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Nr. M9.
JKarfiurg, Sonntag, 28. Juni 1885.
XX. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 21/» ÜRL, bei den Postämter 2 Mk. 50 Psg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg. Reklamen für die Zeile 25 Pf».
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Politische Wochenschau.
Unser Kaiser hat Anfang dieser Woche die regelmäßige Trink- und Badekur in ErnS begonnen und zwar zunächst in seinen Gemächern. Im übrigen lauten die Berichte über daS Befinden des hohen Herrn durchaus befriedigend und unternimmt derselbe, begünstigt durch die anhaltend schöne Witterung, im offenen Wagen täglich Ausfahrten in die Umgebung von Cms. Auch Fürst BtSmarck bekommt der Aufenthalt in Kissingen vortrefflich und ist namentlich von Gestchtöfchmerzen, von denen er in den letzten Tagen deS Mai heimgesucht wurde, keine Spur mehr vorhanden.
Die politischen Nachrichten in Bezug auf die inneren Angelegenheiten lauten immer dürftiger und tu der Art und Weise, wie die TageSpreffe auf gewiffe, einstweilen schon genügend erschöpfte Themata immer wieder zurückkommt, wie auf die Frage, wer der Nachfolger deS verstorbenen Statthalters Freiherrn von Manteuffel in den Reichslanden werden solle und anderes dokumentiert ziemlich deutlich den sich immer fühlbarer machenden Mangel an eig ntlichem politischen Stoff. In dieser oder Anfang der nächsten Woche dürste noch eine wichtige Angelegenheit, die schon Wochen lang daS Interesse auch weiterer Kreise erregt hat, ihre vorläufige Erledigung finken. — Der von Preußen im BundeSrate bezüglich deS Herzogs vou Cumberland gestellte Antrag, nachdem dem BundeSrate zuvor offenbar Mitteilung von den Konferenzen gemacht worden war, welche in Kissingen zwischen dem Fürsten Bismarck und den bayrischen Ministern v. Lutz und v. Crailsheim wegen der braunschweigischen Angelegen-
Jm Bttuu des Schicksals.
Roman von Moritz Lllie.
(Fortsetzung.)
„Für mich knöpfen sich Erinnerungen ganz eigener Art 6tt daS Schloß," fuhr Ludmilla fort, ohne auf die Kritik deS Künstlers einzugehen, „aber gerade diejenigen Punkte, welche für mich von besonderem Jateresie sind, hat der Maler unbeachtet gelaffen. Der kleine See, dm Sie auf dem Bilde sehen, war mir stets verhaßt, am Gondelfahrm fand ich nie Vergnügen und so blldete das Gewässer für mich nur noch die Brutstätte für Milliarden lästiger Mücken, dir für uns zeitweilig geradezu zur Landplage wurden. Deshalb möchte ich ein Bild des SchloffeS vou der Landfeite haben, wo jene Plätzchen Hegen, die mir lieb und teuer sind. Die Bauart von Rodowicz ersehen Sie auf dem Gemälde, die Architekturen der Fecade mit dem Portale freilich müßte ich Ihnen ebenso wie die nächste Umgebung des SchloffeS schildern, wenn die Darstellung eine naturgetreue werden soll. Aber vor Allem die Frage: wollen Sie sich dieses kleinen Auftrages unterziehen?"
In fast flehentlichem Tone, als fei Herbert der einzige Maler auf der Welt, sprach ste die letzten Worte aus, und ein so inniger, bittender Blick begleitete dieselben, daß der junge Künstler zugestimmt haben würde, selbst wenn eS sich um ein lebensgefährliche« Uatemehmen gehandelt hätte.
„Gewiß will ich das, gnädige Frau, Ihr Vertrauen ist für mich nur ehrenvolll" versetzte er rasch, und ein glückliches Lächeln auf dem Anlitze der schönen Frau lohnte seine Zusage.
„Um meine Vorliebe für einzelne Oertlichketten deS alten RitterfitzeS versteh« zu Urnen, darf ich Ihn« nicht
heit gepflogen worden sind. Einem On dit zufolge sollen die layerischen Minister dem Reichskanzler die Bereitwilligkeit ihrer Regierung versichert haben, dem preußischen Ar- tragr bezüglich de« Ausschlusses de« HwzogS vou Cumberland von der Thronfolge in Braunschweig zuzustimmen, nur soll die bayerische Regierung eine andere Motivierung gewünscht haben. Nun, eS wird dem Fürsten Bismarck schließlich gleichgültig sein, in welches äußere Gewand man den Antrag kleidet, die Hauptsache bleibt ihm doch die Annahme deS Antrages seitens deS Bundesrates und daß diese erfolgen wird, vielleicht zur Stunde schon erfolgt ist, bleibt nach wie vor unzweifelhaft. Nach dieser vorläufigen Erledigung der braunschweigischen Affaire ist in der That in der inneren Politik keine Frage von einiger Bedeutung mehr vorhanden, auch daS Gezänk im sozialdemokratischen Lager reicht über den Rahmen eines häuslichen Zwistes nicht hinaus und was die Neuwahlen zum preußischen Abgeordnetenhaufe anbelangt, so werden dieselben voraussichtlich so spät vorgenommen werden, daß die Vorbereitungen hierzu sich jetzt noch nicht recht bemerkbar machen können. Die innere Politik ist also durch nichts mehr gehindert, in ihren alljährigen Sommerschlaf zu fallen und wenn derselbe ein recht kräftiger und langer wird, so schadet das schließlich auch nichts.
