Einzelbild herunterladen
 

XX. Jahrgang

Marburg, Mittwoch, 1. Juli 1885.

fir. 1«

GerMlhr jtitiino

sich vor der Kirche hinzieht, standen die von einem prächtigen Blumenflor umgebenen Büsten Sr. Majestät des Kaisers und des Hochfeltgen Königs Friedrich Wilhelms III., in dessen Gegenwart einst die Kirche ihre Weihe empfangen hatte. DaS Innere war nicht minder festlich geschmückt. Hinter dem Altar erhob sich ein buschiger Lorbeerhain; die Kanzel zierte eine Gutrlande, in der duftige Rosen ringe« flochten waren; der Balustrade der Emporen entlang zogen sich Laubgewinde in doppeltem Bogen, während um die Kandelaber Eichenkcänze gehängt waren- Um 10 Uhr vor­mittags fand in den geweihten Räumen ein Festgottesdienst statt, dem als Vertreter des Ober-KircheoratS Präsident Hermes, als Vertreter des Konsistoriums Präsident Hegel, sowie eine Deputation der städtischen Behörden beiwohnten. Der von der Gemeinde mit Posaunenbegleituvg gesungene Choral:Allein Gott in ter Höh* eröffnete die Feier. . Der vom DiakonuS Berlin abgehaltenen Liturgie war die große Doxologte von BortnianSki eingefügt. Alsdann trug der Kirchenchor eine Jubelkantate vor, welche der Organist und Kantor der Gemeinde, G. Gäbler, zur Feier des Tages nach Psalm 95 und einer Dichtung des Superintendenten Em. Quandt komponiert hatte. Die Festpredigt hatte Superintendent Quandt übernommen. Ec legte verfelben die Worte aus 3. Mof. 25, 10:Und ihr sollt das 50. Jahr heiligen* zu Grunde, erinnerte daran, wie vor 50 Jahren innerhalb weniger Wochen 4 Kirchen in Berlin geweiht werden konnten, gab in kurzen Zügen ein Bild der Ge­schichte der Kirche und hob mit freudigem Stolze hervor, daß sowohl Se. Majestät der Kaiser wie auch der Kron­prinz der Gemeinde ihre Glückwünsche übersandt hätten. Die Reise nach OclS habe Se. Kaiserliche Hoheit den Kron­prinzen verhindert, persönlich der Feier beizuwohnen. Die Schlußliturgie, mit der die Feier ihr Ende fand, hielt Archi- d'akonur Baumann. An den Thüren der Kirche wurde zur bleibenden Erinnerung an den Tag eine von dem Suprrintendeuten Quandt verfaßte Festschrift verteilt.

Dresden, 29. Juni. Infolge der fortgesetzten sozialistischen Agitation unter den hiesigen czechischen Arbeitern hat. die Polizeidirektion eine größere Anzahl derselben von hier auS- gcwiesen und den böhmischen VereinCzeSky-Klub* aufgelöst.

Im Ban« des Schicksal».

Roman von Moritz Lllie.

(Fortsetzung)

Laste» Sie mich kurz seta, H rr Wallburg, ich habe ohnedies Ihre Aufmerksamkeit vielleicht schon zu lange in Anspruch genommen!* begann dir ehemalige Sängerin nach längerer Pause wieder.Die Klugheit überwand alle dieser Verbindung evtgegensteheude» Bedenken, vielleicht war eS auch ein wenig Eitelkeit mit, die mich zu einer dem Be­werber günstigen Entschließung gelangen ließ. Frau Baronin l klang eS mir in den Ohren, ich sah im Geiste das Wappen derer von Rodow!cz als mein eigene» auf meiner Wäsche meinen Services prangen, mich von Lakcten in Hellblau mit Silber, den Farben de« Hauses, bedient, und auf dem Wagenschlage der eigenen Equipage, in welcher ich an der Seite meines Gemahl« dahinfuhr, das Monogramm unsere« Namen» mit der Freiherrn-Kcone darüber.

