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Nr. »77.

Marburg, Freitag, 31. Juli 1885.

XX. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- AbonnementS-Preis bei der Expedition 2*/t URL, bei den Postämter S Mk. 50 «fg. (erd. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Vf,. Reklamen für die Zelle 85 ff,.

OlmhMc jritmi(i.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg unbgSBien; RudolfMoffe in Frankfurt a. DL, Berlin,München und Köln: B. L. Daube und So. tu Frankfurt a. M, Berlin,Hannover u. Pari-.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

____________________________Expedition-. Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

MV» Bestellungen für die Monate August und September auf die Oberhesstsche Zeitung und deren Beiblätter werden sowohl von der Post als der unterzeichneten Expedition entgegengenommen.

Auf dem Lande nehmen die Landpystboten Bestellungen an. ______________________Exped. der Oberh. Ztg.

Da» Faeit der Wollmärtte.

Daß das Ergebnis der diesjährigen Wollmärtte für einen großen Teil der deutschen Landwirte, um nicht zu sagen für sämtliche, einer KristS gletchkommt, kann nicht verkannt werden. Und schon nisten sich auch an dieses Ergebnis jene Ratgeber, die, weil sie weder von der Ursache noch von der Entwicklung der Verhältnisse, die hier zutage treten, einen Begriff haben, sich um so mehr berufen glauben, ihren wohlfeilen Rat zu erteilen.

Man beginnt zunächst dieselben Vorwürfe und Aus­stellungen, welche man vor 10 Jahren gegen die deutsche Industrie und gegen die deutschen Arbeiter schleuderte, auch gegen die Landwirtschaft vorzubringen. Damals wollte man die verhältnismäßig wenig zahlreiche Beteiligung der deut­schen Industrie an den Ausstellungen zu Wien und zu Philadelphia zurückführen auf die Unfähigkeit der deutschen Industrie gegen die anderer Länder.

Wie heute die Landwirtschaft, so stand damals die deutsche Industrie und standen die deutschen Arbeiter vor einem Vorgang, den sie nicht veranlaßt und den sie daher auch nicht tn ihrem Gange bestimmen konnten. Der ungeheuere Wertzustrom, der infolge der Zahlung der französischen Kriegsentschädigung nach Deutschland kam, veranlaßte zu­nächst dieungünstige Handelsbilanz" Deutschlands und diegünstige" Frankreichs. Um die Wechsel, die Frank­reich an Deutschland gegeben hatte, einzulöseo, mußten wirkliche Werte auögesührt werden: zuerst das vorhandene Bargeld, dann Waren, und dann, als das Bargeld zurück- gekauft wurde, noch einmal Waren. Deutschland empfing natürlich bhfe Wrren für dir Wechsel, die es von den Frarzosen besaß, nachdem es Gold, das zuerst dafür ge­nommen worden war, genug hatte. Denn Gold kann man weder effot; noch kann man Häuser, Straßen und Eisen­bahnen davon bauen, und der Gebrauch goldener Uhren und sonstigen goldenen Schmuckes ist bekanntlich beschränkt.

Diese Wertbewcgung veranlaßte aber nicht allein die günstige" Handelsbilanz Frankreichs und dieungünstige" Deutschlands; sie b< dingte auch die Gestaltung der Jndustrie- uud Ardeitsverhältniffe. Die Hereiuströmenden Werte konnten nicht roh liegen bleiben, sie mußten verarbeitet werden; und daher kam es, daß die Industrie vollauf zu thun hatte, um die Arbeiten, die im Lande zu machen waren, zu bewältigen, daß man massenhaft fremdes Material und fremde Arbeiter beschäftigte und daß man sich so unzu­länglich an den großen Ausstellungen beteiligte. Man

hatte gar keine Zeit, um viel für die Schaustellung und für das Ungefähr deö Erfolges auf Ausstellungen zu ver­wenden, da man kaum die Arbeit für den sofortigen Ge­brauch bewältigen konnte.

