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Marburg, Mittwoch, 15. Juli 1885.
XX. Jahrgang.
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Mchcnttiche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg 11. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, s owied.Annoncen- Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kaffel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt ♦ a.M., Berlin,München und
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Der Tag des Bastillesturmes.
Der 14. Juli ist der Tas, an welchem im Jahre 1789 ba8 „Volk von Paris" die früher als StaotSgefängniS benutzte Bastille stürmte rer sie vielmehr nach fruchtlosen Angriffen durch freiwillige Uebergabe des Kommandanten in die Hände bekam, um dann den letzteren und die schweizer Besatzung zu ermorden. DaS war die große Orgie, welche die Revolution einleitete. D:r Bastillesturm war der erste wirkungsvolle Stoß gegen die Grundmauer des Königtums in Frankreich; sie hielt diesen Anprall nicht aus, sondern barst, bis sie schließlich einstürzte und unter ihren Dümme-n den unglücklich n Ludwig XVI. und die schöne Marie Antoinette begrub. Die Republikaner in Frankreich sehen in dem Basttllesturm die erste That zur Einführung der Republik, nicht die wütende That einer von zügelloser Leidenschaft erhitzten Volksmenge, und deshalb haben sie den Tag des BasttllesturmeS als Nationalfesttag für ganz Frankreich hingestellt. Die Idee des Nationalfesttages ist eine Erfindung deS dritten Napoleon; unter ihm wurde der Geburtstag Napoleons I. gefeiert. Die republikanischen Machthaber sahen recht wohl ein, daß die fcanzösische und im besonderen noch die ausschlaggebende Pariser Bevölkerung sehr an Aeußerlichkeiten hängt, daß die Republik von solcher Nationalfeier nur profitieren könne, folglich wurde sie eingerichtet und mit allem Putz und der Dekoration versehen, ohne welche eS in Paris nun einmal nicht geht. Die Feier des 14. Juli aus dem Jahre 1884 hat sich in Deutschland nicht gerade ein besonderes Renommee erworbm. An diesem Tage ereignete sich der berüchtigte Fahnenskanval, ausgeführt von der verdrehten Patriotenltga, an ihrer Spitze ihr Meister Paul Dscoulsde, beaufsichtigt von der Polizei, die ruhig zusah, wie zwei deutsche Fahnen beschimpft wurden. Nun, Fürst BiSmarck war damals bereit, einen gehörigen Denkzettel nach der Seine zu senden, aber der damalige französische Ministerpräsident, Herr JuleS Ferry, war uobel und anständig genug, dem deutschen Botschafter Fürsten von Hohenlohe sofort und unaufgefordert einen Eutschul- dtgungsbefuch zu machen, dem dann die Maßregelung des »patlietischen* Polizet-OsfizierS folgte. Die Pariser Blätter versuchten bann noch, daS Geschehene dadurch zu beschönigen, daß sie behaupteten, ein Deutscher habe gerufen: „Nieder mit FrankreichI'. Davon war natürlich kein Wort war, und durch diese Verdrehung wurde die schmutzige Geschichte nicht gerade wstßer gewaschen. ES war eben nichts, als der pure nackte Deutschenhaß, welcher dieses Gegenteil französischen Anstandes hcrvorrtef. Jetzt wird die Feier des BastillesturmcS abermals begangen. Es kann sehr leicht geschehen, daß wiederum so!chr Heldenthaten auSgefühct werden; bei den Parisern kann man sich ja auf alles gefaßt machen, wie feiner Zeit auch der Empfang König Alfonsos von Spanten bewiesen hat. Bringen aber die Pariser GaminS wieder so etwa« fertig, nun, so wird eben
Herr Brision jetzt ebenso abbitten wüsten, wie eS damals Herr Feriy gethan. Ueber das geduldige „Gefallen'asten* sind wir für jetzt denn doch hinweg.