Die drei auf deutschen Werften gebauten und von der chinesischen Regierung bestellten Panzerschiffe sollen, da der Friedensschluß zwischen Frankreich und China nunmehr perfekt geworden ist, demnächst nach China übergeführt werden. Als Tag des Antritts der Reife nennt man den 2. Juli, bis dahin werden die chinesischen Panzerschiffe im Hafen von Kiel verbleiben.
In Stettin ist am Mittwoch die Feier des 400jährtgen Geburtstages des Reformators Johannes Bugenhagen unter Teilnahme weiterer Kreise begangen worden. (Johannes Bugenhagen, geboren den 24. Juni 1485 zu Wollin, durch innige Freundschaft mit Luther und M lanchthon verbunden, wirkte neben ihnen seit 1521 zu Witt nberg als Lehrer an der Universität und als Pfarrer. 1528 ging er zur Ordnung des Ktrchen- wesenS nach Braunschweig, 1529 zu gleichem Zwecke nach Hamburg, 1530 nach Lübeck, 1535 nach Pommern; im folgenden Jahre ward er Generalsuperintenkent des Kur- kitiseS Sachsen und starb als solcher den 20. April 1585. Bugenhagen hat sich durch seine Kirch nordnungen und seine Anteilnahme an der lutherischen Bibelübersetzung große Verdienste um die deutsche Kirche erworben und gilt daher neben Luther und Melanchthon mit Recht als der einflußreichste Vertreter der deutschen Kirchenreformation.)
DaS politische Leben in Oesterreich hat jetzt, nachdem die Reichstagswahlen vollständig vorüber find, wieder einen ziemlich gleichmäßigen Wellenschlag angenommen. Speziell für diese Woche giebt eS aus Oester
bloS ein äußerliches Bild desselben entwerfen, sondern ich muß Sie auch mit den Vorkommniffen vertraut machen, die mich au ihn feffeln," sagte die Baronin nach einer kurzen Pause.
„ES wird daS wesentlich dazu beitragen, Ihre künstlerische Phantasie zu beleben und dem Gemälde jenen poetischen Hauch zu geben, der itnem Kunstwerke erst den wahren Wert verleiht."
Vor vier Jahren noch war ich gleich Ihnen eine Jüngerin Apolls: auf den Brettern, welche die Welt bedeuten, feierte ich meine Triumphe; als Primadonna eines hervorragenden Theaters war ich — ohne Selbstlob — der Liebling des Publikums, und nie sah ich ein leeres Haus, w:r n eine Oper aufgeführt wurde, in welcher ich fang.
Ich war glücklich, meine Kunst ging mir über alle», und die Anerkennung, welche ich fand, spornte wich zu immer eifrigeren Studien an. Man überhäufte mich mit Aufmerksamkeiten und Geschenken, die ich unbedenklich annahm, weil ich st- als eine Huldigung betrachtete, die man nicht mir, sondern der Kunst darbrachte.
Schon seit längerer Zett war wir ein älterer Herr ausgefallen, welcher in einer Loge de« ersten Range« seinen Platz hatte, und nie fehlte, wenn ich auftrat.
Bet jeder Aufführung sandte er mir die seltensten Blumen in meine Garderobe; die prachtvollen Bankett«, welche mir gespendet wurden, rührten von ihm her. Nach und nach ging er zu Geschenken von realistischerem Werte über; ein zwischen Blumen gebettete« Armband, ein kostbarer Fächer, ein Ring und andere Schmuckgegenstände folgten sich rasch nach einander.
