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Marburg, Freitag, 3. Juli 1885.
XX. Jahrgang.
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GchesMr AitW.
»ureigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, s owied.Annoncen« Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Kastel, Magdeburg und Wien; RudollMofse in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: ®. L. Daube und tto. in Frankfurt a.
Berlin,Hannover u Pari».
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sanutagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. äug. Koch. _____ • - ■==^^=== ,i- —.....—1
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III« Quartal
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Oberhessische Zeitung
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Amtlicher Anzeiger für die Kreise Marburg und Kirchhain
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Illustriertes Sonntagsölatt
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_________Die Expedition der Obrrhessischeu Zeitung.
Deutscher Reich.
Berlin, 1. Juli. Der „Nordd. Allz. Ztg." zufolge nahm der Justizausschuß des Bundesrates in der heutigen Sitzung einstimmig den Antrag Preußens, betreffend die braunschweigische Angelegenheit, an. Weiter verlautet, der Ausschußbericht sei auf die Tagesordnung der morgenden BandeSratLsitzung gefetzt. — AlS jüngst ein Hauptlehrer in Schlesien auf die Annahme des ihm bei seinem fünfzigjährigen Jubiläum verliehenen Allgemeinen Ehrenzeichens verzichtete, glaubte die „Germania" eine Erklärung für diese „auffällige" Thatsache darin zu finden, daß, während früher den L hreru auf dem Lande bei ihrem Jubiläum der Acler der Inhaber des königlichen HauSordens von Hohenzollern fast durchgängig verliehen wurde, „in neuerer Zeit angeorduet ist, daß Lehrer nur dann zur Berleiyung dieses Orden- in Vorschlag zu bringen sind, wenn sie sich in irgend einer Weise ganz besonders h-rvorgethan haben, daß im übrigen aber die Verleihung des Allgemeinen Ehrenzeichens die Regel bilden soll." Diese Auslastung ist nicht ganz korrekt, die Sache verhält sich vielmehr, wie wir im Jntereste der Lehrer mitteileu, wie folgt: Im Jahre 1883 hat der Unterrichtsminister die BeztrkSregterungeu rc. mit einer neuen Anweisung, betreffend die den Vvlksschullehrern zu gewährenden allerhöchsten Auszeichnungen, verseh m. Danach ist in den Fällen, in welchen es sich um fünfzigjährige Amtsjubelfeste und Emeritierungen handelt, der Tag in den Anträgen bestimmt zu bezeichnen. Aus den Anträgen muß mit Sicherheit außer der Veranlassung und den Gründen sowohl da» Lebens-, als das Amtsalter, das Datum der letzten Beförderung und die Konfession des Betreffenden zu ersehen sein. Auch ist genau a-ezugeben, ob, beziehentlich welche preußische Orden und Ehrenzeichen der Betreffende besitzt. WeiKr bemerkt der Minister: Eine
amtliche Berücksichtigung deS AbschlusteS einer fünfzigjährigen Wirksamkeit im Lehramte setzt voraus, daß die vollen fünfzig Jah'e von dem Betreffenden nach Erlangung ter Befähigung als Volksschullehrer in Lchrerst llen an öffentlichen Volksschulen zugcbracht worden sind. Bei Anträgen auf Verleihung des Adlers der Inhaber des königlichen HauS- ordens von Hohenzollern kommt eS auf den Nachweis an, daß der Beteiligte den besonderen Bestimmungen genügt, welche das Statut vorschreibt. Gleichzeitig handelt es sich aber darum, ob derselbe nach seiner amtlichen Stellung in vereinigten Armtern als erster oder Havptlehrer nach dem Grade seiner Ausbildung, seiner Gesamtleistungen iu der Schule, seiner Thästgkeit auf Lehre,konfereuzen, durch verdienstliche Wirksamkeit auf anderen Gebieten gemeinnütziger Thätigkeit