Rr. 158.
Marburg, Donnerstag, 9. Juli 1885.
XX. JahrgW.
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Wöchcutlichc Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Souiitagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. *
Das Resultat von 15 Jahren.
Alljährlich, wenn das Kaiserliche statistische Amt seine Daten über den deutschen Handel erscheinen läßt, freuen wir uuS über die ständig zunehmende Ausfuhr deutscher Jndustrleartikel nach fremden Ländern. Die deutsche Industrie m d der deutsche Handel haben in der That GevßeS errungen, um so mehr, wenn wir daran denken, daß wir erst seit 1875 von einem deutschen Handel reden können. Vor dem großen Nationalkriege gegen Frankreich konnte von einer deutschen Exportindustrie wenig die Rede sein. Der Grund für diesen Mangel war einfach. Eine that- krästige Teilnahme am Weltmarkt wird nicht nur bedingt durch die Leistungen der Industrie, sondern ebenso sehr, ja noch mehr durch die politische Machtst llung des Staates, dem die betreffende Industrie angehört. Mit der Achtung vor dem gesamten Staate wächst auch das Ansehen vor seiner Industrie, und wir viele, besonders überseeische Völker hat es gegeben, die vor 1870 von Deutschland kaum den Namen kannten? England - Frankreich beherrschten zu der Zeit dm überseeischen Handel in einem Maßstabe, daß die Industrie der einzelnen deutsche» Staaten gar nicht dagegen aufzukommen vermochte. Hinzutrat, daß es an kräftiger Vertretung der deutschen Staaten im Auslande fehlte, daß der Industrie der Unternehmungsgeist schwand, weil er fast allzuwenig Aufmunterung erhielt. So bot der deutsche Exporthandel vor 1870 ein klägliches Bild, und wenn auch einzelne Industriezweige prosperieren mochten, die Majorität führte doch nur ein kümmerliches Dasein, ihr fehlte zur gedeihlichen Entwickelung die Hauptbedingung, der Erfolg. Sieht eine Industrie alle ihre Mühe unbelohnt, so verkümmert ste schließlich, und vielleicht wäre auch das das Schicksal der deutschen Industrie gewesen ober wäre doch Mm mindesten eine ge ührliche Entwickelungsstörung eingetreten, ohne 1870/71.
Das Jahr 1870/71 schuf einen Wandel. Das deutsche wirtschafiltche Leben schnellte wie mit einem Zauberschlage in die Höhe, der Wechsel war jedoch zu rasch, er verleitete zur Täuschung, zur Verkennung der wahren Thatsachm, auf welchen allein eine gesunde Industrie basiert, die strenge Reellität, dir sich mit gerechtem Gewinne begnügt, wurde verachtet, und die Folge war ein Rückschlag, der uns an den Rand des Verderbens brachte. Wir wollen hier nicht im einzelnen urkersuchm, wo die Schuld des Finanz- und Jndustriekraches lag, das Wort Geheimrat Reuleaux' über die Leistungen der deutschen Industrie, das erst so herb verurteilt und dessen Wahrheit schließlich doch erkannt wurde: »Billig, aber schlecht!", hat manchem die Augen geöffnet und Deutschlands industrielle Arbeit von dem falschen Wege, auf dm sie geraten war, auf den richtigen zurückgeführt. Unsere Industrie erkannte den Fehler, welche r sie begangen, sie sah ein, daß auf dem Weltmarkt nur das Beste sich behauptet, und sie begann das Beste zu schaffen, in eine siegreiche ehrenvolle Konkurrenz mit den Jnvnstrtem des
Auslandes zu treten. Das alte Wort: .Durch Schaden wird man klug.' hat sich vielfach auch bei unS bewährt, und jetzt können wir auf unsere Erfolge stolz sein. Nicht nur, daß unsere Industrie di- KonkurrenzschlSge des Auslandes abgewehrt, ste ist selbst zum Angriff übergegangm und hat einen Fuß breit BodmS nach dem anderen erobert-
Wir müffm wiederholen, was wir schon oben gesagt, und dürfen vor allem nicht außer acht laflm, daß eS die Machtstellung des neuen Deutschen Reiches, die sich von Jahr zu Jahr kräftigte, gewesen ist, welche unserem Handel nach dem AuSlande den Weg geebnet hat. Die deutsche Vertretung im AuSlande war seit 1871 eine ganz andere geworden, sie genoß ein Ansehm, wie die keines anderm Staates von früher noch jetzt, ste war einheillich geworden und trat mit aller Energie für die deutschen Jntereffen ein. Dir Heldenthaten von 1870/71 waren auf dem ganzen Erdball bekannt geworden, ste verursachten, daß dem Deutschtum ein gesteigertes Jntereffe entgegengkbracht wurde, und als nunmehr der deutsche Handel und die deutsche Arbeit sich der anderer Nationen ebenbürtig zeigte, war das erste Treffen in dem Handelskriege, das entscheidende gewonnen. Wir Deutschen hatten ans unseren Fehlern gelernt und die Lehren, welche unS die Erfahrung gegeben, beherzigt.
