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Marburg, Sonntag, 12. Juli 1885.

Rr. 161.

XX. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werltagen nach Sonn» und Feiertagen. — Quartal» SbonnementS-PreiS bei der «xvedition LV» Mk., bei den Postämter L «k. 50 «fg. (erd. Bestellgeld). -Insertionsgebühr für die SL'V'L'W ” 25 Pf».

AtchMk Jritinni.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, fowied.Annoncen»Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Men; RudolfMoffe in Frankfurt a. DL, Berlin,München und Avln: B. L Daube und Lo. in Frankfurt a. M, Berlin,Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Wochenschau.

Die HuudStage, die Zeit der „Sauren Gurke", sind mit Macht Ins Land gezogen und haben die gewohnte all­sommerliche Stille in der Politik geschaffen. Alle die Größen drS Reiches, soweit ste nicht schon Berlin verlassen haben, um irgendwo in kühler Sommerfrische Erholung zu suchen, bereiten sich doch darauf vor, und nur ganz lang­sam läuft die Regierungsmaschine ihren Weg. Zu außer­ordentlichen Sorgen liegt ja nicht der geringste Anlaß vor und von täglichen Plackereien ist eben die größte die Juli- Hitze, vor der, wer kann, Reißaus nimmt, an den Meeres­strand, in die B:rge, oder den kühlen Wald, wo das schwache Rauschen der Politik fast ganz verklingt. Seine liebe Rot hat allein der Zeitungsreporter, der nach interessanten Nach­richten sucht uud doch mit kärglicher Ausbeute nach Haus kommt und deshalb auf alle Phantastemittel seines erfin­derischen KopfcS angewiefen ist. Und stehe da, eines TageS erscheint auch ein lustiger Entenschwarm in den Zettungs- spalten; aber brfier noch solche harmlose Nachrichten, von Mutter Phantasie geboren, als irgend ein sensationelles Ereignis, daS vom Ost bis zum West und vom Nord bis zum Süd tiefe Aufregung schafft. Das ist nichts an­genehmes für die HnndStage!

UnserS Kaisers Befinden hat sich in EmS weiter und weiter gekräftigt; der greise Kaiser fährt täglich wiederholt aus, unternimmt kurze Promenaden, bet denen er seine be­kannte Leutseligkeit oft zeigt, und besucht auch daS Th-ater. Die Kaiserin stattet ihrem Gemahl von Koblenz aus regel­mäßige Besuche ab und zu Anfang dieser Woche wurde der hohe Herr durch die Anwesenheit deS Fürsten Leopold von Hohenzollern, des Kronprinzen und veS Prinzen Wilhelm erfreut. Die Reise nach Wildbad Gastein ist jetzt in ziemlich sichere Aussicht genommen und die An­kunft in Gastein für den Anfang der letzten Jultwoche vorläufig festgesetzt. Die Kaiserin empfing in Koblenz eine Deputation der Newyorker deutschen Schützen, welche in Bingen am Rhein ihr diesjähriges Schützenfest gefeiert, dem allseitig große Tellnahme entgegengebracht ist wegen der warmen Anhänglichkeit der überseeischen Landsleute an das alte Vaterland. In vielen Reden ist die Liebe zu Kaiser und Reich, zum Deutschtum hervorgehoben und die Kaiserin hat auch in ihrer Antwort auf die Begrüßung ihre ganz besondere Freude darüber ausgesprochen. Am letztm Tage der Vorwoche wohnte die Kaiserin der Feier des 25jährigen Bestehens ihres Garde-Grenadier-Regiments bei Koblenz bei. Der Kronprinz war zu gleichem Zwecke nach Aachen gereist, wo ihm von der Bevölkerung ein jubelnder Empfang bereitet worden ist. — Auch ein Unfall ist aus den deutschen Fürstenhäusern zu melden: die Prin­zessin Elisabeth von Weimar, die Nichte der deutschen Kaiserin, war auf einem Spazierritt ziemlich schwer mit

Im Bau» der Schicksal».

Roman von Moritz Stile.

