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Marburg, Dienstag, 30. Juni 1885.

XX. Jahrgang.

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Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal» AbonnementS-Preis bei der Expedition 2*/t Mk., bei den Postämter S Mk. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zelle 25 Pf,.

AeWschk ZeitW

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. -

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

vestelluuge« für das

III« Quartal

auf die

Overhessische Zeitung

nebst deren Beiblätter

Amtlicher Anzeiger für die Kreise Maröurg und Kirchyain und

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Die Expedition der Overhesfischen Zeitung.

Die Zahl der im Auslaude lebende» Deutsche«.

In dem soeben ausgegebenen 6. Jahrgange des Sta­tistischen Jahrbuches für das Deutsche Reich finden flch Mitteilungen über die Zahl der Deutschen im AuSlande, welche die Freunde und Anhänger unserer kolonialen Be­strebungen interessieren dürsten. Die Ermittelungen biß statistischen Amtes fußen aus den statistischen Quellenwerken und amtlichen Mitteilungen der einzelnen Staaten und be­ziehen sich teils ans die flch in den betreffenden Staaten aushaltenven Reichsangehörigen, teils auf die im Deutschen Reiche Geborenen, unter welchen letzteren auch solche Per­sonen figurieren, die inzwischen die deutsche Staatsangehörig­keit ausgegeben haben. Insgesamt beziffert sich die Zahl der im Auslande lebenden Deutschen aus 346255 Reichs­angehörige und außerdem 2162252 im Deutschen Reiche Geborene. Mau wird der Wahrheit ziemlich nahe kommen, wenn mau die Gesamtzahl oller im Auslände lebenden Personen deutschen Stammes, gietchviel, ob dieselben in­zwischen die deutsche Nationalität aufgegeben haben oder nicht, auf etwa drei Millionen schätzt. Die meisten Deutschen, 1966742, befinden sich in den Vereinigten Staaten; ste sind den Gesetzen des Landes entsprechend in ihrer großen Mehrzahl amerikanische Bürger geworden. Nächftdem zählt Oesterreich-Ungarn 98000 Deutsche, davon 4369, also ein relativ geringer Bruchteil, in Ungaen leben. Die Schweiz zählt 95262, Frankreich 81988 deutsche ReichSangehörige. Bemerkenswert gering ist die Zahl der Deutschen in Eng­land. Sie beläuft sich auf etwa 40000 Köpfe und steht auf einem Niveau mit der deutschen Bevölkerung der Nieder­lande, Belgiens uns Dänemarks. Für Rußland habm authentische Ziffern nicht ermittelt werden können, obwohl in diesem Lande daS deutsche Element sehr zahlreich der

treten ist. Wenden wir unS nach den überseeischen Ländern, so ist von dm südamerikanischen Ländern Brasilien da« wichtigste Anstedlungszebict für Deutsche geworden. ES wohnen daselbst bereits 44000 Deutsche, und wie eS den Anschein hat, wird die Auswanderung nach diesem Lande mit Unterstützung deS Deutschen Kolonialvereins in nächster Zeit noch besonderen Aufschwung nehmen. Argentinien und Ehlle, Uruguay und Venezuela haben auch bereits mehrere Tausend Deutsche ausgenommen. In Afrika ist Algier mit einer deutschen Bevölkerung von 4201 Seelen hervorzu­heben, wogegen in Egyten nur 948 Deutsche ansässig sein sollen. Endlich ist in neuerer Zeit Australien ein bevor­zugtes Ziel der deutschen Auswanderer geworden. ES find dort bereits 42129 Deutsche angestedelt und steht zu er­warten, daß unsere Gebietserwerbungen in der Südsee diese Zahl bald wesentlich vermehren werden. Im vergangenen Jahre hat allerdings die Auswanderung nach Australien vorübergehend abgenommen von 2104 auf 660 Personen, was den ungünstigen wirtschaftlichen Verhältniffeu in jenem Lande zuzuschreiben Istr

Deutscher Reich.

