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Marburg, Sonntag, 5. Juli 1885.
XX. Jahrgang
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Wöchciitliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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III. Quartal
auf die Oberhessische Zeitung nebst deren Beiblätter
Amtlicher Anzeiger für die Kreise Waröurg und Kirchhain und
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Die Expedition der Oberhesfische» Zeitung.
SDtotfdjcl Öicidj.
Berlin, 3. Juli. Nach einer krtegsministeriellen Anordnung vom 15. v. M. sind die durch Bekauntmachungeu von SubmijstonS- und LizitationS - Termine» entstehenden Kosten fortan auf den Reichsfonds zu Überrehmen. Die Truppenteile rc. werden dabei aufgefordert, durch kurze Fassung und praktische Anordnung der Inserate die Jn- ferlwnskosten in mäßigen Grenzen zu halten. Eine aneere Verordnung deS KrlegSmiuisterS an demselben Tage bestimmt, daß bei Verkäufen von Mobilien im SubmisstonS- wege von dem Abschluß förmlicher Verträge Abstand zu nehmen ist. Die Verträge sollen in Zutuns durch die schriftliche Mitteilung von der Annahme bei Bestgebote perfekt werden. —Im Einvernehmen mit dem Reichskanzler hat der Minister der Medizinal- u. s. w. Aqelegenheiten auf Anfrage entschieden, daß auf Grund der gegenwärtig geltenden Vorschriften für Zulassung auSläadischr Apotheker- gehilfeu nicht nur die Ablegung der Gehilsenwüsung vor einer deutschen PrüsungSbehöroe, sondern auh die volle Erfüllung der Zulafsuugsbedingungen zu derselbn gefordert werden mufft. Zu den letzter» gehöre daS AbgngSzeuguiS von der Obersekunda eines Gymnasiums odei Realgymnasiums. Danach ist im allgemeinen die Bichäftiguug eines ausländischen Gehilfen in deutschen Apothseu grundsätzlich ausgeschlvsien. ES erhellt dies auch auS der Bund.-s- ratsbeschlusie vom 13. Januar 1882, wonach alS'lp.lheker- gehilfe nur beschäftigt werden darf, »wer den mchgeben:en Vorschriften über die Prüfung der Apothekergehilsn durchweg genügt hat". — Wie bereits gemeldet, ist ,on dem. Unterrichtemintster verfügt worden, daß die Zulasuvg als Studierender der Zahnheilkunde ocer gar zur Prüung als Zahnarzt von einem Zeugnis abhängig sei, aus welchem die genügende K mntntS im Lateinischen seitens des Bewerbers hervorgehen müfle. Diese Verfügung beruht auf der maßgebenden, am 25. September 1869 ergangern Bekanntmachung des damaligen Bundeskanzlers, in weher der Ausdruck „einer norddeutschen Realschule erster Ornnug"
Im Bau« des Schicksals.
Roman von Moritz Lilie. - (Fortsetzung.)
„Haben Sie auch die Gewißheit, Herr Gras, dq das Mäochen hier lebt?" warf der ehemalige Advokat et.
„Leider nicht, denn der Photograph, von dem it das Bild kaufte, wußte es nicht mit Bestimmtheit zu fzen," versetzte der junge Mann.
„Du kauftest das Porträt ohne einen andern Eund als deshalb, weil Dir daS Gesicht gefiel ?" forscht der Oheim und strich mit einer raschen Handbewegung die Spitzen seines gramn Schnurrbartes.
„Ich sah das Bild in dem Schaukasten eines Phto- graphcn ausgestellt uns war von demselben so entzückt, aß ich beschloß, cs zu kaufen," erzählte Al. xis, während er ur der Brusttasche seines Rockes eia elegantes Portefeuille og und demselben eine in feines Papier gewickelte Photograpie entnahm, die er lange mit schwärmerischen Blicken betrachte.
