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Marburg, Mittwoch, 8. Juli 1885.

XL Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- KdvnnnnentS-PrciS bei der Expedition 21/. Mk, bei den Postämter 2 Mk. 50 «fg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gegoltene Zeile 10 Bfg. Rellamen für die Zeile 25 Pfg.

(i)lictl|cffifd|c jritmig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d- Blatte-, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M-, Kastel, Magdeburg und Wien; RudolfMoste in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: ®. L. Daube und 6o. m Frankfurt a- M 8erltn,Ha»nover u Pari-.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 8. Kreise Marburg u. Kirchhain. Illustriertes Soimtagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Bestellungen für da­

lli. Quartal

auf die Oberhessische Zeitung nebst deren Beiblätter

Amtlicher Anzeiger für die Kreise Marburg und Kirchhain

und

Illustriertes Sonntagsblatt werden noch bei allen Postämtern entgegengenommen, auf dem Lande auch von den Landpostboten.

Vie Lrpr-ittou der Gberhesfi scheu Zeitung.

Ein Denkstein deutscher Einigkeit.

Schlagen wir die Blätter der deutschen Geschichte auf, wo wir wollen? Haben wir uv- für einen Augenblick an großen Thateu erquickt, uns au dem gelabt, was deutsche Kraft und Energie errungen, so stoßen wir doch nur zu bald auf weniger erfreuliche Berichte. Die Deutschen haben sich sehr ott Großes errungen, aber nur in seltenen Fällen habe« ste es zu erhalten und Nutzen daraus zu ziehen ver­mocht. Gehen wir zurück in der deutschen Geschichte bis hin zu Karl dem großen Frankenkaiser, überall tritt uns dieselbe Erscheinung entgegen: Was ein machtvoller Mann errungen, zersplittert nur zu bald wieder infolge der Un­einigkeit, des alten deutschen Erbfehler-. Und wie treffend war da- Wort jene- fremden Staatsmannes:Die Deutschen würden die erste Nation der Erde sein, wenn ste einiger wären!" Wir können hinzusctzeu, die Deutschen würden längst die erste Nation der Welt gewesen sein, was Macht und Ansehen anbetrifft, wenn von den deutschen Fürsten des Deutschen Reiches Wohl über das eigene Jnterefle ge­setzt worden wäre. Und weil das nicht der Fall war, weil die Kaiser den Fürsten daS Beispiel gaben, auf Kosten d.s Reiche- die eigene, die HauSmacht zu vermehren, ging da- alte Deutsche Reich 1806 sang- und klanglos zu Grunde. ES fehlten dem Reiche die Grundbedingungen seiner Existenz, daS Eintreten der Rctchsmitglieder, der Kaiser voran, für da- Reich. Damit wurde da- Deutsche Reich zu einem SchattenbUd, von dem zuletzt auch der Name verschwand, btS bald 70 Jahre später au- den alten Trümmern ein verjüngtes, geläutertes Staatswesen entstand, daS neue Deutsche Reich unter Führung Kaiser Wilhelm-.

Auch nach 1871 hat es nicht an solchen Stimmen ge­fehlt, welche zu der blutgekittrtm neuen Einigkeit der deutschen Fürsten und de- deutschen Volke- kein über alle Zweifel erhabene- Vertrauen hatten. Der Preuße, der Bay r, der Sachse, der Württemberger und wie die Stämme alle heißen mögen, hatten auf den Schlachtfeldern in Frankreich Schulter an Schulter gefochten, für eine gemeinsame Sache ihr

