-kr. 188,
Marburg, Donnerstag, 13. August 1885.
XX. MhkMg.
GechkMk MW
=
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, fowied.Annoncen'Bureaux von Haasenstein undVoaler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien: RudolfMoffe in Frankfurt ♦ a. 8Ä-, Berlin,München und
Köln: G. 2. Daube und So. in Frankfurt a.
Berlin,Hannover n. Paris.
jjZöchcntliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sanntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
grscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und K erlagen. — Quarlal- onnements-Preis bei der «rvedition 2*/« Mk., bei Postämter 2 «k. 50 fifg. (excl. Bestellgeld), stnlertionsgebühr für die «spaltene Zeile 10 Pf*. Mamen für die Zelle 85 ff*.
Graf Kalnoky in Varzin.
Was schon wochenlang angekündigt war, wird jetzt endlich zur Thatsache: Der österreichische Minister des Auswärtigen, Graf Kalnoky, geht nach Varzin zum Reichskanzler, um mit diesem einen „allgemeinen Meinungsauttausch" zu pflegen. ES ist nicht da« erstemal, daß der Graf das „Reichsdorf" in Hinterpommern aufsucht; schon im Vorjahre war er dort, gerade um diese Zeit, und er blieb so lange, daß er selbst zum Geburtstage Kaiser Franz Josephs (18. August) noch nicht wieder in Wien war. Ueber das schöne Wetter und pommrrsche Würste werden sich also die beiden Herren im Vorjahre wohl nicht unterhalten haben, und gegenwärtig wird das ebensowenig der Fall sein. Unter dem harmlosen .allgemeinen Meinungsaustausch" verbirgt sich etwas ganz Anderes: Der Reichskanzler und Graf Kalnoky stellen die Grundzüge für die auswärtige Politik Oesterreich^UngarnS und Deutschlands für die kommende Zeit im allgemeinen est, und da sich um die Säule des ZweikaiserbündntffeS chließlich doch alles in Europa dreht, fo kann man auch agen, die beiden Staatsmänner bauen die Bahn, in der ich schließlich die Ereignisse der auswärtigen Politik ab- ptelen. Es kann etwas Unerhofftes allerdings dazwischen rrten; aber daS Bollwerk des österreichisch-deutschen Ein- verständnisieS ist so fest, daß es auch den Anprall von etwas Unvorhergesehenem aushält.
Graf Kalnoky ist der dritte österreichische Minister des Auswärtigen, mit welchem der Reichskanzler seit Abschluß deS Bündnisvertrages unterhandelt. Graf Julius Audraffy trat freiwillig in den Privatstand zurück, in welchem er jedoch noch bedeutenden Einfluß auf die RegierungSgeschäste ausübt; mit ihm schloß der Reichskanzler in Wien das Bündnis ab, als die russischen Panslavisten stark daran dachten, im Verein mit Frankreich über Deutschland herzufallen und dann auch Oesterreich so viel Land wie nur irgend möglich abzunehmeu. Die in Wien abgeschlosiene Allianz zerstöre die schönen Hoffnungen, denn wenn auch nichts Genaueres über die Etnzrlbestimmungeu d s Bündnisses bekannt geworden ist, so viel steht fest, und das sah man auch tu Petersburg und in Parts ein, daß Oesterreich- Ungarn und Deutschland Rücken gegen Rücken jedem auswärtigen Feinde gegenübertreten würden. Damit wurde die Aussicht auf einen kriegerischen Erfolg höchst unsicher; die Krtegspartet verlor tu Rußland an Boden, dazu kam die Schreckenszeit der nihilistischen Attentate, die den Blick sehr von auswärts abwandte und Alexander III, auf den Thron des Zarenreichs erhob. Die warme Teilnahme, welche Deutschland dem schwergeprüften Nachbarstaate widmete, überzeugte den jungen Kaiser doch recht bald davon, daß seine wahren Feinde nicht zwischen Riemen und Rhein zu suchen seien, und wenn auch die antideutsche Partei noch wiederholt den Kopf zu heben versuchte, endlich kam es doch zur Kaiserentrevue in Skierniewicr, welche, wenn auch kein intimes Bündnis zwischen den drei Kaiserreichen, so doch
eine Uebereinstimmuug der Ansichten bezüglich der auswärtigen Politik erzielte. In Wien war AndraflyS Nachfolger, der Minister von Haymerle, gestorben und an seine Stelle Kalnoky getreten. Dieser Wechsel war nur ein solcher der Namen: DaS System blieb dasselbe, ist es bis auf den heutigen Tag und wird es auch in der Zukunft hoffentlich noch recht lange sein.
