Nr. 800.
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JUarßurg, Donnerstag, 27. August 1885.
XX. Jihrgolg.
(Dlifilirffifilic Jritimii.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, s owied.Annoncen- Bureaux von Haasenstein undVogler in Franturt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien: RudolfMosie in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln; S. 8. Daube «ad Co. in Frankfurt e.
Berlin,Hauuover n. Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. — Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Martt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Bestellungen für den Monat September auf die Oberhesfische Zeitung uud deren Beiblätter werden sowohl von der Post als der unterzeichneten Expedition entgegengenommen.
Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen an.
Ex-ed. der Oberh. Ztg.
Numero drei!
Etu Jahr haben wir die Kolonialpolitik uud gegenwärtig den dritten Kolontalstreit mit einer anderen Seemacht wegen unserer Erwerbungen in fremden Erdtellen. Zuerst waren wir mit England zusammeugeraten, das uns bekanntlich keinen Fuß breit Kolonien gönnen wollte und alles aufbot, uuS Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Wir können mit gutem Gewissen sagen, daß die ReichS- regteruug dem Kabinett des Herrn Gladstone nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, sondern redlich darauf hingearbeitet hat, zu einer Verständigung zu kommen. Fürst Bismarck hat allerdings nicht immer in Frack und weißen Glacees hinüber nach London gesprochen, sondern zuletzt auch das Ding beim rechten Name» genannt, aber er hat sich nie htnreißeu laflen, eine offenbare Drohung auSzustoßeu. Emen Krieg lohnten die Kolonien weder, noch liegt es im Sinne unserer Politik, einen solchen vom Zaune zu brechen. Bei unS heißt es „Nach Recht und Gerechtigkeit", uud Affairen, wie die Annexion von Tunis durch Frankreich ooer das Bombardement von Alexandrien durch England kann die Reichsregterung gar nicht unternehmen. Sie würde weder die Zustimmung des Kaisers und des Fürsten, noch des deutschen Volkes finden. Daß wir im Recht waren, haben auch die Briteu zuletzt selbst eiugesehen. Herr Gladstone und sein Minister des Auswärtigen, Lord Granville, wechselten völlig ihren Standpunkt Deutschland gegenüber, uud an die Stelle der häßlichen Eifersucht trat ruhige Freund- schäft, die sich unterm neuen Ministerium des Lord Salisbury bedeutend verstärkte, vielleicht in dem Maße verstärkte, als fich das französische Ministerium Brtflou unfähig zeigte, dem Toben der Pariser Deutschenfreffer Einhalt zu tyun.
Die englische Regierung hat einen Beweis für ihre veränderte Gesinnung gegen das Deutsche Reich gegeben, indem sie den trotzigen Sultan von Zanzibar bet feinem Streit mit Deutschland völlig fallen ließ. Der Sultan Bargasch war nachgewtesenermaßen durch den englischen Generalkonsul Kirk auf den Weg der F.tudschaft gegen die Deutschen geleitet, uud wollte sich Großbritannien wirklich unseren Freund nennen, so mußte es die braune Majestät von den Illusionen befreien, die Sir John Kirk ihr beigebracht. Das geschah, und da diese Kur in wirksamster Weise du ch das Erschetuen einer deutschen Pauzerflotte vor Zanzibar
unterstützt wurde, so erledigte sich auch der Kolontalstreit Numero zwei in glatter uud einfacher Weise. Aus dem ehemaligen Feinde, der unsere Macht zur See kennen gelernt hat, dürfte sogar mit der Zeit ein recht guter Freund Deutschlands werden.
