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Skr. 193.
MarSUlg, Mittwoch, 19. August 1885.
XX. ^ahrgMg.
grfcheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. — Quartal» SbonnementS-PreiS bei der ßrpcbition 21/* Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 «fa. (erd. Bestellgeld). qnsertionSgebühr für die gespaltene Zelle 10 Sfg. Rellamen für die Zelle SS W*.
Olinhessisilir jritiniii.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b- Blatte», sowieb.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a. M>, Berlin,München und Köln: ®. L Daube und 6o. in Frankfurt <u SL, Berlin,Hanuover tt Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. — Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Freie Bahn.
Der Reichskanzler hat sich im Verlauf des feit Beginn der Kolonial - Politik verflossenen Jahres streng in den Grenzen gehalten, welche er selbst sich im Reichstage gesteckt. »Richt das deutsche Reich soll überseeischen Besitz erwerben, eS soll nur die von Privaten, Kaufleuten oder sonstigen Unternehmern gemachten rechtmäßigen Besitzergreifungen unter seinen Schutz nehmen!" So hat der Reichskanzler gesagt; darüber hinaus ist er mit keinem Schritte gegangen. Das Deutsche Reich hat von den Kolonieen keine anderen Unkosten, als es haben würde, wenn Deutsche auf eigene Faust in überseeischen Ländern von den Eingeborenen Besitztum kaufen würden. Die auf« gehißte deutsche Flagge verursacht keine Kosten, und haben deutsche Unterthanen im AuSlande gerechte Ursache, Klagen zu führen, nun fo wird ihnen doch geholfen werden müssen; ob eS sich dabei um Kolonieen handelt oder nicht, ist gl-ichgiltig. Die Ausdehnung des deutschen Besitzes tu fremden Erdteilen verursacht auch naturgemäß eine Vermehrung der Kriegsflotte, und wenn man bemüht ist, dies Land ständig dem deutschen Reich zu erhalten, so ist daS schließlich nicht von Nachteil und eS kostet nichts. Dirette Ausgaben wurden nur gemacht, indem in Kamerun, Togo, Angra Pequrna Reichsbeamte angestellt wurden. Jetzt, da über den Kolonieen die deutsche Flagge ruht, sind sie Gouverneur oder ReichSkommiffar genannt; wäre das Gebiet nicht offiziell unter deutschen Schutz gestellt, so hätten Konsularbeamte dorthin entsandt werden müssen. Der Name wäre dann allerdinS ein anderer gewesen, aber die Unkosten dieselben.
Die Reichsregierung hat sich, und das wird auch von deuemWgestanden, die unseren Kolonieen nicht sympathisch gUMvrrstchev, streng an das Wort des Reichskanzlers gehalten; sie hat ganz einfach gethan, was ste mußte, mehr nicht. Sie hat dem deutschen Unternehmungsgeist mit dem Gewicht ihres AuschenS freie Bahn in den fremden Erdteilen gemacht, die begönneren Unternehmungen durch den Zauber ihres Namens geschützt, und die Kriegsschiffe, welche ihre alljährlichen Uebungöfahrten so wie so unternehmen müssen, haben die deutsche Kriegsmacht zu Wasser in vorteilhafter Weise da repräsentiert, wo dies gerade am Platze war. Mehr ist nicht geschehen. Das Reich hat sich streng von jedem eigenmächtigen persönlichen Eingreifen ferngehalten; eS ist nur Rusen um Beistand gefolgt, wozu eS eben verpflichtet war. Fürst Bismarck hat sogar eine ganz außerordentliche Mäßigung tu der Koloniolpoltttk trotz aller Exakcheit uno Schneidigkeit bewahrt. Er hat nachgegeben, sehr bereit- wiütg sogar, wo andere Nationen ein besseres Recht als die deutschen Erwerber hatten; so Haden die Franzosen in Westafrika verschiedene Gebiete wiedererhalten, in deren schon die deutsche Flagge gehißt war, ebenso die Engländer, z. B. in Ostafrtka die Lncia-Lay. Wo eS sich um gute«, demscheS Recht handelte, hat der Kanzler keinen Augenblick
