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Rt. 178.
Marburg, Sonntag, 26. Juli 1885.
XX. Jahrgang.
«rscheint täglich außer an Werttagen nach Sonn- und «eiertagen. — Quartal- «bonnements-Preis bei der Expedition 2*/. Mk., bei ben Postämter 2 Mk. 50 «ffl (erd. Bestellgeld), qnsertionsgebühr für die »«svaltene Zeile 10 fft. Kamen für die Selle * 25 Pf«.
ObnIiMc jfitmiii.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wren; RudolfMosse in Frankfurt a. M., Berlin,München und Mn: B. L. Daube und 6o. in Frankfurt a. M, Berlin,Hannover u. Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sanntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
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|Bestellungen für die Monate August und September auf dieOberhesstscheZeitung und deren Beiblätter werden sowohl von der Post als der unterzeichneten Expedition entgegengenommen.
Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen an.
__Ex-ed. der Oberh. Ztg.
Politische Wochenschau.
Seit Anfang dieser Woche weilt Kaiser Wilhelm auf Ssterreichischem Boden, in Wildbad Gastein, um dort, wie alljährlich, die In EmS gestärkte Gesundheit durch eine Nachkur noch zu befestigen. Gleichwie die Kur in dem lieblichen Lahnbad dem greisen Herrscher schon seit einer langen Reihe von Jahren zu einem Bedürfnis geworden ist, so hat sich ihm auch die Nachkur in dem so herrlich am Fuße der salzburger Alpen gelegenen Badeorte zu einer liebgewonnenen Gewohnheit gestaltet und noch immer haben die Gasteiner Quellen ihre heilkräftige Wirkung an dem greisen Monarchen geübt. Und so wie EmS durch den Aufenthalt Kaiser Wilhelms schon längst ein historisch berühmter Name geworden ist, so gilt dies auch von Gastein und zwar in beinahe noch erhöhterem Maße, denn alljährlich pflegt ja die Gastetner Kur unseres Kaisers durch die Zusammenkunft mit feinem erlauchten Freund und Alliierten, dem Kaiser Franz Joseph, ihren besonderen Abschluß zu erhalten. Auch in diesem Jahre wird diese traditionelle Begegnung zwischen den biideu Herrschern stattftnden und zwar in Gastein selbst, wo Kaiser Franz Joseph — wie jetzt ziemlich bestimmt gemeldet wird — aus seiner Fahrt zum österreichischen Schützenseste in Innsbruck am 7i August einzutreffen gedenkt. Kaiser Franz Joseph beabsichtigt hierdurch seinem kaiserlichen Freunde die immerhin beschwerliche Fahrt nach Ischl zu ersparev, wo in den letzten Jahren die Zusammenkunft der beiden Monarchen erfolgte; trotzdem soll Kaiser Wilhelm in seiner angeborenen Courtotste darauf bestehen, die Kaiserin Elisabeth und die Erzherzogin Valerie in Ischl zu begrüßen. — Kaiser Wilhelm war, wie auö Gastein berichtet wird, bei seiner daselbst am Dienstag Abend erfolgten Ankunft Gegenstand begeisterter Ovationen des trotz des strömenden Regens zahlreich versammelten Publikums. Der hohe Herr befindet sich vortrefflich und haben ihn die vorangegangenen Strapazen der Reise, die zuletzt per Wagen — von Lend au- — zurückgelegt werden mußtm, nicht im mindesten angegriffen. Bereits am Mittwoch früh nahm der Kaiser das erste Bad, machte sodann eine Fußpromenade und kehrte von dort zu Wa.,en nach dem Baceschloffe zurück; abends unternahm er in Begleitung des Geueraladjutanten Grafen Lehndorff eine einstündtge Spazierfahrt nach Böck- stein. — Die Wiener Blätter begrüßen unseren Kaiser auf österreichischem Boden mit Worten der wärmsten Sympathie; die „Wiener Abendpost" sagt u. a.: Der
Deutsche Kaiser hat heute den Boden Oesterreichs betreten, um, wie seit Jahren, in der Alpenluft Gasteins Kräftigung und Erfrischung zu finden. Der aufrichtigen Freundschaft, welche die beiden Kaiserhöfe und Reiche segensreich verbinden, gedenkend, begrüßen die Völker Oesterreich- Ungarns den Monarchen Deutschlands freudig in den Marken ihres Vaterlandes.