Ganz urplötzlich ist jetzt der dritte Konflikt, der mit Spanien wegen der Karolineninseln in der Südsee, am politischen Horizont aufgestiegeu. Spanten ist uuS durch den Besuch König AlfousoS, durch die Gegenvisite des deutschen Kronprinzen nahe gebracht, und es hat noch in neuester Zeit der Reichsregierung durch die Einwilligung zur Abäuderung des deutsch-spanischen Handelsvertrages einen sehr wichtigen und für die Reichöstnanzen höchst bedeutsamen Dienst geleistet. Solchen Thatsachen gegenüber ist schon ein hoher Grad von Unkenntnis des Charakters de» Deutschen Reiches nötig, wenn behauptet wird, Deutschland habe Spanien durch die Besetzung der Karoliueuinseln absichtlich beleidigt. Einzelne heißblütige Zeitungsschreiber in Madrid behaupten dies mit vollem Ernste uud fordern demzufolge große Protest - Manifestationen gegen den „Räuber". In diesen Ruf stimmt die bekannte Klaffe der Pariser Presse natürlich aus vollen Kräften ein, und so wird denn ein Gericht zusammengerührt, da» für jeden Deutschfeind schauerlich schön ist und das an uns auch nicht ein gutes Haar läßt. Jeder Unstuu findet Anhänger, und fo woll n wir unS gar nicht wundern, wenn demnächst in Madrid wirklich ein großes Spektakelstück in Szene gesetzt wird.
Erfreulicherweise ist die spanische Regierung ruhig genug, um auf solche Tollheiten etwas zu geben. Eine thatsäch- liche Besetzung der Karolineninseln durch Spanien ist, obwohl das letztere dieselben für sich beansprucht, nicht erfolgt, obgleich Zeit genug In Hülle und Fülle vorhandeu war, und deshalb haben vor einer Reihe von Jahren nicht nur Deutschland, sondern auch England ein Recht SpanienS auf die Karolinen bestritten. ES finden sich dort auch keine spanische, sondern nur deutsche und englische Handels- faktoreieu, und zwar vermitteln die Deutschen zwei Drittel, die Engländer ein Drittel des Handels. Auf Gründ dieser feststehenden Thatsachen, daß 1. Spanien eine thatsächliche Besetzung der Inseln nicht vorgenommen hat, 2. die deutschen Jntereffen auf den Karolinen die hervorragendsten sind, ist die Besetzung beantragt und vorgenommen. Wo soll da eine Spur der Beleidigung gefunden werden? Spanten glaubt zweifellose Rechte auf die von Sö snen seines Lande» vor 350 Jahren entdeckten Inseln zu haben; nun gut, es wird die Belege für diese Rechte bringen und von deren Wert oder Unwert wird daö weitere abhängen, denn noch einmal ser'S gesagt, Länderraub treiben wir Deutsche nicht, und außerdem hat das Reich als solches rein gar nichts von den Inseln.
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Berlin, 25. Aug. Die „Nordd. Allg. Ztg." meldet über den Beschluß der internationalen Telegraphenkonferenz am 22. d. MtS. folgende Details; der Beschluß lautet): Eine einzige und gleiche Gruntaxe für den Tarif wird angenommen für alle unter europäischer Regierung stehenden Staaten. Die Termiualtaxe ist auf 10, die Transittaxe auf 8 Centimes für das Wort festgesetzt. Für kleinere Staaten sind diese Sätze auf 6*/2 und 4 Centimes reduziert. Rußland und die Türkei können In Ansehung der Schwierigkeiten bei Unterhaltung langer Linien in ihren ausgedehnten, zum Teil unkultivierten Gegenden einen Zuschlag erheben. Wo mehrere Wege vorhanden sind, soll stet« die Taxe des billigsten Weges erhoben werden ohne Rücksicht, welchen Weg das Telegramm bei der Beförderung wirklich nimmt. Bei der zweiten Lesung sei anzunehmen, daß vier Staaten, welche sich vorläufig der Abstimmung enthielten, ihre Zustimmung erteilen werden, zumal sich die Vertreter derselben für den Beschluß ausgesprochen haben. Die zivilisierte Welt ist im Fall dieser Uebereiusttmmnng durch die Konferenz zu einer Gestaltung geführt, welche für die Erfüllung der höchsten Aufgaben durch eine so wesentliche Erleichterung des geistigen Verkehrs ein weites neues Feld eröffnet und in ebenbürtiger Weise daS große zivilisatorische Werk deS Weltpostvereins ergänzt und vervollständigt. — Die „Nordd. Allg. Ztg." fügt hinzu: In den Ehrenkranz des deutschen Reichs, in dessen Hauptstadt dieser wichtige Beschluß gefaßt worden ist, wird die Förderung des internationalen telegraphischen Verkehrs ein neues Lorbeerblatt