Blut opferfreudig verspritzt. Das erkannten jene Unglücks­propheten wohl an, aber sie sagten doch:Wartet nur ab, bi- Machtfragen im Deutschen Reich auftauchen, dann werdet ihr sehen, wo die Einigkeit der Regierungen bleibt. Und die Machtfragen werden austauchen, denn der Bismarck, der BismarckDas war die Saat des Mißtrauens gegen die ehrlichen Absichten Kaiser Wilhelms und seines Reichskanzler-, welche im reichen Maße auszustreuen ver­sucht wurde, die die Einmütigkeit der deutschen Fürsten lockern sollte, um schließlich eine Zwietracht hervorzubrtngen, welche da« neugeschaffene deutsche Reich in feinen Wurzeln bedrohen würde. Das sahen auch jene Feinde deS Deutschen Reiche- ein. Das neue Deutschland war alles, so lange der gemeinsame Sinn für daS große Vaterland in Fürsten und Volk vorwaltete; eS verlor feine wesentlichste Stütze, sobald dieser Sinn verloren ging, sobald e- wieder hieß: Erst Bayern, Württemberg, Sachsen oder Preußen und dann Deutschland, statt umgekehrt. Eine solcheMacht­frage" hatte sich mit dem Tode des letzten Braunschweiger Herzog- auch richtig eingestellt. Der Nachfolger Herzog Wilhelms war der Sohn deS letzten Königs von Hannover, der Herzog von Cumberland, der es bisher nicht vermochte, sich mit den Thatsachen, wie ste die Jahre 1866 und 1871 geschaffen, zu befreunden. Wir haben nicht mit den Er- eigniffen jener Jahre, sondern mit den Thatsachen, welche sie geschaffen, zu rechnen, dasselbe mußte die Reichsregierung, dasselbe mußten die verbündeten Regierungen thun. Nun, diese Braunschweiger Thronfolge ist In hohem Maße benutzt, um neue Saaten des Mißtrauens auszusähen, man sprach von Vergewaltigung und ganz offen erhob sich die Stimme der Arglist, um einzelne Regierungen zu bewegen, für da- legitime Recht de- Herzogs von Cumberland auf Braun» schweig" einzutreten. Daher ist es unserem greisen Kaiser nicht leicht geworden, beim Bundesrat, als der Vertretung der deutschen Bundesregierungen, den Antrag ans Aus­schließung deS Herzogs von Cumberland vom Braun­schweiger Thron zu stellen, aber dieser Schütt mußte geschehen, wenn anders der innere Frieden Deutsch» lauds, die Ruhe des deutschen Volke« nicht vergiftet werden sollte. DaS Wohl des Volkes ist der Fürsten erstes Gesetz! DaS gilt im neuen Deutschen Reiche. Und nun die Fürsten der einzelnen deutschen Staaten? DaS ist eine Machtsrage, eine Vergewaltigung, rief man ihnen zu, und mehr noch, heimliche Jntrtguen, gefährlicher als das offene Wort, wurden gesponnen, um hier Mei­nungsverschiedenheiten hervorzurufen, welche von dem deut­schen EinhcitSbau den ersten Stein losgebröckelt haben würden. Erfreulicherweise sind alle diese Machinationen nutzlos gewesen. Der Bundesrat hat fast einstimmig er­klärt, daß der Herzog von Cumberland in Braunschweig nicht regieren könne, da er sich noch Im Kriegszustände zu einem Bundesmitgliede befinde, von diesem GebietStelle be­anspruche, welche jenem durch die Verfaflung zugestchert

worden. Aber nicht der Wortlaut dieses BeschluffeS mack seine Tragweite auö, sondern die dabei bekundete Gesinnt« der verbündeten Regierungen. Deutschland ist wahrhc einig, seine Glieder werben keinen Ruhestörer in ihr Mitte dulden; daS ist die Bedeutung des BeschluffeS bei Bundesrats vom 2. Juli, d Shalb ist derselbe ein eherner, unvergänglicher Denkstein der neu errungenen deutschen Einigkeit und in diesem Sinne namentlich wird ihn da- deutsche Volk mit Freuden begrüßen.

Deutscher Reich.

