Einzelbild herunterladen
 

-kr. 139.

Marburg, Freitag, io. Juli 1885.

XX. Jahrgang.

Erscheint täglich außer 'an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Ouartal- AbonnementS-Preis bei der Erpedition 2*A Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 «fa. (ejcl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Vs». Reklamen für die Zeile LS Pf».

MerliMe Aitrnig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte», sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Franturt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a. M., Berlin,München und Adln: ®. 8. Daube und So. tn Frankfurt a. SSL, Berlin,Hannover u Pari».

Wöchentliche Beilage»: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition! Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Die Kranken - Versicherung, eine wichtige soziale Ausgabe der Zeit.

Mit dem 1. Dezember 1884 ist raS Krankenkaffengesttz als erste Etappe unserer sozialpolitischen Gesetzgebung inSZ Leben getreten. Der Arbeiter soll durch dasselbe in der denkbar wirksamsten Weise gegen die Gefahr der Verarmung, wie fit eine längere Erkrankung mit sich bringt, geschützt werden. Merkwürdiger Weise ist diese Wohlthat jedoch bisher den Arbeitern allein zu teil geworden; die ganze übrige Bevölkerung, die mittleren und wohlhabenden Klasien entbehren noch jeden wirksamen Schutzes gegen die ökono­mischen Nachteile einer länger dauernden Erkrankung. Zwar bestehen in verschiedenen Gegenden Deutschland« lokale Krankenunterstühungs-Vereine für die mittleren VolkSklaflen, deren Leistungen stad aber so ärmlich und ihre Ausdehnung ist eine so unansehnliche, daß das vorhandene Bedürfnis nach der Versicherung gegen Krankheit durch dieselben in keiner Weise gedeckt wird. Auch die gewerblichen HilfSkaflen der Gewerkoereine und ähnliche Unternehmungen sind weit davon entfernt, eine ausreichende Versorgung ihren von schwerer Krankheit betroffenen Mitgliedern zu gewähren.

Der wesentlichste Grund dafür, daß die Krankenver­sicherung bet uns noch wcht in großem Stile und auf rationeller Grundlage, etwa nach Art der Unfallversicherung, ausgenommen wurde, liegt in der Unzulänglichkeit der tech­nischen Grundlagen für diesen VersicherungSzweig. Ermitte­lungen über das Vorkommen von Krankheiten in der Be­völkerung sind nur sporadisch angestellt worden und für die Berechnung einer KraukhritSwahrscheinlichkeit wenig brauch­bar. Eine exakte Statistik hierüber auszunehmen, würde auch neben allen Schwierigkeiten viel Geld und Mühe kosten, sodaß vorläufig wohl an die Beseitigung dieses Mangels nicht zu denken ist. Es besteht aber noch eia weiteres Moment gegen die Krankenverficherung in dem weiten Spielraum, der den willkürlichen Einwi kungea des Ver­sicherten auf den Zustand des Körpers gelasien ist. Der einzelne wird es in gewiflem Maße gewöhnlich tu der Hand haben, einen krankhaften Zustand des Körpers entweder herbeizuführen oder einen solchen längere Zeil hindurch zu simulieren und der Versicherer wird deshalb gewisie schwierige Kautelen einführen müfien, um gegen derartige in der Ver- stcheruug nicht vorgesehene Fälle geschützt zu sein.

Trotz dieser und anderer Mängel der Krankenversiche­rung haben nun in neuerer Zeit doch englische und fran­zösische Gesellschaften dieselbe ausgenommen und eS kann gar kein Zweifel darüber bestehen, daß auch dieser Ver- stcherungSzwetg bald gute geschäftliche Resultate erzielen und daneben Hunderten und Tausenden, die jetzt der Verarmung durch Krankheit ausgesetzt sind, eine große Wohlthat er­weisen wird, weshalb wir dem Wunsche Ausdruck geben, daß die Krankenversicherung auch tn Deutschland bald Fuß fassen möge. Ueber die wichtigsten Grundprinzipien dieser

Im Bau« -es Schicksal».

Roman von Moritz Lilie.

(Fortsetzung.)