DaS Nationalfest in Frankreich ist, wie oben schon angedeutet, so ein prächtiges Rcklamestück für die jeweilige Staatsform, also die Republik. Gegenwärtig kann aber auch die Republik solche Hilfsmittelchen recht wohl gebrauchen, denn die Begeisterung, welche daS „Vive la Republique“ begleiten soll, klingt doch mitunter zehr dünn. Die Franzosen haben großen, recht großen Patriotismus sogar, daS wollen und müssen w'.r zu ihrer Ehre anerkennen, und ihre Opferfreudigkeit für Staatszwecke wird nicht so leicht übertroffen. Jedes Ding hat aber sein Ende und mit dem Patriotismus ist eS nicht anders. ES giebt Augenblicke, wo der nationale Feuereifer mit dem trockenen Rechemxempel doch in recht argen Konflikt kommt; eia solcher Augenblick ist gegenwärtig vorhanden, und das ist den regierenden Herren in Paris gar nicht lieb. Die französischen Staatsbürger sind von der Republik gerade so am Seile der Eitelkeit herumgeführt, wie von Napoleon III. Der Letztere schmeichelte dem Volke mit dem Krimkrieg, dem italienischen Krieg, der chinesischen Expedition. Dann kam der mexikanische Krieg und bergab ging'«. Die Republik nahm Tunis, Tonking, das Königreich Annam, aber nun habert die Sache gewaltig. Der Krieg ist in Ostasten zwar zu Ende, aber diese vertrackten Kerle von Annamiten, Tonkinesen und wie ste alle heißen, fühlen gar nicht die Ehre und daS Glück, welches in ihrem Franzofentum liegt; immer wieder neue Aufstände treten ein, immer mehr Millionen werden verbraucht. Ebensowenig wie die Steuerzahler Napoleon III. den enormen Geldverbrauch verziehen, verzeihen sie ihn jetzt der Republik. Eroberungen, ja, aber sie dürfen nur nicht gar zu viel kosten I Die Stimmung tat Lande ist sichtlich gereizt, dazu stehen die Neuwahlen bevor, und das Letzte ist das S hlimmste. Wir gehen also nicht fehl, wenn wir sagen, daß die Feier des 14. Juli kaum den Wiederhall wecken wird, wie früher I
Deutsche» Reich.
Berlin, 13. Juli. Nach einem Erlaffe des Finanzministers find die Zolldirektivbehörden jetzt befugt, über Anträge auf Einlastung von Waren, deren Lieferung in das Hollinland durch vor dem 15. Januar d. Js. abgeschlossene Verträge ausbedungeu ist, zu dem niedrigeren Zollsätze aus eigener Zuständigkeit Entscheidung zu treffen, „wenn ihnen der erforderliche Nachweis durch ein in der deutschen Zivilprozeßordnung zuzelastencs Bewüsmitt l erbracht wird.' — Vorkommnisse der letzten Zeit haben Anlaß gegeben, die Besucher öffentlicher Versammlungen darauf hinzuweisen, laß nach dem Gesetze, sobald ein Vertreter der Polizeibehörde eine Versammlung für aufgelöst erkiärt hat, alle Anwesenden verpflichtet find, sich auf der Stelle
ohne Verzug zu entfernen, und eine solche Erklärung nötigenfalls durch die bewaffnete Macht zur Ausführung gebracht werden kann, und endlich jeder, der sich nicht sofort entfernt, mit Geldbuße von 15 bis 150 Mark oder mit Gefängnis von 8 Tagen bis zu 3 Monaten bestraft wird. Die Pflicht der Entfernung tritt ein, fobald die Auflösung ausgesprochen ist, und e« bedarf somit einer besonderen Auffowerung zum Fortgehen nicht. — Wie wir erfahren, liegt es in der Absicht der preußischen Regierung, die begonnenen Enthüllungen bezüglich der brauvschweigischen Prätendenten zu erweitern. ES ist dringend zu wünschen, daß sich diese Angaben im weitesten Umfange erfüllen, zumal j de wettere Veröffentlichung zu einem neuen Stützpunkt für das Vorgehen der preußischen Regierung wir". Zur Zeit übrigens fchweben keinerlei Verhandlungen oder Erörterungen über die Person