„Der Photograph erklärte mir, daß er kein Recht Hw, das Bild zu verkaufen. Das junge Mädchen habe n halbes Dutzend von rem Porträt bestellt, er habe aber va demselben einige Abzüge mehr grnommm, um sie als Reklar für daS Geschäft zu benutzen, da der Kopf nicht nur vz wunderbarer Schönheit, sondern auch daSBtld in technisch Beziehung ohne jeden Tadel sei. Ich erklärte ihm, daß t das Bild um jenen Preis erwerben wolle uns legte ei Goldstück auf den Tisch; der Mann schaute bals diese, bald das Porträt an und schien zu überlegen; als ich abe ein zweites Goldstück hinzufügte, besann er flch nicht länger überltrß mir das Bild und strich daS Geld ein, indem e sein Gewisim damit beschwichtigte, daß er erklärte, den
gebraucht wirk Dieser Ausdruck könne aber nur nach der damaligen Begriffsbezeichnung gedeutet werden, und es sei hiernach unter einer Realschule erster Ordnung eine Realanstalt von neunjähriger Lehrdauer m't Zwangsunterricht im Lateinischen, also eine heute Realgymnasium genannte Anstalt zu verstehen. ES widerspreche daher oer angezogenen Bestimmung, wenn daS Zeugnis einer lateinlosen Realschule von neunjähriger Lehrdauer als Erfüllung derselben angesehen werden sollte. Der von einer der zuletzt genannten Abgegangeue müsie also, um zu den Studien und Prüfungen der Zahnheilkurde und als Zahnarzt zugelasieu zu werden, sich nachträglich daS Zeugnis der Reife im Latein für die Prima eines Realgymnasiums erwerben. — Der „Magdeb. Ztg.„ wird aus Berlin geschrieben: Die Einführung der Brottax n macht Fortschritte. Der Bürgermeister von Kettwig, einer Stadt von 3500 Einwohnern im Landkreise Esien in der Rheii proviz, hat ebenfalls eine „Polizeiverordnung, betreffend die Brottcxe der Bäcker" er» lasten, welche mit dem 1. Juli in Kraft treten soll. AuS dem Worttaute erkennt man deutlich, daß die Verordnung nach einem von der Regierung empfohleren Muster aus- gearbeitet worden ist, denn sie enthält im wesentlichen dieselben Bestimmungen, welche die, wie feststeht, von der Regierung von Bromberg und Mühlhausen veranlaßten Polizeiverordnungen vorschreiben. Der § 1 lautet: „Die Bäcker und Verkäufer von ungebeuteltem Schwarz- und Roggenbrot, sowie von ordinärem Weißbrot sind verpflichtet, solches nur in einzelnen Broten zu verkaufen, aus welchen das Gewicht durch einen eingedrückten Stempel in ganzen oder halben Kilogrammen angegeben ist, beispielsweise mit i/z oder 1, 2 kg u. s. w." Gerade diese Bestimmungen sind vom Landgerichte in Bromberg für rechtsungültig erklärt worden, weil sie im Widerspruche mit den §§ 1, 73 und 74 der Gewerbeordnung stehen. Nach § 3 der Verordnung darf innerhalb des Monats, für welchen die Selbsttaxe aufgestellt ist, diese nicht verändert oder von ihr nicht abgewichen werden. Eine entsprechende Bestimmung enthalten auch die Polizeiverordnungen von Bromberg und Mühlhausen, obwohl 8 79 der Gewerbeordnung die in den vorhergehenden Paragraphen erwähnten Gew rbetreibenden, unt r denen sich auch die Böcker befinden, ausdrücklich für berechtigt erklärt, die Preise und Taxen zu ermäßigen. Ferner finoen sich die auch von Mühlhausen her bekannten Bestimmungen, daß es verboten fei, ein Brot unter dem taxmäßigen Gewichte mit einer sog. Zugabe zu verkaufen, und daß die Polizeibeamten berechtigt seien, das bei der Revision zu leicht befundene Brot, um es als taxwidrig ausgebacken zu bezeichnen, zu zerschneiden, zwei Bestimmungen, deren Begründung aus den bestehenden Gesetzen nicht möglich ist. Neu ist unseres Wissens folgender Paragraph der Verordnung: „Die Polizei ehörde behält sich vor, die Preise der Backwaren von Zit zu Zeit du ch dar „Amtliche Kreisblatt" und die etwa vorhandenen Lokalblätter zur Kenntnis
Mädchen müsie eS nur schmeichelhaft sein, wenn sich ein vornehmer junger Herr für sie interessiere."
