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Marburg, Donnerstag, 6. August 1885.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg n. Kirchhain. -Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Die ehrliche Probe.
Die Erfolge, welche die Schutzpolitik in der letzten Zeit zu verzeichnen hat, lasten die Gegner natürlich nicht ruhen, und in ihrer dadurch hervorgerufeneu Unruhe versuchen sie alles Mögliche, um die gegenwärtige deutsche Wirtschaftspolitik zu bekämpfen. In dem Vorgehen ist die freihänd- lerische Preste natürlich Führerin, aber sie findet eine rege Unterstützung auch bet einzelnen Handelskammern, deren Sekretäre aus irgend welchem Grunde mit den herrschenden Zuständen nicht einverstanden find und nun, statt nur in den Berichten eine objektive Darstellung der Lage von Industrie und Handel in ihrem Bezirke zu geben, sich aus Polemiken einlasten und sich bemüßigt sehen, der herrschenden Richtung und der Regierung Weisungen und Winke zu erteilen. Die Handelskammer in Barmen leistet sich z. B. das Folgende bet einer Erörterung der Novelle zum Zolltarif: „Den Weg der .ehrlichen Probe", so sagt sie, .auf den die Anhänger des Schutzzolles mit so großer Vorliebe stets hinzuweiseu pflegten, wenn der Versuch gemacht wurde, au dem Zolltarif von 1879 zu rütteln, hat man gänzlich verlassen und sich auf völlig neue Bahnen begeben, und das Ende des Haschens und Jagens nach Schutzzoll wird die völlige Umgestaltung des Tarifs sein, auf drffeu Unantastbarkeit man so sehr gepocht hat. Leider trägt diese Neugestaltung, so weit es sich bis jtzt übersehen läßt, den Stempel der höchsten schutzzöllnerischen Bestrebungen und trägt eben deshalb den diesseitigen Wünschen nicht nur keine Rechnung, sondern sie vermehrt nur wesentlich unsere Befürchtungen, deren wir uns, wie früher so auch jetzt, nicht erwehren können, Befürchtungen, welche übrigens von den meisten (?) deutschen Handelskammern geteilt werden, und die sich dahin zusammenfasteu lasten: daß jede Vermehrung des Schutzzolls gleichbedeutend ist mit einer weiteren Erschwerung bezw. Verhinderung der Exportthättgkeit, mit einer wetteren Verteuerung der vom Auslande notwendig zu beziehenden Rohmaterialien und Halbfabrikate und endlich mit einer fortgesetzten Provokation des Auslandes, welches auf die diesseitige Herausforderung den Zollkampf seinerseits wiederum aufnimmt und auf unsere Schutzzölle mit gleichen Maßregeln antwortet; sehr zum Nachtelle der auf den Export angewiesenen deutschen Industrie; und das Ende davon ist nicht abzusehen.*
ES wird also in dem Vorstehenden zunächst der Versuch gemacht, die Anhänger des Schutzzolles mit dem Schlagwort der .ehrlichen Probe" festzunageln. Sie sollen an
geblich daö stillschweigende Uebereinkommen zwischen den Anhängern der Schutzzoll- und Freihandelspartei gebrochen haben, das die Unantastbarkeit des Tarifs stipulierte. Darauf haben wir als Freunde des Schutzzolls zunächst zu erwidern, daß uns von einer solchen Unantastbarkeit des Zolltarifs nichts bekannt ist. Die Schutzzollpartei hätte sich ja einer unverzeihlichen Urberhebung schuldig gemacht, wenn sie den 1879 er Zolltarif, das Werk weniger Wochen, gleich für so vortrefflich, für so in allen Punkten richtig angesehen hätte, um auf besten Unantastbarkeit pochen zu können. Zu einer solchen Vollkommenheit, um auf Unantastbarkeit Anspruch machen zu können, wird wohl kaum jemals irgend ein menschliches Werk, geschweige denn erst gesetzliche Bestimmungen kommen. Von unserer Seite ist auf die Unverletzlichkeit des Zollgesetzes von 1879 daher auch niemals gepocht worden.
Mit dem Schlagwort von der .ehrlichen Probe" hat es ebenfalls eine ganz andere Bewandtnis als der Barmer Handelskammerbericht glauben machen möchte. Es ist nämlich von den Freihändlern erfunden worden, gleichsam als ein Trost über den Schiffbruch ihrer Theorien damals ver- brettet worden. Mit Vorliebe ist es deshalb auch auf gegnerischer Seite gebraucht worden, erwartete man doch von dieser „ehrlichen Probe", das heißt von dem Wirken des Zolltarifs, daß er die Ansichten der Freihändler rechtfertigen, und also die deutsche Industrie schädigen würde. Als nicht nur nichts von diesen Hoffnungen in Erfüllung ging, sondern sogar das GegenteU, das Aufblühen der Industrien eintrat, die in genügender Weife gegen die ausländische Schleuderkonkurrenz geschützt waren, da war man über die „ehrliche Probe" unter den Freihändlern nicht sehr erbaut. Die auf diese Weise selbst auferlegte Reserve wurde von ihnen gebrochen und der Kampf aufs neue eröffnet. Von den freihändlerischen Versuchen, den Zolltarif zu durchbrechen, sagt ja auch der erwähnte Bericht, indem er von „dm diesseitigen Wünschen" spricht, denen .nicht nur keine Rechnung" getragen wurde. Eine .ehrliche Probe" war also zwar von den Freihändlern geplant, als sie aber nicht nach Wunsch ausfiel, da wurde sie in die Rumpelkammer geworfen und jetzt erst wieder hervorgeholt, um den Anhängern der deutschen Wirtschaftspolitik, die nach mehr als fünfjähriger „ehrlicher Probe" sich anschickten, die Erfahiungen und Resultate derselben allgemein zu verwerten, wie es in der Zolltarisuovelle geschehen ist, damit einen Vorwurf zu machm.
