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Marburg, Donnerstag, 16. Juli 1885.
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Wochcutliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. h. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. '
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Zanzibar.
Im vorigen Jahre erst ist Hofrat Gerhard RohlfS, der berühmte Akiikaforscher, als Generalkonsul deS Deutschen NttcheS zum Sultan von Zrizibar Said Bargasch nach dessen Hauptstadt Zanzibar au» der gleichnamigen Insel an der Küste von Ostafrika gesandt worden. Sehr großes Aufschen erregte es deshalb, als nach ganz kurzer Amtierung RohlfS plötzlich die Nachricht auftauchte, der neue Generalkonsul werde wieder abberufen werden. Anfangs bezweifelt, sprachen zuletzt die Thatsachen doch für die Glaubwürdigkeit, und jetzt bringt der Telegraph auch die offizielle Nachricht, daß Hofrat RohlfS von Zanzibar aus die Rückreise nach Deutschland angetreten habe. Ein neuer Vertreter Deutschlands bei dem Sultan dürfte also bereits eingetroffen sein. Die Aufgabe, welche dem deutschen Generalkonsul in Zanzibar gestellt war, war die Befestigung der Beziehungen zwischen beiden Staatswesen, namentlich aber die Förderung des deutschen Handels. Das Sultanat liegt in dem G.- bitt, für welches die afrikanische Konferenz in Berlin freien Handel und freie Schiffahrt proklamierte, allerdings mit der Klausel, daß die selbständigen Herrscher in demselben, welche besondere Rechte bereits besäßen, dt.se auch behalten sollten. Es wurde ihnen freigestellt, mit den Mächten Verträge zu schließ.«, und auf den Abschluß eines solchen, für Deutschland möglichst günstigen, sollte der Generalkonsul hinwirken. Man kann in mancher Beziehung Großes leisten, und braucht deshalb doch noch nicht ein großer Diplomat zu sein: das scheint auf Herrn RohlfS zu paffen, und seine Mission mißglückt zu sein. Daher die Rückkehr nach Deutschland.
DaS Deutsche Reich, das sich großer Erfolge in der auswärtigen Pclitik erfreut, hat in der That in Zanzibar eine zeitweise diplomatische Niederlage erlitten, die vielleicht dem Reichskanzler nicht gerade angenehm ist. Deutschland galt bis zum vorigen Jahre in Zanzibar alleS; wenn englische und französische Blätter über den Handel in Ostafrika berichteten, so geschah cs mit bitteren Klagen über dm ungehemmten Aufschwung deS deutschen Handels, von dem man sogar befürcht, te, er werde allmächtig in jenen Gegenden werden. Dazu kam noch, daß der Sultan Bargasch eine garz unverhohlene Neigung für rie Deutschen zur Schau trug, ihre merkantilen Bestrebungen in manchmal wirklich generöser Weise förderte, mit Vorliebe deutsche Artikel kaufte und gern Geschenke von den deutschen Kaufmannsfirmen ecc ptierte, die er übrigens in nobler Weife erwiderte. In demselben Maße, in dem seine Vorliebe für die Deutschen wuchs, stieg seine Abneigung gegen die Engländer, die ihm geg-nüber wiederholt und allzudeutlich den Herren heraus- gekehrt und sich als eigentliche Eigentümer von Zanzibar aufgespielt hatten. Zuletzt kam es sogar zu einem Bruche zwischen dem Sultan und dem englischen Generalkonsul Mr. Kirk, weil dieser letztere dem Sultan irgend etwas rundweg abgeschlagen hatte. DaS war in der ersten Hälfte
Im Bau« -es Schicksal».
Roman von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.) X
Wieder war es Sonntag, ein herrlicher, blühender, duftiger Maiensonntag. In der altväterlichen sauberen, gemütlichen Wohnstube deS penfionieiten Registrators sah es heute besonders blank und festtäglich aus, denn Agne- fleißige Hände hatten heute eifrig gesäubert und geputzt, wozu sie sich au Wochentagen keine Z it nahmen.
