolinenlnfeln in der Südsee. Die Spanier sind sehr heißblütig, unsere guten Freunde in Paris hab n auch noch das Ihrige gethan, die Bewohner der pyrenäischen Halbinsel gehörig gegen nnS in Harnisch zu bringen, und so IstS denn in Madrid allerdings recht bunt zugegangen. Eine große Volksver­sammlung hat stattgefunden, in der tüchtig über Deutsch­land hergezogen und auf dieRäuber* geschimpft wurde, die dem armen Spanien sein wohlbegründetes Eigentum nehmen wollten. Die Reichsregierung hat flch um dies ganze Geschrei, das schon flott 25000 Manu marschieren lieg, nicht im geringsten gekümmert, sie hat ruhig und sachlich dargelegt, daß ste die ganzeKarolinen-Angelegen­heit'' als eine große Nebensache behandle, die gar nicht ge­eignet sei, die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Spanien zu stören. Deutschland habe dir Inseln unter seinen Schutz gestellt, weil Spanien dort keine Verwaltung habe; das fei alles. Bei dieser friedlichen und versöhn­lichen Anschauung ist es eigentlich selbstverständlich, daß schließlich eine volle Einigung erzielt werden wird. Aus Zanzibar wird gemeldet, daß Admiral Knorr dort noch den Abschluß eines günstigeren Handelsvertrages für Deutsch­land fordere. Wetter ist die Schwester des Sultans, die Witwe eines deutschen Kaufmanns, mit dem ste sich wider Willen ihrer Familie vermählte, in Zanzibar etngetroffen und beansprucht ihr bisher vorenthaltenes Vermögen.

Wie gut es die Deutschen in Oesterreich haben, darüber ist jetzt wieder einmal ein handgreiflicher Beweis gebracht. Der deutsche TurnvereinTafelrunde* in Trautenau unter­nahm einen Ausflug nach Königinhöf, und während der Feier in einem dortigen Lokale erschienen mehr denn 1000 Tschechen und begannen ohne jede Veranlassung die Deutschen mit Steinen zu traktieren. Und die Behörde? Ja, die ersuchte die Deutschen nach Hans zurückzukehren; das war deren Heldenthat. Um des lieben Friedens willen gaben

die Deutschen nach, hatten aber während der Heimkehr in ihren Wagen noch ein regelrechtes Stein - Bombardement auszuhalten. Was soll man dazu sagen? In einem Lande, wo stramme, unparteiische Regierung obwaltet, ist so etwa« gar nicht möglich; aber die Tschechen in Böhmen sind durch die Nachsichtigkeit ihrer Regierung so verwöhnt, daß sie zu der Ansicht kommen, gegen die Deutschen sei alles erlaubt. Auch die russische Regierung hat wieder ein Meisterstücklein aufgeführt. In den deutschen Ostseeprovinzen des Zaren- reich« ist die russische Sprache nach allem Recht nicht Amtssprache. Aber was macht daS in Petersburg auS.l Dm Bürgermeistern von Riga und Reval ist dekretiert, die russische Sprache fortan im amtlichen Verkehr zu ge­brauchen. Die Leute habm stch geweigert.Abgesetzt*, hieß eS darauf und so ist'« geschehen.

Die internationale Telegraphenkonferenz in Berlin hat stch durch die im wesentlichen erfolgte Annahme deS deutsche» Antrages auf Einführung eines einheitlichen Gebührensystems im europäischen Verkehr sehr verdient gewacht; auch sonst sind nicht unwesenlltche Erleichterungen im telegraphischen Verkehr vorgenommen worden. Die Konferenzmitglieder unternahmen in dieser Woche eine Rundreise in den See­städten und sind überall festlich empfangen worden. Nament­lich ist Staatssekretär Dr. Stephan sehr gefeiert wordem Er hat's auch redlich um unser Post- und Telegraphenweseu verdient. Das Reichsgericht hat die vorn Verteidiger de« Anarchisten LlrSke gegen daS Utteil des Frankfurter Schwur­gerichts eingelegte Revision abgelehnt. Das Todesurteil bleibt also bestehen. Von der Wahlbewegung zur preu­ßischen Abgeordnetenhauswahl läßt sich noch wenig sagen.

Ziemliche Stille herrscht Im Auslande, und es ist! abgesehen von Kremfler fast nichts von Bedeutung zu sagen. In Frankreich bereiten stch gleichwie in England die Parteien durch eine kurze Ruhepause auf die kommen­den Neuwahlen zur Volksvertretung vor. In Paris hat Rochefort in seinem albernen Gewäsch von der Ermordung deS französtschen Journalisten Olltvter Paiu am Nll fort­gefahren, aber kein vernünftiger Mensch achtet mehr daraust Die Leiche des in Ostasten verstorbenen Admiral Courbet ist in Frankreich elngetrvffen und verschiedene Totenfeier» haben für den tapferen Seemann stattgefunden. Die Cholera hält stch in Südfrankreich immer noch in mäßigen Grenzen, dagegen wütet ste in Spanien in nngeschwächter Kraft fort.

Die italienische Regierung trägt sich noch immer mit kühnen Kolonisationsgedanken und dabei jagt ein Skandal den anderen. Jetzt ist sogar die Schatzkammer im könig­lichen Schlöffe zu Turin auSgeraubt und kostbare Gegen­stände im Werte von 2Vr Millionen gestohlen worden. Unter den geraubten Sachen befinden stch auch zwei dem König Aktor Emanuel gewidmete Kronen und ein Ehren« säbel desselben Monarchen. Daß so etwas passieren tarnt, ist denn doch ziemlich haarsträubend.

Eine von enormen Volksmengen besuchte Versammlung

Die lustige Lies.

Eine Geschichte aus dem Posen'schen von A. Gnevkow.