(Fortsetzung)

„Ich sah Sie noch nie verstimmt, gnädige Frau, hmte aber sind Sie besonders zum Scherzen aufgelegt", versetzte der Maler, indem er sich bemühte, in den leichten, fast frivolen Ton einzustimmen, den die frühere Sängerin angeschlagen hatte.

„Zum Glück ist mein Gewissen noch mit keinem der­artigen Kapitalverbrechen belastet, und ich hoffe auch, daß dasselbe für alle Zeiten davon befreit bleiben wird."

Ludmilla erhob sich aus ihrer halb liegenden Stellung «nd beugte den Oberkörper nach dem jungen Mann hinüber. Die ttefduukleu Augen ruhten mit settsam durchdringendem AuSrruck auf ihm, als wollte sie fein Inneres erforschen.

„Wie, Herr Wallburg, Sie hätten noch nie geliebt?" fräste sie erstaunt, „das glaube, wer will! Ein junger Mann, der alle Eigenschaften besitzt, die Blicke der Frauen auf sich zu lenken, darf so etwa» nicht behaupten, wenigstens muß er sich daun gefallen laflen, daß er berechtigten Zweifeln begegnet."

»Ihre vorige Frage lautete anders, gnädige Frau, und u«r diese habe ich beantwortet!"

»Ah, man verlegt sich auf Spitzfindigkeiten, da man nicht mehr auszuwrichen vermag! Indessen bin ich über

Zugeständnis, daS In Ihrer Bemerkung liegt, erfreut, uud vielleicht würdigen Sie mich auch Ihres wetteren Ver­trauens."

„Ich weiß in der That nicht--'

Die schöne Frau stampfte mit dem Fuße, daß da« kleine Bologneser Hündchen, welches aus dem Teppiche schlief, er­schrak und knurrmd nach dem Fuße schnappt-.

dem Pferde gestürzt. Erfreulicherweise nimmt die Krank­heit einen günstigen Verlauf.

Der Reichskanzler Fürst Bismarck htt sich nach nur kurzem Verweilen in dem staubigen Berlin nach seinem TuSkulum Varzin in Pommern begeben. Die Kur in Kisstngen soll dem Kanzler so „gut" bekommen sein, daß er um ’/* Pfund schwerer von dort zurückgekehrt ist, als er dahin gegangen. Am Montag feierte Fürst Bismarck in Kröchlendorf in der Uckermark im Familienkreise die fröhliche Hochzeit seines jüngsten Sohnes, des Grafen Wilhelm v. Bismarck, mit Fräulein v. Arnim. Dienstag wurde der Reichskanzler von den Kronprinzlichen Herr­schaften nach dem Neuen PalaiS in Potsdam zur Tafel geladen. Wer den Kanzler in den letzten Tagen zu sehen Gelegenheit gehabt, rühmt von ihm, daß er außerordentlich frisch und wohl auSsteht.

Der Bundesrat hat mit der vorigen Woche seine Ar­beiten abgeschloffen und sich bis zum September vertagt, nachdem er den Ausschluß deS Herzogs von Cumberland von der Regierung in Braunschweig und die Uebertragung der neuen überseeischen Dampferltnien an den Norddeutschen Lloyd in Bremen beschloflen hatte. Die Braunschweiger, die bei der Cumberlandfrage am meisten interesstert sind, sind sehr froh, daß sie ihren Herzog nicht kriegen. Die Regierung des Herzogs war übrigens thatsächlich unmög­lich, nachdem jetzt bekannt geworden ist, er habe ausdrück­lich eiklärt, er werde auch als Herzog von Braunschweig feine Ansprüche auf Hannover nicht aufgebcn. Da der Herzog so gesprochen, muß er eben die Folgen tragen.

Auch eine Angelegenheit, die viel Staub aufgewirbclt, ist die deS bekannt.» StudienerlaffeS des Paderborner GeneralvikariatS und hat der Umstand, daß eine Bekannt­machung des GeneralvikariatS jenen Erlaß erheblich modi­fiziert, der in dieser Angelegenheit entbrannten hitzigen Zeitungspolemik noch keinen merkbaren Eintrag gethan.

