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JUarfiurg, Mittwoch, 5. August 1885.

XX. Ziyrgllllg.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- zbonnements-Preis bei der Expedition LV« Mk., bei den Postämter Ä Mk. 50 «ig. (ejcl. Bestellgeld). ZnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Vs,, ßtellamen für die Zeile

(DIirrliÄir jcitinig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, fowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMosie in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: ®. L. Daube und So. in Frankfurt a. M» Berlin,Hannover u. Paris.

Ktlchkiitlichk Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg 11. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

DVU- Bestellungen für die Monate August und September auf dieOberhesstscheZeitung und deren Beiblätter werden sowohl von der Post als der unterzeichneten Expedition entgegengenvmmen,

Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen an. ______________________Ex-ed. der Oberh. Ztg.

Erwerbsverhältuifse.

Im wirtschaftlichen Wettkampf auf dem Weltmarkt kommen in erster Reihe 4 Nationen in Betracht. DaS sind: die englische, die französische, die amerikanische (die Bereinigten Staaten von Nordamerika), die deutsche. Dem Alter nach stehen wir Deutschen am weitesten zurück, den Erfolgen nach aber in vielen Fällen weit vorn, ost sogar an der Spitze. Der gkborene Kaufmann, ter Brite, hat viel Terrain verloren. Für das Warum? gab dieser Tage in Paris ein Oberst der dortigen chinesischen Gesandtschaft in einem Sp-zialfalle den Grund an. «Ja", sagte der Chinese, «unsere Bevölkerung merkt, daß sie von den Eng­ländern im HandelSveikehr über das Ohr gehauen wirs; das schmeckt schlecht. Die Engländer sind aber auch sehr grob; und das schmeckt schlechter. Da sind die Deutschen mit ihre« billigen und preiswerten Waren gekommen. Anfänglich haben sie nicht viel auSgrrichtet, aber sie sind wieder und wieder gekommen, und zuletzt haben sie doch einen Erfolg gehabt, der sich jetzt fortdauernd vergrößert. Und die Deutschen sind im geschäftl chen Verkehr fortwährend höfliche und liebenswürdige Leute geblieben, die den Chinesen weit bester behagen, als die Briten." Diese Antwort wurde einem französischen Journalisten gegeben, der sie wahrheits­gemäß reproduzierte. Uns kann sie erfreuen, in England aber wird sie nicht gerade mit wohlgefälligem Lächeln be­grüßt werden.

Alt - England galt lange Zeit als das gesegnete Land für alle industrielle Arbeit, das Land, in dem man das Geld auf der Straße findet. Damit ist'S heut vorbei. Mit Geldforgen brauchen sich die Briten allerdings nicht groß zu plagen, und wenn im Parlament so ein Sümmchen von 100 Millionen Mark für militärische Zwecke gefordert wird, so wird dagegen kein großer Widerstand weiter er­hoben und die Sache sehr schnell abgemacht. Die englische Industrie ist aber über ihre goldenen Glücksjahre hinaus. ES ist kein rechter Verdienst mehr da, in einzelnen Gewerben, namentlich im Schiffsbau, macht sich direkter ArbeitSmangel geltend, anderswo haben Lohnreduktionen stattgefunden, kurzum, die Regierung hat sich veranlaßt gesehen, eine Kom­mission einzusetzev, welche eie Ursachen des wirtschaftlichen Niederganges ergründen soll. In Nordamerika steht es fast noch schlechter aus. In einer großen Zahl von Branchen, namentlich in der Eisenindustrie, herrscht ein offenbares Mißverhältnis. Arbeiterentlastungev, Lohnstreitigkeiten sind an der Tagesordnung und bei den verminderten Löhnen

