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99.

Marburg, Freitag, 24. Juli 1885.

Rt. 171

XX. Jahrgang

ObchrfW Aitmg

Im Bau« des Schicksal».

Roma« von Moritz Lilie.

(Fottsehung.)

Womit soll ich den Verkauf von Loez meinem Mündel gegenüber rechtfertigen?" fragte der Graf heftig.

Dr. Praß machte eine verüchtliche Handbewegung, als welle er fagm: Nicht« leichter al« da«; wenn Sie in dieser Beziehung in Verlegenheit sind, kann ich Sie nur bedauern.

Als Testamentsvollstrecker Ihres verstorbenen Bruders, des Vaters Ihres Herrn N ffen, besitzen Sie die Ermäch­tigung, über die Vermögensobjckte bis zu einem gewissen Grade zu verfügen," erklärte er in belehrendem Tone, wie er ihn früher, als praktizierender Advokat, auzuwenden ge­wöhnt war, wenn es galt, da juristisches RechtSgutachren abzugeben. Sie haben ferner die Pflicht, dafür zu sorgen, daß die Gelder entsprechende Zinsen tragen, und wenn dies nicht der Fall ist, andere Dispositionen zu treffen. DaS Gut Loez ist verpachtet, aber der MlßwachS Ker letzten Jahre machte cS dem Pächter unmöglich, die Pachtgelder zu zahlen.

Dagegen waren verschiedene bauliche Veränderungen an den Gebäuden nötig, so daß das Gat in letzter Zeit nichts einbrachte, sondern noch erhebliche Zuschüsse erfor­derte. DaS alles wirs natürlich in einer speziellen, daS Gut betreffenden Abrechnung naLgewiesen, so daß ein Zweifel an der Wahrheit nicht aufkommcn kann; verstehen Sie mich jetzt?"

Die grauen Augen des Grafen ruhten mit stechendem Ausdruck auf dem Manne, deffeu raffinierte Erfindungsgabe immer Rat wußte.

Mer die Ernte der beiden letzten Jahr« «ar ja aus-

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, fowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt o. M., Kassel, Magdeburg und Wien: RudolfMoffe in Frankfurt e. M-, Berlin,München und

Köln: E. 8. Daube und

So. io Frankfurt a. M* Berlin,Hannover u. Paris.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Quartal» Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/. Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfa. (erd Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Sfg. Reklamen für die Zeile 25 Pf«.

Bestellungen für die Monate August und September auf dieOberhesfischeZeitung und deren Beiblätter werden sowohl von der Post als der unterzeichneten Expedition entgegengenommen.

Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen an. ____________________ Expeb. der Oberh. Ztg. Defizit, Kolonialpolitik, Kulturkampf, die drei ver- häuguisvolle» Klippe» der französischen Repnblik.