(Fortsetzung.)

Mit der Zett war aber der Fran Schneidermeisterin auch die Kammer unentbehrlich geworden, die im Herbst einen so passenden Raum bot, Aepfel und Birnen darin auf Stroh aufzuschütten, und stillschweigend waren die alten Wagner« von dem heimatlichen Hofe fort tu ein gerade leer stehendes Häuschen im Dorfe gezogen, wohin ihnen der Schneiderhann nun alljährlich ein gewlffes Maß an Getreide, Karte ffeln und Früchten zu senden hatte, das sie stch schon vor der Hochzeit deS Sohne« als Altenteil ausbedungen.

Ohne alle bösen Worte, lärmende Austritte und Strettig- ketten hatte sich der Umzug vollzogen, deshalb warfen die Leute Im Dorfe auch keinen Stein auf die Frau des Schneider«, die sich sogemein*) mit Alt und Jung zu wachen verstand, obgleich ste doch sonst eine von denFeinen. war. einen Sonntagörock in der Truhe hatte, wie ihn die Tochter befl Schulzen nicht besaß und flch zur Verwandt­schaft de« Müller« rechnete, der just daran ging, sein Ge­schäft zu vergrößern, das Waffer de« Baches zu benutzen »vd sich zu der Windmühle noch eine Wassermühle zu bauen.

An dem Tage nun, al« die alten Wagner« gestorben waren, stürzte Liesbeth vorwärts, atemlos, mit starren Blicken, denn sie hatte den Tod noch niemals in so unmittelbarer Nähe gesehen und Schrecken überwanden für jetzt noch daS Uefe Leid, da« ste um da« Scheiden der Ellern empfand.

All »ab Jung hatten sie bisher die luftige Liese ge-

) Vertraulich, herablassend.

nannt, weil ihre schwarzen Augen keine Thräneu zu kennen schienen, well stet« ein fröhliche« Scherzwort auf ihren Lippen lag und ihr Gesicht sonnige Heiterkeit bewahrte, wenn auch die Mutter einmal zürnte und der Vater brum­mend auf« Feld hinan« ging. Jetzt aber war alle Fröh­lichkeit dahin, aller Sonnenschein vom Himmel fort, Berg und Wiesen sahen kahl und öde au«, und an dem Häus­chen ihres Bruders angelangt, mußte sie sich hochaufatmeud einen Augenblick gegen die Mauer lehnen, um Kraft zu ihrer Botschaft zu gewinnen.

Bienen und Schmetterlinge flogen an dem traurigen Mädchen vorüber un- wurden mit matter Hand abgewehrt, schnurrend, mit krummem Buckel schlich stch die K tze heran und rieb den Kopf an den faltigen Röcken, Liefe achtete e« nicht, ste achtete ja kaum darauf, daß sich das Fenster, da« wenige Schuh hoch über der Erde lag, öffnete, daß die Stimmen ihre« Bruder«, ihrer Schwägerin ans dem Stübchen dahinter hervortönten, und wurde erst aufmcrkfam, als die klanglofe, ruhige Stimme der Frau ihren eigenen Namen ausfprach.

Um Liefe', hörte ste fagen,nm Liefe wär« auch bester bestellt, sie käme unter eine andere Hand. Hättest Du ge# sehen, Hann, wa« ich, am Sonntag werdens vierzehn Tag, mit ihr erlebt, Du würdest die Hände über dem Kopfe znfammenfchlagen, daß ste fo wlld in die Well hlueinlebt und sich um da« Gerede der Leute fo wenig kümmert, al« wäre die« eine Kleinigkeit, die ste mm und nimmer wa« angeht.*

Und wa« hat ste gethan, Caroline?* fragte der Schnei­der, um viele« gefänftiger als feine Frau, die, wie Liefe hörte, hastig »ud geräuschvoll in der Stube umhemirtschastete.

Wa« ste that?* die harte Frauenstimme gewan» einen heftigen Ausdruck,des Müller« Andrea« schlug ste aus, al« er stch ihr zum Burschen beim Tanze unter der Linde anbot, und wie eine Haldelerche lachte sie ihm »och nach, als er mit verdrossener Miene zu einer anbern trat Als aber ber Fritz hernach kam, der Fritz von der alle» Siebte im Walde, wurden ihre Augen so hell, wie ein paar Lichter, und ich hab' mich geschämt, al« sie den gongen Abend in der Nähe des Bettelknechts blieb.*

Wird ander« werden*, meinte der Schneider beschwich­tigend,wird alles anders werden, wenn sie die Jahre und den Verstand erst hat. Jetzt gefällt ihr das glatte Geficht und der gerade Gang des jungen Burschen noch bester, später greift ste nach den Gelbsäcken de« Müller« und ver­gißt darüber, daß die eine Schuller des Andrea« zu hoch zu der anderen ist und feine Augen nicht geradeaus auf einen Punkt zu blicken vermögen.*

Ja, red' ihr nur da- Wort*; fagte die Frau und fetzte einen Gegenstand, den ste in der Hand trug, mit vollem Gewichte zu Boden,ich aber sag' Gott und de» Heiligen Dank, daß ich daheim gelernt, wa« Not thut, wenn man stch Körper und Seele rein bewahren will. Dir aber prophezeie ich, mit ber Liefe nimmt« kein gutes End', ihr Umherfpringen, Lachen und Lustlgthun hat mir schon längst nicht gefallen, unb wenn« einmal schlecht geht, werden« die alten Wagner« einsehen, wa« e« heißt, so einen Verzug au« dem Mädchen zu machen, und in ihrer letzten Stund' wird sie'« nicht getal trösten, wenn sie sich die Schlechttg« kett von ihrem Fleisch und Blut vorzuwerfen haben.*

(Fortsetzung folgt.)