gesäumt, dies zu vertreten; er ist aber nie zur schroffen Herausforderung vorgegangen und in allen, oft sehr scharfen Verhandlungen mit England hat ihn nut der Wunsch geleitet, zu einer Einigung zu kommen, nicht der, einen Bruch herbeizusühren. ES hat wohl bei uns in Deutschland nicht an Heißspornen gefehlt, welche dringend gewünscht haben, laß dem halsstarrigen Sultan Said Bargasch von Zanzibar ohne langes Komplimentieren eine heilsame Lektion betgebracht werden möchte, daß eine Aktion einträte, in dem Genre etwa, wie die Beschießung von Alexandrien durch die Engländer. Deutschland hatte ein Recht, von vornherein fo vorzugehen, aber es ist die Frage, ob das klug gewesen wäre. Fürst Bismarck hat eine übermäßige Geduld gezeigt, die aber auch ihre Früchte tragen wird. Sultan Bargasch hat bet Erscheinen der deutschen Panzerschiffe nachgegeben: ihm ist in gelinder Weise der Respekt vor Deutschlands Weltmachtstellung beigebracht, ohne daS äußerste Mittel, offene Feindseligkeiten zu beginnen. Diese Politik wird, wie gesagt, ihre guten Folgen haben, denn nicht nur, daß der Zweck der Flottendemonstration, die Wahrung und Kräftigung von Deutschlands Ansehen, vollständig erreicht ist, ist auch alle Aussicht vorhanden, durch die bewiesene Mäßigung, die unsere Politik vor der englischen vorteilhaft anSzeichnet, die Freundschaft des Sultans Bargasch abermals zu gewinnen, die für unseren Handel in Ostafrika und Zmzibar immerhin von großem Wert ist. Auf dem Boten der Freundschaft wird aber Deutschlands Ansehen und Einfluß tu jenen Gegenden wett schneller emporwachsen, als auf dem einer kriegerischen Maßnahme.
Die Frage der deutschen Kolonisation in Ostafrika ist durch die deutsche Flotte von Zanzibar aber keineswegs zum Abschluß gebracht, wie mancher hier in Deutschland meint: die Reichsregierung hat in ruhiger, ebenso sicherer, wie Überlegter Weise den Kolonisationsbestrebungen freie Bahn geöffnet, an den Entrepreneuren jener Unternehmungen ist es nun, das weitere zu thun. Die deutsche Panzerflotte hat nicht die gedeihliche Existenz jmer vstafrikanischeu Kolonien entschiede», wohl aber hat ste der thatkräfttgen Arbeit rin freies Feld geöffnet. Die Resultate dieser Arbest müssen wir nun abwarten.
Lmtscher Reich.
Berlin, 17. Aug. Kaiser Wilhelm hörte heute Vormittag auf Schloß Babelsberg die üblichen Vorträge und empfing den kommandierenden General des 9. Armeekorps, von Treskow. Ebenso hotten auch die in Berlin weilenden Wiener Sänger die Ehre des Empfanges bei bei en Majestäten, die sich sehr befriedigt über die Leistungen derselben auSspracheu. Dienstag Nachmittag findet, wie alljährlich zur Feier des Geburtstages de« Kaisers von Oesterreich bei den Majestäten ein größeres Galadiner statt. An demselben nehmen sämtliche Herren von der österreichischen Botschaft teil. — Zu dem ersten Diner, welches nach
der Ankunft des Kaisers aus Gastein auf Schloß Babelsberg stattfand, waren die drei in Potsdam anwesenden Enkel Sr. Majestät, nämlich Prinz Wilhelm, der Erbgroß- herzog und der Prinz Ludwig Wllhelm von Baden, nebst dem Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg - Schwerin geladen. Als die Tafel aufgehoben war, erschien die erlauchte Tante der Frau Prinzessin Wilhelm, die Prinzessin Amalie zu Schleswig-Holstein, mit dm drei jungen Söhnen des Prinzen Wilhelm im Saale, damit diese dm Urgroßvater bei seiner glücklichen Wiederkchr begrüßen könnten. Se. Majestät der Kaiser nahm den ältesten der drei Urenkel, den Prinzen Wilhelm, auf dm Schoß, und allsogleich begann der junge Prinz dem Kaiser mit seinem feinen Sümmchen, aber ganz richtig und