Kt. 170.
Marburg, Donnerstag, 23. Juli 1885.
XX. JahlgMg.
grscheint täglich außer an Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/4 Mk., bei den Postämter 2 Wk. 50 «kg. (ejcl. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gespalten- Zell- 10 Bfg. »estsmen für die Zelle SS Pfg.
OIikllstWe AitilW.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, fowied.Annoncen»Bureaux vonHaafenstein undBogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a. M., Berlin,München und KSln: @. L Daube und So. in Frankfurt e. !DL, Berlin,Hannover u. Paris-
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
VÄ* Bestellungen für die Monate August und September auf dieOberhesfischeZeituug und deren Beiblätter werden sowohl von der Post als der unterzeichneten Expedition entgegengenommen,
Auf dem Lande nehme« die Landpostboten Bestellungen an.
Expeb. der Oberh. Ztg.
Die astatische Wolke.
Privatnachrichten, welche in diesen Tagen auö Rußland der «Bost. Ztg/ zugegaugen find, geben den jüngsten Vorgängen, deren aufschreckende Wirkung Europa empfunden hat, eia lehrreiches Relief. Schon aus den Aeußerungen deS britischen Ministers für Indien, des Lord Churchill, im Parlament zu London, konnte man entnehmen, daß die Thatsache neuer militärischer Bewegungen der Russen in Mittelasien nicht zu leugnen sei. In Rußland selbst zweifelt kein Einsichtiger an dieser Thatsache und niemand begreift, wie man erwarten kann, daß durch die.Unterhandlungen" mit England ein definitiver Zustand geschaffen werden kann. »Glaubt man denn", so heißt eS in den nicht offiziellen Berichten, »daß wir Millionen au Geld, viele Tausende von Menschenleben, die Arbeit von Jahrzehutm geopfert haben, nur um in den wegelosen Wüsten und Steppen des astatischen Hochlandes festen Fuß zu fasten? WaS ist uns der Zulficarpaß, waS Herat? ES sind Etappen auf dem Wege, auf dem wir nicht mehr zurück können und wollen; das Ziel ist der freie Zutritt zu Indien, die Erschließung dieses Stapellandes astatischen Reichtums für den Handel Rußlands, die ungehinderte Verbindung mit dem indischen Ozean."
Die Entfernung der russischen Vorposten von den englischen an der indischen Grenze beträgt jetzt etwa drei Tag-märsche, ca. 140 Kilometer, ein Tagemarsch trennt die Russen nur noch von Herat. Die Jahreszeit ist aber augenblicklich, mit 45 Grad Hitze im Schatten, für alle Bewegungen und Operationen die denkbar ungünstigste. Der Vormarsch der englischen Truppen von Indien aus kann auf deu großen, bequemen Straßen erfolgen, unterstützt von den reichen Hilfsquellen und Vorräten des in üppiger Kultur stehenden Landes. JensettS Indiens aber beginnt die waffer- und vegetationslose Wüste, deren Schrecken und Drangsale in der Sonnenglut verheerender sind, als in Afrika. Der russische Nachschub geht zwar ohne Unterbrechung, wenn auch ziemlich unvermerkt, von statten, vor Eintritt des Herbstes aber liegt auf russischer Sette jeoer Gedanke an eine ernstliche Ausnutzung der inzwischen errungenen Vorteile fern.
Niemand vermag heute zu beurtetleu, ob die Frist, die uns von dem einmal uuvermetdlichen Zusammenstoß zwischen Rußland und England noch trennt, drei Monate, drei Jahre oder noch länger währen wird, da betoe Teile kein
Jntereffe daran haben, sie ohne dringendes Bedürfnis abzukürzen. England ist niemals einem Kriege mit weniger Chancen entgegengetreten, als es jetzt der Fall fein würde. In Europa isoliert, ohne jeden Bundesgenoffen, von einer schwankenden, nichts weniger als befestigten RegierungS- grwalt geleitet, bei starkem militärischen Urbergewicht des Gegners, hätte es von vornherein Wind und Sonne gegen sich. Rußland andererseits, unter den enormen Opfern seufzend, welche die astatische Politik ihm auferlegt, setzt alles daran, um, wenn möglich, die Vollendung der großen tranSkaukastschen Bahn zu erreichen, ehe eö seine Armee den unermeßlichen Gefahren eines Krieges in jenen öden, waster- losen Wüsteneien überläßt. Daß die europäische Friedenspolitik mit Deutschland au der Spitze das ihrige thut, die Entzündung des Brandes aufzuhalten, weiß die Welt; niemand aber kann behaupten, zu wiflen, wann die englisch- russischen .Friedensverhandlungen" jemals ihr Ende finden werden.