Wie eS damals der deutschen Industrie ungerechtferttgter- weise widerfahren ist, so widerfährt eS heute der Landwirt­schaft; und die ersten Stimmen, die sich nach dem ungün­stigen Ausfall der Wollmärtte erhoben, waren ohne weiteres bereit, über die Landwirtschaft und die Landwirte den Stab zu brechen. Man warf ihnen Lässigkeit in der Wäsche, in der Sortierung und in der Verpackung vor. Aber nicht nur da«. Man fand auf einmal die ganze Richtung der Schafzüchterei tadelnswert, warf den Landwirten vor, daß sie zu großen Nachdruck auf die Fleischzucht, anstatt auf die Wollzucht legten und dergleichen mehr; während doch jeder­mann, der die Debatte auf diesem Gebiete einigermaßen zu verfolgen im stände ist, noch vor kurzem einer gewiffen publizistischen Einstimmigkeit darin begegnet ist, daß die Landwirte größeren Nachdruck auf die Fletschzucht legen müßten! Es ist dieselbe, der wirtschaftlichen Entwickelung impotent gegenüberstehende Gedankenlosigkeit die heute ihr Wesen treibt, wie damals; die aber gerade deshalb die beste Aussicht hat, denselben Wirrwarr zu machen, wie hinsicht­lich der Industrie im vorigen Jahrzehnt.

Wie die Industrie damals und sie soll auch heute den Tag nicht vor dem Abend loben!so steht die Land­wirtschaft vor Verhältnissen, die nicht sie gemacht hat, deren Entwicklung und Ausdehnung sie nicht hindern kann, wenn es auch nicht an Mitteln fehlt, wenigstens ihrer zerstörenden Wirkung entgegenzutrcten, und an denen dir Landwirte nur insofern Schuld tragen, als auch unter ihnen der manchester- lich- Egoismus den konservativen Gemeingeist überwältigt und sie auf Abwege geführt hat, so daß sie Milderung suchen durch Mittel, durch die nur Verschärfung des Nebels herbctgeführt werden kann.

Die deutsche Landwirtschaft erfährt hinsichtlich der Wolle erst jetzt, was die englische bereits erfahren hat; aber sie hat hinsichtlich anderer Erzeugnisse doch schon ähnliche Er­fahrungen gemacht; z. B. hinsichtlich des Klees, des Raps rc. Aber wenn die englische Landwirtschaft versäumt hat, sich gegen die verwüstenden Ueberschwemmungen zu schützen und nun dieselben mit Gleichgültigkeit trägt, weil sie gar keine Landwirtschaft mehr, sondern ein Objekt des Sports oder der Spekulation ist, so hat die deutsche Landwirtschaft ein Beispiel, das in Deutschland wiederholt den Ruin des ge­samten politischen Bestandes zur Folge haben müßte. Kam die Vernichtung der englischen Landwirtschaft aus den Kolonien und aus den kapitalistisch unterworfenen süd­amerikanischen Republiken, so fehlt uns dies- Bedrohung auch nicht, aber wir haben Rußland als nächsten Nachbar. Und der Ausfall der Wollmä ktr tn diesem Lande, der noch weit schlimmer ist als derjenige in Deutschland, läßt keinen Zweifel daran, daß im nächsten Jahre die neue Wider­

wärtigkeit wett schärfer kommen wird. WaS unseren Land­wirten überhaupt noch bevorsteht, da- zeigen die Nachrichten aus Egypten, diesem jo sehrexportfähigen" Lande. Dort sind im oberen Teile die Bauern bereits so weit, daß sie für ihre Erzeugnisse gar keinen Absatz mehr finden können, und daß sich die Regierung genötigt steht, chre Steuern anstatt in Geld in Cerealien zu nehmen. In vielen Gegen­den Rußlands werden die Dinge binnen kurzem ganz genau so liegen, oder vielmehr sie liegen bereits so.

Daß unter diesen Umständen die Schutzzollpolitik in der Beschränkung auf die Zölle nicht auSrcicht, wenn eS gelten soll, Verhältnisse, wie sie in England bestehen, zu vermeideu, liegt auf der Hand. Wenn es einmal erst so wett ist, daß in den agrarischen Ländern die Exporterzeugnisse auf Staats- kost« den Exportplätzen zugeführt werden und auf anderes läuft doch die Ueberuahme der Ackerbauerzeugnisse anstatt der Steuern nicht hinaus dann erhält das Zwischengeschäft die Urprodukte eigentlich umsonst; und was das für die Landwirtschaft der entwickettereu Länder sagen will, liegt auf der Hand.