Ein kleiner Schreck ist den Besitzern preußischer StaatS- papiere eingejagt worden. An d-r Berliner Börse wurden plötzlich nur 31/2 Prozent Zinsen tragende Staatspapiere ausgegeben und man wollte daraus darauf schließen, die jetzigen 4 Prozent Zinsen bringenden Papiere sollten eben- falls In ihrem Zinsfuß herabgesetzt werden. Der Schreck war unnötig; der preußische Finanzminister wollte die gün­stige Gelegenheit des GeldüberfluffeS rur wahrnehmen, um billige Gelder für den Staat zu erhalten. Die 4prozentigen Papiere bleiben davon unberührt. — Der Maurerstreik in Berlin dauert in der Hauptsache noch fort. Die Maurer haben erklärt, bis auf beu letzten Mann aushalten zu wollen. Nach der entschloss nen Haltung der Arbeitgeber läßt sich erwarten, daß auch der „letzte Mann" mürbe werden wird.

Aus den deutschen Kolonien in der Südsee, aus dem Kaiser-WilhelmS-Land auf der Insel Neu-Guinea, ist eine

„An Ihnen ist ein Bühnenkünstler verdorben, Sie ver­stehen es meisterhaft, sich zu verstellen!" rief sie in komischem Unwillen aus; „aber ich laste mich nicht so leicht irre führen, ich interessiere mich nun einmal für diese Frage, und werde auf dem Wege, der zur Gewißheit führt, nicht umkehrrn, ohne das Ziel erreicht zu haben. Also heraus mit der Sprache: Ste sind verliebt, verlobt, wohl gar ver­heiratet — Ifi’S nicht so?"

Eine unnachahmliche Schalkheit lag tu diesen Worten und in dem heiteren GestchtSauSdrvck, der sie noch reizender, noch unwiderstehlicher machte.

Der Maler hätte sie in die Arme schließen, seine Lippen auf die ihrigen presien mögen.

ES kostete ihn einen gewaltigen Kampf, die Gefühle welche in ihm tobten, nicht zu verraten.

DaS tiefste Geheimnis seines Herzen» würde er ihr in diesem Augenblicke offenbart haben.

„Weder verlobt, noch gar verheiratet, gnädige Frau," versetzte er mit unsicherer Stimme, „nur eine kleine Bekannt­schaft kommt hier In Frage---*

Wieder stieg eS siedend heiß tu ihm auf, die Gleichgil- ttgkeit und Geringschätzung, mit welcher er von der Ge­liebten gesprochen, trieb ihm die Schamröte in die Wangen. Gern hätte er da» unbedachte Wort zurückgenommeu, wenn eS möglich gewesen wäre.

Die Baronin war plötzlich ernst geworden, daS bestechende Lächeln war verschwunden und eine Wolke de» Unmutes flog über das schöue Gesicht.

„Ich wußte es ja!" sagte ste leise und mit stiller Weh­mut tw Tone. „Darf man wissen, wer die beneidenswerte junge Dame ist?" fuhr ste nach tfanc Pause erregter fort.

willkommene Nachricht eingelaufeu. Dr. Fltnsch hat den noch unbekannten Tell der Küste deS Kaiser - WilhelmS- LandeS von Astrolabe - Bay bis Humboldt - Bay auf einer dreiwöchenllichen Reife erforscht und daselbst mehrere gute Häfen und einen schiffbaren Fluß entdeckt. DaS Land schildert Dr. Flinsch in seinem Bericht al» sowohl zur Kultur als auch zur Viehzucht geeignet und die Einwohner als freundlich gesinnt. Der genannte Reisende wird dem­nächst von Cooktown aus die Rückreise nach Europa antreten.

In Wien haben am Dienstag dir gemeinsamen Minister­konferenzen ihren Anfang genommen und werden dieselben der inneren Politik des Kaiserstaates für die nächste Zeit ihr Siegel aufdrücken. Die Verhandlungen beziehen sich in der Hauptsache auf die Erneuerung deS Zoll- und Handelsbündniffe» zwischen den beiden Reich-Hälften der österreichisch - ungarischen Monarchie und wird hierbei auch da- zollpolitische Verhältnis Oesterreichs zum deutschen Reiche zur Sprache kommen. Es sind hierüber schon ver­schiedene Gerüchte in Umlauf gesetzt wordeu, welche man aber jetzt von Wien auS sämtlich wieder dementiert, auch die Nachricht Pester Blätter, eS solle neuerding- auf diplo­matischem Wege der Versuch gemacht werden, da- zoll­politische Verhältnis zu Deutschland auf dem Vertrag-wege zu regeln. Hoffentlich werden die Wiener Verhandlungen hierüber zu einem für Oesterreich und Ungarn wie für Deutschland gleich annehmbaren Resultate führen.