Durch die Budgetdebatten der jetzigen Deputiertenkammer zieht sich seit dem Zusammentritt derselben im Jahre 1881 wie der rote Faden im englischen Tauwerk das Bemühen hin, die wahre Finanzlage des Staates zu verschleiern. Niemals ist diese Absicht greller zutage getreten, als in den Verhandlungen der jüngsten Tage, wo es angesichts der Neuwahlen darauf ankam, Reklame für die abtretende Mehrheilspartei, sür das Regime der fortschrittlichen Repu­blik, zu machen, und wohl niemals ist eine faktiöse Ver­schleierung der Wahrheit eklatanter verunglückt. Der Sand, den man in die Augen der Wähler streuen wollte, ist zurückgetrieben und wirbelt S.'aub auf im eigenen Lager der regierungsmächtigen Linken. DaS Volk aber erkennt das Resultat der fortschrittlichen Finanzpolitik, denn für jeden, der mit den vier Spezies einigermaßen bekannt ist, strahlt es klar aus seinen Umhüllung?« im offiziellen Jour­nal hervor. Zwanzig Milliarden konsolidierte Staatsschuld, ein jährliches Budget von rnnd drei Milliarden und ein jährliches Defizit von 600 Millionen; an der Logik dieser Ziffern scheitern alle künstlichen Ausflüchte, die man beim Bau des Budgets durch Positionsverschiebuugen, durch ein extraordinäres Budget und durch die famose Einrichtung von Spezialkrediten außerhalb des Staatshaushaltes für sogenannte Kaffen anzuwendcn sucht. So gibt es eine Kaffe der Schulen; eine Kaffe der Lyceen, eine Kaffe der Vizinalwege, der Garantien für die Bahnzesellschaften, die alle vom Staat unterhalten werden, ohne im ordentlichen Budget zu figurieren. Verhältnismäßig am reichsten ist das Budget des öffentlichen Unterrichts dotiert, weil hier der Kuliurkampf am üppigsten floriert, um die Heranwachsende Generation der Religion zu entreißen. Außer jenen Extra- kaffen ist eS mit 136 Millionen dotiert. Vor 1870 be­trug es nicht ganz 22 Millionen und doch ist die Zahl der Schüler in den fünfzehn Jahren nur um etwa eine halbe Million gewachsen (4600000 in Summa). Bei einem Zuwachs von 15 Prozent hat man die Ausgaben versechsfacht. Außer dem KultuSbudgtt, woran man all­jährlich herabfelljcht, sind die anderen Reffortbudg-tS in ähnlichem Verhältniffs gestiegen. Die Stcusrkraft des Lande« ist seit 1869, um m hr als 60 Prozent gesteigert, in An­spruch genommen. Unter dem zweiten empire bis 1870 halte das Land inklustse aller Exiraordinarta der bestän­digen Kriege und Expeditionen nur 1 Milliarde 800 Mil­

lionen für den Staatshaushalt jährlich aufzubringen. 1874 waren daraus schon 21/2 Milliarden geworden; in­dessen blieb die Finanzverwaltung eine geordnete und war nach dem Thiersscheu System der Amortisierung der Staats­schuld in manchen Zweigen eine musterhafte zu nennen. Als jedoch der Streit der Faktionen um die TageShcrrschaft entf<ffelt und der Schwerpunkt der Macht auf die republi­kanische Linke gewälzt wurde, da begannen jene finanziellen Ortgien ihren Einzug zu halten, die trotz partieller Steuer- edeichterung die gesamte Stetmkrfft um eine weitere halbe Milliarde anspannten, welche die zu Annuitäten der fun­dierten Schuld und zur Konvertierung bestimmten Summen für öffentliche Arbeiten und planlose Unternehmungen ver­geudete und welche endlich die Büreaukratie durch Kreierung neuer Stellen vermehrte und schließlich bis zur Besoldung der Parteigänger führte.

Rouvier, der Berichterstatter der Budgeikommission, hatte keinen allzuschweren Stand, die Kammer von der Vortreff­lichkeit des Budgets und vou der Rettung des Gleich­gewichts zwischen Ausgaben und Einnahmen zu überzeugen. Ribot, der sonst gefürchtete Budgetkritiker, hatte es für gut befunden, zu schweigen. Die Partei des linken Zentrums, zu der er gehört, hält sich in Finanzsachen für unfehlbar, weil sie von Leon Say und Paul Lervy Beaulieu inspiriert wird. Sie begnügte sich deshalb, ihr DeSaveu imJour­nal des Debats" uiederzulegen. Dagegen hielt eS Wllson, der präsidentliche Schwiegersohn, für angemeffen, zur Ver­herrlichung des Regimes der dritten Präsidentschaft eine Apologie des FinanzsystcmS zu halten und die wirtschaft­liche Lage Frankreichs in glänzenden Farben zu schildern. Das wird im Volke um so weniger Glauben finden, als Wilson bisher öffentlich und hinter den Kuliffen im Elysee die Männer der Mehrheitsregierung bikämpft, und daS ge­tadelt hatte, was er jetzt in taktloser Weise verhimmelt. Der Wahrheit näher kam Germain offenbar in den Worten:Wiffen Sie, wo Sie das Staatsbudget zu suchen haben, wenn Sie es kennen wollen? Es ist jetzt außerhalb des Budg tS". Uud G.rmain ist als ehemalig r Direktor dcS CrSdit Lyonnais ein gewiegter Finanzier; er weiß, hinter welcher Thür er seine Kollegen vom Schatz­amt zu suchen het. Summen auszugeben, ohne zu buchen und durch Verschleierungen den Mandaten ein X für ein U zu machen, das ist die moderne Fiuanzkuust, die vom Ak iengefchäft in das StaatSgeschäft übergegangen ist. AIS Panacee dagegen haben die Radikalen einrepublikanisches Finanzsystem" auf Lager; (daS jetzige nennen ste monar­chisch) aber trotz der mystischen Andeutungen ClemenceauS, Juleö RocheS, Pellet»! S u. a, bleibt eS dem einfachen Sinn unmöglich, zu verstehen, was ste damit meinen. W rden endlich solche Anträge von der Rechten gestellt, wie Soubey:an zum Schluß cinbrachte, daß für die Zu­kunft die uugebuchtcn Kredite und das exlraordinäre Budget beseitigt werden möge, so tragen diese denselben naiven aka-

