«r. 173.
JTtarfiucg, Mittwoch, 29. Juli 1885.
XX. JahkMg.
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Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Ei« «euer Triumph der deutsche« auswärtige« Politik.
Was haben wir Deutsche in Egypten zu suchen? Rein gar nichts l Fürst Bismarck hat auch seiner Zett im Reichs« tag sehr offen erklärt, daß es uns sehr gleichgültig sein könne, wer dort der Herr sei, ob der Khedive, der Sultan oder die Engländer, und daß wir gar nicht daran dächten, uns irgend zu werteren, wenn dort Streitigkeiten über das definitive Regiment entständen. Aber nicht gleichgültig kann uns die Wirtschaft sein, welche mit den Staatseinkünften in Kairo getrieben wird. Mag nun dieser oder jener das Oberkommando haben, auch wir fordern, daß ordnungsgemäß die StaatSgefchäfte geführt werden und das Geld nicht zum Fenster htnauSgeworfeu wird. Mit der Finanz- Wirtschaft am Nil ist eS bekanntlich eine faule Sache von je her gewesen, und seit die Briten im Lande find, ist eS nicht besser geworden, sondern schlechter. DaS reiche England hat an die armen Kerls von Fellahs übermäßige Ansprüche erhoben für die Okkupationsarmee, die das Land an den Rand des finanziellen Ruins gebracht haben. Und was schließlich die Briten nicht nahmen, daS hat bte Pascha- Wirtschaft beansprucht. Ausgesaugt ist das Land und seine Bewohner, die StaatSkafien sind geleert und die kleinen Beamten muffen auf ihr Geld warten, daß sie nicht wissen, wo sie bleiben sollen. Kurzum, eS ist noch ein ganzes Teil miserabler, als in Konstantinopel. Da sieht es doch in der That schon schlimm genug aus.
Von den egyptischen Staatspapierm ist ein sehr be- deutender Teil tu deutschen Händen, wir können also verlangen, daß der, welcher am Nil die Zügel der Regierung führt, sie auch so führt, daß die Gläubiger Egyptens, und daö sind ja auch viele Deutsche, nicht gar zu sehr über den Löffel barbiert «erden. Als deshalb vor längerer Zeit die kryptische Regierung durch englisches Anstiften auf den schlauen Gedanken kam, die Steuern, welche zur Deckung der Zinsen für die egyptischen Papiere bestimmt sind, ohne weiteres zu allgemeinen und beliebigen StaatSzwccksn zu verwenden, da war eS neben Frankreich besonders Deutschland, welches gegen diese ungesetzliche Maßnahme Einspruch erhob und eS richtig durchsetzte, daß diese Bestimmung wieder aufg: hoben wurde. Pro Forma ist späterhin allerdings versucht worden, die egyptischen Minister und Beamten, welche jene Maßregel dekretiert hatten, zum Schadenersatz
und zur Rechenschaft heranzuziehen, aber wo nichts zu holen ist, da ist eben aller Ersatzanspruch vergeblich. So war eS auch hier. Die Millionen, die damals den egyptischen Gläubigern entzogen wurden, die stad eben unwiederbringlich dahin.
Eine gute Folge hat dieser Zwischenfall aber doch gehabt. In der europäischen Finanzkommisston in Kairo, welche darüber wachen soll, daß die Regierung des Khedive nicht über die Schnur haut, waren bisher Deutschland und Rußland nicht vertreten. Nach diesem Eulenspiegelstreich, deflen eigentlicher Urheber England war, wurde vereint von Berlin und Petersburg, mit Unterstützung der französischen Regierung, der bestimmte Antrag gestellt, daß auch ein deutscher und russischer Kommiflar in der Finanzkommisston tu Kairo als Mitglied zugelaflen würde, um darüber zu wachen, daß solche ungesetzlichen Geschichten künftig vermieden würden. Ueber diesen freimütigen Antrag entstand in London anfänglich großes Hallo, es war noch zu der Zeit, als die Engländer uns gerade nicht sehr grün waren, aber schließlich gab daS große englische Ministerium und der kleine Khedive in Kairo doch nach, und ein deutscher Fiaanzbevollmächtigter ging nach Kairo. UnS Deutschen war damit geholfen, aber Egypten noch nicht. Die StaatS- kaffe wurde leerer und immer leerer, und so kam denn endlich auf Gladstones Anstiften eine Vereinbarung zu stände, eS sollte eine neue Anleihe für den eiypttschen Staat im Betrage von 180 Millionen Mark ausgenommen werden, für deren Zinsen alle Großmächte die gemeinsame Garantie übernahmen.