Al» nach einigen Wochen der alte Herr wieder bei mir vorfuhr, um sich die Entscheidung auszubitten, da sagte ich ohne Bedenken Ja, und kurze Zeit darauf verband uns die Hand des Priester« am Altäre.

DaS Einzige wa« mir den Entschluß erschwerte, war dir Bedingung des Baron», der Bühne für immer zu ent­sagen, aber ich tröstete mich damit, daß ich ja meine Kunst auch zu Hause übm konnte.

Noch am Tage unserer Trauung reisten wir nach Polen ab, um wenige Monate auf dm Gütern meine» Mannes zu verleben.

Und nun begann eine herrliche Zeit für mich, n Mein Gatte war so liebenswürdig und aufmerksam wie xia Troubadour, in ungetrübter Freud« zogm dl« Tage an

Deutscher Reich.

Berlin, 29. Juni. Der Kronprinz ist au» Schlesien am Moniag Morgen wieder wohlbehalten in Potsdam ein« getroffen. DerStaatS-Anz.* schreibt zu der Reise: Verschiedene Zeitungen legen bei der Wiedergabe der An­sprache des Kronprinzen an sein Dragoner-Regiment zu Oels Höchstdemselben das WortNachod* - Dragoner in den Mund. Dies Wort ist nicht gebraucht worden. Der Minister v. Puttkamrr ist am Montag Morgen aus der Provinz Westfalm nach Berlin zurückgekehrt. Wie es heißt, wird derselbe Ende dieser Woche eine neue, achttägige Dienstreise nach Schleswig-Holstein antreten. Zwischen Preußen und Rußland wurde nach längeren Verhandlungen ein Abkommen wegen gegenseitiger Anerkennung der Rechtsfähigkeit und der GerichtSstandsfählgk-it gtltig errichteter Atttengesell« fchaften abgeschlossen, welches dem Bundesräte zur Zustimmung vorliegt. Der Minister des Innern hat an die RegierungS- Prästsenten u. f. w. folgenden Zirkular-Erlaß gerichtet: Nach einem, von dem Herrn Finanzminister mir mttge- tetlten Schreiben de» Herrn Staatssekretärs des Auswär­tigen Amts vom 1. d. MtS. sind die Kaiserlichen Kon­suln angewiesen, Nachlaßgelder, die au« Hinterlassenschaften im Auslande verstorbener Personen an deutsche Reichs­angehörige auszuzahlen sind, dem Auswärtigen Amt zu übermitteln, worauf letzteres die Verteilung, soweit Preußen in Betracht kommt, durch die Provinzial - R-gieruugen be­wirken läßt. Behufs Sicherung des FisknS gegen Ver­luste ersuche ich Ew. Hochwohlgeboren ergebenst, in solchen Fällen, sofern der Erblaffer ein preußischer Staatsange­höriger gewesen ist, den Königlichen Provinzial - Steuer- dtrektor von dem Erbfalle und der Höhe der an die ein-

vesttllungeu für da«

III. Quartal

auf die

Overhessische Zeitung

nebst deren Beiblätter

Amtlicher Anzeiger für die Kreise Maröurg und Kirchhain

und

Illustriertes Sonntagsvkatt

werden bei allen Postämtern entgegengenommen, auf dem Lande auch von den Landpostboten.

Wir ersuchen unsere auswärtige» Leser, ihre Abonne­ments baldigst erneuern zu wollen, damit in der Ucber- sendung keine Unterbrechung erfolgt.

Neu eintretende hiesige Abonnenten erhalten die Oberh.

Zeitung vom Tage der Bestellung bis z«m 1. Juli gratis.

Dir Expedition der Gderhesfische« Zeitung.

Wöchentliche Beilagen: Anitlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

«.scheint täglich außer an , Mrktagen nach Sonn- und »riertagen. Quartal- bsrtWE's Ei Postämter 2 Mk. 50 I «,g. (epi. Bestellgeld). 4nsertionsgebahr für die

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte«, f »wied.Annoncen- Bureaux von Haasenstein undVoaler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Wien: RudolfMoffe in Frankfuri a. M., Berlin,München und

Köln: B. L. Daube und

So. in Frankfurt a- M* Berlin,Hannover «. Pari».