Zu einem „allgemeinen Meinungsaustausch" der beiden leitenden Minister liegt gerade zur Zeit mehr als genügend Material vor. Da ist Frankreich, das nach JuleS FerryS Fall wieder die heikle Stelle in der europäischen FriedenS- stcherheit bildet. Was England und Rußland drunten in Afghanistan treiben, kann uns zwar sehr gleichgültig sein, immerhin spielt daS Ansehen Deutschlands und Oesterreichs auch bei dieser Angelegenheit eine Rolle. WaS Egypten anbetrifft, so haben wir zwar kein Jntereffe daran, ob HanS oder Kunz in Kairo das Szepter führt oder nicht führt, wir haben aber alle Ursache, darauf zu achten, daß am Nil ordentliche Verwaltung und Finanzwirtschast eintritt und das Geid-Verschleudern ein Ende nimmt. Deutschland und Oesterreich gehören zu den Staaten, welche die ZlnSgarantie für die neue egyptische Anleihe mit übernommen haben, und wir glauben, daß weder in Wien noch in Berlin Neigung herrscht, einmal diese Zinsen, oder doch einen Teil davon, selbst zu zahlen. Egypten kann daS Geld reichlich aufbringen, wenn nur stramme Ordnung herrscht und deshalb heißt es eben: „Aufgkpaßtt". Zuguterletzt aber haben die beiden Minister noch alle Veranlassung einen „allgemeinen Meinungsaustausch" über direkt österreichisch-deutsche Fragen zu pflegen. Da sind namentlich die Zoll Differenzen, die noch immer der Lösung harren, und deren Verschä- fung unS alles, nur keinen Vorteil bringen wird. Man sagt, daß eine Sache, wenn sie vor die rechte Schmiede kommt, auch bald erledigt ist. Nun, hier in Varzin ist die rechte Werkstatt, und die Schmiede sind dabet; Hessin wir, daß die Angelegenheit bald überwundener Standpunkt ist.
Deutscher Reich.
Berlin, 11. Ang. In unterrichteten Kreisen gilt eS jetzt als wahrscheinlich, daß auf die Zusammenkunft der Kaiser von Oesterreich und Rußland eine Zusammenkunft der K -iser von Deutschland und Rußland folgen wer e. Man vermutet, daß die Einzelheiten während deS Aufenthaltes des der Person des Kaisers Wilhelm atta- chierten Fürsten Dolgorucki in Gastein vereinbart worden seien. Auch von einer Reise deS russischen KaiserpaareS nach Kopenhagen ist wieder die Rede. — Als wahrscheinlich wird von der „Nat.-Ztg." bezeichnet, daß Herr von GicrS vor seiner Rückreise nach Petersburg mit dem Reichskanzler Fürsten Bismarck zusammentresien werde. — Mit Rücksicht auf das späte Osterfest im nächsten Jahre (25. April), hat der Minister für geistliche Angelegenheiten rc. schon jetzt für die sämtlichen höheren Schulen
der Monarchie bezüglich der Osterferien besondere Anordnungen getroffen. Während sonst die Ferien mit dem Gründonnerstag beginnen und bis 14 Tage nach Ostern dauern, soll diesmal der Schulunterricht vom 24. März bis 1. April und dann wieder vom Gründonnerstag bi« DonnerStag nach Ostern ausgesetzt werden. Offenbar ist dabei der Gedanke leitend gewesen, daß daS Wintersemester zu lang, das Sommersemester beim Festhalten an den gewöhnlichen Ferien zu kurz werden würde. — Wie wir der „N. A. Ztg." entnehmen, meldet ein aus Zanzibar eingegangeneS Telegramm, daß der Kapitän zur See von Nostitz, Kommandant S. M. Kreuzer-Korvette „Stosch", am 5. August er. auf der Reise von Mauritius nach Zanzibar am Herzschlag verstorben ist. — Der kaiserliche Gouverneur für Kamerun, Freiherr v. Soden, ist am Bord des Wörmavnschen Dampfers in Kamerun ringe- trvffen