So weit war die Sache gut, aber diese schon vor einer ganzen Reihe von Wochen abgeschloffene Finanz-Konvention kam nicht zur Ausführung. ES haperte und haperte und alles Drängen von London aus blieb fruchtlos. Woran diese Verzögerung gelegen, ist bisher nicht genau bekannt geworden, aber mau geht nicht fehl, wenn man anniwmt, daß vornehmlich Berlin und Paris sich weigerten, blindlings Ja zu sagen. Die Briten sind bekanntlich ganz vortreffliche Finavzleute und sie hatten sicher eine geheime Nebenabstcht bei der ganzen Geschichte, nämlich die, die neue Anleihe lediglich dem englischen Geldmarkt dienstbar zu machen. Schlau angefangen war die Idee, aber sie kam nicht zu Ende. Deutschland setzte eS durch, daß nicht nur in London und Paris, sondern auch in Berlin eine Ausgabe der neuen Anleihe, und eine Auszahlung der Zinsen erfolgte. DaS ist das erste Mal, daß in dieser Weise Deutschland in die Verhältniffe eines weit entfernten Staates eingreift, ein neuer Erfolg unserer auswärtigen
Deutscher Reich.
Berlin, 27. Juli. Der „Kreuz-Ztg." zufolge ist der
Präsident des Senats des Kammergerichts, v. Holleben; zum OberlandeSgerichtsprästdenten in Königsberg und zum Kanzler drS Königreichs Preußen designiert. — Das Schema, welches für die Enquete über die Frage der Sonntags-Ruhe aufgestellt ist, ist ein für das ganze Reich gemeinsames und enthält im wesentlichen folgende Punkte: 1. Ist die Sonntagsarbeit in allen Betrieben des Jadustriczweiges üblich? 2. Findet die Sonntagsarbeit dauernd statt: a) für den gesamten Betrieb, b) für die gesamte Arbeiterschaft, c) für den ganzen Sonntag oder für welche Stunden? 4. Wird die Sonntagsarbeit veranlaßt: a) durch technische Eigentümlichkeiten, b) durch welche wirtschaftlichen Gründe? 5. Welche Folgen würde das Verbot der SonntagSarbüt haben: a) für den Unternehmer technische oder wirtschaftliche? b) für die Arbeiter; welche Einkommensverminderung? würde dieser Nachteil und durch was wieder aufgehoben werden? Endlich 6. ist das Verbot der Beschäftigung von Arbeitern am Sonntag durchführbar, a) ohne Einschränkungen b) mit welchen Einschränkungen, und wenn nicht, aus welchen Gründen? Die Untersuchung wird sich erstrecken auf alle Gewerbe- und Industriezweige. Gehört sollen werden: die Handels« und Gewerbekammern, die Innungen, Gewerbeveretne, die Handwerker, die Unternehmer, in erster Linie aber, wie bekannt, die Arbeiter selbst. — Nach einer Ueberstcht über die Thätigkeit der SchiedSmänner in Preußen im Jahre 1884 betrug die Zahl der SchiedSmänner 18007. Die Zahl der behandelten Sachen in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten betrug 52783; in 39021 Sachen waren beide Teile zur Sühneverhandlung erschienen und von diesen Sachen wurden 29132 durch Vergleich erledigt. Die Zahl der Sachen in Beleidigungen und Körperverletzungen betrug 204 720; hier waren in 130 858 Sachen, von denen 76745 durch Sühnev-rsuH mit Erfolg erledigt wurden, beide Teile zu der Sühneverhandlung erschienen. — Fortschrittliche Blätter bringen schon wieder die Vermchrung der Lotterielose in Anregung, indem sie die Nachricht verbreiten, die Regierung bereite für den nächsten Landtag eine neue Vorlage zur Verdoppelung der Lotterielvse vor. Erst wenn diese Vorlage vom Landtag angenommen wäre, solle das Gesetz über die Bestrafung de« Spiels in auswärtigen Lotterieen und die Veröffenüichung auswärtiger Lottertelisten publiziert werden. Der fortschrittlichen Presse und ihren bekannten Hintermänner gilt eö ja nur um die Vermehrung der Lottertelose, weil an dem Vertrieb derselben von gewissen Leuten viel Geld „verdient" wird. Die Regierung kann sich darauf verlaffen, wenn sie aus die Vermchrung eingeht und dadurch den wirtschaftlichen und sittlichen Wohlstand der Nation schädigen läßt, so wird die fortschrittliche Preffe sofort ihren Spieß gegen jenes Verbot der auswärtigen Lotterieen kehren. Man wird
Im Bau« des Schicksal».
Roman von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
Die beiden Jasaffcn des Wagens sprachen nur wenig, die im geisterhaften Lichte des Mondes vor ihnen liegende Landschaft weckte schmermütige Gedanken. Aber ihre Hände hatten stch gesunden, warm ruhten ste in einander und ein leichtes Zittern durchbebte ste, wenn ein leiser, unwillkürlicher Druck die Empfindungen verrieth, die im Innern wohnten. Wie im Halbschlummer, ihrer Bewegung nicht ganz Herr, sank daS Haupt Ludmillas nach Herberts Schulter hin, bis eS stch an diese anlehnte und mit geschloffenen Bugen dort ruhte.