Ans dem alten Kanapee saß der greise Mann und laS i» einer vielleicht vom Großvater ererbten Hauspostille, während sein Töchterchen drüben am Fenster saß und die Nadel führte.
Eie hatte einen Flügel geöffnet, um die milde, laue Frühlingslust hereinzulaffen, obgleich in dieser nach dem Hof gelegenen Wohnung nicht- von dm Kindem deS Lenzes zu bemerken war.
Nur in dem Nachbargruadstücke stand ein schöner, jetzt mit schimmerndem Maigrün bedeckter Kastanienbaum, mit vielen Hunderten von Blüten bedeckt, die wie Weihnachtskerzen auf den Zweigm standen; dieser Baum war der Liebling deS jungen Mädchens, denn er ersetzte ihr, der an bas Zimmer Gefeffelten, Garten und Wald. Sie sah ihn alljährlich knospen, blühen unb zur herrlichsten Blätter- Pra4t entfalten; sie empfand innige- Bedauern, w uu der Gewittersturm unbarmherzig in seinem Laubdom wütete und den zarten Schmuck ungestüm abriß und davon führte; Wehmütige Stimmung weckte es in ihr, wenn endlich der Herbst in- Land kam und den geliebten alten Bau« entblätterte, langsam und «nmerklich, bis er kahl und tramig
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de- Jahre- 1884 und damals fürchtete man ja bekanntlich in London, Deutschland werde das ganze Sultanat Zanzibar unter seinen Schutz stellen, eine Ansicht, über die lang und breit hin nid her gesprochen wurde, bis deutscherseits die unumwundene Eiktärung erfolgte, ein solcher Gedarke sei nicht mehr und nicht weniger als die reine Einbildung. Damit war die Sache öffentlich abgethan, insgeheim aber wurden von englischer Seite alle Kräfte aufgeboten, den vorwiegenden deutschen Einfluß auf Said Bargasch lahm zu legen.
Die günstige Gelegenheit dazu und den Vorwand boten dem englischen Generalkonsul Mr. Kirk die Erwerbung der deutschen ostafrikantschen Gesellschaft am Festlande und namentlich der mit dem Sultan von Witu abgeschlossene Feeundschaftsvertrag. Nun änderte sich die Situation im Handumdrehen; Generalkonsul RohlfS wurde von Mr. Kirk überflügelt, dem Sultan durch Jntriguen und Machinationen aller Art ein starker Argwohn gegen Deutschland eingeflößt und mit der deutschen Ausnahmestellung in Zanzibar wars zu Ende. Wir wurden kalt gestellt und die Engländer sitzen als Hchn im Korbe da. Der Sultan ging bekanntlich dann noch weiter, bestritt die Rechtmäßigkeit deS deutschen Erwerbes, ließ seine Truppen in dideutschen Gebiete einmarschieren, annektierte nun selbst nach Leibeskräften und was dergleichen mehr war. Was die Soldatenabsendungen anbetrifft, so ist da- der reine Schwindel und bei ruhiger Ueberlcgung sagt sich der Herr Bargasch selbst, daß er sich nur unnütze Kosten macht. Auch Mr. Kirk dürfte in eigenem Jntereffe seinen Schützling von Extravaganzen abhalten, die zuletzt auch England Nachteil bringen könnten. Für die Briten war die Hauptsache, die offizielle Bevorzugung ihres Handels vor dem Deutschen, unb dies Ziel haben sie ja jetzt vorläufig erreicht. Einem Kriege mit Sr. Majestät von Zanzibar könnten wir in Deutschland mit allergrößter Seelenruhe ent« gegens hen; was uns aber nicht gleichgiltig fein kann, batst die Dchmälerung des deutschen Handels in Ostafrika, die notwendigerweise eintreten muß, w-nn die jetzige Spannung lange andauert. Der Sultan von Zanzibar ist zugleich ein großer Geschäftsmann; er fürchtet im Innern Ostafrikas die deutsche Konkurrenz, daher seine plötzliche Wandelung. Aufgabe des neuen deutschen Vertreters wird es also sein, den Sultan zu überzeugen, daß Deutschland ihn keineswegs schädigen, ihm vielmehr alles lassen will, wa« Ihm gehört, also auch seine Handelsvorrechte.