Wodurch aber wird der Zwang für die agrarischen Länder, ihre Cerealien um jeden Preis tn das Ausland zu werfen, bedingt? Durch nichts als durch ihre Verschuldung. Argentinien bezahlt mit seiner Wolle seine Zinsen und muß sich daher seine Preise diktieren lassen. So ist eS bei Australien, Egypten, Rußland. Wie vor 10 Jahren dir Verschuldung eines industriellen Landes an Deutschland unsere Ueberschwemmuug mit Jndustrteprodukteu und fremden Arbeitern zur Folge hatte, so hat nun die Verschuldung der agrarischen Länder die Ueberschwemmungen agrarischer Produkte zur Folge. . . . Nicht die angeblich schlechte Ver­packung der Wolle, nicht die Richtung der Schafzucht nein die unsinnige Kapitalsausfuhr: das ist des Pudels Kern.

Deutscher «eich.

Berlin, 29. Juli. Dem Vernehmen derB.P.N." nach wird bereits im Reichshaushaltsetat für 1886/87 ein Betrag von 100000 Mark für die Förderung der Hochseefischerei ausgesetzt werden. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat, nach derVosstschen Zeitung", an die Königlichen Eisenbahndirekttonen folgenden Erlaß gerichtet:Die Klage, daß daS kursierende Kleingeld für die Bedürfnisse des Verkehrs nicht genüge, wird vielfach auf die Abneigung der unteren Zahlstellen, in kleinem Gelde Zahlung zu leisten, zurückgeführt und Abhülfe dadurch er­wartet, daß den Lokalbchörden die an den Zentralstellen befindlichen Vorräte an Scheidemünze mit der Verpflichtung überwiesen werden, dieselben bis in die unmittelbare Be­rührung mit dem Publikum zu verausgaben. Ich ver­anlasse deshalb die Königlichen Eisenbahn-Direktionen, den sämtlichen Kassen des dortigen Bezirks vorzuschreibev, die auSzuzahleuden Summen stets in dem genauen Betrage, auf welchen sie lauten, direkt auszuzahlen, so daß jede»

Im Ban« de» Schicksal».

Roman von Moritz Lilie.

(Fortsetzung.)

Da pochte es an ihre Kammerthür, daß Agnes zu- sammenfchrack. Die Dämmerung hatte sich inzwischen herab- gesenkt und draußen, im Wohnzimmer, rief der Vater ihren Namen. Sie sprang auf und öffnete.

Der Graf war fort, er hatte geahnt, was In ihr ver­ging, als sie sich so rasch entfernte.

Der alte Registrator aber schaute ihr prüfend ins Ge­sicht, dann schüttelte er langsam daS kahle, graue Haupt.

Thränen und immer wieder Thränen, einem Unwürdi­gen nachgeweint l" sagte er leise und vorwurfsvoll.

ES sind die letzt« gewesen, Vater, ich werde nicht mehr um ihn weinen!" ve setzte AgneS.

Die Bestimmtheit, mit welcher sie diese Worte sprach, ließ erkennen, daß sie den festen Willen hatte, Wort zu halten.

AlexiS war sehr traurig, als er ging, er hätte sich gern von Dir verabschiedet," fuhr Herlling fort;Dein Ver­schwinden hatte ihn unverkennbar verstimmt."

Ich weiß es, eS war nicht artig von mir, mich zu evtfernen und einzuschließen," bekannte Agnes,aber ich konnte nicht anders, Vater, ich konnte nicht bleiben. Jetzt ist es überwunden, ich bin ruhig und gefaßt, weder Dn noch Wx'S soll wieder über mich zu klagen haben."

Die Züge des alten Mannes klärten sich auf; er nahm ihren Kopf zwischen beide Hände, zog sie an sich und drückte einen Kuß aus ihre Stirn.