macht sich der hohe Preis alles besten, was zum täglichen Leben gehört, doppelt fühlbar. Nun erst in Frankreich! Fast keine Woche vergeht, wo nicht von Paris aus rin Hallo über diese oder jene deutsche Konkurrenz erhoben wird, welche die betreffende französtsche Industrie zu rui­nieren droht. Und doch ist der Franzose noch immer ein flotter Geschäftsmann, versteht stch auch auf elegante, zier­liche Arbeit und thut jetzt auch in den Preisen, waS er nur irgend kann. Bei uns in Deutschland wird nicht gerade so geklagt, wie in den anderen Ländern, aber zur Zufrieden­heit fehlt doch noch manches. Wir sehen unser« Absatz nach außen hin bedeutend erweitert, und damit find ja die Fabrikanten sehr einverstanden, aber von einer großen Zahl von ihnen wird auch hervorgehoben, daß mit dem wachsenden Umsatz der Verdienst nicht Schritt hält, und auf den Ver­dienst kommt es ja gerade an.

Wir sehen also, daß trotz des koloflalen Weltmarkt­verkehrs doch bei keiner der meist beteiligten Nationen volle Zufriedenheit herrscht. Vielleicht sind die Klagen hier und da etwas übertrieben, aber soviel steht fest: die Klagen stad da. Kommen sie auch nicht auS allen Industrien, so kommen sie doch auS mancher wichtigen, und so ist'S nament­lich bei uns in Deutschland. Die Zollschranken des Aus­landes sind es in den letzten Jahren nicht so sehr gewesen, welche jeder der genannten Nationen Verdrießlichkeiten be­reiteten, denn diese wurden meist so hoch angenommen, daß die Einfuhr des betr. Artikels gesperrt wurde; es ist viel­mehr die Ueberproduktion, welche stch allenthalben geltend macht, die die Preise drückt. Das Angebot auf dem Welt­markt ist zur Zeit derartig, daß selbst weniger zivilisierte Völker klug werden und auf den Groschen zu sehen beginnen. AuS Westafrika ist ja z. B. zu wiederholten Malen mit­geteilt, daß die Neger sehr scharf auspaffen, daß sie im Handel oder bei der Lohnarbeit nicht zu kurz kommen, und auS den eingangs erwähnten Worten des chinesischen Obersten springt das Wort .Billig" besonders hervor. Die Ueber­produktion in irgend einem Artikel tritt in der Regel erst dann hervor, wenn es zu spät ist, ihr Einhalt zu thun. Die verbesserten Maschinen, neue technische Erfindungen er­leichtern die Herstellung der Fabrikate ungemein, ein Schritt weiter, so gchl's auch bereits auf die Ueberproduktion zu. Die letztere herrscht bei jeder Nation im einzelnen schon, und kommt dann auf dem Weltmarkt der Zufluß von allen Seiten zusammen, so tritt Stauung ein oder Preisminde­rung. Angesichts dieser Lage der Erwerbsverhältniffe ist mehr als je darauf zu halten, Zvllfp^rren im Auslände zu verhindern, welche einen Export überhaupt abschneiden. DaS Maß könnte zuletzt doch einmal überlaufen.

Deutscher Reich.

Berlin, 3. Aug. Umlaufende Gerüchte über einen dem Kronprinzen in der Schweiz angeblich zugestoßenen Unfall entbehren jeglicher Begründung. (S. unten Artikel

