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Marburg, Freitag, 7. August 1885.

XX. Jahrgang.

grscheint täglich außer an Mittagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Sbonnements-Preis bei der «Spedition SV, Mk., bei den Postämter S Mk. 50

Öaltene Zeile 10 Vf,, amen für die Zeile 85 Pf,.

GklhrsWk jfitimß.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Men; RudolfMosse in Frankfurt a.M., Berlin,München und Köln : G. L Daube und So. in Frankfnrt a.

Berlin,Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Souutagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

^Bestellungen für die Monate August und September auf die Oberhesfische Zeitung und deren Beiblälter werden sowohl von der Post als der unterzeichneten Expedition entgegengenommen.

Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen an.

Exped. der Oberh. Ztg.

Die Gasteiuer Zusammenkunft und Frankreich.

Heute und morgen werden das österreichische Herrscher­paar und unser Kaiser Wilhelm einander in Wildbad-Gastein begrüßen, und zwar lediglich als gute Freunde, ohne allen politischen Apparat und ohne» einen großen Schweif von Diplomaten und Ministern. Kaiser Franz Joseph und unser Kaiser stehen so intim zu einander, die Beziehungen der von ihnen regierten großen Reiche sind so fest und so klar geordnet, daß keine langen Besprechungen und Konferenzen mehr notwendig sind. Weit entfernt, daß dieser Mangel die Bedeutung der Kaiferzusammenkmift mindern könnte, steigert er dieselbe vielmehr: Gerade in der völligen Ueber- einstimmung der beiden Regierungen auf allen Gebieten der auswärtigen Politik beruht der Wert des deutsch - öster­reichischen KatserbündnisseS. Wo noch viel zu verhandeln ist, da ist'S in der Regel auch nicht richtig. Unser Allianz- verhältuiö zu Oesterreich ist jetzt schon zu etwas rein Selbst­verständlichem geworden, au dem nicht gerüttelt und gerührt werden kann, und mehr können wir uns nicht wünschen.

ES genügt, wenn wir uns diese Bedeutung der Gasteiner Monarchen-Eutrevue inS Gedächtnis zurückrufev, um allen Phantasten, die sich in Frankreich wieder einmal im h-lleu Sonnenlicht zeigen, äußerst gleichmütig gegenüberzustehen. Daß unsere Reichsregteruug Frankreich gegenüber nicht sauft und selig einnickt, sondern die Augen offen behält und auf­merksam alle Versuche verfolgt, welche drüben gemacht werden, die Revancheglut zur Hellen Flamme anzuschüreu, ist selbst­verständlich und ebensowenig werden dem gegenüber auch militärische Maßnahmen außer acht gelaffen. Aber im übrigen brauchen wir unS das Herz nicht schwer werden zu lasten; unvorbereitet finden uns die Franzosen nicht und für einen regelrechten Empfang wird schon gesorgt werden. Wenn die Franzmänner auf ein Bündnis mit anderen Mächten vertrauen, so ist das Thorhett. Sollen ihnen etwa die Engländer helfen? Darüber brauchen wir uns keine grauen Haare wachsen zu lasten. Oder etwa dir Rusten oder die J altener? Die werden sich wohlweislich hüten, denn wenn es in beiden Ländern, deren Regierungen uns gegenwärtig entschieden freundlich gegenüberstehen, auch deutsch­feindliche Parteien gibt, die nicht ohne Einfluß find, auf der anderen Sette existiert das deutsch österreichische Bünd­nis, das Europas Schwerter in tie Scheide zwingen kann.

Unbehaglich ist es allerdings schon wegen der eifrigen Handelsverbindungen zwischen Deutschland und Frankreich wenn die Franzosen wieder und wieder gegen Deutschland

Im Ba«u des Schicksals.

Roman von Moritz Lilie.

(Fortsetzung.)