im Takte, das Lied: »Ich bin ein Preuße" vorzusingen. Der Kaiser war davon freudig überrascht und richtete dann noch mehrere Fragm an den Kleinen, auf welcher dieser rasch Antwort gab. AlS dieses Examen rigorosum glücklich bestanden war, sagte der kleine Prinz: »Run bekomme ich aber doch Chokolade?" Nach dm Aeußerungm der Anwesenden war eS geradezu rührend, den Kaiserlichen Herrn in diesem Verkehr mit den drei Urenkeln zu sehen. Die Seeluft von Heiligendamm ist den Kindern außerordentlich gut bekommen. — Ihre Königliche Hoheit die Frau Prinzessin Wilhelm wird zur Kräftigung ihrer Gesundheit noch einige Zeit in St. Moritz im Oberengadin verweilen und dann mit ihrem erlauchtm Gemahl eine Reise nach Laxenburg zum Besuche des Kronprinzen und der Kronprinzessin von Oesterreich - Ungarn unternehmen. Dieser Besuch soll nach den badischen und den württembergischen Manövern erfolgen, zu denen Prinz Wilhelm den Kaifer begleiten wird. Die Kinder des hohm Paares verbleiben im Neuen Palais unter der Obhut der Prinzessin Amalie zu Schleswig-Holstein. Der Kaiser hat am Sonnabend Mittag, ün offenen Wagen vorsahrend, der Prinzessin einen Besuch abgestattet; ebenso dem Prinzen Wilhelm im Marmor-Palais. — Die Kommissionen der internationalen Telegraphen - Konferenz hielten inzwischm mehrere Sitzungen. In der technischen Kommission sind verschiedene Vorlagen erledigt worden, in der Tariskom- Mission fanden sehr lebhafte Debatten und eingehende Be- rarungen der Vorschläge zur Vereinfachung des jetzigen Tarifwesens und Abrechnungswesen- statt. Zweckmäßige Abänderungen werden allgemein angestrebt und verschiedene Amendements stehen in Aussicht, um die großen Schwierigkeiten in dieser Frage zu ebnen. — Graf Kalnvky traf gestern abend 6 Uhr nebst Begleitung auf dem Stettiner Bahnhose hier ein, dinierte im Restaurant Borchert und setzte seine Reise um 9 Uhr 20 Minuten via Dresden nach Wien fort. — Der Unterrichtsminister hat Über die Frage, welchen Lehrern die Pensionsberechtigung nach dem neuen LehrerpenstonSgesetze vom 6. Juli 1885 zusteht, folgende Verfügung vom 15. Juli d. I. erlassen: »Oeffent- liche Volksschulen im Sinne des Gesetzes vom 6. Juli d. I.
(Nachbruck verboten.) Die Braut des Gut-Herr«.
"‘Nine Geschichte aus Ungarn von
Max Viola.
(Sin ebenerdiges Herrenhaus steht in einem einsamen, weitläufigen Hairegehöst in einer Tiefebene des Beßptimer KomitateS.
Die Dämmerung ist längst hereingebrochen, eS ist Nacht. Die gemauerten Säulen, welche das Thor des Gehöftes begrenzen, ragen mit den fit krönenden steinernen Widdern gespenstig in die Finsternis hinan-, ein milder Hauch bewegt die Blätter der Büsche, welche vor dem Hauptgebäude stehen, und zuweilen, wenn ein Stern hiudurchschimmert, blinkt eS silbern und glänzend in den Sträuchern, als ob eine der strahlenden Leuchten vom Himmel gefallen und in den Blättern hängen geblieben wäre.
Leichte graue Wolken verhüllen den Mond, ein sachter Wind erhebt sich und führt von der Ferne das eintönig traurige Rauschen de- FlusseS herbei. In langen, langen Pausen läßt die Nachtigall im Hain ihr Lied ertönen, ihr schmerzlich-süßeS Lied, und zuweilm erklingt daS Gezirpe eines Hühnchens und vermengt sich mit dem heiseren Klange eines WächterhorurS, welche« vom nächsten Dorfe erschollt. Wie in tiefem Schlummer sich regend erbebt die Erde leise: ein Gespann jagt über die Ebene und die Pappeln der langen Allee, wäche zur Dobarfaer Cfärda führt, flüstern geheimnisvoll, al« ob sich Elfen in ihren Heften wiegten, daun ist es wieder still: die geisterhafte nächtliche Stille de- riusamm, weitab von der Heerstraße liegenden Haide- gehöftes.