Der politische Wellenschlag in den inneren Angelegenheiten des Deutschen Reiches ist fortgesetzt ein sehr leiser und waltet die sommerliche Ferieuruhe in der Politik garz ersichtlich vor. Ein Gegenstand, welcher wochenlang von den Tagesblättern tu ost erregter Weise besprochen wurde, der Studienerlaß des Paderborner Bischofs dürfte jetzt endlich von der Bildfläche verschwinden, da Bischof Dr. Drobe den Erlaß, augenscheinlich infolge einer von der römischen Kurie ausgeübteu Pression, endgültig zurückgezogen hat. Auch ein anderes Thema, welches lange Zeit das öffentliche Jntereffe in Anspruch genommen hat, die braunschweigische Frage, ist jetzt endlich so erschöpft, daß stch ihm vorläufig keine neuen Seiten mehr abgewinnen lassen. Dafür liegt eine wirkliche Neuigkeit von Jntereffe vor: der deutsche Botschafter in Paris, Fürst Chlodwig zu Hohenlohe- Schillingsfürst, ist zum Statthalter von Elsaß Lothringen deflgniert, und darf man der offiziellen Bestätigung dieser Nachricht wohl demnächst entgegensehen. Fürst Hohenlohe hat nicht nur während der 11 Jahre seiner Tätigkeit als erster Vertreter des Deutschen Reiches bei der französischen Republik Beweise hoher staatsmännischer Begabung und eines seltenen politischen TikteS gegeben, sondern sich auch schon früher in hervorragenden Stellungen bewährt, so namentlich als bayerischer Ministerpräsident und Minister des Auswärtigen nach 1866, in welcher schwierigen Zeit er stch große Verdienste um die Entwickelung der bayerischen Politik in wirklich nationalem Sinne erworben hat. Seine Wahl zum Nachfolger des Feldmarschalls von Manteuffel darf man daher wohl als eine glückliche bezeichnen und so wird hoffentlich seine Berufung auf den ebenso schwierigen als verantwortungsreichen Posten deS Statthalters von Elsaß Lothringen den Beginn einer neuen glücklichen Aera für das Reichsland bedeuten.
Daö VI. allgemeine deutsche Turnfest in Dresden hat am Mittwoch mit der Preisverteilung an die 36 Sieger seinen offiziellen Abschluß erhalten. DaS Schiedsgericht verlieh dem ersten Sieger, Jennewein aus Stuttgart, einen Kranz und ein Diplom. Weitere Diplome haben Turner aus Hanau, Wiesbaden, München, Reichenberg, Chemnitz, Frankfurt a. M., Leipzig, Wien, Newyork rc. errungen. Das Fest ist in schöner Harmonie verlaufen und war entschieden von nationalem Geiste durchweht; es hat gezeigt, daß derartige Feste beim doch noch nicht veraltet sind und daß sie besonders geeignet erscheinen, die geistige Zusammengehörigkeit zwischen den im Reiche wohnenden Deutschen und ihren Stammesbrüdern außerhalb der Grenzen des
Reiches immer wieder hervorzuheben. Dies gilt auch von dem Dresdener Feste und namentlich Hot die überaus herzliche Aufnahme, welche speziell den deutsch-österreichischen Turnern in Dresden zu teil geworden ist, gezeigt, welch inniges Band die Deutschösterreicher mit ihren Brüdern „draußen im Reiche" verbindet. Die vielfachen Beweise von Achtung und Sympathie, welche die Deutschösterreicher auf dem VI. deutschen Turnfeste erfahren haben, werden sie jedenfalls anspornen, mutig in dem schweren Kampfe au«- zuharren, den sie gegen slawische und magyarische Vergewaltigung führen müssen.
