Einzelbild herunterladen
 

Ur. 190.

Marburg, Sonnabend, 15. August 1885.

XX. ZahkMg.

grscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal» Abonnements-Preis bei der Expedition 2/t Mk, bei den Postämter 2 Mk. 50 Psg. (excl. Bestellgeld). Insertionsgebühr für die «spaltene Zeile 10 Pf,, «ellamen für die Zelle

25 Pf«.

GrrhrUlhk jcitiiuii.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, s owied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; ®. 8. Daube und 6o in Frankfurt a. M., Berltn»Hannover u. Pari-.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. Illustriertes Sountagsblatt.

Expedition- Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Die deutsche Waren - Marke.

Zur Zeit bet Weltausstellung in Philadelphia wir. daß Geheimrat Reuleaux, der deutsche Kommissar für die­selbe, über unsere Industrie daS harte Urteil fällte:Billig und sLlechtl" DaS gab eine gewaltige Aufregung und Rmleaux' Behauptung rief großen Widerspruch hervor. Es ist heute überflüssig, zu untersuchen, ob jenes Wo t damals eine vollberechtigte Wahrheit war; genug, es war eine heilsame, wenn auch sehr, sehr bittere Medizin, der eine Kur zur Gesundung gefolgt ist. Wie hören fitzt von allen Seiten die Güte der deutschen Waren loben; natür­lich können wir nicht in allen Jndustrieerzeugniffea die ersten sein, aber preiswert vermögen wir alle zu gestalten. Unser Export nach dem Auslande hat infolge der gewaltigen An­strengungen der heimischen Fabrikation eine ungeahnte Aus­dehnung gewonnen, und wenn gegenwärtig die allgemein herrschende Ueberproduktion und die da und dort bestehenden Zollschranken den Gewinn nicht dem Umsatz immer ent­sprechen lassen, so trägt doch die heimische Produktion daran nicht die Schuld. Solche Umstände spannen den Erfindungs­geist gerade auf das höchste an, und unsere Industriellen lasien es gewiß nicht au sich fehlen, tapfer gegen mißliche VerhLltnisie anzukämpfen. Die deutsche Ware im Auslande hat einen guten Ruf erlangt und wird ihn auch trotz oder gerade wegen der herrschenden UeberprodukttonS-KristS be­halten. Im allgemeinen ist keine andere Nation leistungs­fähiger als die unsere, haben wir doch selbst den Wettstreit mit der hochberühmteu englischen Industrie nicht zu scheuen gebraucht.

Deutsche Waren finden wir in allen Weltteilen; wir würden noch weit mehr Produkte deutschen Gewerbefleißes in weit entlegenen, überseeischen Ländern sowohl, wie ia anderen europäischen Kulturstaaten entdecken können, wenn nicht dos gute europäische Fabrikat sich oft eine fremde statt der ceutschen Waren Marke gefallen lasien müßte. Wer weiß wir viele Artikel, die bei unS hergestellt sind, werden mit vem Si mpel Paris und London versehen und gehen unter dieser Marke weiter! Engländer und Fran­zosen verkaufen wer weiß wie viele Jndustrteerzmgnisie als eigene Fabrikate, oie erst aus Deutschland nach Paris und London gegangen sind und sich dort den Nativnalitä'en» wechsel haben gefallen lasien müssen. ES mag ja nicht leicht für unsere Exportm.e sein, besoucerS unter den jetzigen B-rhältmsien, hier Abhilfe zu schaffen und alle deutsche Waren unter deutscher Marke in die Welt hlnauSgehen zu lasien, aber energt ch, ganz energisch müßte doch versucht werden. Wir haben dm gröhtm Vorteil davon; unsere Leistungen werden bei fremden Völkern bekannter und be­kannter, und rufen von selbst schon neue Aufträge hervor.

Geradezu verwerflich ist es aber, wenn sich auf b utschen Fabrikaten im Znlaude ein Pariser oder Londoner Stempel bemerkbar macht, waS man alle Augenblicke sehen kann.

Der Stift.

Novelette von Hermann Grabert.

(Schluß.)

Ein schreckliches Röcheln trieb Klara« Brust auf, schnürte ihr die Kehle so zu, daß die Luft nur noch mühsrm auS- und eivströmen konnte.