Zwingend für dieses Vorgehen, für die Verbefferungen und Ergänzungen des Zolltarifs, waren dann weiter noch die Ereigviffe, welche die zitierten Schlußausführungen des Berichtes richtig wiedergäben, wenn man nur die dem Ausland und Inland darin angewiesenen Rollen vertauscht. Die „fortgesetzte Provokation" Deutschlands seitens des Auslandes nämlich ist eS in der That, die uns nötigt, auf die jenseitige „Herausforderung den Zoükampf wieder auf
zunehmen" und auf die Erhöhung der Schutzzölle seitens unserer Nachbarn mit gleichen Maßregeln zu antworten. (D.V.K.)
Deutsche, Reich.
Berlin, 4. Aug. Die Prinzessin Wilhelm wird dem Vernehmen nach mit den kleinen Prinzen am Donnerstag, den 6. d. Mts., Helligendamm verlaffen und abends in Potsdam eintreffen. Am Sonntag Abend gedenkt Höchstdtesrlbe, begleitet von der Oberhofmeisterin Gräfin Brockdorff und den Kammerherrn Freiherrn v. Mirbach, die Reise über München und Chur nach St. Moritz in der Schweiz anzutreten. Die Ankunft daselbst würde am 13. d. Mts., abends, erfolgen. — Auf dem internationalen Telegraphen Kongreß, deffen Eröffnung Hierselbst auf den 10. August festgesetzt ist, werden als Bevollmächtigte fungieren: für Oesterreich - Ungam Hofrat Baron Brunner von Wattenwyl, Geueral-Telegraphmdirektor Baron Koller von Granzow und die SektionSräte Wolschitz und Mockvy; für Rußland: der Ches deS Kaiserlichen Trlegraphen- wesenS, General von Besack, der Brigade - General Uffos und der StaatSrat v. Rosst; sür Großbritannien: die Mitglieder deS General Post Office Patty, Fischer und Benton; für Frankreich: Ober-Telegraphen-Dtrektor Fribourg und die Räte Lorin und Brunet; für Italien: General - Telegraphendirektor d'Ämico; für Spanten: General-Telegraphendirektor Aquilin o Herce und Direktor Coromina y Marcella». Bis jetzt sind 82 Bevollmächtigte angemeldet, darunter von außereuropäischen Staaten: Brasilien, Ostindien, Japan, Persien, Niederländisch - Indien, Egypten, Siam, Süd-Anstralien, Neu-Süd-WaleS, Neu-Seeland, TeSmanim; ferner von Kabel-Gesellschaften: die Bevollmächtigten der Anglo-American, der Submarine, der Jndo- European, der Great Northern, der Vereinigten Deutschen, der Castern Extension Australia und China, der Compagnie fran^rise, der Dircct United, des Schwarzen Meeres, der Brasilianischen Submarine, der Castern and South Africa, der Direct Spanish, der West Jndia and Panama, endlich der Western and Braztlian Kabel-Kompagnie. Es staden sich darunter die größten Autoritäten auf diesem Gebiete, u. a. Werner Siemens, Sir James Anderson, Mr. John Pender, Sir Julian Goldsmid, Mr. Jules DeSpecher, Kapitän Sueuson und Andere. — Der Fest- kommerS zur Feier des 75jährigen Stiftungsfestes der Universität hatte gestern abend etwa 1500 Studierende im großen Saale der Philharmonie vereinigt. Der Andrang war ein derartiger, daß selbst die Logen der Estraden mit Tischen besetzt werden mußten. Der Saal war aus das Reichste geschmückt; auf dem Podium erhob sich ein von der Kaiser- und der Königsstandarte flankierten Fahnenwald, vor dem die Büsten Friedrich Wilhelm III. und seiner beiden Herrschersöhne Aufstellung gefunden hatten. Die Brüstungen der von einem reichen Damenflor besetzten Galerteen zierten Flaggen und Wappen in allen deutschen
Im Bau» de» Schicksal».
Roman von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
Aber AgneS antwortete nicht auf die Frage WallburgS, ihre ganze Aufmerksamkeit galt wieder dem jungen Manne, welcher noch immer regungslos, mtt geschloffenen Augen dalag.