In eine tiefe Ruhe, wie das ganz; Gehöft, ist auch daS ebenerdige Herrenhaus gehüllt. Die engen, hohen Froster sind dunkel, die Bewohner liegen, wie die Natur ringsum, in tiefem Schlafe versunken.
Bus einem einzigen Fenster des am Beginne deS Gehöftes liegenden Wohngebäudes dringt Licht. Das Fenster ist geöffnet und im Zimmer drinnen sitzt ein Mädchen neben dem Tische. Ein bleiches, zartes Mädchen, halb Jungfrau. Das dunkelbraune Haar umschattet in reicher, glänzender Fülle das zarte Oval des Antlitzes, der bleiche Teint und die krampfhaft geschlossenen, edelgeformten Lippen verraten tiefe Trauer; doch wenn sich die Liier von den großen dunklen Augen heben, da ist eS, als ob ein goldener Son- nenfchimmer daS bleiche Gesichtchen umstrahlen würde und doch liegt auch in diesen liefen, glänz nden Augen ein unergründliches Weh. Die Gestalt des Mädchens ist mittel« groß, dabei schlank und trotz oller Zartheit von einem wunderbaren Ebenmaß. Ein reiner Hauch ungetcübter Schönheit scheint auf dem bezaubernden Antlitz, in den seelenvollen Augen, im ganzen Wesen deS Mädchens zu ruhen, wenn es nachdemkeno vor sich hinblickt; doch wenn die rätselhaft dunklen Augen, von Thränen nmschleiert, bittend und dabei herzinnig aufschauen, wenn eS um die erdbeerroten Lippen zuckt, da ecfaßi es einen mit tiefem Mitgefühl, mit unerklärlichem Weh, man möchte das Haupt auf die Hände neigen und selbst weinen und vergehen) man möchte weinen so still und kummervoll, wie diese zarte, bleiche Mädcheoblume in ihrem einsumm Zimmer weint und schluchzt.
Mitternacht ist längst vorüber, DaS weinende Märchen hat ihr Antlitz mit den Häodm verhüllt und das gelöste Haar fällt über die weißen Hände in den Schoß Me
der. Wie durchsLauert erbebt ihre Gestalt, zuwellen drückt sie die Hand ao'S Herz, als ob diese« zu schlagen auf- hörm wollte, oder ob zu raschen Pochen« die Brust zu sprengen drohte .... So trauert nur der Schmerz, sür den menschlicher Trost zu nichtig, so trauert nur die erste Liebe, wenn ste zu Tode gekränkt wurde. Ruhelos ist die Trauer des Mädchens. Seit vielen Stunden sitzt sie in tiefem Schmerz versunken da, und ob sie auch der erwachende Morgen im gleichen Kummer findet, wehrt ste den Thränen nicht, die über ihre Wangen fließ«.
Da erbebt fit plötzlich am ganzen Körper, sie schreckt auf, ihre Hände erfassen krampfhaft den Rand des Tisches und ihre Augen sind starr auf da« geöffnete Fenster gerichtet. Dort steht ein schlanker junger Mann, dessen Augen unheimlich leuchten. Ein diabolische« Lächeln verzerrt seine Lippen, e« scheint, al« ob er plötzlich ein laute«, höhnisches Gelächter hervorstoßen sollte. Da« Hoar .hängt ihm wirr in die Stirne und verleiht ihm da« Aussehen eine- Wahnsinnigen, feine Kleider sind durchlöchert und von feiner linken Hand riefelt Blut zur Erde. Er schwingt sich Über die Brüstung de« Fenster« und im Augenblicke steht er mit verschränkten Armen ganz nahe vor dem Mädchen, die Fassungslose mit strengen, unheilverkündenden Blicken musternd.
»Ich hörte, Du hieltest Hochzeit, deshalb bin ich gekommen", sagte er nach einer Welle zu dem Mädchen, jede« Wort barsch, wie ein Tmnkmer, hervorstoßend. »Auf Schleichwegen habe ich mich dem Gehöfte genähert, bei Nacht und Nebel bi« ich bis hierher gebtungen um noch einmal mit Dir zu sprechen. Sprich! Wann ist Dein Hochzellstag l Ich bin gekommen, Dir Glück zu wünschen.".
(Fortsetzung folgt),