Al« er mir aber an einem Abende, an welcher ich die Elsa im Loheugrin gesungen hatte, einen silbernen, mit goldenem Baud umwundenen Lorbeerkranz sandte, da wurde
reich wenig neues zu verzeichnen; auch die am Sonntag in Wien fiattgehinbene Parteikonferenz der deutsch-liberalen Abgeordneten hat nicht die Bedeutung gehabt, welche man ihr in liberalen Kreisen zu geben bkfliffm ist. Beschlüsse von besonderer Bedeutung sind auf dem Parteitag so gut wie gar nicht gefaßt worden und dagegen hat es nicht an Mahnungen zur Einigkeit gefehlt und di.S beweist, daß die deutsch-liberale Partei in Oesterreich doch fühlt, wo ste der Schuh drückt. — Die Regierung hat die auf den 28, und 29. Juni nach Welehrad anläßlich der MethodiuSfeier anberaumten Wallfahrtszüge verboten, da in der Umgegend von Welehrad, wahrscheinlich durch den dort stattfindenden Zusammenfluß von Pilgern, ansteckende Krankheiten auS- gtbrochen sind.
In Italien laboriert man noch immer an derMivisterkrisiS. Dieselbe dürfte indeffen am längsten gedauert haben, da der bisherige Minister Präsident DepretiS in der MitlwochSsttzung der Deputiertenkammer die Erklärung abgegeben hat, daß er vom König mit der Bildung eine« neuen Kabinetts betraut worden fei und daß er diesen Auftrag angenommen habe. Vou der Kammer ist das Budget ter öffentlichen Arbeiten und das Einnahmebudget genehmigt worden, die Opposition beteiligte sich an der Abstimmung.
MitdemnunmehrperfektgewordenenFrie« densfchluffe mit China ist ein Abschnitt in der auswärtigen und kolonialen Politik der französischen Republik beendigt worden, der von großen Opfern an Geld und Menschenleben erzählt, die Frankreich zur Wahrung seine« Ansehens und seiner Stellung in Ostasten gebracht hat, ohne daß das Erreichte zu diesen Opfern im rechten Verhältnis stünde. Trotzdem empfindet man In Frankreich allseitig lebhafte Genugthuung über die Beendigung des Kriege« mit China, eine Genugthuung, in die sich Indeffen gerade jetzt für die republikanische Partei ein leiser Mißton durch die Veröffentlichung der Briefe des verstorbenen Admirals Conrbet mischt. In republikanischen Kreisen war man gewohnt, den Admiral al« eine Zierde der republikanischen Partei zu betrachten und jetzt erfährt man, daß der Verstorbene die Opportunisten nur als „HanSwürste und elende Wichte" betrachtet hat und eS erfcheint begreiflich, daß in den tonangebenden republikanischen Kreisen von Paris die begeisterte Stimmung für den Sieger von Fout- chou total umgeschlagen hat. Von einer Beisetzung der Leiche Courb tS im Pantheon ist nicht mehr die Rede, die Beis tzung erfolgt vielmehr, nach Beendigung der nationalen Leichenfeier im Jnvalidendom zu Pari«, in Aibeville, der Vaterstadt Courbets, wie eS dieser in seinem Testamente auch selbst angeordnet hat. — Der Brief, den Papst LeoXIII. an den Erzbischof von Paris gerichtet hat und in welchem sich der heilige Vater in bitterer Weise über bin Uebereifer und die Hetzereien in gcwiffen klerikalen Kreisen beschwert,
es mir t ar, daß der Mann ein mehr als gewöhnliches Jntereffe an mir nahm, und daß seine Aufwerksamkeitm nicht bloS meiner Kunst, sondern auch meiner Person galten.
Am nächsten Morgen, als ich mich eben anschickte, zur Probe zu fahren, überbrachte mein Mädchen eine Karte mit der Aufschrift: „Stanislaus Freiherr von Rodowicz," mit dem Bemerken, daß der H rr mich zu sprechen wünsche. Der Name war mir gänzlich unbekannt, und ich zögerte daher ihn zu empfangen.
Ich ließ ihn deshalb fragen, ob e« sich um eine geschäftliche Angelegenheit handle, in welchem Falle ich bitten müßte sich nachmittag« wieder zu mir zu bemühen, da ich Eile habe.
Aber die Zofe kam mit der Meldung zurück, daß der Herr nur um einige Minuten Gehör bitten laffe, und in demselben Augenblicke erschien er auch schon in der Thür, bis wohin er dem Mädchen gefolgt war.
Ich war nicht wenig überrascht, in dem Besucher den alten Herrn anS der ersten Rangloge, meinen Verehrer, wieder zu erkennen.
„Verzeihen Sie, mein Fräulein, daß Ich ohne Ihre spezielle Erlaubnis eintrete, aber eine Angelegenheit von Wichtigkeit führt mich zu Ihnen", sagte er mit dem Anstande eines vollendeten Weltmannes.
„Im Gegenteil, ich muß um Sntfchulrizung bitten, daß ich Sie »arten ließ," stammelte ich, kaum im Stande, meine Verlegenheit zu bemeistern-
„Hätte ich ahnen können, daß der Herr, dem ich für die nachsichtige Beurteilung meiner Leistungen so dankbar fein muß--■
Eine abwehrende Handbewegung unterbrach mich.
(Fortsetzung folgt)