ES liegt auf der Hand, daß der deutsche Handel in ber verhältnismäßig kurzen Zeit feit seinem Aufschwung sich nicht überall völlig heimisch machen konnte oder im Stande war, den Handel Frankreichs und Englands so ein» zumgm, daß er der vorherrschende wurde. Ein solches Z'el zu erreichm, erfordert die Zeit eines ober mehrerer Menschenalter. Die bmtsche Jnbustrie hat aber kräftig an bie Thore beS Auslandes gepocht, an ihr selber ist es nun, darauf zu achten, daß diese Thore richt zu einem Viertel oder zur Hälfte, sondern ganz geöffnet werden. Natürlich ist dabei Unterstützung durch eine gerechte Wirtschaftspolitik deS Reiches nötig, aber nicht weniger kann die Industrie selbst thun, welche dm auStSndischen Konsumenten in jeder Weise nahe zu treten suchen muß. Die Kraft von Deutschlands Industrie ruht nicht daheim im Deutschen Reiche; sollte nicht mehr p obuzsirt werben, als das Deutsche Reich verkonsumiert, gar mancher Arbeiter würbe brotlos werben. Im Auslau e muß die deutsche Ware Achtung und Anerkennung finden, bann fehlt« auch daheim nicht. Wir müssen sogar suchen, bie Absatzquellen im AuSlande in jeder W.ise zu vermehren, um das schlimme Uebel der Uebelprobuktiou zu verhüten. Beifällig ist deshalb der Gedanke, im Auslande deutsche Musterlager zu errichten, zu begrüßen und wir wollen diesen Pionieren deutschen Gewe> kfleißeS vollen Erfolg wünschen.
Englau-S Politik in Zentralasien.
London, 7. Juli. (Oberhaus ) Lord Salisbury erklärte, unter dm Fragen, welche die auswärtige Politik beträfen, sei die Frage bezüglich bet Unte Han langen mit
Rußland von der allergrößten Wichtigkeit. Hinstchttich dieser Frage, wie auch der anderen Fragen sei eS notwendig, die Politik der vorigen Regierung an dem Punkte wieder aufzunehmen, wohin diese ste geführt habe, und ste zu einem Resultate zu bringen, das dem Jntereffe des Staates entspreche. Die Aktion und die Erklärungen der gegenwärtigen Regierung seien dadurch wesmllich beschränkt, daß ste die von ihren Vorgängern eingegangenen Verpflichtungen erfüllen müffe. Die erste Pflicht sei eS, bie von einer englischen Regierung eingegangenen Verpflichtungen zu beachten. WaS z. B. dm Zulfikar-Paß angehe, welcher die Hauptdifferenz in der afghanischen Grenzfrage bilde, so habe England dem Emir zugesagt, daß der Zul- fikar-Paß innerhalb der Grenze Afghanistans verbleiben solle. Von diesem Versprechen könne die Regierung nicht abgehm, denn es sei eine Lebensfrage für ste, allen, die Verträum zu ihr hätten, zu beweisen, daß das einmal von England gegebene Wort auch aufrecht erhalten werde. Freilich sei dem Emir dies Versprechen erst gegeben worden, nachdem seitens Rußlands die Zusage erfolgt war, daß Zulfikar im Gebiete des Emirs verbleiben solle. Hinsichtlich der Ausführung dieser Zusage seien Differenzen entstanden, welche jetzt den Gegenstand von Unterhandlungen bilbeten. ES fei vielleicht zu früh, eine Ansicht über den AuSgang dieser Verhandlungen auszusprechen, jedenfalls würden aber letztere von Rußland, wie auch von England mit dem ernsten Wunsche geführt, eine freundschaftliche Lösung herbeizuführen. Er hoffe, eine solche