einfügen als eine neue feierliche Bestätigung des Satzes, daß dieses Reich den Frieden zu feinem höchsten Endzweck hat, den Frieden, unter deffen Segnungen dir Völker im Wetteifer der Arbeit die edelste» Bestimmungen zu erfüllen vermögen. — Zu dem Miuistertalerlaß betr. die Son» tagöarbeit sprach sich daS Aeltesteukollegium der Berliner Kaufmannschaft dahin aus, daß der bis jetzt bestehende gefetzliche Zustand in Berlin einfach aufrecht zu erhalten fei. Die SonntagSarbeit fei im wefentlichen auf die für das Werk uud deffen Kunden notwendige» Reparaturen eingeschränkt. Die Arbeiter haben mittelst deS Koa- littonSrechtS es in der Hand, die SonntagSarbett in den Fabriken auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. Die Sonntagsarbeit gesetzlich zu verbieten, sei nicht gerechtfertigt. Etu Verbot der SonntagSarbeit würde eine Verminderung der Einnahmen der Arbeiter zur Folge haben. Thatfichlich träten Nachtelle durch die SonntagSarbeit In den Fabriken nur in geringem Umfange hervor; ganz anders liege die Sache in der Hausindustrie. Aber hier fei ein Erlaß von gefetzlicher Bestimmung ebenso schwierig, alö ihre AuSfühmng und Ueberwachung. — Die „Allg:
Zur Geschichte der Marburger Brücken uud Wasserfluten.
(Fortsetzung).
Der letzte Einsturz der Wetdenhäuser Brücke erfolgte am 31. Dezember 1763. Handschriftliche Aufzeichnungen aus jener Zeit berichten über den Einsturz und über die Wiederherstellung der Brücke folgendes:
Vom 1. September bis zum 22. Dezember 1763 waren nur wenige Tage, an denen es nicht geregnet hatte. Vom 23. bis zum 30. regnete eS unaufhörlich, verbunden mit Gewittern und Wolkenbrüchen, infolge deffen die Lahn aus ihren Ufern trat. Nachmittags den 30. Dezember stieg daS Waffer von Stunde zu Stunde. In der darauffolgenden Nacht wurde ganz Weidenhaufen uud der Grien unter Waffer gefetzt, so daß die Leute sich in ihren Häusern genötigt sahen, auf die obere» Stoben zu flächten. Am 31. nacht» 3 Uhr stürzten unter fchreckltchem Getöse die beiden mittelsten Bogen und der große H xenpfeiler der Weidenhäuser Brücke ein. Wer sein Vieh aus de» Ställen nicht in die Höhe bringen konnte, mußte es ertrinken lassen. Menschenleben waren nicht zu beklagen. Viele Krämerwareu tu Läden und Kellern wuroen den Krämern, und Bütte» mit Häuten den Lohgerbern weggeschwemmt. Zwei Häuser am kurzen Brückchen hatte daS Waffer ganz durchlöchert und Mauern teil» umgeworfen, teils beschädigt. Bet der Papiermühle am Grien hatte die Flut Bäume und Hecken aus der Erde geriffen. Neben der Deutschhausmühle stand im Wege nach Werda ein Garten samt seinen Obstdäumen, der infolge deS mit Waffer gesättigten Erdreiche» herabgerutscht war. Die hohlm Fahrwege im Lahnberg waren ganz unbrauchbar geworden. Arn Morgen de» 31. Dezember» konnte man die Ausbreitung de» Waffer» Überschaum, welche vom Ortmberg und bet Schindkaute
bis nach Ock.rrhauseu sich erstreckte. Niemand hatte in Marburg je in feinem Leben eine solche Flut gesehen. Vorn 1. b«S 9. Januar 1764 stieg und fiel das Waffer, je nachdem eS regnete. Den 10. und 11. regnete es wieder unaufhörlich Tag und Nacht, so daß daS Waffer zusehends wuchs. Die Weidenhäuser hatten nur zu thun, ihre Fäffer mit vier, Branntwein und Oel, sowie Gemüse u. dgl. aus den Kellern samt dem Waffer zu schaffen. Viele Stuben konnten nicht bewohnt werden. In zwei Kähnen wurden die Leute, welche zu Weidenhausen hinaus ober herein wollten, ab- und zugefahren. Eine jede Fahrt kostete einen Kreuzer. Den 12, und 13. Januar war e» rauh und kalt. Born 14. bis zum 21. regnete eS wieder beständig. Vom 22 bis 24. war die Witterung gelinde. Vom 25. bis zum 28. regnete und schneite e» wieder Tag und Nacht. Abends fing die Lahn an zu steigen und am 29. Januar morgens fehlten nur noch 3 Fuß, dann war die Flut wieder so groß als die erste. Den 30. in der Nacht erhob sich ein furchtbarer Wind und den 31, morgens war ein gewaltiger Schneefall, mittags thaute eS wieder und der Schnee ging hinweg. Der 2. Februar war der erste Tag ohne Regen, dann trat veränderliche Witterung ein bis zum 25., wo es schneite und fror. Vom 11. März an stellten sich dann schöne Frühlingstage ein.