Als dann plötzlich die roten, qualmenden Flammen ver­löschten, waS durch Ukberdecken mit dazu geferttgteu Metall­kapseln geschieht, blieb das junge Paar noch einige Zeit auf dem eingenommenen Platz, sich dem gewaltigen Eindruck diese« großen Momentes hingehend. Und das sollte zu jener unglücklichen Katastrophe führm. Einer der Arbeiter, welcher hoch oben au einer der großen Fensteröffnungen die schwere eiserne Pechpfanne zu bedienen hatte, war, nachdem die Flamme verlöscht war, im Begriff, daS G-fäß von seinem Standpunkte wegzunehmen, als er unglücklicherweise an daS morsche Gemäuer stieß und von dem unteren Rande der Oeffnung etwa« Gestein lockerte, daS in die Tiefe stürzte. Es waren Bruchstücke von Backsteinen, aus denen die zer­bröckelnden Mauern bestehen, die fast zwei Jahrtausende dem Zahne der Zeit kotzten, nun aber doch allgemach der VergLnglichk-.it ihren Tribut entrichten müssen; ein Teil de« herabfallmdeu Schuttes überschüttete Agnes und ein Stein streifte sie leicht an der Schulter, während eia größeres Stück ihren jungen Gatten aufs Haupt traf, daS nur mit einem leichten Slrohhute bedeckt war. Mit einem leisen Aufschrei brach der Verletzte bewußtlos zusammm; eS war ein letzter Laut, die Hirnschale war zerschmettert und an Rettung nicht zu denken, ein wahrhaft tragische« Schick- sal, das mit eherner Faust das stille Glück des jungen Paares vernichtete.

Am nächsten Tage befand sich die so schnell zur Witwe gewordene junge Frau wieder auf dem Wege nach Norden.; ße erfüllte die letzte traurige Pflicht gegen ihren verschiedenen

Hitzen. Wir haben schon vor einigen Wochen darauf hin- gewiesen, daß die bevorstehenden allgemeinen Neuwahlen zur französischen Deputiertenkammer den Wahlrednern reich­lich Gelegenheit geben würden, in Deutschenhaß zu schwelgen. So ist'« auch richtig gekommen. Selbst an und für sich gemäßigte Republikaner und deren Blätter machen jetzt in Revanche*, was nur daö Zeug halten will: Alle Dumm­heiten und Mißerfolge der republikanischen Parteien sollen damit zugedeckt werden. Das französische Volk spielt die Rolle eines Stieres, dem ein rotes Tuch, die Revanche- Idee, hingehalten wird, um ihn zur Wut zu reizen. Ob das klug oder thöricht ist, ob daS Land davon Vorteil hat oder nicht, das ist sehr gleichgültig, die Wahlparole ist nun einmal: Auf die Deutschen! Leider Gott'« ist der fran­zösische Ministerpräsident Brisson gar nicht der Mann, sich in Respekt zu setzen und solchem unsinnigen Treiben zu wehren! Deshalb die neueste Verwarnung derN. A.Ztg.* nach Paris! Offiziell wird sie Eindruck machen, aber in den Kreisen der wüsten Agitation wird das H-llo nur noch zu- nehmen; die Hetze ist ja zu schön eingefädelt und vor den Wahlen baif sie nicht ihr Ende erreichen. Das Ganze ist im Hinblick auf Gastein ein albernes Posieuspiel und wir können dem achselzuckend gegenüberstehen. In Berlin merkt man sich aber dies alles, und fangen die Franzosen noch einmal Kcakehl an, nun, so werden sie auch ganz gehörig Haare lasten wüsten. Dann kommt die Abrechnung und Quittung.

Deutsche» Reich.

Berlin, 5. Aug. Die .Germania* bringt in ihrer Nummer vom 1. d. Mts. einenErzbischof Dr. Krementz von Köln* überschriebenen Leitartikel, der mit den Worten schließt:Auf den wichtigen Erzstuhl von Köln wird ein Mann berufen, der sein Amt nicht zur Freude der Kultur­kämpfer führen wird! Die Kölner Erzdiözesanen haben einen ausgezeichneten Erzbischof erhalten, aber zugleich" ist eS kirchenpolitisch von unberechenbarem Gewinn, daß sein Vorgänger, Kardinal Melchers, in den höchsten Rat der Kirche berufen wnrde, ein erfahrener Anführer in dem Kampfe, welchen die preußischen Katholiken schon dreizehn Jahre kämpfen, ein Berater, der genau weiß, wie den Machinationen der Feinde der Kirche entgegenzutreten ist.* Bezüglich dieses Satzes bemerkt dieNordd. Allg. Ztg.*: In dem, waö dieGermania" an der Entwickelung der Kölnischen Erzbischofsangelegenheit lobt, hat sie, wenn auch wider Willen, die Wahrheit gesagt. ES ist in der Thal außerordentlich nützlich für den Frieden, daß ein Mann wie der Kardinal Melchers in den höchsten Rat der Kirche berufen wird, und es ist nur zu wünschen, daß das Ge­wicht seines Rates nicht durch Jntrtguen verkümmert werde. Denn Herr Melchers, wenn auch ein hervorragender Kämpfer im Kirchenstreit, wurde auch von seinen Gegnern stet« für einen ehrlich^ Mann gehalten, und die Anwesenheit eines