„ES bleibt doch sehr zu bezweifeln, ob daS Original mit diesem Handel einverstanden wäre", lachte der Graf, die Hand nach der Photograghte ausstreckend, während er gleichzeitig einen raschen, vielsagenden Blick mit Dr. Praß wechselte. „Laß doch das Bild einmal sehen, Alexis," fuhr er mit gewinnender Freundlichkeit fort; „Du erzähltest uns gestern bei einem Glase Wein ganz flüchtig von Deiner schönen Unbekannten und versetztest uns mit dieser pikanten Neuigkeit in höchstes Erstaunen; heute aber bequemst Du Dich einmal zu beichten und giebst dadurch Deinem Onkel mt) Vormund Gelegenheit, Dir mit seinem Rate an die Hand zu geben."
Ec entnahm der Hand des Jünglings das Porträt und ließ die Augen aufmerksam auf demselben ruhen.
„Ich sah ein, daß es gegen mein Jntcresie wäre, diese Angelegenheit geheim zu halten," erwiderte der junge Graf im Tone der Aufrichtigkeit. „Sechs Augen sehen mehr aiS zwei, und vielleicht komme ich rascher zum Ziele, wenn auch Du, Onkel, und besonders Sie, Herr Doktor, für mich mit eintreten, uns mir suchen helfen wollten l"
„DaS ist in der That ein charmantes Älnb; Du hast gar keinen üblen GeschmackI" rief der alte Herr, diePhoto- graph'e dem RcchtSanwalte reichend.
„ES find mir b den Pariser Salon und anderwärts Tausende junger Mädchen begegnet, die zum Teil schön, reich und geistvoll waren, aber keine vermochte mich zu fesieln, ja mir auch nur ein flüchtiges Jateresie abzugewinnen," sagte AlexiS, den Blick aus die Uhrkette gesenkt, die er mechanisch durch die Finger gleiten ließ.
des Publikums zu bringen." Die von der „Barmer Zeitung" gemeldete bevorstehende Einführung von Brottaxen in Barmen hat sich bis jetzt nicht bestätigt; vielleicht macht die dortige Polizei - Verwaltung, die in den Händen des Ober - Bürgermeisters ruht, noch Schwierigkeiten. — Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Im Lokalteile eines radikal freihändlerischen BlatteS, der „Berl. Ztg.", lesen wir folgendes: „So billige Butter wie jetzt haben wir seit langer Zeit nicht gegessen; Butt.r für Mk. 1,20 macht schon den Anspruch auf daS Prädikat hochfein. Der Grund ist Ueberproduktion. Infolge des Schutzes der „nationalen" Butter haben sich überall Molkereigeuvffenschaften von Gutsbesitzern gebildet, welche alle hochfeine Butter produzieren und die Butterhändler mit Angeboten überschwemmen. Der Bauer buttert fast gar nicht mehr, sondern verkauft feine Milch an die Molkereien, fo daß die Mittelbutter zu verschwinden beginnt. ES geht mit der nationalen Butter wie mit dem nationalen Schwein. Alles hat sich auf die Schweineproduktion geworfen und die Folge ist, daß Schweinefleisch billiger ist, als je zuvor, trotz der Absperrung gegen Amerika. Auf dem Berliner Viehmarkt gilt Schweinefleisch 35 Pfg." ES ist doch ein merkwürdiges Ding um die Kons quenz! Im politischen Teil der Manchester- lichen Blätter wird die „nationale" Wirtschaftspolitik angegriffen, weil sie clleS verteuere — im lokalen, dem praktischen L den vielleicht näher stehenden, wird derselben Wirtschaftspolitik vorgeworfen, sie mache alles zu billig, Im politischen Teil werden tem Landwirt die Segnungen des Schulzeschen Genossenschaftswesens in glühenden Farben geschildert, im lokalen ertönt die Klage, daß die Genossen- schaftSmeiereien die Butterhändler mit Angeboten überschwemmen. Muß nicht schließlich der Leser derartiger freihändlerischer Organe, wenn ihm solche Widersprüche begegnen, sich die Frage vorlegen, ob denn die Theorie seines politischen Lehrmeisters gegen die im Lokalteil sich wieoer- spiegelnde Praxis sich werde behaupten können?
