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JRarÖurg, Donnerstag, 30. Juli 1885.
XX. Jahrgang.
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GcrMlhk jfitunii.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen an. __Exped. der Oberh. Ztg.
Sine koloniale That.
Seit einem Zahle ist nunmehr in den deutschen Blättern die Rubrik «Koloniales" aufgetaucht und sind wir in der Lage, von eigenen überseeischen Kolonien berichten zu können. Bei einem so weiten, umfassenden Projekt bedeutet die Frist eines Jahres wenig, und ist denn auch im abgelaufeuen Jahre noch wenig geschehen, was direkt als praktische Ausnutzung der Kolonien seitens der betreffenden Jntereffeuten bezeichnet werden könnte. Die Neu-Guiuea-Kompanie, die deutsch - ostasrikanische Gesellschaft, die deutsche südwest- asrikanische Gesellschaft haben ErforschungS - Expeditionen für die ihnen gehörigen, mehr oder weniger noch unbekannten Gebiete ausgerüstet, um fepzustellen, in welcher Weife eine praktische Ausnutzung am besten zu erzielen ist. NachOst- aflika ist allerdings schon eine Zahl unternehmender und nicht unvermögender junger Landwirte abgegangen, aber abgesehen davon, daß eS sich hier um kleinere Einzelunter- nehmrn handelt, denen erst speziellere Untersuchungen der Bodenbeschaffenheit von Deutsch-Ostasrika vorangehen müffen, wirken momentan auch die Streitigkeiten mit dem Sultan von Zanzibar lähmend auf diese Versuche ein. Alles in allem genommen, ist man also in diesen Gebieten über den größeren oder geringere« Handelsverkehr mit den Eingeborenen noch nicht Yiuausgekommen.
Die dem Namen nach populärste aller deutschen Besitzungen ist Kamerun. Dort finden deutsche Waren den flottesten Absatz und der Dezemberaufstand von 1884 hat unser Jatereffe für jenes Gebiet wesentlich erhöht. Zn Kamerun herrscht ein ziemlich reges Lebm, dorthin geht der erste deutsche Gouverneur, dort find auch verhältnismäßig viele Deutsche ansässig. Das Kamerungebiet ist wegen de» bedeutenden Absatzes deutscher Waren am meisten geschätzt worden; es hat in letzter Zett aber nicht an Stimmen gefehlt, welche darauf Hinweisen, daß eine Stockung jmeS Handels eintreten könnte, wenn die Neger rücksichtslos wie bisher so auch ferner ihre Raubwirtschaft mit den einheimischen Produkten, die als Zahlmittel für deutsche Waren gelten, forlsktzen. Diese von sachgemäßer Sette aufgestellte Behauptung, die lediglich eine Mahnung zur Vorsicht, eine Aufforderung war, auch an die Kultivierung der Eingeborenenheranzutreten, ist vielfach bestritten worden, trotz' dem in ihrer Gruudauffaffung aber doch wahr. Die beiden Filmen, welche im Kamerungebiet hauptsächlich Handel treiben, E. Wörmann u. Jantzen u. Thormähle« in Hamburg, haben durch eine That gezeigt, daß der Handel nicht
Im Bau» des Schicksals.
Roman von Moritz Lille.
(Fortsetzung.)
«Das ernste, stille W-sen des jungen Mannes paßt zu meiner Stimmung", fuhr Agnes fort, «und die innigen Blicke, die so oft auf mir ruhen, die zarte, fast rührende Rücksicht, die er mir zeigt, sind mir ein Beweis, daß er mich wirklich liebt; ich glaube, ich könnte glücklich mit ihm sein !"
„Das wirst Du, mein Kind, ich täusche mich nicht! rief der R-gistrator zuversichtlich, „und damit ist wein ganzes, Hoffen und Sehnen erfüllt."
Er schaute wieder nach der Uhr.
„Der Graf muß jeden Augenblick erscheinen, trockae die Thränen und zeige ihm ein heiteres Gesicht," mahnte er. «Wenn er bemerkt, daß Du geweint hast, würde er daö so deuten, al» brächtest Du ihm ein schweres Opfer, was fein Zartgefühl gewiß nicht zulaffen würde."