gezeichnel l" wa s der alte Herr ein,wie kann ich da vom MißwachS reden?"

Ein halb mitleidiges, halb spöttische- Lächeln lagerte stch auf dem Antlitze deS Juristen.

Sie wurden doch früher nicht allzu sehr von Gewiffens- skrupeln belästigt weshalb also jetzt solche heraufbe­schwören?" sagte er vertraulich.Alexis hat sich bestimmt nicht einmal um de« Ertrag dcr Feldsrück-te gekümmert, er wirb also Ihrem Anführen ohne weiteres Glauben schenken. Da daS Gut nach Ausweis der Rechnung nichts als fort­gesetzte Opfer verlangte, so hielten Sie eS für geboten, das­selbe zu verkauf-«."

Aber wo ist den« der Kaufpreis geblieben?"

Der muß auf mehrere Jahre verteilt, mit verrechnet werden; einen erheblichen Betrag hat Loez bereits selbst ver­schlungen, d-S Andere ist durch Kursverlust, Ausgaben für ZoroSlaw u. f. w. verloren gegangen. Selbst eine kleine, mißglückte Spekulation, die Sie im Interesse Ihres Mündels gewagt haben, und die dieser Ihnen gewiß verzeihen wird, könnte hier mit auShelfeu. Sie sehen, bet einigem guten Willen läßt fich die Sache recht gut arrangieren."

Der Gras schwieg; er schien zu überlegen.

Nehmen Sie die Sache in die Hand, Doktor, und führen Sie riks.lbe so rasch als möglich zu Ende," entschied er nach kurzer Pause,ES muß fetal" fügte er leise hinzu.

Praß nickie beifällig, er hatte seinen Zweck erreicht und bei dem Handel fiel der Löwenanteil ihm zu, denn Loez war bedeutend mehr wett, als angenommen worben war.

«ES muß fetal" widerholte der Vormund des junge« Grafe« TembrowSki, nachdem sich der gewiffevlof« Ratgeber

demifchen Charakter, wie die desbezüglichen Zusagen der Regierungspartei. Die Klippe des chronischen Defizits Wird dadurch nicht weggeräumt.