In einem Krampfe von namenlosem Schmerz stieß sie, die Arme -rh bend, hervor:Steht mir bei. Ich ersticke. Helfen Sie mir, Herr Doktor. Gna»e, Erbarmen! Ich Aermste. Gute« Männchen, ich muß Dich verlassen, und wir waren doch so selig. Franz Großer Gott Franz, Franzi* Zu schwach, die Arme zu bewegen, dm Gatten zu umhalsen,'hatte sie nur noch die Augen, um ihrem Willen zu gehorchen:Sri bedankt für alles Glück, das ich durch Dich genoffin. Wie wird» nun Dir ergehen,* flüsterte sie In Thränen aufgelöst.

Dreißig Stunden dieses To eSkampfeS, bis endlich da« Röcheln aushörte. Klara schaute Franz mit trübem Lächeln on, der vor dem Beite Inken» ihren Kopf auf seinen Arm stützte nn - unverwandten AugeS auf sein verlorenes Eem hinstarrte:N°>n tsts vorbei mit mir,* hauchte die Sterbende leb wohl Du mein Alle« !* Noch ein Seufzer, ein matter Händedruck, ein unbeschreiblicher Blick, urb alle« war vorbei.

in.

Franz sprach kein Wort. Gcbrochm, vemichtet, von Fieberschauern gerüttelt blieb er da. Trotz aller Vorstellun- gen wollte er dem Ankleiden der Leiche beiwohum. Man legte Klara ihr weiße« Kleid an, da« sie sehr in Ehren graften; man umgab sie mit ihren 8iebltng«blumen, wie

Mancher einheimische Fabrikant glaubt seinen Waren etwa« Nobles zu verleihen, wenn er ihnen den NammParis* oderLondon* o'er sonstigen Krimskrams als Reklame mitgibt. Da« steht denn doch gerade so au«, als schäme man stch des guten deutschen Namens oder glaube nicht an feine Zugkraft. Trägt sich nibt beispielsweise ein Hut ebenso gut, wenn er die Marke Berlin ober L-lpzig oder München oder Stuttgart führt, als die Namen Paris oder London? Das sollte nur ein französischer oder englischer Fabrikant einmal riskieren, nicht ein Stück würde er los! Und welche Mengen deutscher Waren werden nicht bei uns gekauft, die von hier nach dem Auslände gegangen sind, von dort mit dem ausländischen Musterzeichen zurückkommen und nun als Pariser oder Londoner Fabrikat verherrlicht werden? Sollte da gar keine Aendemng zu treffen sein, damit unserer Arbeit das volle Recht wird, welches ihr ge­bührt? Wir wollen diese Zeilen mit folgender kleiner Anekdote schließen: Ein hoher Herr in einer deutschen Residenz erhält aus London oder Pari« ein überaus kunst­voll gearbeiteten Schreibtisch, der ihn mit wahrer Wonne erfüllt. Er läßt einen bekannten Tischlermeister seiner Stadt rufen:Nun, Meister, so etwas können Sie hier doch nicht machen!* Der Meister zuckt gleichmütig die Achseln. Wollen--einmal auf diesen dunklen Punkt im Holz

drücken!* Der hohe Herr thut's mit überlegenem Lächeln. Ein Geheimfach springt auf und dort zeigt stch auf zier­lichem Täfelchen:So und so, Tischlermeister.* Der Ver­fertiger des Kunstwerks stand vor dem hohm Herren, der ein ganz merkwürdige« Gesicht gemacht haben soll!

Deutsche» Reich.