Lösung könne erwartet werden, müffe aber gleicheltig erklären, daß die Unterhandlungen noch nicht weit genug gebiehen seien, um sich zuversichtlich darüber auszusprechen. Ein Trauerfall, den Herrn v. GierS leider betroffen habe, verhindere denselben, in diesem Augenblicke, die Unterhandlungen fortzusetzen. Im übrigen sei den Unterhandlungen, wenn ste abgeschlossen seien, keine entscheidende Wichtigkeit beizumeffm. Die Zustände der Länder Astens feien instabil. England dürfe in die Verträge und Uebereinkommen, welche verschiedene Potentaten jenes Weltteils einzugehen geneigt seien, mit Rücksicht auf die hervorragenden Jntereffen Englands in Asim kein Vertrauen setzen. Obwohl -die Regierung daö Verträum und die Freundschaft des Emirs zu erhalten suche, hoffentlich mit Erfolg, müffe sie doch hinsichtlich der Verteidigung ber englischen Besitzungen geschickt entworfene, sowie energisch und schnell auSzu- führende Maßregeln zur Verteidigung ber Grenze auf allen Punkten, wo dieselbe schwach sei, treffen. ES seien Boll- werke notwendig, welche nicht nur die Grenz«', die ste berühren, schützen, sondern weit genug darüber hinanSreichen, um zu verhindern, daß der Kriegsstrom ihre Füße bespüle. Er hoffe, daß derartige Vorbereitungen, gleichviel welche Partei am Ruder sei, nie aufgegeben ober vernachlässigt würden. — Lord Salisbury erörterte ferner die egyptische Frage. Die Schwierigkeiten dieser Frage seien
Im Bann des Schicksals.
Roman von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
Es warm nicht die vollen, freudigen Brusttöne innerster Ueberzeugung, mit denen ste diese Worte sprach; auch Herbert fühlte recht wohl heraus, daß die Geliebte sich Zwang anthat, um unbefangen zu erscheinen, daß der Mangel an Aufrichtigkeit ste kränkte und verletzte.
Eine lange Pause entstand, nur unterbrochen von dem Hellen Geschmetter des Kanarienvogels, der den warmen Strahlen der Nachmittagssonne entgegenjubelte.
Der aste Registrator war viel zu sehr in seine Lektüre vertieft, als daß er auf das Gespräch der jungen Leute geachtet hätte, diese selbst ober schienen in Gedanken versunken, Gedanken eigentümlicher, sich widersprechender Art.
Was war eS, das diese Mißstimmung hervorrief, das einm tiefen Schatten auf das Glück der Liebenden warf?
ES gibt Momente, in denen selbst die sympathischsten Seelen sich abstoßen, wie zwei feindliche Pole, In denen (in Unstern über unfern Häuptern zu schweben, ein peinliches Geschick all unser Thun und Denken zu regieren scheint. Ein solcher Moment war auch über das junge Liebespaar gekommen. AgneS vermochte trotz ihrer Ver- ficherung, daß sie wieder ruhig sei, die Thränen, welche unaufhaltsam ihren schönen blauen Augen entströmten, nicht zurückzuhaltm. Herbert aber hatte in diesem Augenblicke kein Wort der TrUnahme, ber Entschuldigung, des Trostes für sie; er schim es nicht einmal zu bemerken, daß Agnes «einte. Und doch hätte ein einziges mildes, versöhnendes Mrrt genügt, die düsteren Wolken zu zerstreuen und wieder
heiteren Sonnerischein h rvorzuzaubeml Aber dieses kurze Wort blieb ungesprochen, ernst und grübelnd schaute der Maler vor sich hin.
