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Sir. 16S.
Marburg, Freitag, 17. Juli 1885.
XX. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. — Ouartal- AbonnementS-Preis bei der Expedition LV« ®?L, bei den Postämter 2 ML 50 «fg. (erd. Bestellgeld), qnsertionsgebiihr für die gespaltene Zeile 10 ff«. Motnen für die Zeile S5 Pf«.
GerMcht Aitiiiig.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, f owied.Annoncen- Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M-, Kassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: @. L. Daube und 4c in Frankfurt a.
Berlin,Hannover u. Paris
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Koloniale Aufgaben.
Auf Grund einer Reihe von Berichten bekannter Forscher beginnt die „Köln. Ztg." eine Serie von Artikeln unter obigem Titel, die durchaus vorurteilsfrei und sehr gewiffen- hast die Verhältnisse in unseren Kolonien darlegen und die wegen ihrer Gediegenheit allgemeine Beachtung verdienen. DaS Endresultat ist, daß aus unseren Kolonien wirklich Wertvolles sehr wohl werden kann, daß rS aber eine trügerische Ansicht ist, wenn gemeint wird, die gebratenen Tauben flögen dort nur so in der Lust umher und nach Deutschland hinüber. Wir heben folgendes hervor:
„Man hat sich nicht gescheut, unsere jungen afrikanischen Besitzungen als ein wenigstens in der Zukunft hoffnungsreiches Gebiet für deutsche Auswanderer zu bezeichnen, hat bebet auf beträchtliche Bodenerhebungen, die da und dort nach dem Innern zu vorhanden feien, hingewiesen. Meist ist hierbei völlig vergeffen worden, daß die Bo' enerhebungen in den Tropen keinesfalls niedriger als 1500 m fein dürfen, wenn sie irgend welche Gewähr guter klimatischer Verhältntffe bieten sollen. Außer der Höhenlage kommen aber auch stets noch örtliche Berhältniffe in Betracht, welche den Wert der ersteren nur zu oft hinfällig machen und den Feldbau hindern. Und hätten wir irgendwo im Innern Afrikas folche gesunden und fruchtbaren Hochländer, wer würde dann die Tausende von Auswanderern durch die gefährlichen Niederungen 50, 100 oder mehr deutsche Meilen landeinwärts spedieren? Fünfundstebztg Prozent würden wohl unterwegs beim Beginne umkommen. Wer würde außerdem die riesigen Auswanderungskosten tragen? ES ist deshalb eine sträfliche Leichtfertigkeit, von MrffenauS- Wanderung nach Mittelafrika zu reden.
Sind sonach die klimatischen Berhältniffe unserer Erwerbungen in Afrika ungünstig, so kann leider in Hinblick auf den Besitz in der Südsee auch nicht« Beffere« gesagt werden. Wenn die neuesten Berichte unserer Kriegsschiffe von einer unbeschreiblich üppigen Fruchtbarkeit der Norv- küste Neuguineas sprechen, so ist dies ein Zeugnis mehr für den gesundheitlich bedenklichen Charakter jener Gebiete. Es ist eine feststehende Thatsache, daß in tropischen Ländern die verhältnismäßig trockenen und unfruchtbaren Gebiete der Gesundheit des Europäers noch am zuträglichsten, die sehr feuchten und fruchtbaren dagegen sehr schädlich sind. Damit soll aber noch nicht gesagt sein, daß Europäer in tropischen Erbieten nicht auch leben könnten: W-r in der Lage ist, ein gutes, den klimatischen Verhältniffen angepaßte« Hau« zu bewohnen, wer verständig und mäßig, doch gut lett, hitzige Getränke vermeidet, sich in der heißen Tageszeit keinen sonderlichen Anstrengungen auSsctzt, kann sich einige Jahre ganz leivltch befinden. Immerhin aber wird nach 3—4 Jahren daS Bedürfnis, in die kühlere Heimat zur Erholung zurückzukehren, sich geltend machen. Euro- päischen Frauen und Kindern ist das Klima viel verderblicher noch als den Männern.