Die Kvlonialpolitik ist der zweite große schwierige Faktor, mit dem die Republikaner der Linken zu rechnen haben; sie war einer der vielen Steine deö Anstoßes der allgemeinen inneren Zerwürfnis. Die Radikalen, Extremen und Liberalen ve> werfen sie ganz. Die Opportunisten und Gemäßigten verteidigen ste; geloben aber, sich zu be­schränken. Dem gegenwärtigen Kabinett giebt die Unpopu­larität der kolonialen Unternehmungen durch die Zurück- dämmung des Ferryscheu EinflufleS eine gewisse Sicherheit gegen die gambettistffche Rivalität. Andererseits haben die Opportunisten am meisten Ursache, Anlehnung an das Kabinett zu suchen, um eine Vermittlung mit den Radi­kalen und die von den Mitgliedern der Union republicaine zu jeder Zeit am lebhaftesten pointierte republikanische Einigkeit möglich zu machen. Man möchte im republi­kanischen Lager gern über daS ganze Tonking - Abenteuer hinweggehen, ohne darüber zu diskutieren. Allein über die vorliegenden Thatsachen ist nicht sortzukommen und ste werben Int Wahlkampfe eine Rolle spielen. Wie die Sache selbst von der Polemik ClsmenceauS, die vom chinesischen Diplomaten, dem Marquis Tseng, inspiriert war, abgeur­teilt wurde, so ist der nunmehr auch von der Kammer bestätigte Friedensvertrag mit China weder ein ehrenvoller, noch mit materiellen Vorteilen verknüpft. China bleibt nomineller Oberherr von Anam, wenngleich e» gegen Frank­reichs Besitzergreifung nicht kinfchreiten will. DaS Kaiser­liche Frtr enSmanifest zu Peking begann mit den Worten: Die französische Republik hat die Wiederherstellung freund- fchaftllcher Beziehungen «achgesucht und wir wollen diese Bitte gewähren und unsere siegreichen Truppen aus Ton­king zurückrufen " Im weiteren wird den Gouverneure« der Grenzprovinzen strenge Wachsamkeit anempfohlen. Die entlassenen chinesischen Truppen haben die Piraten der schwarzen Flagge verstärkt und nach Ablauf der bösen Jahreszeit mutz der regelrechte Feldzug zur Eroberung erst beginnen. Gewonnen Ist nur, daß sich China nicht mehr offiziell am Kampfe beteiligt. Aehvlich verhalten sich die Dinge tu Anam und Madagaskar. Will Frankreich nicht alle diese Kolonialerwerbungen gänzlich aufgcben, so wird es noch eine Reihe von kostbaren und blutigen Expe­ditionen auöführen; von einer FriedenSaera kann also nicht die Rede sein.

In enger Verbindung mit der Kolonialpolitik stehen die Armeeverhältniffe, welche nach demTemps" in diesem Augenblicke nicht darnach angethan sind,um bei Gelegen­heit des Nationalfestes die Armee besonders zu verherr­lichen". Eine Reihe symptomatischer Anzeichen haben kon­statiert, daß die Banve der Subordination und Disziplin bedenklich gelockert sind. Wir rechnen dahin die häufigen Vergehen gegen die Mannszucht in Tonking; die Kopf- entfernt hatte,ein anderer Ausweg au« diesem Labyrinth ist nicht zu finden."

UebrigenS bleibt Alex'S deshalb «och immer einer der reichsten Gmndbefltzer Polens, während ich, der ich denselben Namen trage, zum Bettler geworden bin."

Eit Kurzes, giftiges heiseres Lachen folgte diesen Worten.

Gleichen wir tief.n VenvögenSunterschted ein wenig aus, lieber Neffe," setzte er grollend hinzu,einen kleinen Aderlaß dieser Art kannst Du schon ertragen I"

XIII.

ES war am frühen Morgen eine« Augusttages, als durch einige der engen, schlechtg-pflasterten Straßen RomS in süd­östlicher Richtung ein Wagen dahinrollte.

Auf dem Bocke saß gähnend und mürrisch, als habe er nicht auSgefLlafen, ter Vdturino, dessen linke Hand die schloff herabhängenden Zügel hielt, während die rechte de« dick, n Peitschenstiel umklammerte, von welchem er jedoch dem alternden Pf-rde gegenüber, daß ihm sein Brod verdienen Helsen mußte, nur einen äußerst spärlichen Gebrauch machte.

Im Wagen selbst hatten zwei junge Männer Platz ge­nommen, deffen äußere Erscheinung sowohl als auch die Sprache, in welcher ste sich unterhielten, sie sofort als Aus- tauber charakterisierten.

Es war Herbert Wallburg unb ein deutscher Kunstge- noffe, dem er stch in der ihm wildfremden Stadt angeschlvffen hatte; ste waren im Begriff, nach Genzano zu fahren, wo heute das alljährliche berühmte Blumenfest gefeiert werde« Ä ÄR R°m weilender Künstler fem ble/bt. da sich dort überreiche Gelegenhest zu malerische«. Studie» bietet.