Da» Arbeiterheim und die Sozialdemokratie.
Angesichts des JntcreffeS, welches sich jetzt mehrfach für die Errichtung wohlfeiler Arbelterwohrmngen zu zeigen beginnt, ist die Haltung der sozialdemokratischen Presse, so weit in Deutschland selbst von einer solchen gegenwärtig die Re're sein kann, höchst belehrend. DcS »Berliner Volksbla t" eifert gegen den Gedanken, als ob es das Schlimmste tastand unb die Neste sehnend von sich streckte, als wolle er bie entflohenen Blätter zurückrufen.
Heute aber stand er in vollster, frischer Jugenbkcaft und der Duft seiner Blüten drang bis in da- kleine, stille Wohngemach.
Deutlich vnnahm Agne- da- Summen der unzähligen Bienen, die den Baum und seine zierlichen Pyramiden umschwärmten; auch sie, die fleißigen Honigbereiterinnen, halten wie da- junge Märchen im Zimmer, welches ihre Bl ck« zuweilen flüchtig zu ihnen hinaus schweifen ließ, keinen Sonntag; emsig mußten sie arbeiten und schaffen, denn die Blütezeit ist kurz und der kalte, dauernde Winter lang.
Aber so fl ißig Agnes auch die Nadel schwang — so recht bei der Sache schien sie nicht zu sein.
Unruhig schaute sie bald hinüber nach dem Atelier des Maler-, bald nach der Thür, durch welche der Erwartete eintreten mußte.
Seit sie sich kannte», hatte er noch nie versäumt, an Sonn- unb Festtagen den Nachmittagskaffee in ihrer Gesellschaft zu genießen, heute aber blieb er ungewöhnlich lange aus. Das beunruhigte sie.
Die alte Schwarzwälder Uhr hatte eben in Hellen Schlägen die dritte Stunde verkündigt, als sich draußen endlich die Schritte des jungen Künstlers vernehmen ließen.
Freudig sprang Agnes auf unb eilte dem Eiutretenden entgegen.
.Ich habe Dich heute länger als sonst warten lasten," begann er nach bet ersten Begrüßung, »dafür bringe ich Dir auch eine Neuigkeit.»
Agne- hatte sich an feinen Arm gehangen unb schaute fragend zu ihm auf.
bedeutete, was den Arbeitern widerfahren könnte. Der Grund liegt nahe. Die sozialdemokratischen Führer leben fast ausschließlich von der Unzufriedenheit der Masten mtt den bestehenden Zuständen; soweit sie Arbeiter gewesen sind, haben sie ihre ursprüngliche Thätigkeit aufgegeben und sind Publi« zisten oder Händler geworden, wobei sie das vergleichsweise mühelose TabakSgeschäst jedem anderen vorzuziehen scheinen. Beides geht gut, so lange die Arbeiier nicht nur an die sozialistischen Lehren glauben, sondern auch der Meinung sind, daß dieselben auf dem von den jetzigen Führern bezeichneten Wege zur Durchführung gelangen könnten; eS würde nicht mehr gut gehen oder doch nicht mehr so gut als jetzt, wenn die Masten die Erfahrung machten, daß eS auch noch andere und zwar praktischere Wege gibt. Daß aber die Wohnungsfrage hier eine Hauptrolle spielt, unterliegt keinem Zweifel. Der Arbeiter, der ein eigenes Häuschen mit einem kleinen Garten allmählich als Eigentum erwerben kann, wird sich wahrscheinlich nicht so leioenschastlich au der Bewegung beteiligen, al- der andere, der auf ein elende- MietSgelaß angewiesen ist. Der ungeheuren Mehrzahl der heutigen Sozialdemokraten, wie allen Menschen überhaupt, ist eS durchaus nicht um die