Berlt«, 27. Juni. DerReichs-Anz." veröffentlicht die Beschlüsse deö BundeSrateS, betreffend die Zolltarasätze für die Verzollung verschiedener, nach dem Texte des neu­redigierten Zolltarifgesetzes bezeichneten Waren. Außer t er braunschweigischen Frage wird der BundeSrat in seiner nächsten Sitzung in nächster Woche auch noch die Ver­gebung der Dampfersubvention erledigen. ES ist ihm dar­über eine Vorlage zugegangen, welche hauptsächlich die Offerte deSNorddeutschen Lloyd" in Bremen behandelt und außerdem auch alle von anderen Seiten gemachten Vorschläge berührt. Die Auöschüfle haben diese Vorlage bereits heute beraten und werden in der nächsten Sitzung darüber Bericht erstatten. Für die Zett vom Beginn des Etatsjahres bis zum Schluß des Monat- Mai 1885 haben di- Einnahmen der Post- und Telegr phen-Bern al- tung 27380265 Mk. (293616 Mk. mehr als im CtatS- jahre 18851886), die der Reichs-Eisenbahn Verwaltung 7712200 Mk. ( 103930 Mk.) betragen. Die vom Bunde der Bau-, Maurer- und Zimmermeister eingesetzte Kommission der Strikebeweaung verbreitet ein Zirkular, in dem es heißt: Die Kommission ist der Meinung, daß die jetzige Arbeitseinstellung der Maurer, wie jede spätere Ar­beitseinstellung überhaupt, ihren nachteiligen und drohenden Charakter verlieren würde, wenn ein partieller oder allge­meiner Strike vom Richter ols eine vis major angesehen würde, welche d n Vertrag zwischen den Bauherren und den Bauunternehmern ohne weiteres aufhebt, so daß eine Äon» venitonalstrase für die verzögerte Fertigstellung deS Baues nicht erhoben werden dürste, auch der Bauherr nicht be­rechtigt fein dürfte, sich wegen eines durch die Bauver­zögerung entstandenen Schadens an den Unternehmer zu hal'en. Die heute vormittag abgehaltene Geueralver-

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. Blattes, fowied.Annoncrn- Bureaux von Haafenstein undBogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Men; RudolfMoffe in Frankfurt o. töt, Berlin,München und

Köln: ®. 8. Daube und So. in Frankfurt «. 9JL, Berlin,Hannover u. Paris.

Illustriertes Sonntagsblatt.

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sammlung der Steinträger und Bauarbeiter Berlin» und der Umgegend beschloß, einen Bund der Steinträger zu be­gründen, und genehmigte ein bereits ausgearbeitetes Statut. Danach ist Zweck des Bundes die Regelung der Lohnfrage, Einführung einer Lohnstatistik und eines Arbeit» Nachweise- büreauö, unentgeltliche Gewährung von Rechtsschutz bei ArbettSstreitigkeiten mit den Arbeitgebern, 101/2stündige Maximalarbeitszeit und vollständige Abschaffung der Sonn- tagSarbeit. Ferner wurde der bereits am 25. Juni be­schlossene Streik als gerechtfertigt anerkannt und beschlossen, sich dem Streik der Maurer arzuschlleßen und die Arbeit überall niederzulegen. Die Lohnkommisston hat bereits den Meistern einen Lohntarif zur Annahme unterbreitet. Die Arbeitszeit soll nicht vor 5V2 Uhr morgen» beginnen und nicht über 6 Uhr abends ausgedehnt werden. Der Lohn ist jeden Sonnabend voll auf der Baustelle auszuzahlen.

