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Marburg, Dienstag, 21. Juli 1885.
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grscheint täglich außer an Werltagen nach Sonn« und Feiertagen. - Quar-'- zbonnements-Pretsbet Expedition 2*/. Mk., ben Postämter 2 Mk. «sg. (excl. Bestellgei
Mamen für die gelle SS Pfg.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kastel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt ♦ a. SR., Berlin,München und
Mn: <8. L. Daube und So. in Frankfurt a. M„ Berlin,Hannover u. Pari-.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition. Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
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__________________Exped. der Oberh. Ztg.
" " Ratiouale Feste.
Das gegenwärtig in der schönen Elbstadt Dresdens vor stch gehende VI. Allgemeine deutsche Turnfest, zu welchem nicht nur Turner aus allen deutschen Gauen, sondern auch aus den Nachbarländern Deutschlands, ja sogar von jenseits deS atlantischen Ozeans ihr Erscheinen zahlreich angemeldet haben, legt wieder einmal die schon öfters ventilierte Frage nahe, ob alle derartigen Feste jetzt noch einen befonderen Zweck, überhaupt eine Berechtigung, ob sie stch nicht mehr oder weniger überlebt haben. Da muß nun zugestanden werden, daß alle diese in gewissen Zwischenräumen wiederkehreuden geselligen Vereinigungen in großem Stile, mögen ste Schützen-, Turner-, Sängerfeste oder sonstwie heißen, ihrer hervorragenden politischen Bedeutung, die ste früher befaßen, verlustig gegangen sind. Vor zwanzig und noch mehr Jahren, als noch der deutsche Bundestag in der Eschenheimer Gaste zu Frankfurt a. M. seine traurige Rolle spielte, als Deutschland dem Auslande gegenüber kaum mehr denn einen geographischen Begriff repräsentierte, während eö im Innern ein zerstückeltes Staatengebilde war, als der Traum von der deutschen Einheit noch tief in den Herzen schlummerte, da waren eS jene allgemeinen Schützen-, Turner- und Sängerfeste, welche den Deutschen aus Nord und Süd, aus Ost und West zu einem Sammelpunkte wurden. Da fühlte man sich nicht mehr als Schwabe oder Preuß-, als Sachse oder H.ste, sondern nur als Deutscher, als Angehöriger einer großen Nation und da erhielt auch der Gedanke eines einigen Deutschland, die Sehnsucht nach einem alle deutschen Stämme auch in politischer Beziehung umschließenden Bande immer wieder neue Nahrung, und das war es, was den großen nationalen Festen vergangener Jahre ihre besondere politische Bedeutung verlieh. Diese verschwand aber naturgemäß, als durch Blut und Eisen das Werk der nationalen Einigung Deutschlands auf den Schlachtfeldern Schleswigs begonnen und auf denen Frankreichs beendigt wurde, und in der Gegenwart t agen alle die Festlichkeiten der gedachten Art in der Hauptsache nur mehr den Charakter großer Volksfeste.