«Eine Bedingung stelle ich aber, Vater," sagte AgneS, indem sie besten Rat befolgte, „die nämlich, daß die Vermählung nicht zu sehr übereilt wird, daß mindekenS noch ein halbes Jahr vergeht, ehe die Trauung statistndet. Ich werde inzwischen vrrgeffeu, was mich bedrückt, und wir Beide lernen uns näher kennen, als dies in den zwei Monaten, seitdem TembrowSki uns besucht, möglich war."
„Der Graf wird sich gewiß in alles fügen, was Du wünschest, daran ist nicht zu zweifeln," meinte Hertling. »Du machst ihn schon durch Deine Zusage glücklich."
AgueS nahm wieder ihren gewohnten Platz am Fruster Ein und die fleißigen Hände griffen wieder nach der Arbeit, lieber ihr schmetterte der Kanarienvogel sein melodisches Lied pnd der alte Kastanienbaum stand wie ein treuer Wächter
den alleinigen Wert des Kamerungekiete» ausmacht, daß noch mehr zu thun ist, wenn die Kolonie wirklich Nutzen bringen soll.
Wir haben schon mitgeteilt, daß die genannten beiden Firmen sich mit anderen Kapitalisten verewigt haben, um e>ne Plantagengesellschaft zu bilden, welche in Westafrika große Anpflanzungen geeigneter Tropengewächse anlegen will. Wir haben alle Ursache, dies Unternehmen mit vollstem Beifall zu begrüß'«; es ist der erste bedeutende Schritt zur direkten Ausbeutung des deutschen Kolonialbesitzes, zu welchem sich das deutsche Kapital entschlossen hat. Allein in der sachgemäßen Plantagenwirtschaft liegt eine dauernde Garantie für den Nutzen der Kolonien, und das jetzt begonnene Unternehmen wird sehr bald ergeben, wie groß sich dieser Nutzen in der Zukunft stellen wird. Auch hier sind allerdings noch große Schwierigkeiten zu überwinden; aber man hat dcch mit einem thatkcäftigen Vorgehen begonnen, da» auf die Kameruoneger selbst nur von gutem Einfluß sein kann. Besonders zu billigen ist es noch, daß es Großkapitalisten waren, welche diesen bedeutsamen Schritt thateu, die also leicht das Risiko auf ihre Schultern nehmen können. Es ist schon viel darüber hin- und hergeredet, auch daS kleine deutsche Kapital solle sich au den Kolonialunternehmen beteiligen. Bis jetzt ist daS wenig oder nicht geschehen, und das ist vielleicht gut; denn der Mißerfolg einer Kolontal- Gesellschast, bei welcher auch der «kleine Mann" in größerer Zahl vertreten ist, würde in Deutschland einen ganz gewaltige» Rückschlag üben. Deshalb halten wir es für ganz besonders lobenswert, daß gut sttui-rte Firmen zu diesem ersten praktischen Versuch zusammeng-treten sind, deffen Resultate heilsame Lehren für die Zukunft geben werden. Zu ollen Dingen gehört die Erfahrung, und wenn wir diese für den Nutzen unserer Kolonieen in reichem Maße haben, wird sich alles weitere von selbst machem Deshalb ist uns dir Gründung der Kamerun-Plantagen- Gesellschaft sehr willkommen, und wir wünschen dieser kolonialen That deu besten Erfolg!
Deutscher Reich.