Mit der Eroberung Turkestans hat Rußland eine Riesenaufgabe bewältigt. Bieler Jahrzehnte bedurfte eS, um die endlosen Steppen zu durchdringen, detachierte Forts zu errichten, von denen aus die marschierende Armee mit Holz, Waffer und Lebensmitteln versehen wird, die Nomadeuvölker zu unterwerfen, sie zu Kosaken-Regimentern zu organisieren, Dampfschiffe auf dem Aralschen See und auf den in ihn mündenden großen Flüffen Amur-Daria und Str-Daria zu konstruieren, und endlich in den Besitz von Bochara, Chiva und Kokand zu gelangen. Die Turkmenen sind Rußland unterworfen, die Baschkiren, Kalmücken, ein Teil der Kirgisen stellen auf jeden Ruf eine Mafle irregulärer Reiterei. Wenn aber auch die Gebiete dieser halbwilden Stämme für Rußland natürliche Eroberungsobjekte warm, Indien ist ein solches Obj kt nicht. Rußland kann Indien wohl erobern, aber nicht behaupten. Nur durch die Ueber- legenheit seiner Kultur vermag England Indien festzuhalten. Jeder Eroberer, der diese nicht besitzt, fände in Indien sein Grab.
In Rußland selbst hat mau dies Ziel der Eroberung Indiens auch nicht im Auge. Nur den freien Handel und die Mitausbeutung der indischen Naturreichtümer verlangt die russische Politik, ohne daß über die Formen dieses MttbewerbeS bis jetzt eine klare Vorstellung bestände. Die Schätze Indiens zwischen Orient und Occident zu vermitteln, ist die Aufgabe, für die russtche Phantasten sich mit Vorliebe erwärmen. So sehr die europäischen Mächte zur Wachsamkeit bezüglich der Eroberungspläne Rußlands auf der Balkanhalbinsel verpflichtet sind, so wenig werden sie bei dem Ringen der beiven Rivalen um Indien aus ihrer kühlen Neutralität heraus treten. Weder Deutschland noch Oesterreich kann sich von Rußland bis ans adrtalische Meer umklammern und dadurch seinen Levantehandel alterieren lasten; daß aber Rußland seinen Schwerpunkt nach Asten verlegt und dadurch in Gefahr eines
Orientkrieges in unabsehbare Fernen rückt, kann weder Deutschland noch Oesterreich bedrücken — im Gegenteil.
Schon vor fünf Jahren schloß eia in französischer Sprache geschriebenes, damals vielgenanntes Werk über die Orientfrage, das eine Zeit lang dem König von Schweden zugeschrieben wurde, eine Betrachtung über die Entwickelung der orientalischen Dinge mit den Worten: .Alles, was gethan, alles was unternommen werden mag, wird, wenn auch nicht ausschließlich, so doch vorwiegend zum Vorteil Deutschlands ausschlagen, weil dieses über die AboutS verfügt und weil es zugleich durch die Gewalt der Thatsachen und die Fehler der Anderen unterstützt wird."
Deutsche, Reich.