— Die neuen Hygienischen Institute der Universität Berlin wurden teilweise schon am Mittwoch eröffnet. Dieselben bestehen auS dem hygienischen 8 Moratorium und dem Hyzienemuscum, beide unter Leitung des Geheimen RegierungS- und Medizinalrats Profesior Robert Koch. DaS hygienische Laboratorium ist in dem Gebäude der ehemaligen Gewerbeakademie, Klosterstraße 36, untergebracht und nimmt dessen erste und zweite Etage ein, während das Parterregeschoß für andere Zwecke des Kultusministeriums noch reserviert ist. Nach dem vom Kultusminister genehmigten Organisationsplane zerfällt das Laboratorium in zwei räumlich vollständig verschiedene Abteilungen: 1. in die bakterioskopische Abteilung, in der zweiten Etage, vom Geh. Rat Koch persönlich mit seinen Assistenten Stabsarzt Dr Plagge, Assistenzarzt Dr. Weisser und Dr. Frank geleitet; 2. in die chemische Abteilung, welche die erste Etage einnimmt und von Dr. ProSkauer geleitet wird, der be-
„Es entging wir nicht, daß mehrfach fein angelegte Pläne geschmiedet, Netze nach mir ausgeworfen wurden, um mich zu fangen, aber ich war auf meiner Hut und ging nicht in die Falle. Ich habe den Umgang mit Frauen nicht gemieden, für mich war derselbe aber nicht mehr al« eine angenehme Unterhaltung, ein notwendiges gesellschaftliches Moment."
„Ei, ei — junger Mann, Du bist ja auf dem besten Wege, ein vollendeter Weiberfeind zu werden l" scherzte der Oheim.
Da fiel mir ganz zufällig auf einem Spaziergang dieses Bilo in die Angen," fuhr Al xiö fort, ohne den Einwurf des Grafen zu beachten.
„Sofort fühlte ich: ja, das war das Mädchen, das ich lieben könnte, das war das Ideal, daS mir in meinen Träumen vorgeschwebt, mein Sinnen und Denken erfüllt hatte! Diese heiteren und doch so seelenvoll blickenden Augen, diese» anmutige Gesicht mit dem so warmen und doch so bescheidenen Ausdruck, di-seS schalkhafte und doch harmlose Lächeln — daS alles vereinigt sich zu einem Gesamtbild, wie ich es harmonischer mir nicht denken kann."
Die Augen deS jungen Mannes leuchteten voller Begeisterung und ein zartes Rot färbte die Wangen. Man merkte eS an dem gehobenen Ausdrucke, den er in seine Worte legte, daß hier von hohlem Phrasen tum keine Rede war; der ernste Jöngling schien phantastischer Ueberschwäng- lichkett, rasch ansschLumenter, aber ebenso schnell verflüchtigender Regungen unfähig zu sein.
„Der Photograph vermochte ihnen nicht zu sagen, wer daS Mädchen sei?" fragte Doktor Praß.
Zener verneinte. Kortsetzimg folgt.).