Straßburg.) Der Bundesrat hat sich bekanntlich vor seiner Vertagung in Bezug auf die AussührungSbestim- mungen zum Bvrsensteuergesetz nur insoweit schlüssig ge­macht, als eS sich um die Anfertigung der neuen Stempel­marken, deren Verteilung an die einzelnen Verkaufsstellen u. f. w. handelt. Was die übrigen nicht minder wichtigen Bestimmungen betrifft, so ist jetzt, wie dieBerl. Polit. Nachr." hören, das Material, welches von den Handels­kammern, dem Aeltestenkollegium der hiesigen Kaufmann­schaft und anderen bei der Ausführung des Gesetzes in­teressierten Korporationen eingefordert wurde, eingelaufen und bereits in Bearbeitung. Man hofft, binnen kurzem mit der Aufstellung des Entwurfs für die AuSführungS- bestimmungen vorzugehen und denselben soweit vorbereitrn zu können, daß die BundeSratSausschüffe, welche in der ersten Hälfte deS September zusammentreten, ihre Arbeit sofort beginnen können. Die .Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Der PariserTempS" veröffentlicht einen Artikel Über die Dislokation des französischen Heeres, indem er eine Ver­mehrung des Kavalleriebestandes längs der französischen Ost- und Südgrenze anempfiehlt, wenn schon, wie er selbst ziffermäßig nachweist, die französischen Kavallerieregimenter, welche unter den heute bestehenden Verhältniffen schon am ersten Mobilmachungstage den Deutschen entgegengestellt werden könnten, diesen numerisch überlegen sein würden. DerTempS" verlangt, daß die Pariser Kavallertediviston andere Quartiere, und zwar in der unmittelbaren Nähe der deutschen Grenze beziehe,um stch gleich von heute an in die Rolle etvzuleben, zu der sie eines Tages berufen fein würde, wenn die Ereigniffe Frankreich zur Mobil­machung seiner HeereSmacht nötigen. Die französischen Gemeindeverwaltungen des OstenS", so schließt der Artikel desTempS",sind zur Darbringung der nötigen Geld- opser für den Bau neuer Kasernen bereit!" Man hat in Deutschland Zeit gehabt, stch an die kriegerischen Vorbe­deutungen zu gewöhnen, die jenseits der Vogesen niemals schweigen und gelegentlich crescendo betont werden; man hat aufgchört, die französtsche Nation mit den Pariser Chauvins zu identifizieren; aber wir halten es für unsere Pflicht, diese Erscheinungen öffentlich zu kontrollieren und beide Nationen im Jntereffe ihres Friedens daraus auf­merksam zu machen, wenn Staatsmänner und höher« Offi­ziere oder angesehene Organe der Presse den Krieg gegen Deutschland predigen oder, wie derTempS" und kürzlich Herr v. Caffagnac, den Kampf in den Vogesen als bevor­stehend und als unwandelbares Ziel jeder franzvstschen Politik in AuSstcht stellen. Symptomatisch hat der Artikel deSTempS" größere Bedeutung, als die Aufschneidereien eines Deroulsde, die Deklamationen ThtbaudinS und der Zorn CaffagnacS. DerTempS" ist das leitende Organ der gemäßigten republikanischen Partei; er vertritt in erster Linie jene in Frankreich so zahlreiche Klaffe ruhiger be­sitzender Bürger, deren Ansichten über Krieg und Frieden

Im vauu des Schicksals.

Roman von Moritz Lilie.

(Fortsetzung.)

Die Zeiten der Fra DiavoloS sind glücklicherweise auch für Italien vorüber und die mit dem poetischen Hmch der Sage umgebenen Banditen deS Apennin nnd der Abruzzen sind tu den Augen deS Volkes heute nicht mehr und nicht weniger als gemeine Wegelagerer," versetzte Herbert.Auch ich liebe das Romantische, in dem Morde eines Menschen aber vermag ich nichts davon zu bemerken."

Es klang wie rin Verweis, den der junge Mann der Dame erteilte.

Sie sind heute sehr empfindsam, Herbert!" versetzte dir Baronin mit rinem kurzen Auflache».Gerade für Sie als Maler müßte doch ein solcher tragischer Moment viel Anziehendes haben. Denken Sie sich, ein schöner junger Mann von einem Dolchstoß niedergestrcckt, liegt blutend auf der Erbe, an seiner Seite seine Braut, die unschuldige Ur­sache zu seinem Tode, jammernd und wehklagend, mit auf­gelöstem Haar, das thränenüberströmte jugendliche Antlitz hilfeflehend zum Himmel gerichtet. Eine Anzahl Menschen verschieden« Alters und Standes nahen stch scheu der Gruppe, im Hintergründe aber entschwindet flüchtigen Schrittes der gedungene Mörder, während in einiger Entfernung der Ur­heber der Thal, irgend ein Nobile, der da» Mädchen eben­falls liebt, ruhig und gleichgtltig auf die Szene blickt. Welch ein hochdramatischer, wirkungsvoller Vorwurf zu einem Gemälde!"