Gatten, dessen Leiche sie nach der Heimat begleitete, um sie in der Familiengruft in Polen beizus'tzen.

Welche Gefühle durchwogen da« arme Weib, als der Zug durch die lachenden Gefilde Italiens dahinbrauste l Mit Willen glücklichen Gedanken und Plänen für die Zu­kunft hatte st« erst vor wenigen Tagen denselben Weg in umgekehrter Richtung zurückgelegt und jetzt? Sie konnte nicht mehr weinen, ihr Auge hatte keine Thränen mehr, aber tief im Innern brannte e«, als sei das Herz zerristen.

Herbert hatte die ehemalige Geliebte nach dem Bahnhofe begleitet und ein bisher noch nicht gekanntes Gefühl überkam ihn, als das Signal ertönte und der Zug nun erst lang­sam, dann immer schneller hinauSdampfte, seiner fernen Heimat zu. ES war ein unnennbares Sehnen nach der entschwundenen Zeit, nach dem stillen, bescheidenen Atelier, von dem aus er einst am gegenüberliegenden Fenster den blonden Engelekopf mit den herrlichen, blauen, lachenden Augen und dem frischen Korallenmunde entdeckte, und wieder fiel ihm jener alte, schelmische, innige VerS ein, welcher der Angebeteten die erste Liebesbotschaft brachte:

Auf der Welt ist mir nichts lieber Als mein Stübchen, wo ich bin; Denn da wohnt mir gegenüber Eine schöne Nachbarin!

Dann war cS^ihm, als sitze er in dem Machen, m b dcch so traulichen Wohnzimmer des alten Registrator«. Der lange, hagere Mann mit dem strengen Gesichte hatte sich auf feinem altgewohnten Platze tu der Ecke des Kanapees niideczelaffm, die dicke Hornbrille auf die Nase gesetzt und la« tu der alten HauSposttllr.