28. Juni. Gegenüber der Nachricht russischer Blätter, daß Deutschland einen Hafen auf Quelpart an der Küste Koreas oder auch diese ganze Insel okkupieren werde, erklärt dieNordd. Allz. Ztg.", In amtlichen Kreisen Deutschlands sei niemals auch nur der Gedanke besprochen worden, einen Hafen, eine Insel oder Land an den Meeren, von welchen Korea bespült wird, zu er­werben. Die Lehmannsche Spinnerei in Niederschön­weide bei Berlin, welche erst zwei Jahre im Betrieb gewesen ist, brannte bis zum Erdgeschoß nieder, trotz angestrengter Thättgkeit der Berliner, Cöpnicker und Rix:orfer Feuer­wehren. Eine stark besuchte Versammlung von Maurern beschloß die Fortführung des StrtkeS bis zur Gewährung eines höheren Lohnes.

DieKons. Korresp." schreibt: Am 26. Juni ist e» gerade ein Jahr, dH der Reichskanzler seine bedeut­samen Erklärungen über unsere Kolonialpolitik abgab. Was seitdem auf diesem Gebiete praktisch geleist t worden ist, erscheint erstaunlich. In Afrika und Oceanien haben wir jetzt einen Besitz, der den Flächeninhalt deS Deutschen Reiches weit übersteigt. In Oceanien allein beläuft er sich auf etwa 5000 Quadratmeilen; in West- und Ostafrika wohl auf das doppelte; doch fehlten dort noch feste Grm« zen. Auch die Dampfersache ist inzwischen so weit geför­dert, daß der Beginn der regelmäßigen Fahrten de»Nordd. Lloyd" in Bremen nach Ostasten wie nach Australien viel­leicht schon im Laufe deS Herbstes wird beginnen können. Und alles das in einem Jahre! Freilich liegen schon Kämpfe dazwischen, die den Beteiligten stets eine unerquick­liche Erinnerung bleiben w rden. Allein die Nachwelt wird davon keine unmittelbare Empfindung haben. Ihr werdkn die Erfolge selbst genügen.

OtlS, 27. Juni. Die 25jährtge JublläumSfeier de» achten Dragoner-Regiments wurde durch die Anwesenheit des Kronprinzen verherrlicht, in deffen Begleitung sich neben den militärischen Vorgesetzten deS Regiments vom kommandierenden General abwärts auch der Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein befand. Der Kronprinz

Im Bau« des Schicksals.

Roman von Moritz Lilie.

(Fottsetzunp)

Die Baronin fuhr in ihrer Erzählung fort.Man soll nicht seinen eigenen Wert unterschätzen," versetzte der Freiherr mit sanftem Ernst,und ich bin unbescheiden ge­nug, mir in musikalischen Dingen Verständnis und Urteil zuzutrauen. Aber davon ein anderesmal; der Zweck, der mich veranlaßte, Sie heute zu belästigen, ist ein anderer."

Es entging mir nicht, daß auch dieser gewandte Kavalier mit einer gewiffen Befangenheit kämpfte; um so gespannter war ich auf seine Mitteilungen.

Ich bin über die Jahre hinaus, mein Fräulein, wo man der Geliebten weltschmerzliche Gedichte widmet und sich mit Selbstmordgedanken trägt, wenn die Angebetete mit einem Andern ein freundliches Wort wechselt," fuhr der Baron fort, nachdem er seine volle Ruhe und Faffung wieder ge­wonnen zu haben schien.

Mit den Jahren ändern flch die Anschauungen auch in dieser Hinsicht ganz gewaltig, man überlegt reiflicher, prüft genauer und eist dann pflegt man zu handeln. Sehen Sie, mein Fräulein, auch ich habe geprüft und überlegt, und das Resultat ist die Kenntnis, daß ich die mir noch beschiedenen Lebensjahre nicht einsam und verlast en, sondern in Gemein­schaft mit einem Wesen verleben möchte, da» mir freundlich zur Sette steht, da» mit mir genießen, mit mir die Annehm­lichkeiten des Leben», die ich ihm zu bieten vermag, teilen will. Und ein solche» Wesen glaube ich in Ihnen, mein Fräulein, gefunden zu haben.