Dennoch hieße eS über das Ziel htnauSschießen, wollte mau über dieselben nunmehr das Verdammungkurteil sprechen, ste als überflässtg und als zwecklos erklären. Der ihnen zu Grunde liegende Gedanke ist doch zunächst der eines eclen Wettstreites, mag man nun bei demselben mit »dem Lied, das aus der Kehle dringt", mit der Büchse oder am Barren und R ck um den Preis ringen, und gewiß werden
hierdurch Gesang-, Schützen- und Turnvereine eine Förderung und willkommene Anregung ihrer Bestrebung erfahren. Daun aber tragen gerade solche Feste nicht wenig dazu bei, die Zusamm ngehörigkeit der iu der Ferne, vielleicht jenseits der Gestade des Weltmeeres wohnenden Deutschen mit der Heimat zu betonen, alte Bande zwischen „hüben und drüben" zu erneuern und neue zu schlingen und überhaupt den Gedanken der Zugehörigkeit zum Mutterlande, zur großen deutschen Nation, wieder einmal zum bewußten Ausdruck zu bringen. Endlich sind diese allgemeinen Turners Sänger- und Schützenfeste für die Teilnehmer, welche innerhalb der Grenzen dcs Vaterlandes selbst wohnen, oft eine Gelegenheit, ihre Gedanken über die großen Zett- und Streifragen persönlich auszutauschen, hierdurch stch über mancherlei abweichende Ansichten zu einigen und so zu einem Ausgleich die Gemüter trennender politischer und sonstiger Gegensätze beizutragen. Man kann demnach diesen Festen auch für die Jetztzeit eine gewiffe politische Bedeutung und Berechtigung nicht absprechen, wenn dieselbe auch auf einem ganz anderen Boden wurzelt, als in den nunmehr zum Glück längst entschwundenen Zeiten des „seligen" deutschen Bundestages. Und zum Schluß noch eines: Immer auch, wo die Turner, Schützen, Sänger u. s. w. auö allen Teilen des weiten deutschen Vaterlandes zu geselliger Vereinigung zusammenströmten, da hat eS nie an patriotischer Anregung, an Förderung deS nationalen Gedankens gefehlt und immer waren solche Feste eine Gelegenheit, die Liebe und Treue zu Kaiser und Reich zu betonen und dies als daS gemeinsame Band aller, den sonstigen politischen und religiösen Verschiedenheiten zum Trotz, zu bezeichnen. Hoffentlich wird man stch deffen auch in DreSd.n inmitten des rauschenden Festjubels erinnern und dem VI. Allgemeinen deutschen Turn« feste, gleich seinen Vorgängern, einen patriotischen Charakter zu geben wiffen.
Deutscher Reich.
Berlin, 18. Juli. Alle Nachrichten über eine bevorstehende Zusammenkunft der drei Kaiser und der leitenden Staatsmänner sind nur mit Vorsicht aufzunehmen. Bisher steht allein fest, daß Kaiser Franz Joseph »em deutschen Kaiser in Gastein einen Besuch machen wird, den der letztere in Ischl zu erwidern gedenkt, vorausgesetzt, daß sein Gesundheitszustand diese Anstrengung gestatten wird. WaS die verschiedenen Ankündigungen von einer nahe bevorstehenden Zusammenkunft des Fürsten Bismarck mit dem Grafen Kalnoky anlangt, so beruhen ste vorläufig nur auf Vermutungen. ES ist möglich, vielleicht sogar sehr wahrscheinlich, daß die beiden leitenden Staatsmänner, wie in früheren Jahren, so auch diesmal zusammen kommen werden, um sich über die allgemeine Lage und besonders über daS unerquickliche wirtschaftspolitische Verhältnis zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn zu besprechen, das ist aber auch alles, was sich augenblicklich darüber