Berlin, 6. Juli. In der am Sonnabend unter dem Vorsitze deS Staatsministers, Staatssekretärs des Innern von Bötticher abgehaltenen Plenarsitzung des BnndeSratS wurde über die Abfertigung von Branntwein mit Anspruch auf die Steuervergütung, die amtliche Revision von Ge» werbebestellsalz am Bestimmungsorte und die Aenderung der Bestimmungen deS Etsenbahn-BetriebS-ReglementS be­züglich der Beförderung von flüssigem Ammoniak Beschluß gefaßt. Die Vorlagen betreffend die Abänderung und Er­gänzung des Eisenbahn Polizei-Reglements und betreffend die Abänderung der Eisenbahn-Signalordnung, wurden dem Ausschuß für bie Eisenbahnen, Post und Telegraphen und dem Ausschuß für daS Landheer unb die Festungen überwiesen. Hierauf wurde die Versammlung bis zum 15. Sept. d. I. vertagt. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Die vom Minister de« Innern bei der Interpellation über die Ausweisung der russisch-polnischen Ueberläufer in Aus­sicht gestellten Konferenzen der Oberprästdenten mit den beteiligten Beamten haben unter Beteiligung der Ministerial» Kommiffarien stattgefunden und zu dem Ergebniffe geführt, daß sowohl über die Notwendigkeit der Maßregel, als auch über die Art, wie sie unter Beobachtung aller berückstch- tignngSwerten Jntereffen in Wirksamkeit getreten, unter den mit bett Verhältnissen vertranten Beamten im wesent­lichen übereinstimmende Auffaffnngen herrschen. Als Re­sultat der Konferenzen sind in der nächsten Zeit weitere Maßnahmen zu erwarten, um die Ausweisungsmaßregel energisch unb konsequent durchzusühren. In vergangener Nacht fand infolge eines zwischen einer Patrouille des Kaiser-Franz-RegimentS und einer Zivilperson entstandenen Streits vor der Kaserne deS Kaiser Franz-Regiments ein Auflauf statt, der nur durch das Einschreiten einer halben Kompagnie deö genannten Regiments bewältigt werden konnte. Neun Personen sind wegen LaadfriedenSbrnchS unb Auflaufs verhaftet. DieNat.-Ztg." meldet: In Regierungskreisen verlautet, wegen Aenderung des Aktien­gesellschaftsgesetzes, die infolge der bei den Kolonialunter­nehmungen gemachten Erfahrungen sich als wünschenswert herausgestellt hat, werde dem Reichstage in dessen nächster Session eine Vorlage zugehen. Der C-ef deS Inter­nationalen Telegrapheu-LüreauS in Bern, Herr Carchod, ist gestern abend hier eingetroffen und hatte heute eine

Im Bau« des Schicksal».

Roman von Moritz Lilie.

(Fortsetzung)

Und Du, Alexis, hast Du auch bedacht, das Du Rück­sichten auf Deinen Namen und Dünen Stand zu nehmen und einen derartigen Schritt doppelt und dreifach zu Über­legen hast? Du hast keine Ahnung, wer das Mädchen ist, ober einer vornehmen Familie gehört sie sicher nicht an, sonst würde ste nicht Sonntags zu dem Photographen ge­kommen sein, sondern einen Wochentag gewählt und den Sonntag den Dienstmädchen überlaffen haben.

Eine Dame vom Stande begnügt sich auch nicht mit einem halben Dutzend VisttenkartenporttätS und noch weniger würde ste dieselbm in eigener Person abgeholt haben, kurz, eS scheint mir zweifellos sich hier um ein arme-, niedrig geborenes Mädchen zu handeln, dem Du, der Spröß- ling eines alten, hochangesehenen Grafengeschlechts, Deine Liebe zuwendest, mtt welchem Du vielleicht gar eine schwere Mesalliance einzugehen im stände wärest."

Der Advokat nickte dem Graf« beifällig zu.

So ist'- recht, Widerspruch reizt und befestigt iHv nur noch mehr in seinem Beschlüsse", flüsterte er nur diesem verständlich zu.

Alex!« stand am Fenster und schaute sinnend in die Dunkelheit hinan-. Erst al- sein Oheim geendet, wandte er sich dahin zu.

Mesalliance, was verstehst Du unter dieser Be­zeichnung?" fragte Alexis.