Ein jäher Schreck durchzuckte meine Glieder bei dieser mir gänzlich unerwarteten Wendung; Herr von Rodowiez bemerkte es.

Ich verlange nicht Liebe von Derjenigen, die mir ihre Hand reicht, wohl aber hoffe ich, mir Ihre Achtung zu er­werben," nahm er wieder da» Wort;und wenn ich mein Auge auf eine Dame geworfen habe, die noch in der voll­sten Jugendblüte steht, so geschieht es, weil ich ein heitere» lebenslustiges Wesen um mich haben möchte, und nicht eine Frau, von der ich fürchten muß, daß ihre reiferen Jahre auch bereits Launen, wenn nicht gar Grillen hervorgeru'eu haben können.

Ich will Ihr mehr väterlicher Freund und Beschützer al« Gemahl, Sie soll-n mir m hr mit kindlicher Zuneigung als mit ehelicher Zärtlichkeit zugethan sein; auf diese Weise soll der Unterschied der Jahre Beiden weniger fühlbar werden."

Eine Pause entstand.

So sehr mich Ihr Antrag auch ehrt, Herr Baron, so vermag ich doch nicht in diesem Augenblicke einen Entschluß zu fasten," stammelte ich ein wenig gefaßter,das Plötzliche, Unerwartete Ihres Anerbietens wird mich gewiß entschul­digen, wenn ich um eine kurze Bedenkzeit bitte."

Der Freiherr nickte zustimmend.

Ganz gewiß, mein Fräulein; ich bin wett entfernt, Sie in diesem Augenblicke zu einer bestimmten Antwort drängen zu wollen," erwiderte er mit gewinnender Freund­lichkeit. Mir genügt zunächst schon die Gewißhett, daß ihr Herz noch frei ist, daß Sie mein Anerbieten überhaupt in Erwägung ziehen wollen. Ich bin mit Glücksgütern reich­

lich gesegnet, meine Gattin wird dereinst auch meine Erbin sein. Einige dringende Angelegenheiten rufen mich auf meine Güter in Polen; morgen reise ich ab und kehre in drei ober vier Wochen nach Wien zurück, und bann, mein Fräulein, werde ich mir Ihre Entscheidung holen."

Er reichte mir die Hand zum Abschied und schaute mich mit so selts-m wehmütigem Blicke an, daß ich mich eine» leisen Mitgefühl» nicht zu erwehren vermochte.

Als et fort war, ließ ich mich krank melden; ich hätte keinen Ton zu singen vermocht, die innere Unruhe und Er­regung lasteten so beänstigend auf mir, daß ich das Fenster öffnen und frische Lust schöpfen mußte. Die Gestalt de» Baron» trat wieder vor mein innere» Auge und je mehr ich mir das feine, von einem gutrnütgen, jovialen Zug be­lebte Angesicht in» Gedächtniß zurückrief, desto weniger ab­schreckend fand ich seine Werbung. Zwar konnte et fast mein Großvater fein, denn er hatte die Sechzig längst über­schritten! Aber e» schien mir, al» wäre ein Zusammenleben mit diesem Greise etwas keineswegs so AußerordentticheS, als es auf den ersten Blick erschien, man mußte sich nur erst ein wenig an diesen Geoarkn gewöhnen."

Ludmilla schwieg; gedankenvoll schaute ste vor sich hin, sie schien jene Stunden, in denen sie prüfte und erwog, ob ste die Werbung deS Freiherrn annehmen oder ablehnen solle, noch einmal zu durchlebe». Herbert wagte nicht, He junge Frau zu stören, aber sein Blick hing, mtt Bewun­derung an ben schönen Zügen, an benen selbst ble kritische Sonde deS Malers keinen Makel zu entdecken vermochte.

(Fortsetzung folgt.)