sagen läßt. — Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht folgendes offiziöse Kommunique: „Der „Hannoversche Courier" veröffentlichte vor einigen Tagen eine Version über die Ursprungsgeschichte deS vielbesprochenen Briefe« dcs Herzogs von Cumberland an die Königin von England, in der es u. a. hieß, Fürst Bismarck habe Lord Beaconsfield erklärt, daß der Thronbesteigung deS Herzogs von Cumberland In Braunschweig durchaus nichts im Wege stehe, sofern derselbe einen bindenden Verzicht auf Hannover aussprechen und die Zusage erteilen wollte, niemals in Braunschweig welfische Restaurationsbestrebungen zu dulden. Diese Faffung ist nicht schlechter als manche andere, welche über dieselbe Frage veröffentlicht worden ist; aber für verbürgt darf sie nicht angenommen werden, denn um sich ein klares Bild der Sachlage zu bilden, müßte man, angenommen, daß derartige Aeußemngen überhaupt gemacht worden wären, den aktenmäßigen Wortlaut derselben kennen. Ein solcher liegt nicht vor. Selbst wenn stch jedoch alles wirklich so zugetragen hätte, wie der „Hannoversche Courier" berichtet, so müßte man sich immer noch vergegenwärtigen, daß im Jahre 1878 die Sachlage eine andere war als heute. Damals durfte man noch glauben, daß dem Verzichte des Herzogs von Cumberland auch der Verzicht der Welfenpartet in Hannover folgen werde; wogegen heute, nach den bekannten krassen Auslastungen der Brüel, Götz v. Olenhusen und von der Decken jede Hoffnung in dieser Beziehung geschwunden sein muß. Sollte Fürst Bismarck stch also Lord Beaconsfield gegenüber thatsächlich so ausgesprochen haben, wie eS der „Hann. Courter" wiffen will, so konnte dies nur unter der doppelten Voraussetzung geschehen, einmal, daß der Verzicht deS Herzogs ein ehrlicher sein — was nach dem Spiel mit dem doppelten Bries aber nicht Misst —, und sodann, daß die Welfenpartet ebenso ehrlich Verzicht leisten würde, wie mau dies im Jahre 1878 noch vom Herzog von Cumberland erwarten mochte. Diese zwiefache Aktion: Verzicht deS Herzogs und Verzicht der Welfenpartet — muhte Hand in Hand gehen, um von wirklicher Bedeutung zu sein. Ohne den letzteren blieb der erstere wertlos. — Die Motivierung des preußischen Antrages beim Bundesräte vom 18. Mat, in der darauf htngewiesen wurde, daß — so lange die Agitation der Welfenpartet fortdauere — der Herzog von Cumberland in Braunschweig unwöglich wäre, auch wenn er offen und loyal Verzicht leistete —, diese Motivierung war eben eine durchaus logische. Die Ereigniffe, die sich seitdem zugetragen haben, müffen dies für jedermann klar machen, der die Angelegenheit vom deutschen und nicht vom spezifisch welfischen Standpunkt auS beurteilt." — DaS zweite Blatt der „Germania", bringt folgende, von gestern datierte Erklärung des Bischofs von Eichstätt: In bezug auf die Angriffe, welche In einigen Blättern gegen meine Person gerichtet worden sind, ersuche ich die Erklärung zu veröffentlichen, daß ich weder vor
Im Battv -eS Schicksal».
Roman von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
Der alte Registrator dachte einige Augenblicke nach. Er ging nie inS Wirtshaus, um feine Tochter nicht allein zu Hause zu kaffen, und doch hatte er zuweilen, namentlich an den langen Winterabenden, stch einen Freund, einen Gesellschafter gewünscht, mit welchem er eine Partie Dame, situ Lieblingssptel, hätte ziehen können, namentlich dann, wenn Agnes, tote es um die Weihnachtszeit der Full war, ost bis nm die Mitternachtsstunde arbeitete.
Dann konnte ste ihm nur wenig Aufmerksamkeit widmen, kaum eine kurze Unterhaltung war mit ihr möglich, und doch wollte der besorgte Vatec auch nicht gern sein Lager rher aufsuchen, als bis auch die Tochter dies that. Jetzt bot sich ihm ein junger Manu als Gesellschafter an, sollte kr ihn ans übergroßer Rücksicht auf daS etwaige Urteil der «Ute zurückweisen?
„ES liegt etwas Wahres in Ihrem Anführen, Herr — TembrcwSki," ergänzte Hertling.
»Herr TembrowSki, und In der That habe ich mir zn- Betten einen Genossin gewünscht, mit welchem ich die Winterübende zubringen könnte," sagte Hertling zustimmend. „Sie spielen doch Dame?"
»Was mir noch bis zur Meisterschaft in diesem Spiele kehlt, eigne ich mir gewiß unter Ihrer Leitung an," ver- setzte der junge Mann artig.