Ausland.

Lauda«, 29. Juni. Wie derStandard* erfährt, wird das Kabinett demnächst sich mit der durch die Räu­mung DongolaS und de« Sudan geschaffenen Lage ange­legentlich beschäftigen; die Politik, welche zur PreiSgebung dieser Provinz geführt habe, werde einer sehr sorgfältigen Prüfung unterzogen werden und da« Kabinett dürfte, wie derStandard* andeutet, die Wiederbesetzung von Don- gola beschließen.

Bukarest, 29. Juni. DieBukarester Zeitung* schreibt: Ungeachtet der Drohung Frankreichs mit der Grenz­sperre wird am 1. Juli der autonome Tarif eingeführt

gelangte, es hätten sich zahlreiche Wölfe gezeigt, die den Bauern vielfach Schaden au ihrem Viehstande zufügten.

Sofort wurde eine große Jagd verabredet und die Be­sitzer der umliegenden Edelhöfe dazu ringelnden. Auch Natalie und ich wollten un« zu Pferde an dieser Jagd be- teiltgen, die an sich keine große Gefah-, wohl aber für un» den Reiz der Neuheit bot.

Etwa zwölf Personen stark, darunter fünf Domestiken, sämlltch zu Pferde, brach an einem mondhellen Abende die Jagdgesellschaft auf, wohlverwahrt und wvhlbepackt mit allen zu einem solchen AuSflnge nötigen Requisiten.

Ein eisiger Nordwind pfiff uns um die Ohren und der Schnee knirschte unter den Hufen unserer Roffe al« wir durch die öde, düstere Landschaft dahinritten.

Zur Linken streckte sich ein mächtiger, melancholischer Fichtenwald dahin, rechts lagen beschneite Felder, au« denen sich in der Ferne die Hüttchen und Häuschen eine« zu Rodowicz gehörigen Dorfe« mit seiner armseligen au« Bret­tern erbauten Kirche erhoben.

Die ganze Gegend hatte etwa« unendlich Traurige«, Trostlose», und die fröhliche Stimmung, welche bei dem Aufbruche unsere Gesellschaft beherrscht hatte, schwand allmälig unter dem Eindrücke, den die tote, Im Winterschlafe liegende Natur ans un» machte, die mir in dem bleichen Lichte des Monde« wie ein weiter Kirchhof erschien, auf welchem die Häuser des Dorfes im Dimmerscheine wie Grabhügel her- vorragtrn.

An der Spitze de» kleine« Zuge» ritt mein Satte al» Führer, ich ihm zur Seite und hinter un» Natalie mit ihrem Vater, denen die übrigen Teilnehmer folgten.

(Fortsetzung folgt.)