Berlin, 28. Juli. Die Ernennung deS Fürsten Chlodwig von Hohenlohe-Schillingssürst zum Statthalter von Elfaß- Lothringen ist nun definitiv erfolgt. Zwar meldet es noch nicht der „ReichSanzeiger", aber in dem sogenannten Hofjournal, daS die „Nordd. Allg. Ztg." täglich veröffentlicht, wird bet der Erwähnung des Empfanges deS Fürsten in Gastein ausdrücklich mitgeteilt, daß die Ernennung desselben zum Statthalter bereits definitiv vollzogen sei. Fürst Hohenlohe hat nunmehr Gastein verlaffen und sich noch einmal nach Paris begeben, wo er seine Verhält- niffe ordnen will. — Bezüglich der Wiederbesetzung der Stelle eines Ministers des Königlichen Hauses verlautet der „M. Ztg." zufolg-, daß der Kaiser abgeneigt sein soll,
in der Nähe des Fensters, seine grünen Zweige schauten neugierig zu dem jungen Mädchen herüber, und die stacheligen Früchte wiegten sich behaglich auf dm Sttelm, als wollten sie ihr sagen, daß eS sich gar herrlich da draußen im saftigen Laube ia der frischen, sonnigen Luft wohne.
AgneS war eS heute so leicht und heiter umS Herz, wie seit langer Z-tt nicht mehr.
Das Bewußtsein, ihre Pflicht grthan zu haben, erfüllte sie mit jenem beseligenden Gefühle der Befriedigung, daS so glücklich macht. ES war ihr, als habe sie eine lange, schwere Krankheit Überstanden, und sei nunmehr der völligen Genesung nahe, oder als habe sie eine weite, öde, trostlose Wüste durchwandert und sei jetzt endlich in der grünen, ^blumenreichen Oase angelangt. Sie sah der Ankunft deS jungen Grafen heute nicht wie sonst mit einer gewiff-n Bangigkeit entgegen, sondern sie wünschte deffm Kommen, ja ste freute sich sogar darauf.
Da wurdm draußen auf dem Korridor Schritte hörbar und gleich darauf trat der Erwartete ins Zimmer.
Der alte Registrator ging ihm entgegen und bewillkommnete ihn höflich, fast ehrerbietig; wie alle bejahrtm Beamten, hatte er vor dem nach Geburt uud Stellung weit über ihm stehenden jungen M rnn einen unbegrenzten Rcsp-kt.
Seine Tochter dagegen blieb sitzen und nickte dem Ein- getreteneu freundlich zu; willig ließ sie e» geschehen, daß dieser ihreHand erfaßte und einevschüchternenKub auf dieselbe hauchte.
„Darf ich hoffe«?" fragte Alexis, nachdem er auf dem dargebotenen Stuhle Platz genommen hatte.
»Agne» sagt nicht Nein, Herr Graf," versetzie der Registrator an Stelle seiner Tochter, di« errötend auf ihre Arbeit niederschaute.
vorläufig dem verstorbenen Grafen v. Schleinitz einen Nachfolger zu geben, sondern daß der regierende Graf Otto zu Stolberg Wernigerode, welchem die ministeriellen Geschäfte einstweilen auf ein Jahr übertragen sind, sich nach Ablauf dieser Zeit bereit erklären werde, das Ministerium auch weiter zu leiten; sollte letzteres aber nicht der Fall sein, so würde der zeitige Direktor im Ministerium des König!. Hauses, Wii kltcher Geheimer Rat v. Schweinitz, die Leitung des Ministeriums übernehmen. Graf Stolberg hat sich, um bet seinen Arbeiten mit den Büreaus des Ministeriums st-ts in Verbindung zu sein, den ehemaligen Speisesaal des Grafen v. Schleinitz zu einem Büreau für sich ein« richten lassen. Die Gräfin Schleinitz, welche während des Trauerjahres daS volle Gehalt ihres Gemahls fortbezteht, befindet sich gegenwärtig auf einer Erholungsreise im Süden. — DaS Finanzministerium hat den Königlichen Regierungen und Provinzialsteuer-Dtrekttoneu nachstehende Verfügung zugehen lasten: Nach einer Anzeige der König!. Hauptverwaltung der Staatsschulden ist von den am 17. September v. Js. verlosten