Er sah sich in dem kleinen, eleganten Zimmer der Bel- Etage jenes prächtigen Hauses an ber Lüttichanstraße, in welchem bie Baronin Rodowicz wohnte. Eine elegante, zierlich gearbeitete unb polierte Staffelei stand am I nster. Ein Silo in Blendrahmen, halb fertig, stand auf dem Gestelle; es stellte ein stattliches, altertümliches Schloß dar, umgeben von prächtigen Bäumen und grünem Strauchwerk, daß eine wette, von Statuen und Vasen gezierte Terafle umsäumte.
Die Staffage fehlte auf dem Bilde noch, auch die Umgebung deS Schloffes war noch lange nicht künstlerisch durchgeführt, nur das Schloß selbst mit seinen Zinnen unb Erkern zeigte sich dem Beschauer in seiner Vollendung. Und vor der Staffelei saß er selbst, der jugendliche Künstler, und neben ihm in ihrer ganzen bestrickenden Schönheit die Freifrau von Rorowicz, das dunkle Glutauge bald auf dm Jüngling, bald auf das im Werden begriffene Werk gerichtet. Dann erhob fie sich und die junonische Gestalt mit der prachtvollen Büste trat hinter feinen Stuhl; ihr Arm legte sich auf seine Schulter ihr Busm berührte seinen Nacken.
Ihr Stern spielte wie ein vom Liebesgott gesandter neckender Zephyr mit dm braunen, glänzenden Locken, bie fein Haupt umwallten, und ihre Stimme klang so süß, so b zaubernd, daß eS dem Maler stedmd heiß durch die Glieder rann.
Dann wieder beugte sie sich tiefer zu ihm herab, anscheinend, um da» Bils bequemer in Augenschein nehmen zu können; er sühlte, wie sich die duftigen Schlangen ihres
herrliche» schwarzen HmreS an feine Schläfe schmiegten, er empfing den warmen Hauch, der ihren Wangm entströmte — seine Hand zitterte, seine Stirn brannte wie in Fieberhitze. Sie deutete mit der vollen, schönen Hand auf eine Stelle de- Bildes, wo die Copie nicht ganz der Wirklichkeit entsprach, und bat ihn um eine kleine Amderung; fragend blickte er zu ihr aus unb ihre Augen begegneten sich.
Da war eS ihm, als senke sich aus der Tiefe ihrer Seele der Fmcke der Liebe in fein Inneres und blieb im Herzen haften; ein süßer, banger Schauer durchzitterte ihn, er hätte ihr zu Füßen sinken, ihr zujubeln mögen: sei mein, sein mein!
Und leise, unmerklich legtet sich die goldenen Feffeln nm ihn, und die feinen, weichen Hände des schönen Weibes zogen sich langsam fester und fester, bis er sie nicht mehr zu sprengm vermochte----
Unb jetzt saß er neben Agnes, dieser sanften lieblichen Mädchenblume mit lern von reichem, blonden Haar umrahmten Madonnengestcht und den tiefblauen treublickmden Augm, die auzufchauen waren »le von goldenen Aehren umwogte Cyanen.
Mit unendlich liebevollem, fchwärmerischem Ausdruck ruhte des Mädchens Blick auf dem ernsten, sinnenden Antlitze des jungen Künstlers, und die Helle Thräne, die an ihrer Wimper zitterte, wie die Thautropfen an dem zarten Blatte der Zypresse, gab ihrem Wifm etwas so Trauerndes, Wehmütiges, daß Herbert hätte gerührt werden müffm, wenn er es nur bemerkt hätte. Aber feine Gedanken wellten bei ihr, der stolzen, beraufchendeu Schönheit, von deren Glanz der Maler geblendet, von deren vornehmer, eleganter Er- fchelnung er hingerissen «ar. (Fortsetzung folgt.)