Berlin, 13. Aug. Unser Kaiser ist nach dem Ge­brauch der Kur in Ems und Gastein wieder zu uns zu- rückgekehrt und hat zunächst feine Residenz auf dem Lieblings- sommerschloß an der H Del genommen. Das Aussehen des greisen Monarchen hat den Herzen, welche ihm mit Liebe uns Verehrung entgegenschlagen, die beglückende Ge­wißheit gegeben, daß, wie In früheren Jahren, so auch diesmal der Besuch der bei: en Bäder von dem besten Er­folge für die Gesundheit Sr. Majestät begleitet war und zu deren B-fistigung in erfreulicher Weise mitgewiakt hat. Die Berichte au« Gastein, welche die Rüstigkeit und Frische unseres kaiserlichen Herrn schilderten, finden eben ihre volle Bestätigung in dem persönlichen Anblick desselben, welcher uns jetzt wieder gegönnt ist. Auch diesmal ist der Liebe uns Verehrung, welche den heimkehrenden Kaiser begrüßt, wiederum die freudige und stolze Genugthuung zu teil ge­worden, daß sie nicht auf die Empfindung des preußischen und des deutschen Volkes beschränkt ist. Kaiser Wilhelm besitzt den Zauber, stch allerorten die Herzen zu verbinden, wo immer er erscheint, imponierend durch die Erhabenheit s-iner Stellung und den unvergänglichen Ruhm seiner

an ihrem Hod zeitStcge ward sieg schmückt. Die Unordnung in dem Totenzimmer schwand, die Spiegel wurden verhüllt, dos plötzlich still gewordene Haus glich einer großen Gruft. Stumm, hartnäckig, mit verstörtem Gesicht wich Franz nicht von der Stelle. Was sollte mau mit ihm thun ? Was ihm sagen? Tröstmgkn verschlimmern oft den Schmerz; nur Thränen lindern ihn. Fran, konnte nicht weinen.

Die Bugen starr auf daS B'tt geheftet, hatte er bald die schreckliche Vision, welche lange betrachteten Leichen den trügerischen Schein deS Leben« giebi. Dem Schauenden däucht es, der Tote rege sich allmälig, bewege leise die Lippen, die Brust fange an, stch zu erheben, daS gläserne Äuge öffne stch.

Sie lebt,* schrie er, jählings zum Bett hinstürzend, ich sage Euch, sie lebt, Klärchen, Klärchen, antworte wir, Deinem Franz.* Man mußte ihn mH Gewalt entfernen. Di- Nacht war entsetzlich. Bedurste doch er jetzt der Pflege, für welche brüderlich gesorgt ward.

Am nächsten Morgen wollte Franz, der Bitten, des Flch-ns seiner Fr unde ungeachtet, seiner Klara den letzten Kvß geben, ein ewigeö Lebewohl sagen. Mau wagte eS nicht, ihn daran zu hindern.

Er ging wieder in da« Zimmer Hirni'. Drei Ange­stellte eines BeerdigungS-KomptoirS legten die Tote gerade In den Sarg. Franz drückte einen Kuß auf die bleichen Lippen und beobachtete dann schweigend den Fortgang der Arbeit. Bald war der eichene Deckel auf der Lade bef.stigt, der letzte Nagel sollte eingeschlagen werden, al« dieser ver­mißt wurde. Ein Arbeiter schickte stch an, Ersatz zu holen, als ein Kollege, den Stift bemerkend, der noch immer in der Schale ruhte, btefen herauSnahm unb dem Gehenden nachrief:Bleib nur. Hier ist schon, was wir brauchen.*