Der Berliner Maurerstreik ist im Sande verlaufen und haben sich die Streikenden veranlaßt gesehen, die Arbeit meist unter den früheren Bedingungen wieder aufzuvehmem Für die Arbkiter dürfte — gleichviel, welcher Branche — der Ausgang deS Berliner Maurerstreiks eine Warnung sein, nicht in frivoler Weise Arbeitseinstellungen zu provozieren, deren Nachwirkungen stch auch unter den Streikenden noch lange fühlbar machen.
In Frankfurt a. M. ist eS am Mittwoch anläßlich der Beerdigung eines Sozialdemokraten zu bedauerlichen Ausschreitungen sozialdemokratischerseits gekommenen. Trotz des polizeilichen Verbotes versuchte einer der „Genoffen" auf dem Kirchhofe eine Rede zu halten; als tnfolgedeffen der Kirchhof geräumt werden sollte, kam es zum Handgemenge zwischen der Polizei und der Versammlung.
In Frankreich beherrschen die bevorstehenden Wahlen mehr und mehr die Situation und drängen auch das Jntereffe an den im übrigen ziemlich belanglosen Nachrichten au« Anam in den Hintergrund. Aus der Wahlbewegung ist die Rede, welche Clemencrsu, der bekannte Führer der Radikalen, am vergangenen Sonntag in Bordeaux gehalten hat, hervorzuheben. In ihr ist das Programm der radikalen Partei enthalten, welches neben den bekannten radikalen Forderungen auch manche neue Punkte aufstellt, so namentlich was die von den Radikalen gewünschte auswärtige Politik anbelangt. In dieser Beziehung scheinen die Herren ziemlich friedfertiger Natur zu sein, denn Cle- merceau führte aus, daß seine Partei nicht an eine militärische Rache, sondern an eine friedliche Wiedervergeltung denke; mit solchen Gesinnungen ist frellich den Chauvinisten an der Seine nicht gedient. Im weiteren ist noch erwähnenswert, daß Clemenceau die Einigung aller Republikaner auf Grund eines gemeinsamen Wahlprogramms für unmöglich erklärte; cS wird also au« der geplanten großen einheitlichen Wahlaktton der französischen Republikaner wohl nichts werden.
Zwischen London und Petersburg hat in dieser und in voriger Woche ein lebhafter Depeschenwechfcl stattgefunden, der stch um die neuen von Rußland wegen der afghanischen Grenzfrage gemachten Vorschläge drehte. Der „Morntng- post" zufolge betreffen dieselben den Abschluß eines vorläufigen UebereinkommenS über die afghanische Grenzfrage, während der streitige Punkt bezüglich ZulficarS noch in der
Im Bann des Schicksal».
Roman von Moritz Lilie.
(Fottsehung.)
Die Skizzenbücher lagen aufgeschlagen aus den Knieeu und die Stifte ruhten in ihren Händen, aber noch zögerten sie zu beginnen, denn wo sollten sie anfangen? Alles, was sich ihren Blicken bot, war wert, in das Buch ausgenommen zu werden; in dieser Umgebung bildete jeder Baum, jeder Strauch ein reizende« Motiv für die Hand des Malers.
Die Sonne begann berells zu sinken, al« Herbert und sein Begleiter sich zur Rückkehr anschickten. Die Dächer von Nemt und Genzaua erglänzten in den letzten Strahlen des Tagesgestirns, und das tiefe Blau des Himmel verwandelte stch nach Westen zu in leuchtendes Purpur. Der herrliche, alte Platanenwald rauschte leise und geheimnisvoll im Abendwtnd und die tief graue Lmbnacht schien die poetischen Geheimnisse der römischen Götterwelt zu bergen, denen Ovid und Virgil die Stoffe zu ihren unvergänglichen Dichtungen entlehnten.
Und wie alle«, wa« da« deutsche Gemüt bewegt, Freude und Schmerz, stch am liebsten in Tönen äußert, so stimmten auch hier, in dieser überwältigenden Einsamkeit, die beiden Freunde Mendelssohn« herrliches Lied an:
„Wer hat Dich, Du schöner Wald, Aufgebaut so hoch dort droben!"