des künftigen Regenten in Braunschweig, denn eS ist noch immer die Wahrscheinlichkeit nicht auögeschlosten, daß man sich vorläufig zu einer Verlängerung der Wirksamkeit deS Regentschaftsrats entschließt. — Die von der chinesischen Regierung hier bestellten drei Panzerkorv ttrn sind nun endlich auf dem Wege nach ihrem Bestimmungsort; sie gehen mit deutschen Matrosen, Steuermännern und Führern bemannt unter deutscher Handelsflagge. Die Mannschaften werden noch Ueberführung der Schiffe in Cfina abgcholt und heimgesandt. Der chinesische Gesandte war vor der Abfahrt nach Kiel gekommen, um bei derselben vorgeschrtebene religiöse Zeremonteen zu vollziehen. — Dem Vernehmen nach hält die Reichsregierung an dem Plane fest, dem nächsten Reichstage auch einen Gesetze: twurf über die Altersversorgung der Arbeiter vorzulegen. Die betreffenden Vorarbeiten sind bereits eingeleitet und der Bundesrat dürfte sich im Herbst mit der Angelegenheit zu beschäftigen haben. — Die „Veröffentlichungen des kaiferl. Gesundheitsamts', die früher nur ein etwas unhandliches statistisches Material brachten, sind mit der vor einigen Tagen erschienenen neuesten Nummer in verändertem Gewände erschienen. Auch der I-halt ist ein anderer geworden. So bringt die erwähnte Nummer dankenswerte Mitteilungen über die bei Gelegenheit der letzten Cholera-Epidemie im Seine-Departement eil ffenen Maßregeln. Wir werden hoffentlich nicht nötig haben, dieselben nachzuahmen, immerhin ist eS von Nutzen, ste kennen zu lernen. Die von den Behörden von Parts und der Umgebung getroffenen Maßregeln verfolgten hauptsächlich den Zweck, die Kranken schleunigst zu isolieren und ihre Wohnungen, sowie die von ihnen benutzten Gegenstände zu desinfizieren. Die Polizeikommiffäre und Fricdensbeawten wurden angewiesen, jeden selbst nur gerüchtweise zu ihrer Kenntnis gelangenoen Cholerafall sofort durch den zuständigen delegierten Arzt untersuchen zu laffen und auf telegraphischem Wege zur Kenntnis der Pariser Polizeipräfektur zu bringen. Für jedes Stadtviertel und
Im Bau« des Schicksals.
Roman von Moritz Lllie.
(Fortsetzung.)
„Und als Ihnen ein grausamer Zufall den Gatten raubte und Sie allein und ratlos dastanden,' fuhr der Graf fort, „da war ich es, den Sie mit Ihrem Vertrauen beehrten, der Ihnen zur Seite stehen, feine Erfahrungen und Kenntuiffe Ihnen zur Verfügung stellen durfte. Als das Gut meines unmündigen Neffen, welches ich zu jener Zett bewirtschaftete, verkauft worden war, wünschte ich lch- haster als je mir einen eigenen Herd gründen zu können, mir eine Lebensgefährtin zu erwählen, und da waren Ste es wiederum, die m ch in diesem Vorhaben bestärkte, freilich ohne zu ahnen, daß meine Sehnsucht Ihnen galt, daß meine Wünsche und Hoffnungen sich au Ihre Person knüpften. Die leisen Andeutungen, die ich erst schüchtern und—verzagt, später ermutigter, aussichtsreicher machte, wiesen Sie nicht zurück, im Gegenteil empfingen Sie mich bei meinen häufigen Besuchen auf Rodowicz mit immer sich gleichblribmder Freundlichkeit, während Sie dir jüngeren Offiziere und Kavaliere nach und nach geschickt aus Ihrer Nähe zu verbannen wußten/
„Ich glaubte alle Hoffnungen auf Erfüllung meiner Wünsche haben zu dürfen und faßte mir daher eines Tage« ein Herz, um einen Antrag zu stelle»; ruhig höiten Sie mich an, ein Lächeln, das ich zu meinen Gunsten deutete, umschwebte Ihre Lippen und mit fieberhafter Spannung erwartete ich die Entscheidung.'
Ludmilla nickte leise, al» wollte ste die Wahrheit des ebm Gehörten bestätigen.