Sie können die Bühnenkünstlerin noch immer nicht ver­leugnen, Ludmilla!" meinte Herbert ernst,das mag sich ullr» auf dem Theater recht gut auSnehmrn, «0 stch ein

solcher Moment dem Auge flüchtig, vorübergehend bietet, auf der Leinewand aber müßte eine Darstellung in dieser Form verletzend wirken. Sie sind an derartige Bühueneffekte gewöhnt, Ludmilla, deshalb sprechen Sie von denselben so ge­schäftsmäßig uvd" fügte er leise hinzuund so frivol I"

Die Baronin hatte eine Entgegnung auf der Lippe, aber sie kam nicht dazu, sie an Szusp rechen.

Lautes Schluchzen, Stimmengewirr, Ausdrücke des Ua- willmS und des Bedauerns drangen an ihr Ohr und nahmen die Aufmerksamkeit der Beiden in Anspruch.

Ein dichter Kreis von Menschen verhinderte den Maler und seine Begleiterin zu sehen, was vorgefallen war; fast mit Gewalt brach sich Herbert Bahn durch die Menge, ge­folgt von der Baronin, welche seinen Arm nicht loSlteß.

Den Maler durchrieselte eS eiskalt, als er sah, um was es stch hier handelte; das Phantasiegebilde der Baronin war zur Wirklichkeit geworden.

Ein junger Mann lag auSgestrrckt auf dem Bode« bleich und regungslos, nnd über ihn gebeugt eine schlanke, schöne Fraucngkstalt. Mit der einen Hand preßte sie ihr feines Battisttaschentuch auf ein« schwere, blutende Wunde am Haupte deS Daliegenden, mit der anderen streichelte sie ihm Stirn und Wangen, während sie ihm die zärtlichsten Namen zuflüsterte.

Die Szene bildete eine so erschütternde realistische Ueber- tragu g der von Ludmilla entworfenen Schilderung In die Wirklichkeit, daß Herbert einen scheuen, fast ängstlichen Blick auf das schöne Weib an seinem Arme warf; in diesem Augenblicke hatte Ludmilla für ihn etwas Unheimliches, fast Dämonische»; fie erschien ihm wie eine Hellseherin, welche Unglück weissagt. Unwillkürlich schaute stch der Künstler

nach dem fliehenden Meuchelmörder um, von welchem die Baronin gesprochen.

Plötzlich drangm bekannte Leute an fein Ohr. Die neben dem Verwundeten knieende Dame hatte sich emporgerichtet und wandte sich an die Umstehenden.

Einen Arzt, Leute, um GotteSwilleo, einen Arzt!" rief sie in deutscher Sprache, die Hände flehend zu den müßigen Zuschauern emporhebend.

Aber in demselben Augenblicke riß sich Herbert von dem Arme Ludmillas los und stürzte zu der Jammernd« hin.

Agnes Du Sie hier?" schrie er, ihre Hand erfassend und leidenschaftlich drückend.

Bei Gott, das ist die Näherin l Muß sie auch hier wieder meine Wege durchkreuzen?' flüsterte die Baronin zu stch selbst, indem sich ihre Augen mit feindseligem Ausdruck aus die blonde, jetzt in Schmerz doppelt schöne Frauengestalt hefteten.

Einen Arzt, Herr Wallburg, rufen Sie einen Arzt ehe eS zu spät ist!" jammerte Agne», in diesem Momente von dem unerwarteten Erschein« deS ehemaligen Geliebt« keine Notiz nehmend.

Der Maler winkte einem Barsch«, der sich neugierig herangedrängt hatte.

Du erhältst einen Lire, wenn Du so schnell al« möglich ein« Arzt zur Stelle schaffst!" rief er ihm zu, und ohne Zögen: eilte der Bote davon.

Aber waS ist geschehen, Agnes, wer ist dieser Mann, dem Sie so große Teilnahme widm« ?' wandte sich Herbert wieder an die Tochter de» Registrator», und e» lag etwa» wie leiser Unmut im Tone seiner Stimme. Fast hätte er dm Verletzten bmeid« können wegen der Sorgfalt, die Im« ihm zuwandte. Sortsitzemg folgt)