Der Maler legte seinen Arm um ihren Nacken und eS schien ihm, als wenn ste kaum merklich zusammenzuckte. Seine Augen ruhten auf dem herrlichen Frauenbild, daS, schön wie eine schlafende Juno, deren gigantische Tempel- rutnen in einiger Entfernung sichtbar waren, stch au ihn schmiegte. Ihre brennende Stim streifte seine Wangen, ihr weiches, glänzendes Haar spielte um seine Schläfe, langsam senkte auch er das Haupt zu ihr hinab, seine Lippen berührten verstohlen die ihrigen----
--Da fuhr sie plötzlich empor, ihre weichen, vollen Arme umfaßten stürmisch seinen Hals und zogen ihn an stch, und im heiß «, langen Kuß wurde der stille Bund besiegelt, der unmerkttch Herbert an jenes Weib mit immer festeren Banden gekettet hatte.
„Herbert!" flüsterte sie.
.Ludmilla I" gab dieser in gleicher Weise zurück.
Weiter wurde nichts gesprochen, die seligen Augenblicke, wo zwei Herzen in einander schmelzen, sind stumme Worte — Und feien es die zärtlichsten — müßten fie nur entweihen.
Als der Wagen endlich nach langer, ermüdenter Fahrt hielt, entstieg denselben ein verlobtes Paar; das Blumenfest zu Genzano hatte nm die Beiden die Rofenfeffeln der Liebe geschlungen.
XIII.
„Nun Agnes, hast Du Dir die Sache überlegt?" fragte der Registrator Hertling feine Tochter, welche auf ihrem gewohnten Platze am Fenster faß und emsig stickte.
D-S Mädchen schaute auf. In ihren Augen lag nicht mehr jene sonnige Fröhlichkeit, jene frische, heitere Lebenslust, welche der Jagend eigen ist, sondern der unverkennbare Ausdruck von Schwermut, tiefer Ernst war an ihre Stelle getreten.
„Bestimme Du, Vater, ich füge mich l* versetzte fie ruhig, fast gleichgültig.
„Nicht so, Agnes, Du weißt, daß ich diese Sprache nicht hören mag!' fiel der alte Mann rasch und mit einer Wärme ein, die seinem Wesen sonst fremd war. „Nicht eia Opfer sollst Du bringen, nicht mir zu Liebe sollst Du Deine Zustimmung geben, sondern gern und freiwillig, ohne Dich zu zwingen, mußt Du das entscheidende Wort sprechen."
Agnes schüttelte daö Haupt und ein wehmütiges Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Verlange nicht zu viel, Vater, Unmögliches vermag ich nicht zu leisten," entgegnete ste saust, und ihre blauen Augen senkten stch wieder auf die feine Stickerei herab, die vielleicht die Schuld mit trug, daß fie in so feuchtem, trübem Glanze schwammen.
Der Alte machte eine unruhige Handbewegung.
«Daß Ihr Frauenzimmer doch so schwer vergeflen lernt l" rief er ärgerlich. „Da läuft dieser Sausewind von Maler Über alle Berge, schreibt Dir einen nüchtern Abschledlbrief,
als gälte es, beim Schneider einen in Auftrag gegebenen Rock abzubestellen und kümmert stch nicht im Geringsten um die Folgen und Wirkungen feines Schurkenstreiches. Du aber hängst seitdem den Kops, als wärr es ein unersetzlicher Verlust, der Dich betrcff-n, während Du doch froh sein solltest, daß Du diesen Hungerleider los geworden bAl
„Vater I" sagte da- Mädchen bittend.
„Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Endel" pflegte mein seliger Vater zu sagen, und daS Wort paßt auch hierher," fuhr der Registrator fort in seiner heftigen Weise.
„Ein Schrecken ohne Ende wäre es geworden, daran ist gar nicht zu zweifeln, wenn er Dich geheiratet hätte; er wäre später ebenso gut wie jetzt davongelaufen und hätte Dich sitzen laffen, unbekümmert dämm, wie Du Deinen Unterhalt findest. Darum solltest Du Dir diesen gewiffeu- losen Patron doch nun endlich aus dem Sinne schlagen und wieder ein freundliches Gesicht machen."
Agnes stiegen die Thränen In die Augen.
«Laß mir Zeit, Vater, ich werde gewiß vergeffen," sagte sie leise.
Der Registrator warf einen Blick auf die alte Schwarzwälder Uhr an der Wand.
„Der Graf hat in aller Form um Dich angehalten, nachdem er erfahren, daß Du frei bist", nahm er nach einer Pause etwas beruhigter das Wort. „Er ist ein Ehrenmann durch und durch, er fragt nichts nach dem StandeSunterfchied zwischen ihm und uns, sondern will Dich trotz Deiner Armut zur Gräfin machen — bedenke, Agnes, eine Gräfin sollst Du werden. Und Du besinnst Dich noch? Wer soll denn kommen und um Dich werben, wenn Dir ein Graf nicht einmal gut genug ist?".
„So ist es näht gemeint, Vater, nur kenn« wir etn-