,Md«r meine heißen Wünsche aber sagten Sie nicht
ohne weiteres zu,' fuhr der Graf fort, „sondern erklärten mir, daß Sie sich fest vorgenommen hätten, mindestens zwei Jahre im Witwenstande zu bleiben, ehe Sie überhaupt einen Entschluß fassen würden. Ich mußte mich in Geduld faffcn und beschloß, diese Prüfungszeit abzuwarten und nach Ablauf derselben wieder bei Ihnen anzufragen. Jetzt, Frau Baronin, ist dieser Zeitpunkt gekommen; ich erneuere meine Bewerbungen und hoffe, daß zwischen uns alles beim Alten geblieben ist, wenn wir auch unterdrsien zwei Jahre älter geworren sind.'
Er faßte Ludmilla« Rechte, die ste ihm aber mit Entschiedenheit, wenn auch nicht unsanft, wieder entzog.
„Sie haben meine Nachgiebigkeit falsch gedeutet, wenn Sie dieselbe für Zustimmung gehalten haben,' erwiderte ste ruhig, fest. „Richtig ist eS nur, daß ich den Schwarm junger Herren, die wich mit ihren faden Schmeicheleien langweilten, verscheuchte und mich auf den Umgang mit älteren Freunden meines Mannes beschränkte, von denen ich weniger Belästigungen zu fürchten hatte. Nicht Im Entferntesten aber habe ich daran gedacht, einem dieser alten Herren, Sie nicht ausgenommen, Herr Graf, meine Hand zu reichen, ich hätte ja unter den jungen Herren Auswahl genug gehabt 1'
Da« eigentümliche Zacken der Hände, welches das erste Symptom innerer Erregung war, machte sich bei dem Grafen wieder bemerkbar.
„Ist es denn nur allein die Jugend, welche glücklich macht, gnädige Frau?' fragte er. „Oder ist eS nl4t vielmehr gerade daS reifere Alter, welches sich durch Beständigkeit ouSzeichnrt, welches das Familienleben pflegen und schätzen gelernt hat? WaS nützt Ihnen eia junger Saufewind, der im eigenen Hause ein Fremdling bleibt, der sich mit guten Freunden und Freundiunm amüfirrt, sein« Pferd«
und Hunde höher als feine Fron stellt und ganze Nächte in der Weinstube und am Spieltische zubringt?'
„Ste kennen die Passionen unserer Herrenwelt ja sehr genau, Herr Graf!' fiel Ludmilla spöttisch ein, „man sucht Niemanden hinter dem Strauch, wenn man nicht selbst dort gewesen ist. Und müffen Sie nicht zugebeu, daß Jugend und Schönheit ein schätzbares Gut ist, wohl wert, brachtet und gewürdigt zu werden?'
„Ich wüßte nicht, was diejenigen alten Herren, welche hier tu Frage kommen, als Ersatz zu bieten vermöchten!'
Ich hatte eine entgegenkommende Haltung erwartet,', sagte Tembrowskt und seine Stimme zitterte, während sich seine gefurchten Wangen mit der Röte des Zornes färbten.
„Ich hoffe, Sie werden sich noch eines befferen besinnen und will daher heute nicht in Sie dringen, einen bestimmten E 'tf hluß zu faffen. In einigen Tagen gebe ich mir wieder die Ehre, Sie zu befuchen, gnädige Frau, und dann hoffe ich auf einen günstigeren Bescheid — zu Ihrem eigenen Besten.'
Ludmilla erhob sich und trat einen Schritt näher an den Grafea heran; auch der polnische Edelmann stand ouf.
„Ju meinem eigenen Besten — wie soll ich daS verstehen?' fragte ste rasch und mit Nachdruck.
„Ellaffeu Sie mir eine Erläuterung, gnädige Frau, viell t bt bin ich gezwungen, I men dieselbe später zu gehen,' entgegnete Jener, „nur die Bitte möchte ich noch an Sie richten, sich die Angelegenheit reiflich zu überlegen, ehe Sie zu einem abschlägigen Bescheid gelangen.'
„Da« klingt ja bein-he wie eine Drohung, mein Herr! rief die ehemalige Sängerin und in ihren Augen glühte und flammte es umheimlich auf.
Der Graf zuckte dir Achseln.