Das erstere, was unseren Kolonien gegenüber in Betracht kommt, ist der Handel. Auf Neu - Guinea ist noch kein Handel getrieben, dagegen auf einigen Plätzen im Bismarck-Archipel, allerdings noch nicht in solch m Umfange, wie in Westafrika, wo der deutsche Handel im stetigen Aufschwung? begriffen ist. An der Ostküste ist der Handel, abgesehen von Zanzibar, minder entwickelt. Der Grund ist freilich einfach. Die großen und um ihres Reichtums willen jetzt viel gerühmten Küstenländer haben eben nichts Wertvolles auszuführen und die bedürfnislosen Eingeborenen haben weder Anleitung noch Lust, sich mit der Erzeugung wertvoller Waren zu befassen. Auch an der Westküste leidet der Handel unter ähnlichen Mißverhältniffen. Wirklich wertvolle Ausfuhrgegcnstäude sind nur an wenigen Plätzen und in geringem Umfang zu erhalten. DaS Elfenbein wird immer seltener, auch Kau'schuk und andere Artikel nehmen mehr ab als zu. So fällt das Schwergewicht für die dortige Ausfuhr mehr und mehr auf Palmöl und Palmkerne, eine Ware, die zu minderwertig ist, um auf große Entfernungen ins Land hinein den Versand zu lohnen, ein Umstand, der die Ausdehnung des KüsteuhandelS ziemlich eng begrenzt. In gewissem Sinne ist dieser Handel an den Gestaden unzivil'sterter Länder, selbst bei ehrlichster Geschäftsführung der einzelnen Firmen, doch immer eine Art von Raubhandel. Die einheimische Bevölkerung, in der einmal eine Gewöhnung an europäische Bedürfnisse, seien sie gut, unnütz oder schädlich, erweckt ist, rafft alles, waS an der Küste Handelswert hat, zusammen und denkt nicht daran, das in solchem Raubbau Gewonnene durch beständige Pflege deS Vorhandenen oder durch irgend welche neue Kulturen zu erhalten oder zu ersetzen. Auf diese Weise sinkt der Handelswert solcher Gebiete, mögen sie noch so fruchtbar und für wertvolle Erzeugvtffe geeignet sein, oft sehr rasch. ES sind uns Beispiele bekannt, daß europäische Handelsunternehmungen in manchen Küstenländern 10—20 Jahre lang sehr gute Erträgniffe ergeben haben und dann plötzlich, weil die brauchbaren Tauschgegenstände zu Ende waren, zusammevbrachen. Am schlagendsten ist dieser Rückgang bet den weltvollsten E-zeugnissm Afrikas ersichtlich, bei Straußenfedern und Elfenbein. Für die ersteren ist in Südafrika in der künstlichen Straußenzüchtung einigermaßen Ersatz geschaffen; aber die Jagdgründe der Elr- phanten werden immer kleiner und enger begrenzt. Die Nutzanwendung deS hier kurz Dargelegten ist eben die: der Handel allein thut's in solchen Ländern durchaus nicht. Nein, um aus unseren überseeischen Erwerbungen wirklich etwas wertvolles zu machen, bedarf es der Lösung einer Reihe von schwierigen Aufgaben, die ernste Arbeit und vielfache Opfer von Seiten unserer Nation erheischen."
Wie man steht, sind die mttgeteilten Ausführungen durchaus sachlich und treffend. Unsere Kolonieen können uns nur lann dauernden Nutzen bringen, wenn wir die Bewohner selbst zu kultivieren suchen und uns damit ein
sicheres Absatzgebiet für die Zukunft offen halten. Der fruchtbare Boden wird zweifellos großm Gewinn abwerfrn, aber nicht für den Landmann, sondern für den Unternehmer, der im Stande tstl meileuweite Plantagen anzulegen. Ackerbau nach unserer Methode ist, wie allseitig zugestanden, in den Kolonieen unmöglich. Keine einzige Nation hat mit Kolonialerwerbungen, wie wir sie begonnen, von vornherein unabsehbaren Verdienst gehabt, auch wir werden warten müffen, bis unser überseeisches Land dem ganzen deutschen Volke direkten und indirekten Nutzen bietet, und bis dahin h ißt es „Arbeiten".