Berlin, 21. Juli. Im BundeSrate erklärte bet der Abstimmung über den preußischen Antrag betreffend die Thronfolge in Braunschweig der Bevollmächtigte für Reuß ä. L., daß er namens der von ihm vertretenen Regierung im wesentlichen aus denselben Gründens welche der Bevollmächtigte für Mecklenburg - Strelitz verlautbart, gegen den Antrag gestimmt habe. Die Stimmenthaltung Oldenburgs wurde durch folgende Erklärung begründet: »Die großherzoglich oldenburgische Regierung würde in anbetracht der Wichtigkeit des Gegenstandes eine schriftliche Berichterstattung deS Ausschusses gewünscht haben und enthält sich der Abstimmung, well nach ihrer Auffastung in Ermangelung einer solchen Grundlage die rechtliche und politische Tragweite der zu fastenden Entschließungen sich nicht mit genügender Sicherheit beurteilen läßt. — Der Staatssekretär des ReichSpostamtS Dr. v. Stephan läßt, wie die »Vofl. Ztg." berichtet, zu würdigem Empfang des im nächsten Monat hier tagenden Telegraphen - Kongrestes die Jnnenräume des Zentral-Telegraphenamtes renovierm und auch sonst Vorbereitungen treffen, um den zahlreichen Mitgliedern des KongresteS die Abhaltung langer Sitzungen zu erleichtern. Auf dem Kongreß sind sämtliche Tele- graphen-Staaten der Welt, teils durch Regieruugs-, teils durch GesellschaftS-Kommiffarien vertreten; ebenso entsendet zu den Verhandlungen die physikalische Wistenschaft ihre ersten und besten Repräsentanten, denn eS handelt stch darum, nicht bloS Vereinbarungen administrativer Natur zu erzielen, sondern auch die neuestm Resultate auf dem Gebiete der ElektrizitätSlehre auf ihre Verwertbarkeit hin zu prüfen. Zu dem Behufe wird der Kongreß ebenso in- terestante wie wichtige Experimente anstellen, zu deren Ausführung das hiesige Zentral-Telegraphen-Amt vorzügliches Material darbtetet. Hiernach dürften die wissenschaftlichen Ergebniste deS KongresteS nicht minder wichtig werden, als die etwaigen Verabredungen zur Erzielung neuer Tarife und einheitlicherer Ausgestaltung der verschiedenen Tele- praphen-Verwaltungen. Das ideale Vorbild für den Welt- Telegraphenverband bleibt der Weltpostverein mit seinen minimalen gleichen Portosätzen. Nicht daß erwartet werden
Im Bau« des Schicksal».
Roman von Moritz Litte.
(Fortsetzung.)
.Schurke!" knirschte der Graf unhörbar zwischen den Zähnen hervor, und seine feinen Hände fuhrm in vaS volle, weiße Haar, krampfhaft in demselben wühlend.
.Bet den Beziehungen, in welchen Sie als langjähriger Bekannter der Familie Rodowicz zur Baronin stehen, wird Ihnen dieselbe wohl eine derartige Gefälligkeit nicht abschla- geo," fuhr Praß fort, »zumal sie jetzt reichliche Geldmittel besitzt, da ste kürzlich durch mich ihre russischen Papiere vei kaufen ließ."
Der Gras schüttelle heftig daS Haupt.
.Davon kann gar keine Rede sein," sagte der Graf mit einer Entschiedenheit im Tone, die jeden Widerspruch im voraus abschnitt. .Ich hatte allerdings auf die Baronin gerechnet, aber das ist jetzt vorbei. Wäre der Plan, zu welchem ste mich einst selbst, freilich unbewußt, ermunterte, geglückt, der nämlich, ste als Gattiu heimzuführeu, so war ich aller Sorgen und Fatalitäten, die mir bevorstehen, überhoben, ich konnte dir meinem Neffen gehörigen Gelder ergänzen und brauchte den Moment, wo er Rechenschaft von mir fordern wirs, nicht zu fürchten. Seit ich mir aber einen abschlägigen Bescheid geholl, ist diese Hoffnung geschwunden, die Aussicht auf eine uobemerkbare Lösung dieser peinlichen Angelegenheit vernichtet. Jetzt kommen auch Sie noch zum Ueberfluß mit Ihren Ansprüchen, von denen Sie wtsten, daß die Geltendmachuug derselben eine — eine Infamie ist/
Er stand ans und schritt geräuschvoll im Zimmer auf Md ab, während der Rechtsanwalt, well entfernt, die Be
leidigung energisch zurückzuweisen, ruhig auf seinem Platze blieb. Nur ein wütendes, tückisches Aufleuchten in den dunklen Augen ließ erkennen, daß er keineswegs unempfindlich gegen die erlittene Beschimpfung sei.