Weiter kamen sie nicht, denn tu diesem Augenblicke ertönte von einer wohlgeschulten glockenreinen Frauenstimme die Fortsetzung:
„Nur den Meister will ich loben, So lang noch mein Stimm erschM!"
Fragend schauten sich die jungen Männer an, jeder schien
seinen Ohren nicht zu trauen und von dem Andern die Bestätigung zu erwarten, daß er wirklich recht gehört habe. Dann eilten sie mit raschen Schritten der Stelle zu, von wo der Gesang hergekommen war.
Da trat ihnen aus dem Walde eine hohe weibliche Gestalt entgegen. Ein schwarzes Kleid umschloß die volle Figur, schwarzes Haar umwallte da« edelgesormte Haupt und die klassischen Züge wurden belebt von einem Paar dunkler, ausdrucksvoller Augen.
Fast zögerten die Maler näher zu treten, denn die Erscheinung hatte etwas Gebietendes, wie eine in moderne Gewänder gehüllte Minerva.
Wenige Schritte vor dem rätselhaften Wesen blieb Herbert wie angefeffelt stehen. War das Täuschung, Blendwerk einer erhitzten Phantasie? Dieses bezauberte Lächeln, daS auf den Lippen der Dame lag, kannte er, diesen süßen, verheißenden, warminnigen Blick hatte er schon oft auf stch ruhen gefühlt.
„Frau von Rodowicz — Sie hier?" rief er im Tone höchsten Erstaunen«, während er näher trat und die dargebotene Rechte der Dame an feine Lippen führte.
„Nicht wahr, das überrascht Sie?" fragte sie lachend zurück. „Aber das macht das böse Gewissen, seine zurück- aelaffenen Freunde ignoriert, vielleicht vergessen,, zu haben I Ich ließ in der von Ihnen bezeichneten Wohnung nach Ihnen fragen, erfuhr aber, daß Sie dort nur einen halben Monat geblirbm und dann in ein anderes Quartier gezogen sind, wohin, wußte Niemand. Ich ließ in den deutschen Klubs und im KÜnstlcrhausr nach Ihnen forschen, aber ebenfells vergebens; man erinnerte stch zwar, den jungen Fremdling gesehen zu haben, aber etwa« weitere« wußte man nicht von ihm."
„Ich gehe in Rom wenig in Gesellschaft, die Stadt selbst mit ihren Kunstschätzen und ihren Denkmälern einer großen Vergangenheit gewährt mir eine unerschöpfliche Quelle ivtereffantester Unterhaltung, anregendster Studien," versetzte Herbert Wallburg.
„Das ist der Reiz der Neuheit, später wird da« ander«," meinte die Baronin. „Ich habe Kunstenthustasten gekannt, die von Früh bi« in die Nacht unter den Trümmern verfallener Tempel herumkrochen und in Verzückung geraten konnten, wenn sie eine antike, in Stein gemeißelte Rosette, oder da« Kapitäl einer zerbrochenen korinthischen Säule fanden. Aber daö dauerte nur wenige Wochen; sie bekamen daö Wühlen und Kriechen überdrüssig und bald kehrten diese Maulwürfe wieder zur modernen Gesellschaft zurück."
„Sie waren schon früher in Rom, gnädige Frau?" fragte der Künstler.
Ludmilla nickte.
„Als ich noch an der Bühne war, habe ich einen dreimonatlichen Urlaub in Italien verbracht und die meiste Zeit davon in Rom," berichtete sie. „Aber bitte, Ihren Arm, Herr Wallburz."
Herberts Freund war diskret zurückgeblieben, als er bemerkte, daß eö stch hier um eine nähere Bekanntschaft zwischen den Beiden handle, während die Baronin mit dem jungen Maler den Weg nach Genzano einschlug. In einiger Entfernung folgte der Diener in der Livree de« Hauses Rodowicz, hellblau mit Silber; er trug den Sonnenschirm und ein leichtes Tuch seiner Herrin, da« dieselbe au« Vorsorge mit stch genommen hatte. lSortsetzm»- folgt.)