Deutsche- Reich.
Berlin, 15. Juli. Der „Reichs-Anzeiger" veröffentlicht einen Erlaß des Kaisers an den Kultusminister vom 29. Juni, in welchem der Kaiser aus Wunsch des Senats der Akademie der Künste, anläßlich der Säkularfeier der Akademie, das Protektorat über die für den Mai 1886 beabsichtigte Jubiläumskunstausstellung übernimmt und gestattet, daß der Kronprinz zum Ehrenpräsidenten des zu konstituierenden Ehrenkomitees ernannt werde. — Gegenüber den Auslassungen der „Germania" in der Braunschweiger Erbsolgefrage sagt dir „Nordd: Allg. Ztg.": Uns ist der Plan nicht unbekannt, den die Führer der Welfen- Partei an die Wiederherstellung ihrer Herrschaft in Braunschweig knüpfen; sie glauben, sie könnten im Besitze dieses archimedischen Punkte« der preußischen Regierung im BundeSrate demnächst das Leben so sauer und dadurch die preußische Regierung so mürbe machen, daß letztere schließlich zu irgend einer Zeit, wo sie durch innere oder äußere Krisen sich gefährdet fände und von schwacher Hand geleitet wäre, sich zu einer Teilung Hannovers verstehen würde, infolge deren der östliche Teil der Provinz mit der Hauptstadt, vielleicht mit Ausnahme deS Bremer und Stader Landes, an Braunschweig überlaffen würde. In dieser Weise haben namhafte Mitglieder der Wellenpartei dasjenige angedeutet, was sie sich unter dem „Heimfall Hannovers an das Welfenhaus ganz auf friedlichem Wege" dmken, ste wollen sich von Braunschweig auö möglichst unbequem machen und müffen zu diesem Behufe auf die Gefährdung der preußischen Monarchie durch innere und äußere Vorgänge rechnen, wenn ihre Pression wirksam werden soll. Diese Rechnung alö eine „friedliche" und die erstrebten Folgen der Pressioo als eine „freie That" bezeichnet zu sehen, kann allerdings in einem Jesuitenblatte nicht Wunder nehmen. Diese Gelegenheit, Hannover wieder zu erhalten (wofür dem Welfenhause der Rechtstitel gewahrt bleiben soll), durch alle Mittel der Agitation und Jntrtgue im Ja- und AuSlande nach Möglichkeit herbei- zusühren, würde dann zweifellos die Aufgabe der dem Jesuitenorden affiliierten Welfenpartei bilden. Daß die „Germania" dieses System als unverfänglich und ehrlich ansieht, überrascht uns nicht; verwunderlich ist uns nur
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Im Bau« des Schicksal».
Roman von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
„Die Baronin ist eine vornehme und noble Frau, wenn Du sie zu behandeln verstehst, wirst Du manchen Vorteil davon haben," fuhr Herbert in väterlich mahnendem Tone fort.
„Auch bezahlt sie anständig und Du kannst Dir einen hübschen Verdienst durch die Empfehlungen in andere distin- gnierte Familien verschaffen. Wirst Du zu ihr gehen?"
„Hängt denn unser Glück von dieser Baronin ab, daß Du mir gerade heute, wo so vieles auf mich einstürmt, diese Mitteilung machst, Herbert?" sagte AgneS vorwurfsvoll.
«In einigen Wochen müffen wir uns auf Jahre trennen, wer weiß, was die Zukunft in ihrem Schoße birgt? — und doch behandelst Dn das alle«, Freude und Schmerz, die heute so seltsam zusammentreffen, mit einer unerklärlichen Gleichgiltigkeit."
Der Künstler stand auf und trat zu Agnes, deren Hand rrfaffevd.
„Vergib, ich wollte Dich nicht verlttzen, nur die Sorge um Dich legte mir diese Worte tu den Mund," sagte er begütigend.