Da fühlte Herbert, wie die warme, kleine Hand dcS Mädchens sich auf die seine legte und eia leises Beben sie durchzuckte. Das Bild vor feinen geistigen Auge verschwand und verwundert lenkte sich sein Blick auf die Geliebte, die seinem Künstlerauge in diesem Momente erschien wie eine durch stille Trauer verklärte Mater Dolorosa von Guido ReutS Meisterhand.

Innige Teilnahme mit diesem EnglSbilde überkam ihn und tiefe Reue über den Verrat, den er an ihr begangen, durchwühlte sein Inneres; er hätte es machen mögen, wie Petrus, als er feinen Herrn verleugnete: hinauSgehen und bitterlich weinen. Leise zog er sie an seine Brust und legte beide Hände auf ihr Haupt; Keines sprach ein Wort aber im Stillen bat er sie von Grund seiner Seele um Verzeihung.

Der alte Registrator klappte das Buch zu und nahm die dicke Hornbrille mit den runden Gläsern vom Gesicht; dann warf er einen raschen Blick auf das junge Paar.

ES weht heute kein guter Geist in unserm Zimmer,' sagte er kopsschüitelnd;wenn es schon im Brautstande Wolkm giebt, so folgen m der Ehe gewöhnlich Gewitter.'

Gewitter reinigen die Lust und erfrischen die Natur!' nahm der Maler das Gleichnis auf, sich zum Scherze zwingend.

Und vernichten oft in einem einzigen Augenblicke den Segen des Himmels, die Hoffnung der Menschen!' fiel Hertliag rasch ein.

«Ich sehe Thränen,--Thränen vor der Hochzeit

find eine Drachensaat, aus der Unfdeben und Zwietracht xmpor wuched.'.

Art von Versicherung ist man nicht mehr im unklaren. Die Krankenversicherung würde sich von der Todesfallver­sicherung insofern unterscheiden, als sie nur die Entschädigung des Versicherten während der Krankheit oder der durch die­selbe verursachten ErwerbSschmälerung iuS Auge zu faffen hätte, der Fall des Todes dagegen jener VerstcherungSart überwiesen bliebe. Der Unfallversicherung gegenüber stellt sie sich eine wesentlich erweiterte Aufgabe, indem sie auch für Krankheiten, die nicht auS einem Unfall entstehen, Vor­sorge trifft. Die Entschädigung wird in der Regel bestehen aus dem Ersatz der Kurkosten und einer dem mittleren Arbeitsverdienst des Versicherten entsprechenden Rente bis zur Behebung der Krankheit bczw. Erwerbsschmälerung. Um die Gefahr des Versicherers nach Möglichkeit abzn- schwächen, wird es nötig sein, alle Krankheiten, welche die Folge von Exzeffen, Trunkenheit und dergleichen sind, von der Versicherung auSzuschließeu sind, die Uebertragbarkeit der Versicherung auf Dritte zu behindern und eine Karenz­zeit von 10 oder 14 Tagen für leichtere Erkrankungen fest­zusetzen, für welche der Versicherte keinen Ersatz erhält. Auch möchte es sich empfehlen, die Versicherung auf das Alter von 2060 Jahren zu beschränke» und für die leichter anfälligen Frauen und alten Leuten höhere Tarife einzu­führen. Auf dieser Basis arbeiten bereits einige auslän­dische Gesellschaften, es dürfte daher wohl angezeigt fein, daß man auch in Deutschland der Sache bald näher träte.

Deutscher Reich.