Neben dem Lager aber saß Agnes, ihre Hand lag in

solchen Manne« im Kardinalskollegium, der mit den deut­schen Verhältniffen genau bekannt und vertraut ist, kann für den kirchlichen Frieden immer nur nützlich fein. Er wird ein moderierendes Gegengewicht gegen die unehrlichen und verhetzenden Einflüffe bilden, welche durch die Jesutten- preffe in Deutschland aus anderen als objektiv kirchlichen Interessen auf dir Kurie geübt werden. Wir halten den Kardinal MelcherS für einen wahrheitsliebenden Mann, wenn wir auch über da«, waS Wahrheit ist, vielleicht mit ihmI nicht einig sind. Dieselbe Anerkennung können wir den deutschen Kulturkämpsern deS Jesuitenlagers nicht zollen. Letzteren ist eS nicht um die katholische Kirche zu thun, sondern um die Bekämpfung deS Deutschen Reiche« und die evangelischen Dynastieen. Von Kardinal Mel­cherS nehmen wir an, daß ihm diese weltlichen Zwecke fern liegen, und daß er, wenn auch nach unserer Meinung andersgläubig und übereifrig, nur die katholische Kirche, ohne Nebenabsichten, vertritt. Wir bedauern nur, daß er seinen zweifellos dem Frieden nützlichen Einfluß imhöchsten Rate der Kirche" in keinem anderen Idiom als dem latei­nischen geltend zu machen im Stande ist, da die deutsche Sprache in diesem Rate nicht verstanden wird und Kar­dinal Melchers des Italienischen nicht mächtig ist. Betreffs der Ausdehnung der Unfall- und Krankenver­sicherung berichtet derHann. Kour.*:In Ausführung des ReichSgesetzes vom 28. Mai d. IS. sind die Obrig­keiten auf Grund einer Zirkularverfügung des Ministers der öffentlichen Arbeiten beauftragt, bezüglich der in ihrem Bezirk vorhandenen, im Baggerei-Betrleb sowie im gewerbs­mäßigen Fuhrwerks , BinnenschiffahrtS-, Flößerei-, Prahm-, Fähr- und Treidelbetrieb beschäftigten Arbeiter an der H,nd der aufgestellten Nachweisungen festzustellen, ob die­selben bereits einer Betriebs , Bau- bezw. allgemeinen Krankenkaffe angehören. Soweit dies noch nicht der Fall ist, sollen die Arbeitgeber darauf hingewiesen werden, daß auf die betreffenden Arbeiter mit dem durch kaiserliche Ver­ordnung zu bestimmenden Termine daS KrankenversicherungS- Gefetz vom 15. Juni 1883 in gleicher Weise Anwendung findet, wie auf die im § 1 dieses Gesetze« bezeichneten Be­triebe. Zugleich sollen vie Arbeitgeber darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie mit dem Eintritt diese« Termins jede von ihnen beschäftigte, den obengenannten Betrieben angehörige Person sofort, später Eintretende spätestens am dritten Tage nach Beginn der Beschäftigung anzumelden haben, soweit für diese Personen die Gemeinde - Kranken­versicherung eintritt, oder dieselben einer gemeinsamen OrtS- kcankenkaffe angehören. Erforderlichenfalls müffen die Statuten der Ortskrankenkassen einer Abänderung dahin unterzogen werden, daß unter die in den Statuten auf» geführten Gewerbszweige, für welche die Kaffe errichtet ist, auch die hier fraglichen Betriebsarten ausgenommen werden. Sind die durch das Gesetz vom 28. Mal d. Js. ver- stcherunzSpflichtig gewordenen Personen in einem Betriebe

der seimigen, und ihre Blicke ruhten mit dem Ausdruck inniger Liebe auf ihm. Und sie kosten und flüsterten von Gott weiß was; wie eine in goldenem Sonnenschein erglü­hende Zauberlandschaft lag die Zukunft vor ihnen und die rosige Gegenwart hatte für sie nichts als Glück und Freude;

Und jetzt war es vorbei, wie eine Sage lag die Ver­gangenheit hinter ihm, aber auch das lachende ZukunstSblld war verschwunden. Er hätte weinen mögen.

Langsam verließ Herbert den Bahnhof und ohne eS zu wollen, schlug er die Richtung nach Norden ein, wohin der Zug mit Agnes eilte. Mit aller Gewalt war die Liebe zu ihr wieder in ihm erwacht, sie hatte nur geschlummert, be­täubt und eingeschläfert durch eine Sirene, die ihn zu um­stricken, zu seffeln verstand. All die imposante, glühende Schönheit der Sängerin, die Pracht ihrer Erscheinung mit dem klassischen Kopf und dem unwiderstehlichen Lächeln, wo blieb da« olles gegen die engelgleiche Lieblichkeit und Sanftmut der einst angebeteten Tochter des Registrator«?

Die belebten Straßen ter einstigen Weltstadt erschienen ihm öde und einsam, feit sie nicht mehr hier weilte, aber wa« half ihm sein Sehnen und Hoffen, war er doch gewiß, daß AgneS seine Gefühle nicht teilte.

Rom, diese Hochburg der blldenden Künsti, dem einst fdn heiße« Sehnen gatt, jetzt war e« ihm langweilig und fade, die prächtigen Ruinen der alten Römerbauten kamen ihm vor wie Leichensteine, die Luft wie von Verwesungs­geruch erfüllt. Das Studienjahr, zu welchem er sich bei Entgegennahme de« Preise« verpflichtet hafte, war vorüber, wa« fesselte ihn noch an die Hauptstadt?

Da fiel e« ihm wie Zentnerlast auf« Herz. Wohl waten e« Fesseln, die ihn znrückhieftm, die et nicht ohne