„Ich selbst war eS ja, der die Baronin auf Dich aufmerksam machte, ihr von vnseren Beziehungen erzählte, und ich freute mich, al« sie dm Wunsch aussprach, Dich kennen zu lernen und Dir Aufträge zu erteilen. Darum glaubte ich, es würde Dir eine angmehme Botschaft sein, die ich Dir überbringe, habe ich mich getäuscht, so hast Du vollständig freien Willen, htnzugehen oder nicht.".
„ES ist Dein Wunsch — ich werde ste besuche«, morgen, heute schon, wenn Dn es wWst," versetzte das Mädchen
leise, indem sie die thräaenfeuchteo, blauen Madoonenaugen zu ihm erhob.
Er drückte ihr dankbar die Hand,
„Wirst Du wich im fernen Lande auch nicht vergeffen, Herbert?" flüsterte Agnes weich und wehmütig dem Geliebten zu. "
„Warum nicht gar!" erwiderte er leichthin, „in der Fremde lernt mau die Heimat und die zurückgelaffeneu Lieben erst recht schätzen!"
„Die Römerinnen sollen sehr schön, aber auch sehr eifersüchtig sein, habe ich irgendwo gelesen. Hüte Dich vor ihnen, Herbert."
Der Maler lochte laut auf.
„Ich werde wohl schwerlich Zeit hoben, mich auf verliebte Abenteuer einzulaffen. Ich habe die ernste Absicht meinen Aufenthalt an den Stätten der Kunst nach Möglichkeit auszunutzen und mich von Allem fern zu halten, waS mich denselben entfremden könnte; Du darfst also außer Sorge sein, Agnes l"
„Dann versprichst Du mir wohl, recht fleißig zu schreiben, das wird mir dann Trost und Beruhigung verkeilen l"
„Ich bin ja noch nicht fort, Agnes, und schon sorgst Du Dich um daS, was ich in Italien thun und treiben werde. Wir bleiben einander gut, auch wenn nicht jede Woche ein Brief eintrifft — was sollten wir uns auch immer schreiben? Und nicht gleich daS Gespenst der Untreue, des Zweifels heraufbeschwören, wenn einmal eine Nachricht länger ausbleibt; es kann tausend Gründe geben, welche die Absendung oder daS Eintreffen eine« Briefes verzögern oder gar verhindern."
ES schim dem jungen Mädchen, als wolle er ihr auS-
weichen, als scheue er sich, ein bestimmtes Versprechen ab- zugeben.
Das Gespenst de« Zweifels, von welchem Herbert gesprochen, stand bereits vor ihr, aber nicht sie, sondern der Geliebte selbst hatte eS durch sein kühles Wesen heraufbeschworen.
Eine Stunde plauderten sie noch von der ruhmvollen Auszeichnung, die dem jungen Künstler geworden, von den Aussichten für die Zukunft, von Italien uns feinen Wundern, seinen Kunstsch ätzen, seinen herrlichen Seen und immergrünen Orangenhainen, dann verabschiedete sich Herbert um an einem kleinen Feste teil zu nehmen, das seine Kunstgenossen aus Anlaß der ihm gewordenen Auszeichnung veranstaltet hatten.
Agnes war unschlüssig, ob sie die Baronin aufsuchen solle oder nicht. ES war, als wenn ein unerklärliches Etwas ste zurückhalte, al« wenn sie sich vor der Begegnung mit dieser Frau fürchte.
Sie kam sich vor wie ein kleines schüchterne« Vögelchen, daß sich nicht in die Nähe deS stolzen Pfaue« wagt, aus Furcht, von diesem mit hochmütigen und verächtlichen Blicken gemustert zu werden.
Aber der alte Registrator beschwichtigte ihre Bedenken; er erblickte in der Bekmntschast mit der Dame eine Quelle reichlichen Verdienste«, der leichter zu erwerben war, al« die Einnahmen, welche ihr au« der Verbindung mit Geschäfts- häuseru tu der Stadt zufloßen, die ihre Arbeit schlecht bezahlten.
Um die Mittagszeit deS nächsten Tage« machte sich Agnes auf den Weg. Sie mußte lange warten, ehe ste vorgelaffeu wurde.
„Man hat mir gesagt, Sie seien eine geschickte Stickerin," rief ihr Ludmilla entgegen, ott sie endlich in das Boudoir