»Auf diese Weise gelangen wir nicht zum Ziele, wohl aber spitzen sich die Gegensätze immer mehr zu, jedenfalls nicht zu Ihrem Vorteile, mein Herr Graf l" versetzte er mit Nachdruck, indem er besonders die letzten Worten stark betonte. .Bleiben wir bei den Thatsachen stehen. Sie haben den Wechsel ausgestellt und in meine Hände gelegt; wer will mir wehren, von demselben Gebrauch zu machen?"
»Als ich mich verleiten ließ, dem Papiere meine Unterschrift zu geben, that ich es nur, weil ich Ihren Worten Glauben schenkte, nach welchen der Wechsel nicht eher präsentiert werden solle, als bis die Sache in Ordnung, der Betrag also fällig sei. Sie haben aber nichts gethan, wa- Sie berechtigen könnte, diesen hohen Betrag jetzt einzuzieheo."
„Die Lage hat sich verändert und mich in die Notwendigkeit versetzt, das Geld jetzt flüssig zu machen," warf Praß leicht hin. »Wenn übrigens noch nichts geschehen ist, Sie aus der Verlegenheit zu reißen, so ist das lediglich Ihre Schuld — meine Ansichten und Ratschläge kennen Ste."
.Sie meinen den Verkauf des meinem Neffen gehörigen Gutes Loez in Polen?" fragte der Graf, vor dem Advokaten stehen bleibend.
.Gewiß!" versicherte Jener.
.Das wird kaum ausführbar sein, meine Leglltmatiouev dürsten zu einem solch;« Schritte vor dm Behördm nicht auSreichm."
»Bor drutschm Behördm sicher nicht, aber wir habm eS hier auch nicht mit solche« zu ihm». Laste« Sie eS meine
Sorge sei«, mich mit den in Frage kommenden Persönlichkeiten zu verständigen!"
.Loez ist aber eine halbe Million wert!"
»Desto bester für uns beide, Ihr Neffe aber wird diesen Verlust kaum bemerken, denn er besitzt noch die große Herrschaft ZoroSlaw, die einen Wert von Millionen repräsentiert."
.Sie glauben, die Gerichte werd« keine Schwierigkrllen machen."
»Ich bürge dafür, denn ich werde Jhnen Papiere vorlegen, welche ste al- ausreichend anerkevnm müssen."
Der alte Herr warf einm mißtrauischen Blick ans dm Advokatm.
,34 glaube, das ist eine gefährliche Kunst, Doktor/ sagte er in einem Tone, der halb sragmd, halb warnend klang.
»Jedenfalls zuwellm eine sehr nützliche," versetzte Jener mit Beziehung.
.Und wie gedenken Sie die Sache zu arrangieren?"
.Wie ich Jhnen schon erklärte," sagte der ehemalige Advokat — „ich trete als Käufer auf, der Preis ist eine halbe Million Mark, nach Rubel zum Kurswert umgerechnet, und das Gut wird mir in aller Form Rechtms übergebm. Da es schuldmfret ist, so wird eS leicht sein, ein Kapital auf dasselbe zu erhalte« bis zur Hälfte des Wertes. Diese Summe fließt in Ihre Tasche und außerdem gebe ich Ihnen den Wechsel über zwanzigtausend Mark zurück, so daß Sie mir gegenüber im Vorteile find, Herr Graf. Sind Sie damit einverstaudr« ?"
Mit einer raschm Wendung stand TembrowSkt wieder vor dem Juristen
»Ich im Vorteile gegen Sie?" fragte er mit unge-