Berlin, 8. Juli. Ein Telegramm auS Covktowu meldet, der DampferSamoa' der Neu-Guinea-Kompagnie sei daselbst angrkommen mit Doktor Finsch an Bord, welcher sich nach Europa zurückbegebe. Seine letzte Unter­suchungsreise vom 5. bis 28. Mai erstreckte sich auf den unbekannten Teil der Küste des Kaiser - Wilhelm - Landes von der AstrolabeBay bis zur Humboldt-Bay. Es wur­den mehrere gute Häfen und schiffbare Flüsse entdeckt. Das Land eignet sich sowohl für die Kultur, wie für die Viehzucht; die Eingeborenen benahmen sich freundlich. Wie dieVoss. Ztg.' erfährt, steht auf dem Gebiet unseres öffentlichen Verkehrswesens eine bedeutsame Neuerung 6e> vor. Mit der jetzigen Systemlostgkeit in den Retour- Billets auf den preußischen Staatsbahnen soll gründlich gebrochen werden. Der Etsenbahnminister hat in dieser Beziehung einheitliche Normen gegeben und den ihm unter­stellten Direktionen zugehrn laffen. Es soll danach die Giltigkeitsdauer der RetourbilletS sich künftig lediglich nach den Entfernungen richten, und zwar soll dieselbe bemeffen werden für Entfernungen bis 100 Kilometer auf 2 Tage, von 100 bis 200 Kilometer auf 3 Tage, von 300 Kilo­meter auf 4 Tage u. f. w. für jede hundert Kilometer einen Tag mehr. Bei den BilletS nach Berlin soll der Giltigkeitsdauer, welche sich nach dieser EntfernuugSskala

Herberi schwieg; er fühlte sich nicht ftd von Schuld, er wußte, daß diese Thränen nicht grundlos vergoffen wurden.

ES ward ihm zu enge im Zimmer, die Wände schienen ihm zusammen zu rücken, um ihn zu zerdrücken, mit Zentner­schwere lastete es ihm auf der Brust. Sanft schob er die Geliebte zurück und stand auf.

Du willst mich verlafleu,' sagte Agnes leise.

Beinahe hätte ich vergeffeu, daß mich mein Kunsthändler bestellt hat!' versetzte der Maler, indem er einen Blick auf die Schwatz välder Uhr an der Wand warf.

Aber er wagte nicht, die Geliebte dabei anzusehen, die Lüge trieb ihm die Röte der Scham und Verlegerheit in die Wangen.z

Wann sehe ich Dich wieder, Herbert?' fuhr die Tochter des Registrators fort.

Heute morgen, übermorgen sobald e8 meine Zeit erlaubt!' stieß jener rasch hervor.

Daun reichte er Agnes die Hand, drückte einen flüchiigm Kuß auf ihre Lippen und sagte auch dem Vater kurz Lebewohl.

Wenige Sekunden später befand er sich auf der Straße; die Geliebte hatte keinen Versuch gemacht, ihn zurück zu halten.

Raschen Schrittes eilte er davon; es roat; als brenne ihm der Boden unter den Füßen. Er wagte es nicht, sich umzuseheu nach dem Hause, in welchem ein Engel an Sanft­mut und Liebe wohnte.

ES schien ihm, als blickten die Menschen, denen er in den Straßen begegnete, ihm nach, als deuteten sie mit dem Finger auf den Davoneilenden und raunten sich ins Ohr das WortVerräter.'

Wohl sagte ihm eine innere Stimme: Kehr um, offen­bare Dich der Geliebten, bekenne reumütig die Verirrung, in welche Dich die Künste einer Sirene gelockt hab», und