und hat die Verwaltung der Kolonie übernommene Der mit demselben Dampfer von Hamburg abgegangene Kommissar für das Tongogebiet, Regierungsassessor Falkenthal, war bereits am 26. Juni d. IS. in Bagida gelandet, um die Geschäfte seines Postens zu Übernehmen. — Das auswärtige Amt hat vor kurzem sämtlichen Einzelregiemngen des Deutschen Reiches eine Darstellung zugehen lassen, welche die Lage der Ansprüche aus Erbschaften betrifft, die von RetchSangehörigen in den Niederlanden geltend gemacht werden. In dieser Darstellung, die mit Rücksicht auf die Aussichtslosigkeit derartiger Ansprüche und die durch Anträge vermeintlicher Berechtigter den Behörden erwachsende Belästigung behufs entsprechender Beachtung und Belehrung amtlich bekannt gemacht wird, heißt eS: In der letzten Zelt haben sich bei dem auswärtigen Amt die Gesuche um amtliche Vermittelung zur Geltendmachung von Ansprüchen auf Erbschaften, welche in den Niederlanden ruhen sollen, in erheblicher Weise vermehrt. Hierbei ist eS öfters zu Tage getreten, daß von den vermetnilichen Erbberechtigten zur Begründung ihrer Ansprüche nicht unbedeutende Kosten aufgewendet wurden. Auch sind nicht selten dergleichen Ansprüche zur Verübung von Betrügereien benutzt worden, welche vielfach eine bedeutende VermögenSbeschädigung der Getäuschten zur Folge hattem Die noch in allerneuester Zeit veranlaßten amtlichen Ermittelungen lassen jene Erb- ansprüche als aussichtslos erscheinen. Sowohl in dem Königreich der Niederlande selbst als In den indischen Kolonieen verjähren die Ansprüche auf Erbschaften in 30 Jahren von dem Tage der Eröffnung der Nachfolge, und diese tritt sowohl bei der gesetzlichen als bei der testamentarischen Berufung mit dem Augenblick des Todes deS Erblassers ein. Bezüglich des Königreichs der Niederlande selbst und aller bis zum Jahre 1811 in der Verwaltung der ehemaligen Waisen- und Vormundschaftskammern gelangten Vermögensmassen und Erbschaften ist aber seit dem Jahre 1880 überhaupt jeder Anspruch ausgeschlossen. Durch Gesetz vom 5. März 1852 wurde nämlich eine Kommission
sNachdrnck verboten.) Der Stift.
Novelette von Hermann Grabert.
I.
Spitz zulaufend, war er ziemlich d!ck, sechs Zoll lang, gut gehärtet und ganz neu.----
Franz von Berneck hatte sich sehr jung vermählt. Er war der Zehnte zum gesternten Leutnant. Heut zu Tage ist daS Heiraten in der Armee Mode, selbst die Verstocktesten beweiben sich; denn früher oder später ersehnt doch Jeder ein Heim. AlS ich Bernecks Bekanntschaft machte, war er bereits drei Jahre Ehemann, drei Jahre höchster Glückseligkeit, unsäglicher Wonne, in denen kein Wölkchen den Rosen- monb getrübt. Welch allerliebstes Kind hatte er aber auch M Fran I Eine schlanke, jnzendfrische, stets lächelnde Blondine, beten alles Franz war, und die eine so nette drollige Art an sich hatte, ihren Gatten „mein Goldmännchen" zu heißen, daß jedesmal daS Goldmännchen, mit beiden Händen ihren Kopf fassend, sie liebe-voll auf ein bevorrechtigtes, ganz diabolisches Grübchen küßte.
„Wie gern habe ich Dich, Klärchen!" sagte er ihr. Um ihren Mann etwas zu necken, blieb Klara manchmal die Antwort schuldig, aber ihre Augen antworteten immer kür sie. Ich war vernarrt in diese beiden Turteltauben und ergötzte mich an ihrer durch eine- Dritten Gegenwart nur mühsam zurückgehaltenen Zärtlichkeit.