Etwa die cheliche Verbindung zweier Personen, von Hevea die eine adelig, die andere bürgerlich ist? Dieser

Unterschied ist für mich nicht vorhanden, dieses veraltete Vorurteil, ein Ueberrest an- den Zeiten der Feudalherrschaft, ist von der modernen Zeitströmung längst überwunden unb wirb nur noch von denen festgehalten, bie sich an bie letzten Reste mittelalterlicher Herrlichkeit anklammern unb sich einbllben, anS besserem Holze geschnitzt zu fein als andere Menschen. Nein, Onkel, diese Anschauungen sind nicht mehr an der Zeit."

Ich denke da ander-, als Du!" versetzte der Graf. Jndeß Du hast deinen freien Willen, AllxiS, in kurzer Zeit bist Du majorenn und kannst thun und lasten, waS Dir beliebt. Ich bin Dein einziger Verwandter und von meiner Seite hast Du keinen Widerspruch zu fürchtm, wenn Deine Wahl unfern Namen nicht schändet, und daß die- nicht der Fall sein wirb, bafür bürgt mir Dein Gefühl für Ehre unb Recht."

Aber, meine H rreu, Sie sprechen von bet Angelegen­heit wie von einer Sache, bie vollständig klar und abge­macht ist, während doch da- Wichtigste, die künftige Fran Gräfin, noch gar nicht gefunden ist," warf Praß ein.

Wenn das Mädchen hier in der Stabt wellt, zweifle ich nicht daran, daß wir fie früher oder später entdecken; dagegen ist hierzu wenig Hoffnung, wenn sie zu der großen Schaar vorübergehender Besucher gehört hat, die alljährlich nach der Residenz kommen, um die Schönheiten und Kunst- plätze derselben rennen zu lernen."

Unb ich finde ste boch, unb sollte ich bie halbe Welt durchstreifen!" rief der junge Mann leuchtenden Buges aus mit einer Zuversicht, welche jeben Zweifel auszufchließm schien.

Ich bin gern bereit, Ihnen zur Sette zu stehen, wenn Sie mir einen Abzug de- Bllde- verschaffens fuhr der Els-

Advokat fortund wer weiß, ob nicht der Zufall mir günstig ist- Zch streife oft genug planlos in den Straßen und Promenaden umher, besuche auch wohl hin und wieder ein VergnÜgungS-Elablisterneut, so daß mir viele Menschen vor Augen treten.

Es würde mich freuen, wenn sich eine- Tage- die Ge­suchte unter ihnen fände."

Hier, nehmen Sie diese« Bild, Herr Doktor, ich bedarf dkss.u nicht, es lebt in meiner Brust, und ich würde diese wunderbaren Augen unter Millionen Menschen herausfinden," sagte der junge Mann, indem er dem ehemaligen Rechts­anwälte bie Photographie übergab.Helfen Sie mir da« herrliche Mädchen suchen, diese schreckliche peinigende Unge­wißheit reibt mich auf, tötet mich!"

Unb auch Du, Onkel steh mir bet, ich finbe nicht eher Ruhe noch Rast, als bis ich ste habe, bi- ich ste meta nennen darf, mein auf ewig!"

Rasch, erregt stieß er diese Worte hervor, kopfschüttelnd hörte sein Oheim ihm zu. Der sonst so ruhige, ernste Jüngling war nicht wieder zu erkennen.

Ich muß hinaus in die Luft, es will mir die Brust zersprengen!" fuhr Alex!» fort, seinen Hut nehmend;thun Sie Ihr Möglichstes, lieber Doktor, steh mir bei Onkelfi"

Er reichte dem Letzteren bie Hanb, nickte bem Rechts­anwalt zu unb eilte davon.

Der hat st- während seines Aufenthaltes in London einen gelinden Spleen geholt l" sagte der Graf, al« er sich mit Dr. Praß allein befand,Von Jugend war er zwar zu Absonderlichkeiten geneigt, aber dieses verliebt sein in ein Mädchen, daß er gar nicht kennt, ist denn doch schwer bt» Lniflich."