Am 11. April 1764 begannen die Vorarbeiten zum Wiederaufbau der Wetdenhäuser Brücke, allein sie wurden gar bald wieder eingestellt. Obgleich die Weidenhäuser Bürger nicht versäumten die Wiederaufnahme der Brückenarbeiten in Anregung zu bringen, fo wollte ihr wiederholte» dringliches Bitten doch nicht» fruchten. Daraus erhoben sie im Beisein eine» Ratsmitgliedes eine freiwillige Beisteuer durch die Stadt im Betrage von 300 Reichsthaler, mußten dieselbe aber an dm Magistrat und dieser sie an die fürstliche Regierung abliefem. Da die Wiederaufnahme bet
Brücke narbeitm noch immer unterblieb, erboten sich die Bürger von Weidenhausen, einen Steg neben die Brück« zu erbauen, erhielten aber dazu weder die Erlaubnis »och eine abschlägige Antwort. Aus Furcht vor Exekution, wenn sie ohne Genehmigung dm Steg erbauten, gingen etliche aus ihnen zum Stadtkommandanten Gmeralmajvr von Wiff-nbach und zum General von der M-lSbmg, die sie dahin beschick«, daß sie durch sie und durch die unter ihnen stehenden Soldaten keine Exekution zu erwart« hätten. Infolge deffen ging die gesamte Wetdenhäuser Bürgerschaft am 14. Juni 1764 getrost an bcn Bau ihres Stege» und erretteten fo, als wenn ein jeder von ihnen das Zimmer Handwerk erlernt hätte, bl» endlich der Magistrat dem Stattzimmermann Stephan Keßler den Befehl erteilte, mit seinen Gesellen Hand anzulegen, da letzterer ohne ausdrücklichen Befehl seitens der Behörde dm Bau nicht in Angriff nehmen wollte. Die Arbett de» Meister» und seiner Gesellen ging so gut von statte», daß sie den 16. Juni bi» an den letzten Bogen uud an da» erste Hau» link» in Weiden hausen kamen, und dm Steg noch zu vollendm glaubten, damit man dm 17. al» an einem Sonntage zur Kirche gehen könnte. Gegen abend aber geschah ein Unglück. Ein Bock, auf dem der Steg stand, zerbrach und 7 bi» 8 Mann fielen in die Lahn, kamen aber glücklich wieder hrrauS, außer dem Zimmerges'llm Heinrich Schneider, der, weil er nicht schwimmen konnte, fein Leben lassen mußte. Mittag» nahm die Arbeit wieder ihren gewöhnlichen Fortgang, bi» endlich am 22. Juni Trompeten-Signale verkündeten, daß der Steg nötigenfall» zn passieren fei. Nach und nach wurde betfelbe fo gut al» möglich Verbeffert. Am 28. Juni wurde bet Kranz aufgesteckt und ein Fest der jung« Bürgerschaft hinter dem Grabm veranstaltet.
(Schluß folgt).