u. s. w. sich ausgezeichnet habe, widrigenfalls nicht der Adler der Inhaber des Hohenzvllern-HauSorden», sondern das Allgemeine Ehrenzeichen zu beantragen ist. — Gegen den Schluß der ReichStagSfefston wurde dem Bundesrat, wie man sich erinnern wird, ein Gesetzentwurf betreffend die Fürsorge für Beamte und deren Hinterbliebene infolge von Unfällen vorgelegt. Die Ausschüfle für Hande! und Verkehr, Justiz« und Rechnungswesen haben nunmehr die Annahme deS Entwurfs mit einigen Modifikationen bei dem BundeSrate beantragt. Der Entwurf sichert RrichSbeamten und Personen des SoloatenstandcS, welche in Betrieben, die unter das Unfallversicherungsgesetz fallen, beschäftigt sind, für den Fall einer dauernden Dtenstuufähigkeit infolge eines im Dienst erlittenen Betriebsunfalls eine Pension von 662/s Prozent ihres jährlichen Diensteii kommens zu, falls ihnen nicht durch anderweite reichSgesctzliche Vorschriften ein höherer Betrag zustehK Die Hinterbliebenen erhalten eine Rente, und zwar die Witwe bis zu ihrem Tode oder Wiederverheiratung 20 Proz. dcS JahrrSgchaltS des Verstorbenen, jedcch nicht unter 160 Mk. und nicht mehr als 1600 Mk.; jedes Kind bis zum vollendeten 18. Lebensjahre oder bis zur früheren Verheiratung, falls die Mutter lebt, 75 Proz. der Witwenrente, andernfalls die volle Witwenrente. Selbstverständlich treten höhere Beträge ein, wenn ein Anspruch daraus aus reichsgesetzlicher Vorschrift vorhanden. — Die Neu - Guinea - Kompanie hat für ihren Kolonialbesitz eine brillante Acqnisttion gemacht. Sie hat mit dem Kontre- admiral a. D. Werner, dermalen in Wiesbaden, einem tüchtigen und bewährten Offizier, der sich auch als Schriftsteller einen Namen gemacht hat, wegen Ucbernahme des Postens als Landeshauptmann im Kaiser«Wilhelms - Land anf Neu-Guinea und im Bismarck-Archipel Verhandlungen gepflogen, die jetzt zum erfreulichen Abschluß gelangt find. Der Admiral wirs diesen Herbst seine neue Stellung antreten, in jenem Gebiet also die erste Autorität sein.
— Der „Schwäbische Merkur" erinnert daran, daß es am 1. Juli 10 Jahre sind, seit unsere neue Münzwährung besteht. Zu diesem Jubiläum der Reichsmark bemerkt das genannte Blatt zutreffend Nachstehendes: „Gewiß darf man
heute sagen, daß von allen de» neuen Einrichtungen, welche wir dem neuerstandenen deutschen Reiche zu danken haben, kaum irgend eine andere sich überall so leicht eingeführt und so fest eingebürgert hat, als diese neue Markrechnung. Die hunderterlei Münzm, groß und klein, welche früher umliefen und auch recht lebhaft an die vormalige Kleinstaaterei erinnerten, sind auS dem Verkehr verschwunden, die fremdländischen Münzsorten, welche einst namentlich unser Süddeutschland überschwemmt haben und mancherlei Unsicherheit in den täglichen Verkehr brachten, find nicht mehr zu sehen, und einerlei Geld läuft durch alles deutsche Land und zeugt auch in seinem Teil von deS neuen Reiche« Größe und Einheit. Und wie schnell hat sich die ganze Bevölkerung, alt und jung, in das neue Geld eingelebt, wie leicht rechnet man schriftlich und mündlich mit demselben, wie wenig hört man heute noch von Gulden und Kreuzern reden, und selbst da, wo man noch am längsten an alter Weise festhielt, beim Handel mit Vieh, macht die alte Karolinrechnung immer mehr der neuen Markrechnung Platz. Mag in unserem von Parteien zerklüfteten öffentlichen Leben da« neue Reich noch so viele offene und geheime Gegner zählen, darin werden ohne Unterschied alle, RetchSfreunde und Reichsgegner, einig sein, daß niemand mehr zu dem alten Selbe mit seinen vielfachen Mißständen zurückkehren möchte, und an die Wohlthaten deS neuen Geldes im neuen Reich ausdrücklich zu erinnern, mag kein überflüssiges Werk sein."