Ich weiß eS ja, Du bist mein liebes, folgsames Kind!* sagte er mit der ganzen Zärtlichkeit im Tone, dessen seine rauhe Stimme überhaupt fähig «ar.

Dann langte er die Schirmlampe von dem Brette über der Thür herunter, zündete dieselbe an und nahm fdcen gewohnten Platz auf dem alten Kanapee ein. Agnes aber nahm von der Komode die alte Hauspostille und legte sie vor ihren Vater auf den Tisch. Er war gewöhnt, in dem alten Avdachtsbuche jeden Abend einige Seiten zu lesen, ehe er sich zur Ruhe begab.

XIV.

Wieder war der Winter ins Land gekommen, diesmal ein außergewöhnlich strenger, kalter und schneereicher Winter. Der Himmel hing voll düsterer, bleigrauer Wolken, aus benot sich unaufhörlich die weißen Flocken, in buntem, lusti­gem Wirbeltanze herabfeukten. An den Fenstern der Armen hatte der kalte, harte Mann seine kunstvolle EiSmalerei angebracht; kühne geschwungene Plamenwedel, zierliche Farren- blätter und Phantosteblumen von den seltsamsten Formen waren dort mit eisigem Griffel hingezeichnet.

Von der Straße herauf tönte das fröhliche Schellen­geläute der über die glatte Schneifläche dahingleitendenSchlitten, die in bunter Reihenfolge an einander vorüberfuhren.

Hier war es das hochelegante Geschirr eines Vertreters der hohen Geburt-- oder Geldaristokratie, welches die Auf- merkjamk-it der Fußgänger erregte; an dem Lederzeug der flotten Renner ließen silberne Glocken ihr feines, melodisches Geläute ertönen und auf den Häuptern ter Tiere winkten gelb gefärbte kostbare Straußenfedern; ein ungeheurer Pelz­kragen umgab die Schultern der Kutschers, wie des Dieners, die von ihren erhabenen Sitze hochmütig auf dir unten Wandelnden herabschauten.

Im Fond des Schlitten» aber faßen in feine» Pelzwerk

gehüllt und mit Bärenfellen über den Knieen die Herren und Damen, bett goldenen Klemmer auf der Nase, blasiert und teilnamslos vor sich hinschauend.

Dort bemerkte man den einfachen Korbschlitten eines LandmanneS aus der Umgegend. Der Bauer selbst hielt die Zügel des vorgespannten kräftigen Ackergaules, der im schwerfälligen Trabe das für Ihn leichte Gefährt auf der blanken Bahn dahinzog. Hinter dem Geschirrführer aber saßen die Frau und Tochter desselben; aus dicken wollenen Tüchern von auffallend bunter Färbung schauten die frischen, roten Gesichter neugierig umher, und namentlich das junge Mädchen mit dem naiven, gesundheitstrvtzenden, niedlichen Antlitz ließ mit ungeheucheltem Erstaunen die Blicke auf den gewaltigen himmelanstrebenden Häusern ruhen, und unwill­kürlich zählte sie die Fenster, um daheim erzählen zu können, welche Wunderbauten die Residenz aufzuweisen habe.

Die Menschen aber eilten befügelten Schrilles über den beschneiten Boden; Kälte und Schnee lehren die Füße sich rascher bewegen und bringen das Blut in schnellere Zirkulation.

Am Fenster seines Zimmer- stand der alle Graf Tem- browski und blickte in daS Schneegestöber hinaus und da­lebendige Treiben unten auf der Straße. Eine behagliche Wärme erfüllte das Gemach und der Dampf der Zigaretten verbreitete jenen scharfen brenzlichen Geruch, der dem türki­schen Tabak und dem glimmenden Papier der Hülse eigen ist.

Ein weiter, mit hellblauem Atlas besetzter Schlafrock aus Doublestoff umhüllte seine Gestalt und an den Füßen trug er sauber gestickte, bequeme Hausschuhe.

Ab» in seinem Wesen lag eine gewisse Unruhe; wieder­holt fuhr er mit der Hand durch das dichte, graue Haar, wie er z« thun pflegte, wenn th« etwas bewegte, und da»