ergiebt, auf Entfernungen von mehr als 50 Kilometern noch ein voller Tag hinzugczählt werden. Die Preise für Retour-BilletS sollen sich hinfort nach den Zügen richten, welche auf den einzelnen Strecken verkehren, und demnach für Strecken mit Expreß-, Schnell- und Kurierzügen um 50 Prozent erhöhte Schnellzugtaxen, für Strecken, die nur von Personenzügen befahren werden, um 50 Prozent er­höhte Personenzugtaxen einbehoben werden. Diese Anord­nung erscheint nicht ungerecht, wenn man bedenkt, daß die Retour - Billets auch zu den Schnell- und Kurierzügen Giltigkeit haben. Vom Standpunkt des Publikums aus ist es nur mit Genugthuung zu begrüßen, daß endlich ein­mal angefangen wird, mit dem Wirrwarr, welcher im Per­sonenverkehr auf unseren Eisenbahnen herrscht und für daS Publikum und auch die Beamten nachgerade unerträglich geworden ist, aufzuräumen. Bezüglich der Emission von 3i/2prozentigen preußischen KonsolS weisen dieB. P. N." die Besorgnisse wegen Konvertierung der 4proz. konsol. Anleihe unter Hinweis aus die Gründe zurück, mit denen der Finanzmtnifter bei Beratung der Vorlage wegen Konvertierung der 41/2 Proz. KonsolS und Prioritäten in 4proz. Papiere daS Ansinnen einer weitergehenden allge­meinen Herabsetzung des Zinsfußes der StaatSpapiere zu- rückwieS.Denn diese Gründe bestehen auch heute noch in unverminderter Stärke fort und schließen den Gedanken an eine Konvertierung der 4proz. KonsolS völlig auS. Auch nicht im entferntesten handelt es sich um eine Maß­regel dieser Art, sondern einfach darum, den im Wege des Kredits zu befriedigenden Geldbedarf des Staates unter solchen günstigen Bedingungen zu decken, wie sie der heutige Stand des Geldmarktes darbieiet.' Das entstandene falsche Gerücht sei jedenfalls auf Börsenspekulationen zurückzu- führen. Der Unterrichtsminister hat wiederholt den Grundsatz zum Ausdruck gebracht, daß an mehrklasfigeu Volksschulen die Ernennung (Anstellung, Berufung u. s. w.) der Lehrer nicht für eine bestimmte Stelle, sondern ganz allgemein für eine Lehrerftelle dergestalt erfolgen soll, daß außer der AnstellungSverfügung nur noch wegen des dem beteiligten Lehrer zu gewährenden Amtseinkommens Be­stimmung zu treffen bleibt. Darüber, in welcher Schul- klaffe ein Lehrer befchästigt werden soll, ob In einer oberen oder einer unteren, ist durch die SchulaufstchtSstelle zu be­stimmen, und zwar lediglich nach Rücksichten des Schul- intereffes, ohne daß es dabei in Betracht kommen kann, ob der betreffende Lehrer Inhaber einer höheren oder nie* deren Gehaltsstelle ist. Hinstchllich der Festsetzung der Lehrerbefoldungen an mehrklasstgen Schulen ist behufs zweck­mäßiger Einrichtung letzterer ein stufenweise« Aussteigen der Gehaltssätze durch planmäßige Abstufung der Lehrer- gehälter notwendig, damit die älteren Lehrer mit dem steigenden AmtSalter auch in den Genuß einer entsprechenden Einkommens - Veroeflerung zu gelangen Aussicht haben.

alles wird noch gut werden. Aber das zauberische Lächeln Ludmillas zog ihn mit unwiderstehlicher Gewalt vorwärts, die Stimme des GewiffenS verhallte ungehört und endlich schwieg sie still.

Seine Gedanken eilten zu der schönen, vornehmen Dame, er sehnte sich nach ihrem Anblick, und doch überlief ihn eine unerklärliche Bangigkeit, wenn er an den Blick ihrer tief- dunklen Augen, an den Druck ihrer weichen Hand, an die süße, bestrickende^ Redeweise dachte.

Ohne Plan und Ziel eilte er vorwärts durch die Straßen und Alleen der Residenz.

Er sah nichts, er wußte nicht, was um ihn vorging, fein ganzes Sinnen und Trachten war nur auf da« eine Wesen gerichtet, und dieses Wesen hieß Ludmilla.

Plötzlich blich er stehen und blickte aust

Eine tiefe Röte der Beschämung stieg ihm auf die Wangen, er fühlte, wie sein Blut nach dem Kopfe drängte er stand in der Lüttichaustraße vor dem Hause der Baronin von Rodow-cz.

Unwillkürlich schaute er zu den Fenstern ihrer Wohnung empor und in vemselben Augenblicke nickte ihm von oben ein schöner Frauenkopf grüßend zu.

Fast hätte Herbert dm Hut vor Verlegenheit verloren, als er ihn rasch lüstete; er erschien sich wie ein auf ver­botenen Wegen wandelnder Schulknabe, der ertappt wird.

AIS habe er etwas versäumt, schritt er schnellen Fußes davon, aber er war noch nicht weit gekommen, als er hinter sich hastige Schritte vernahm und gleich darauf der Diener der Baronin in bet ihm wohlbekannten Livree an ihn heran­trat unb mit süßlichem Lächeln sagte:Die gnäbige Frau läßt Herrn Wallburg auf einige Augenblicke um seinen Besuch bitten.' Kortsetznug folgt.)