„Gut, messen wir unsere Kräfte einmal im Brotspiele," entschied Jener, nur bitte ich im Anfänge Ihre Besuche so selten als möglich, vielleicht nur des Sonntags nachmittags, Po wir gewohnt waren, ben Maker bei uns zu sehe«, zu
wiederholen. Der Sommer ist ohnedies keine Zeit für derartige Unterhaltung, und wenn Sie nicht inzwischen die Lust verloren haben, können Ste im Winter ja öfter kommen."
„Haben Sie Dank für dieses Wort — es macht mich glücklich!" fiel Alexis rasch ein, indem er die Hand des alten Mannes erfaßte und mit Wärme drückte.
„Und Sie mein Fräulein, werde ich Ihnen auch nicht lästig fallen?" wandte et sich an Agnes.
»Ich bin sehr erfreut, daß auf diese Weise mein Vater auch eine kleine Zerstreuung hat," entgegnete das Mädchen und ein dankbarer Blick streifte den Frager.
Der Jüngling erhob sich, er durfte dm ersten Besuch nicht zu lange auS chnen.
„Nächsten Sonntag spreche ich wieder bei Jhnm vor, freilich noch eine lange Ztt!" fügte er mit leisem Seufzer hinzu.
Dann reichte er dem Rgistrator die Hand zum Abschiede, erfaßte d s Mädchen« Rechte und hauchte einen Kuß auf dieselbe, oet beugte sich und ging, nachdem er noch seine Visitenkarte auf den Tisch gelegt hatte.
„Unsere polnischen Namen sind für daS deutsche Gedächtnis schwer zu merken," sagte er scherzend noch in der Thür, »erlauben Sie mir daher, daß ich Ihnen den meinigen schristüch zurücklaffe."
Hertling hatte seinen Gast bis zur Thür geleitet und trat nun an den Tisch, um sich die Karte anzusihen.
»War ist das?" safte er halblaut zu stch selbst, während er nach der Brille langte und dieselbe hinter den Ohrm schob.
„Alle Wetter, — ein Graf!" rief er und die Hand mit oer Karte sank herab, während sich da- Gesicht der Tochter zuwandte.
Agnes ließ die Arbeit rühm.
„Was sagst Du?" rief ste In der Meinung nicht recht gehört zu haben.
„Hier steht es schwarz auf weiß: Alexis Graf von TembrowSki," berichtete bet alte Mann, bet Tochter das Blatt reichend.
Agnes schüttelte noch immer ungläubig da« Haupt.
„Wie ein Schwindler sicht bet nicht an«, eS ist also ein wirklicher Graf," fuhr der Registrator fort. „Aber warum sagt er denn daS nicht? Man hätte ihn doch anders behandelt, wenn et sich zu erkennen gegeben hätte."
Aergerlich über sich selbst warf er die Karte auf den Tisch; dann setzte er sich wieder zu seinen Briefschaften, während AgncS im Geiste wieder zu Herbert eilte und in der Erinnerung an ihn bald den heutigen Besucher vergaß.
Einige Wochen waren vergangen.
Ja der stillen, ärmlichen Wohnung HetttingS war Trauet und Trübsal eingezogen, aufgeregt schritt der lange, hagere Mann im Zimmer auf und ab, während Agnes im Stuhl zurückgelehnt saß und schluchzte, daß es einen Stein hätte erbarmen wögen. In der Hand hielt ste einen offenen Brief und auf dem Boden lag ein anfgetiffmeS Kouveri mit der Adresse de« jungen Mädchens und bet Aufschrift »per Beischluß." Ein Dienstmann hatte da« Schriftstück vor einet halben Stunde abgegeben und stch sofort wieder entfernt.
»W nn erhieltest Du die letzte Nachricht von Wallburg ?' fragte der Registrator, vor seiner Tochter stehen bleibend.
»Vor vier Tagen," erwiderte Agne«, daS Tuch von den Augen nehmend. „ES wat eine Postkarte, auf welcher er nur seine glückliche Ankunft in Rom meldete und für die nächste Zeit einen ausführlichen Brief in Aussicht stellte.
.Vor vier Tagen — ganz recht!" bestätigte bet alte