In Frankreich wurde die Woche gänzlich durch da» blutige Ereignis von Hue beherrscht. Der hinterlistige Ueberfall, den die anamitischen Truppen in der Residenz ihres Herrschers auf die kaum erst angelangte schwache fran­zösische Abteilung unter General Courcy versuchten, mußte in Paris um so überraschender wirken, al- man sich hier nach der Beendigung de- Feldzuges gegen China der Hoff­nung hingeben durfte, daß nunmehr die Stellung der Fran­zosen in Ostasten eine gesicherte sei; daß dem aber keines­wegs so ist, hat eben die verräterische Schilderhekung der Avamiten gezeigt. Dieselbe ist jedenfalls auf die Umtriebe der franzosenfetndlichen anamitischen Mandarinen zurückzu« zusühren, auf deren Veranlassung auch der König von Anam und besten Mutter aus Hue geflohen sind. Die neuesten Depeschen General Courcy» lauten indessen durch­aus beruhigend uud ist er vollständig Herr der Situation in Hue. Er hatte alle disponib ln Truppen, auch die noch in Tonking befindliche Marine-Infanterie-Brigade, nach der anamitischen Hauptstadt beordert, wo er wettere In­struktionen seiner Regierung erwartet. UebrigenS hat der Zwischenfall von Hue nicht verhindert, daß der Vertrag von Tientsin von der französischen Deputiertenkammer mit großer Majorität angenommen worden ist und auch die Zustimmung deS Senats gilt al- sicher, da sämtliche Mit­glieder der zur Begutachtung deS Vertrage» gewählten Kom­mission sich für denselben ausgesprochen haben.

„Natürlich ist sie ein Ausbund von Tugend und Liebens­würdigkeit, unfehlbar die schönste Dame der Residenz."

Eine tiefe Bitterkett war cuS diesem Worten herau» zu hören.

„Bevor ich Sie kannte, gnädige Frau, glaubte ich da», jetzt aber bin ich anderer Meinung," erwiderte der Maler galant.

Ludmillas Züge hellten sich auf, die kleine Schmeichelei befriedigte ihre Eitelkeit.

„Nun, und ihr Name?"

„Sielst die Tochter eines kleinen, pensionierten Beamten, namens Hertttng, ein arme», aber brave» und gute- Mädchen."

„Vermutlich von gewaltiger, hausbackener SUtsamkeit, hübsch, empfindsam und sentimental, so daß der Tod einer Fliege sie bi- zu Thränen rühren kann," unterbrach die ehemalige Sängerin den jungen Mann.

„Mir ist da- altväterliche, z'mperliche Jungferntuw, wie e« in gewisten Kreisen zu Schau getragen wird, immer widerwärtig gewesen und besonders bann, wenn e» sich In spießbürgerlicher Gespreiztheit aufdringlich macht."

„Sie beurteilen Agne- falsch, nichts von alle dem trifft bei ihr zu," rief Herbert mit mehr Wärme im Tone, al» er wohl hiuetnzulegen beabsichtigt hatte.

„Sie ist ein einfache», natürliche- Kind, ohne Ziererei und ohne Falsch, heiter und lebenslustig, aber auch ohne Kenntnis der feineren Umgangsformen, wenn sie sich auch mit angeborenen Takte zu bewegen versteht.".

„Wa» ihr in dieser Beziehung fehlt, »erben Sie ihr vermutlich noch beibringen, denn so ganz ohne Bedeutung scheint mir diese Bekanntschaft denn doch nicht zu fein," warf die Baronin pickiert ein, während ste sich wieder in die Kiffen zmücklehute. Qottfetnna folgte