Der Maler sah ein, daß jetzt nicht die Zeit zu solchen Fragen sei, aber er beschloß, der ehemaligen Geliebten seine Dienste anzubieten, ihr In der fremden Stadt helfend und beratend beizustehen.
Er trat zur Baronin, die seiner mit Ungeduld harrte.
„Sie werden sich für heute dem Schutze meines Freundes anvertrauen wüsten, Ludmilla," sagte er mit einer gewissen Bestimmtheit. „Jene Dame ist fremd hier und bedarf sicherlich in ihrem Unglück eine Stütze. Ich will ihr diese Stütze sein, bis sie selbst es nicht mehr wünschen wird."
„Sie erweisen dieser Näherin viel Ehre, in der That!" erwiderte die Baronin scharf, und ein Blick glühenden Hasses schoß nach der weinenden Frauengestalt hi». „Graf Tern- browski wird Ihnen dies nach seiner Genesung vermutlich wenig Dank wissen l"
„Graf TembrowSki, sagen Sie — ist er das?" fragte Herbert schnell.
„Der Verunglückte trägt diesen Namen," versetzte Jene, „allem Anscheine nach ist er der Bezleller dieser Person.".
ES lag etwas ungemein Verdächtiges in diesen Worten.
„Wenn diese Beiden zusammen gereist sind, so vereinigt sie auch da» Band der Ehe!" sagte der Maler mit Nachdruck. „Es wäre wohl klüger von Ihnen gewesen, Lrchmilla,
wenn Sie diese unbegründeten Verdächtigungen nicht ausgesprochen hätten l"
„Schade, daß dieses Mädchen nicht hört, mtt welchem Mure und welcher sittlichen Entrüstung Sie eine Lanze für sie brechen," höhnte die gewesene Sängerin. „Aber bitte, thun Sie sich keinen Zwang an, ich werde mich auch ohne Ihren Schutz nach meiner Wohnung zu finden wiffen. Falls Sie mir morgen erzählen wollten, wie sich das kleine Abenteuer entwickelt hat, so finden Sie mich mittags zwischen elf und zwölf Uhr tot Cafö Reale."
Sie neigte herablaffeud das Haupt und suchte aus dem Gedränge zu kommen. Herbert winkte seinem tu der Nähe stehenden Freund und bat ihn, die Baronin zu begleiten; er durfte sie in der Dunkelheit nicht allein gehen lasten.
Als der Maler sich wieder zu Agnes wandte, trat eben der Arzt an den Verwundeten heran, und kniete zu ihm nieder, um ihn zu untersuchen.
Angstvoll hingen die Blicke des jungen Weibe» an den Lippen des Manne» der Wissenschaft, aber e» dauerte lange, ehe dieser einen Ausspruch that.
Endlich erhob er sich.
„Der Verwundete ist ungesäumt in daS Spital San Gi-csmo in Augusta zu bringen," entschied er, „ein Siech- korb zum Transport ist von der nächsten Polizeistatton zu erhalten."
Dann legte er seine Hand auf die gefallenen Hände der jungen Frau.
„Ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß hier das Schlimmste zu fürchten ist," fuhr er fort, „es hat ein Schädelbruch stattgefunden. Vielleicht würde hier sogar der Tod als ein Glück zu betrachten sein, benn es ist mehr eie wahr
scheinlich, daß im Falle einer Wiederherstellung die Geisteskräfte des jungen Mannes auf das Empfindlichste gelitten haben würden."
Aufs neue sank die unglückliche junge Frau au dem Bewußtlosen nieder, während der Arzt einige Anordnungen tcaf, die Herbert entgegennahm.
Bald darauf erschienen zwei Träger mit dem Siechkorbe, der Verwundete wurde sorgfältig und Vorsicht^ hineingelegt und fortgetragen, während die Menge sich zerstreute.
Agnes aber wankte, auf den Arm de» Maler» gestützt, aus dem weltberühmten Raume, der für sie so verhängnisvoll werden sollte. Draußen rief Herbert einen Lohnwagen.
„Spital San Giacomo!" rief er dem Vetturino zu, während er Agne- in den Wagen half und sich ihr gegen« Übersetzte.
Kein Wort wurde gesprochen von dem Zerwürfnis, da» ihre Trennung herbeigefahrt hatte; keine Silbe deSBorwursS kam über die Lippen der jungen Frau. Der schwere Schlag, der sie so plötzlich und unerwartet betroffen, ließ sie keinen anderen Gedanken fasten.
Wmige Stunden darauf kniete sie halb bewußtlos vor Schmerz am Sterbelager ihres jungen Gatten; er verschied, ohne die Besinnung wieder erlangt zu haben.
XVI.
Als Herbert am frühen Morgen de» anderen Tage» nach dem Spital kam, um sich nach den Befinden de» Verwundeten zu erkundigen, erfuhr er besten H »scheiden, und die Ursache desselben nach den beglettenden Umständen.
Etwa ein Jahr nach der Abreise de» Maler« nach Jtalim hatte AgueS dem Grafm Tembrowski die Hand zum Altars