mb zum 1. Januar d. Js. zur Rückzahlung gekündigten Staatsschuldscheinen vom Jahre 1842 etwa der fünfte Teil noch nicht zur Einlösung gelangt. Die gedachte Behörde hat sich daher veranlaßt gesehen, unterm 12. v. Mts. in einer erneuten Bekanntmachung die Besitzer dieser Scheine darauf aufmerksam zu machen, daß mit dem 1. Januar d. IS. die Verzinsung dieser Scheine aufgehört hat und die überhobenen Zinsen bei Zahlung des Kapitals in Abzug gebracht werden müffen. Da «fahrungsmäßig die Staatsschuldscheine seitens der Beamten vielfach zur Bestellung von Amtskautionen benutzt werden, so empfi hlt es sich, die betreffenden Kaffen, bei welchen derartige Kautionen niedergelegt sind, dahin anzuweisen, daß ste die Beawten, welche ihre Kaution in Staatsschuldscheinen bestellt haben, auf die stattgefundene Verlosung und den durch die nicht rechtzeitig erfolgende Einlösung der auSgelcsten Scheine entstehenden, halbjährlich sich steigernden Verlust an Zinsen noch besonders auf« merksam zu machen. Die Königliche Regierung wolle daS Erforderliche dieserhalb für ihren Verwaltungsbezirk verfügen. — Durch die Blätter geht seit einigen Tagen folgende, die Anlegung von Mündelgeldern betreffende Not'z: Die preußische VormundschastS - Ordnung vom 5. Juli 1875 bestimmt im § 39, daß der Vormund Gelder, welche zu kaufenden oder anderen durch die Vermögens- Verwaltung begründeten Ausgaben nicht erforderlich sind, in den speziell bezeichneten Schuldverschreibungen — deS Deutschen Reiche», der deutschen Bundesstaaten u. s. w. — oder auf sicheren Hypotheken oder Grundschulden zinsbar anzulegen hat. Ferner sind nach dem zweiten Absatz deS 8 39 Gelder, welche in dieser Weise nach den obwaltenden Umständen nicht angelegt werden können, bet der ReichS- bavk oder bei öffentlichen, obrigkeitlich bestätigten Sparkaffen zinsbar zu telegen. Auf Grund dieser letzteren Be«
In deu Augen des Jüngling» leuchtete e» auf wi« Morgenrot nach langer Gewttternacht. Er trat zu dem Mädchen uud erfaßte ihre Hand.
„Sie willigen ein, die Meine zu »etben?" fragte er mit wonnebebender Stimme.
Agnes schwieg, aber die holde Berwirmng, in welche sie geriet, ließ dem jungen Bewerber keinen Zweifel über die Wahrheit der vom Vater gesprochene« Worte.
,O, sprechen Sie es au«, Agne», das Wort, das wich zum glücklichsten Menschen macht, au» Ihrem Munde will ich e» vernehmen, von Jhrm L ppen soll mir die Erfüllung meiner heißen Wünsche, meiner letzten Hoffnung werden!" rief Al-xi» strahlenden Blicke». „Zitternd und bangend kam ich heute hierher, Zweifel quälten mich, ob die Entscheidung, von welcher da» Glück meine» Leben» abhängt, zu meine« Gunsten ausfallen werde. Je näher ich Ihrer Wohnung kam, desto langsamer wurde mein Schritt; ich Thor bildete mir ein, daß ich dadurch die Vernichtung meine» schönen Traume» um einige Minuten verzögern könnte. Nun bin ich hier, und wa» ich nur schüchtern zu hoffen gewagt, — e» ist der Erfüllung nahe. Wollen Sie, AgneS, wollen Sie mein fein für alle Ewigkeit?"
Seine Wanzen glühten von der Röte der Begeisterung; und seine Stimme klang so weich und flehend, daß da» junge Mädchen unwillkürlich zu ihm oufschaute. Nein, diese treuen dunklen Augen, in bene« so viel Herzensgüte sich spiegelte konnten nicht lüzen, in biesem ernsten Antlitz lag kein Falsch.
„Ich will!" flüsterten fir und aufs Neue färbten sich ihre Wangen mit dem zarten Knmin der holden, verräte- rtschen Farbe der Liebe.
Alexi» schlang dm Arm um ihren Nacken und beugte