Thaten, aber ebenso unwiderstehlich fesselnd durch die freun liche Milde seiner erhabenen Persönlichkeit. Und wenn, wie in früheren Jahren, Gastein der Schauplatz der freundschaftlichen Begegnung unsere« Kaisers mit dem er­habenen österreichischen Herrscher-Paare war unb diese Be­gegnung auch jetzt daS Gepräge einer Innigkeit trug, welche dem Herzen eben so wohl thut, als sie der Politik der beiden großen Nachbarreiche zu Gute kommen muß: so können wir auch diesmal mit Genugthuung konstatieren, daß der Wert eine«, auch unter kritischen Umständen er­probten, FreundschastSbundeS ebenso in Deutschland wie in Oesterreich - Ungarn gewürdigt wird, wie daö auch die Stimmen der Presie in beiden Reichen vertrauend unb hoffnungsvoll einmütig bekunden. So kehrte also unser Kaiser in erfreulichster Frische der Gesundheit, welche die erfolgreiche Badekur neu befestigt hat, in unsere Mitte zurück. Möge der gütige Himmel es geben, daß der Welt das kostbare ruhmreiche Leben unseres greifen Monarchen auch ferner in ungetrübter Frische bewahrt werde, und daß Preußen und Deutschland deS weisen und milden Regi­ments des Kaiser« Wilhelm stch noch recht lauge erfrmen. In der heutigen fast 6stündigen Sitzung der internationalen Telegraphen-Konfereuz fand die GeneraldiSkusstou über die Tarisfragen und besonder« über die Vorschläge Deutsch­land« und Oesterreich-Ungarn« statt. Die Meinungen waren sehr geteilt, weshalb die Diskussion sehr lebhaft wurde. Daß der gegenwärtige Zustand in dem inter­nationalen Tax wesen gänzlich unhaltbar fei, wurde allge­mein anerkannt. Eine ansehnliche Mehrheit sprach sich günstig über den deutschen Vorschlag aus, wenngleich e« auch an gewichtigen Stimmen dagegen nicht fehlte. Beide Vorschläge wurden an die Tarif - Kommission verwiesen. Morgen findet die Besichtigung der hiesigen Telegtaphen- unb Post-Verwaltung und der Reichödruckerei statt. DaS Reichsgericht hat eine prinzipiell höchst wichtige Ent­scheidung, betreffend die Haftpflicht der Eisenbahnen bei Verunglückung eines Beamten, getroffen. Ein Eifenbahn­beamter bemerkte unmittelbar vor dem Einfahren des stgnoli- sterten ZugeS in die Station ein demselben vermeintlich entgegenstehendes Hindernis, zu deffen Beseitigung er auf da« Bahngeleise eilte, wo er von dem heranbrausenden Zuge aber überfahren und getötet wurde. Die Hinterbliebenen des Beamten, die auf Grund des Haftpflichtgesetzes der Eisenbahnen mit Entschädigungsansprüchen an die betreffende Eisenbahngesellschaft herantraten, wurden aber sowohl von dieser, al« auch von den unteren Gerichtsinstanzen, an welche sie sich in der Folge wendeten, mit ihren Ersatz- Ansprüchen mit der hauptsächlichen Motivierung abgewiesen, daß der Verunglückte durch «ußerachtlaffung der erfor­derlichen nötigen Vorsicht fein Leben selbst gefährdet habe und er nur allein daher Schuld an seiner Verunglückung, bezw. seinem Tode sei. Da« Reichsgericht hingegen, an

Und mit einem Hammerschlage nagelte er Klara« Sarg auf ewige Z itcn zu. Franz hatte dem Manne lautlos zugesehen. Plötzlich zuckle ihm eine schreckliche Erinnerung durch? Gehirn. Er lachte wild auf und meinte, stch zu einem Freunde wendend:Die Prophezeihang meiner Frau ist nun eingeteffen! Der Stift hat seine Schuldigkeit gethan, ist ihr nützlich geworden.*

Seitdem begegnet man täglich auf der von T. nach der Römerschanze führenden Straße einen jungen elegant ge­kleideten Zivilisten, deffen Hütung den Offizier a. D. verrät. ES ist Franz Er geht auf jeden Passanten zu, grüßt ihn ernst und höflich und fragt:Fanden Sie nicht einen Stift, spitz zulaufend, ziemlich dick, gut gehärtet und ganz.neu ?*

Franz von Berncck hat dm Verstand verloren.

Prinz Bernhard von Sachsen-Weimar, Premier-Leutnant bei den Bonner KönigShusaren, hat be­kanntlich an einem Wettrennen bei Jülich eine schwere Ver­letzung erlitten. Folgendes mag darüber noch Platz finden: Da« Rennen, bet welchem der Unfall geschah, hatte eine Bahn von 3500 Meter. Der Prinz ritt eine schwarzbraune StuteBrünette,* welche während dieses Sommers schon mehrere Siege errungen hat. An der letzten, gar nicht einmal hohen Hürde stürzte Brünette unb überschlug sich dreimal, wobei bet Reiter unter da« Pferd z« liegen kann. Wäre der Vorfall auf weichem Bodm geschehen, so hätte der Prinz schwerlich großm Schaden bavougetragen, aber der harte Boden bei Jülich ward ihm zum Unheil. Der Prinz hat beide Kinnbacken gebrochen, außerdem einen Schä-elbruch und eine Verletzung de« Rückgrat« erlitten. Mau hofft, ben Patienten am Leben zu erhalten. Der Prinz ist ein Neffe bet Kaiserin Auguste.