zelnen Erben oder Vermächtnisnehmer zur Auszahlung kommenden Beträge zu benachrichtigen, damit wegen Be rechnung der Erbschaftssteuer das Erforderliche veranlaßt werde. Nach den bestehenden gesetzlichen Vorschriften ist die diesseitige Erbschaftssteuer von dem Nachlasse aller preußischer Staatsangehörigen mit Ausnahme von den etwa dazu gehörigen, außerhalb Preußen belegenen Grund­stücken und Grundgerechtigkeiten zu erheben, gleichviel, ob die Erblaffer im Preußischen ihren Wohnsitz hätten oder nicht. In derKreuz Ztg.* heißt es, daß die Be­setzung de« Statthalterpostens in Elsaß - Lothringen, nicht durch einen Prinzen des Königlichen Hause« erfolgen wird, weil einem solchen in mancher Beziehung recht wünschens­werten Austrage der Angelegenheit eine Menge Hindernisse entgegen stehen. Neben persönlichen sprechen hier schwer­wiegende Fragen allgemein politischer Natur mit, wobei die Frage, ob ein Systemwechsel förderlich sei oder nicht, die erste Stelle einnlmmt Die gänzlich heterogenen Jn- tereffen der Nationalitätsverhältniffe, Stimmungen u. s. w. der beiden Reichslande stellen der Gemeinsamkeit der Ver­waltung Schwierigkeiten über Schwierigkeiten entgegen; es ist deshalb wohl nicht zu vi l gesagt, wenn man aus­spricht, daß durch eine einfache Erhebung irgend einer her­vorragenden Person zur Statthalterwürde tte Angelegenheit durchaus nicht kurzer Hand zu erledigen ist. Da überdies durch den plötzlichen Tod des Feldmarschall - Statthalters die ganze Frage naturgemäß das Reichskanzleramt über­rascht und unvorberelttt findet, so ist wohl kaum zu ver­wundern, daß bi« jrtzt über dieselbe noch keine definitive Entscheidungen getroffen stad. Die Schlosser beschlossen auf ihrer gestrigen Versammlung, heute früh die Arbeit dort einzustellen, wenn ihre Forderung eines lOstündigeu Maximalarbeitstages nicht gewährt werde. ES wird be­stätigt, daß zwischen den verschiedenen Ministerien Ver­handlungen über eine dem nächsten Landtage zu machende Kanalvorlage stattgefunden haben. Den Anlaß dazu bot der Beschluß deS Abgeordnetenhauses vom 8. Mal, in welchem neben der Aufforderung, die technischen und finan­ziellen Vorarbeiten für ein den Osttn und Westen nnb i ie Verbindung beiter gleichmäßig berücksichtigendes umsaffende« Kanalsystem zum beschleunigten Abschluß zu bringen, die Bereitstellung der Mittel, um die Spree vom Dämeritz- See bis NeuhauS in den Dimensionen des Friedrich- Wilhelms - Kanals zu einer leistungsfähigen Wasserstraße auszubauen, für das nächste Jahr, und alsdann die Fort­setzung der Oderregulierung bis zu dem oberschlestschen Montanrevier, gefordert wurde. Dem Vernehmen nach ist eine Verständigung erzielt worden.

Die St. Elisabethkirche beging gestern die Jubel­feier deS 50jährigen Bestehens. Das nach Schinkels Plänen gebaute Gotteshaus, dem eine Gemeinde von 50 000 Seelen zugehört, hatte zu Ehren des Tages reichsten Festschmuck angelegt. In den beiden Nischen der Säulenhalle, welche

uns vorüber, jeder kommende Morgen schien mein Glück zu erneuern.

Vor dem Schlöffe befand sich eine g-räumige Terrasse, mit großen steinernen Vasen und lebensgroßen Figuren geziert.

Dort saßen wir an schönen Sommerabenden in einer von wildem Wein umrankten Laube in Gesellschaft eines GutSnachbarS und seiner anmutigen Tochter, die sich bald mtt solcher Innigkeit an mich anschloß, daß wir unglücklich waren, wenn wir un» einen Tag nicht sehen konnten.

Unter Scherzen und Lachen vergingen die Stunden, die ich zu den schönsten meines Leben« rechne; Immer enger koüp-te sich da« Freundschaftsband zwischen mir und Natalie, der Tochter d S Gutsnachbar», und al« dieser einst eine längere Reise avzutreten gezwungen war, ruhte ich nicht eher, al« bl« sie einwilligte, während der Zeit der Abwesen­heit ihres Vater« ganz bei uns zu wohnen.

So verging der Sommer der Herbst, und der Winter nahte mit raschen Schritten.

Wir hatten uns in Rodowicz so elngewöhnt, daß mein Gatte auf meine Bitten den Plan, die rauhe Jahreszeit in Warschau zuzubrtngen, aufgab, und wir auf unserkm Schlöffe blieben.

Gesellschaften, Schlittenpartien, kleine HauSbälle, sogar Redouten, <-n denen sich die Gutsnachbarn mit ihren Ange­hörigen beteiligten, brachten un« reiche Abwechslung und ließen uns da« Unangenehme, das in jenen Gegenden ein Winter auf dem Lande hat, vergessen.

Mein G mahl gehörte stet« zu den heitersten, e« schien in der That, al» sei et wieder ganz jung geworden.

ES war gegen Ausgang des Winter«, Ende März, al» au» mehreren Dörfern de» Gutsbezirkes die Kunde zu un»