— In Verbindung mit der Berufszählung rom5.Juni 1882 haben bekanntlich zwei weitere Erhebungen stattgefunden, deren eine die landwirtschaftlichen, deren andere die gewerblichen Betriebe zum Gegenstände hatte. Wie früher die Ergebniffe der ersteren, so sind nunmehr auch die der ltzteren der beiden Aufnahmen, vorläufig für das Reich im Ganzen, im Maihest der „Monatshefte zur Statistik des Deutschen Reichs" veröffentlicht worden. Dieser Nachweisung zufolge wurden 3609801 Gewerbebetriebe, bi h. in industriellen, Handels-, Verkehrs- und Versicherungsgewerben vorhandene Geschäfte, im Deutschen Reich gezählt, unter denen sich 3005457 Haupt- und 604344 Nebenbetrtebe befanden. Beschäftigt wurden In diesen Betrieben — und zwar speziell in den Haupt-Betrieben — 7459 226 Personen. Die Gewerbebetriebe werden eingeteilt in Allein- und in Gehülfenbetriebe, wobei unter jenen die von einem einzelnen Geschäftsleiter ohne Verwendung eines durch Elementarkraft bewegten Triebwerks oder eines DampfkeffelS ohne Kraftübertragung, unter den Gehülfen- betrieben die von mehreren Personen (Mitinhabern oder Gehülfen) oder auch nur mit Benutzung von Motoren der bezeichneten Art geführten Betriebe zu verstehen sind; die Zahl der Alleinbetriebe beläuft sich auf 2423049, nämlich auf 1877872 Haupt- und 545177 Nebenbetriebe, diejenige der Gehülfenbetriebe bleibt mit 1186752 (nämlich 1127585 Haupt« und 59167 Nebenbetrieben) hinter
Im Bau» des Schicksals.
Roman von Moritz Lllie.
(Fortsetzung.)
„Ein Arzt war nicht im Ort zu haben," fuhr Ludmilla vonRodow'cz fort, „aber der Küster hatte sich einige medizinische und chirurgische Kenntniffe erworben und verwertete dieselben, wo sich Gelegenheit dazu fand.
Angstvoll lauschte ich seinem Ausspruche, als er den Verunglückten untersuchte, aber daS vielsagende Achselzucken deS Mannes war nicht geeignet, mich zu beruhigen.
„Keine Hoffnung, gnädige Frau," flüsterte er, „ein Schäcelbruch."
Laut jammernd sank ich an dem Lager nieder und bedeckte die feuchte, kalte Hand mit Küffen. Der Geistliche spendete dem Sterbenden die letzten Tröstungen der Religion und eine Stunde später hanchte der edle Mann seine Seele au». —"
Die Baronin schwieg und hielt das feine Batisttuch vor die Augen, während Herbert tiefbewegt auf die schöne, schmerzerfüllte Frau blickte.
Die Erinnerung an das tragische Ende ihres vielge« liebten Gatten schien sie noch immer bis ins Innerste zu erschüttern.
ES dauerte eine sehr geraume Zeit, ehe sie wieder Worte fand.
„Sehen Sie sich da» zweite Bild an; daß ich zur Erinnerung an jenes schreckliche Ereignis malen ließ," sagte Ludmilla endlich, auf das andere Oelgemälde deutend. „ES stellt jenes Dorf dar, in welchem mein unglücklicher Gatte endete; dort, wo da« Kind mit dem Totenkranze in der Hand steht, ist die Uaglücksstelle, wo da« Pferd stürzte, und
daS kleine, weiße HsuS neben der Kirche ist die Pfarrwoh« nuug, die für den Baron zum Sterbehause wurde. Ein Warschauer Künstler, den ich mir zu diesem Zweck kommen ließ, hat da« Bild gemalt; eS ist au Ort und Stelle ausgenommen und vollständig naturgetreu, bi« auf die Porträts der beiden Bauern, die Sie dort links im Gespräch beisammen stehen sehen: eS sind dieselben, welche den Verun- glücklen in« Pfarrhaus trugen."