Hatten sie denn aber auch nicht Recht? DaS Leben ist w von so kurzer Dauer! Zu dem holten Beide da- Versäumte nach, da sie weder den Familienkreis, noch daS Glück ta Elternliebe je gekannt.
Franz war sehr frühe verwaist und in das Kadettenkorps gebracht, daS er erst mit den Epauletten wieder verließ.
Klaras Eltern lebten voneinander getrennt. Der Vater nahm b<n Sohn mit sich, während die Mutter, wenn auch ungern, die Tochter behielt; denn Frau von Tschirner, halb Kokette, halb Matrone, gestand ganz offen, sie mache sich nichts aus dem Mädchen, dem, allen rauschenden Vergnügen abholt, ihre Häuslichkeit und harmlose Ergötzungen genügten.
Klara« Verbindung mit Franz war fast ein Roman. AlS neugebackener Sekonde nach B. versitzt, machte Bernrck, nach dem Beispiel seiner Kameraden, bei Tschirner« seinen Antrittsbesuch und gefiel der Hausfrau so wohl, daß er ein Bevorzugter ihres Umganges wurde. Bald öffnete sich ihm gar die Thür, wenn sie Anderen verschlossen war. Bei diesen traulichen Zusammenkünften, faßten die jungen Leute eine Neigung zu einander, ohne daß jemals ein LlebeS- wort zwischen ihnen gefallen wäre. Schlich Franz sich nun unvermerkt in Klaras Herz ein, so eroberte er auch im Sturm dasjenige der Frau von Tschirner. Jene war deshalb wie au« den Wolkm gefallen, als der zukünftige Reiter- general sie eine« schönen Tage« um die Erlaubnis bat, fein Leben szlück an daS ihrer Tochter knüpfen zu dürfen.
WaS thun? An Franz von Berneck «ar absolut nicht« auszusetzen l Umsonst suchte die so bitter Enttäuschte rnch Gründen, den bislang so verhätschelten Hausfreund durch einen Korb fallen zu lassen. Gute Miene zum bösen Spiele machend, gab sie endlich ihre Einwilligung. Doch .von der Stunde an nährte sie einen heimlichen Haß gegen den Schwiegersohn in spe und schüttete ihre Galle über die arme Klara aus.
Pah! Was lag den Lft buchen daran! Hatten st« nicht
die Jugend im Herzen? War ihr Gemüt nicht erfüllt von jenen himmlischen Liedern, welche bei jedem wiederkehrenden Lenz die Sänger draußen zwitschern, und die man in verschwiegen stiller Nacht wiederholt.
Zwei Monate nach Berneck« Werbung traten sie die HochzttSreise an, die eine Wonnezeit, ein lange« Liebesgedicht für sie war. Bei ihrer Rückkehr mleben sie Frau von Tschirner so viel als möglich. Klara« so lange beklommenes Herz offenbarte nun alle seine Schätze an Sanftmut, Güte und Zärtlichkeit. Statt abzunehmen wuchs die Liebe der Neuvermählten von Tag zu Tag. Al« Berneck« Regiment nach T. verlegt ward, waren Beide nicht nut Mann und Frau, sondern zwei Überglückliche LiebeSleute) und wer ihnen begegnete, sagte sich: „Da zieht daS Glück vorüber."
II.
Der genußreichste Spaziergang in der Umgegend von T. ist der nach der sogen. Römerschanze, welcher oft der Zielpunkt unseres Paare« wurve. Die Hauptstraße und stark betretenen Wege dann verlassend, schlugen sie den Fußpfad ein, der am Wasser enttang führte, und liefen schäkernd durch die Wiesen, um den Blumenstrauß zu vergrößern, den Klara mitzubringen pflegte.
„Ach, Goldwännchen, nur noch diese!' Und den Arm ihre« Gatten loslassend, sprang Klara fröhlich davon, um irgend eine unter einer Hecke verborgene Primel zu pflücken, eine Maßliebe, ein Kornblümchen, oder eine Wasserlilie.
„Gitb Acht, Klärchen, Du fällst gewiß noch hinein!", „So halte mich doch, Du Bangebüchse!"
„Wie uuvorstchttg!" (3ottf*mg folgt.)