Verwirklichung dieser oder jener Theorie zu thun, sondern lediglich um ein einigermaßen behagliches Dasein. Wer ihnen da- zu sichern vermag, dem werden sie mit der Zeit notwendig zufallen. Noch scheinen sie eS Überwiegend von der Thätigkeit ihrer gegenwärtigen Häupter zu erwarten. Wenn aber ein Mann wie P. v. Bodelschwingh - Bielefeld mit seiner erprobten Thstkraft und seinem scharfen Blick für daS, was den Arbeitern wirklich not thut, die Schaffung billiger Arbeiter- Wohnungen in die Hand nimmt und damit ähnliche Erfolge erzielt, wie mit feinen Arbeiterkolonieen, dann könnte blefc Meinung früher ober später zu wackeln anfangen. Deshalb muß ber Gedanke um jeden Preis verdächtigt werten. Wir glauben aber nicht an den dauernden Erfolg dieser Verdächtigungen, vorausgesetzt nur, daß die Sache der billigen Arbeiterwohnungen praktisch angefaßt wird und — daß sie nicht vereinzelt bleibt. Ein eigenes Heim ohne Sonntagsruhe würde dem Arbeiter nicht den zehnten Teil von dem bedeuten, was es ihm mit dem freien Sonntag werden könnte und müßte.
Deutsche- Reich.
»erlitt, 14. Juli. Es gilt jetzt als sicher, daß sich Kaiser Wilhelm in diesem Jahre von Gastein aus nicht »ach Ischl begeben wird, um dem dort weilenden österreichischen Kaiserpaare einen Besuch abzustatten. Dagegen wird Kaiser Franz Joseph feinen hohen Alliierten in Wildbad Gastein aufsuchen. Die Reise nach Ischl unterbleibt auf den Rat der Aerzte und auch Kaiser Franz Joseph hat unseren Kaiser dringens gebeten, sich zu schonen uno zuzulasten, daß er ihn in Gastein aufsuche. — Als Nachfolger von Gerhard RohlfS auf den Posten eines Generalkonsuls in Zanzibar wird
»Du sollst alles erfahren, laß mich nur erst ein wenig auSruhen,' fuhr der Maler fort, dem eS Vergnügen macht« dir Neugier der Geliebten zu reizen.
Auch der alte Registrator hatte da- Gebetbuch zur Seite gelegt und erwartete die Mitteilung de- Gastes.
Herbett zog einen Brief aus der Tasche und übergab ihn dem Mädchen. “
»Lies selbstl" sagte er lächelnd.
Hastig entfaltete AgueS das Papier und übeaflog deffeu Inhalt.
»Der erste Preis I» schrie sie und umschlang stürmisch den Hals de- Künstlers.
»ES ist so, das Glück hat mich so begünstigt I" bestätigte er.
»Ich hatte mich an der akademischen Konkurrenz beteiligt und habe den großen Staatspreis davon getragen.»
Henling trat an den Preisgekrönten heran und beglück, wünschte ihn in warmen Worten; der ernste, mürrische Mann zwang sich sogar zu einem freudigen Lächeln, — dicll icht feit Jahren wieder zum crflenmale.
»Welche- Bild hat Dir diesen glänzenden Erfolg eingetragen?" fragte Agnes.
»Dasselbe, von dem ich Dir wiederholt erzählt habe" berichtete der Maler. »Es stellt ein Schloß mit Park vor, in welchem eine Gesellschatt Herren und Damen lustwandeln. Ein junges Paar geht Arm in Arm voran und ber Herr trägt meine GestchtSzüge, die Dame aber bist Du in gelungener Porträtähnlichkeit."
»Dieses Bilb hat feine eigene kleine Geschichte I" meinte Agne- stnnenb, »e« bezeichnet ben Anfang unserer Liebe. AIS mir Frau Sträuber Deinen Blumenstrauß brachte, er« Ml« sie mir von diesem Gemälde mit solch« Begeisterung,