Mit inniger Teilnahme betrachtete Wallburg das Bild, das feine Entstehung einer so traurigen Veranlaffung verdankte. Das kleine Mädchen mit dem Totenkranze aber erfüllte ihn mit geheimem Grauen; ein memento mori in dieser Form erschien ihm wir eine Entweihung der Kunst.
„Und nun zu unser« Auftrage, Herr Wallburg l" rief die Baronin in plötzlich ganz verändertem, fast heiterem Tone.
„Ich habe Ihnen diese Episode meines Lebens deshalb so ausführlich erzählt, weil ich in Ihnen die nötige Stimmung für das Gemälde zu wecken wünschte. Ich bin überzeugt, daß Sie jetzt, wo Sie die Beziehungen zwischen mir und dem alten Schlöffe kennen, mit weit mehr Lust und Liebe an die Arbeit gehen, als dies vorher der Fall gewesen wäre; dafür bürgt mir die Teilnahme und Aufmerksamkeit, mit welcher Sie meinen Mitteilungen gefolgt sind."
„Ich hoffe, Sie täuschen sich nicht In mir," versetzte der Maler mit Wärme.
„Wenn es überhaupt noch eine« Impulse» bedurft hätte, mit besonderem Interesse an die Ausführung dieser Arbeit zu gehen, würde ich denselben in ihrer ergreifenden Erzählung gefunden haben."
„Ich vertraue Ihrer Kunst vollständig, Herr Wallbnrg — «der nun «eg mit den Srntimentalttäten!" lachte Lud
milla, und ihre Rechte machte eine Bewegung, al« wollte sie die trüben Gedanken verscheuchen.
Verwundert schaute der junge Mann auf da« seltsam launenhafte schöne Weib, da» vor wenigen Minuten noch in Schmerz zu zerfließen schien und jetzt schon wieder heiter auSgelaffen sein konnte. DaS leichte Blut de» Bühnen- lebrnS vermochte die ehemalige Sängerin noch immer nicht zu verleugnen.
„Wann gedenken Sie zu beginnen?" fragte sie nach einer kurzen Pause.
„Befehlen Sie, gnädige Frau, ich werde mich Ihren Wünschen fügen," erwiderte Herbert; „vielleicht gestatten Sie mir, erst eine andere Arbeit, die Ich aus der Staffelei stehen habe, zu vollenden um mich dann ganz dem neuen Werke widmen zu können."
„Da» geht nicht, mein Bester, Sie wüsten sofort spätesten« morgen beginnen!" fiel die Baronin rasch ein; „Da« Bits ist für Natalie bestimmt, welche in wenig« Wochen ihren Geburtstag feiern wird. Sie ist in Petersburg an einen Offizier der Garde verheiratet, lebt aber sehr unglücklich, denn ihr Gatte vernachlässigt und mißhandelt ste. Ich hoffe, da» ihr mein Geschenk einige Freude bereiten und Trost gewähren soll, denn es erinnert sie au die Stätte, wo sie frohe Stunden verlebte. Deshalb mästen auch Terraste, Lauben und die sonstigen traulich« Plätzchen, wo wir so oft zusammen plauderten und glücklich warm, auf dem Gemälde zu schm sein."
„Dann darf ich Sie wohl bitten, daß Sie mir da» Blld auf einige Zeit überlasten, gnädige Frau, um die Kopie des Schlöffe« nehmen zu können," sagte der Künstler, indem er sich zum Gehen anschickte. (Sortsetzung folgt.)