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Mr. MS.

Marburg, Sonnabend, 27. Juni 1885.

XX. Jahrgang.

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Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 21/. 8RL, bei den Postämter 2 Mk. 50 Psg. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Bfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

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Wochcntlichc Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. — Illustriertes SomitagMatt. ___________ Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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III« Quartal auf die Overhessische Zeitung nebst deren Beiblätter

Amtticher Anzeiger für die Kreise Maröurg «nd Kirchhain

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Die Tories

haben nun thatsächlich die Leitung der Regierung in Eng­land angetrcten, eö dürfte deshalb angezeigt erscheinen, einige, wenn auch noch so kurze vorläufige Angaben über die Persönlichkeiten der neuen Minister zu machen:

Der Premierminister und Minister des Auswärtigen, Marquis of Salisbury ist der dritte Inhaber diese« 1789 geschaffenen MarquisatS. Geboren am 3. Februar 1830, folglich 55 Jahre alt, erbte er den Titel 1865. Von 1853 bis 1868, in welchem Jahre er ins Oberhaus trat, vertrat er Stamford im UNerhause. Von 1866 bis 1867 bekleidete er im Kabinett Derby daS Staatsfikre- tariat für Indien, ebenso 1874 bis 1878 im Kabinett DiSraelt; in demselben Kabinett leitete er 1878 bis 1880 daS Departement des Auswärtigen. AuS dem Kabinett Derly schied er 1867 mit General Peel und Lord Car­narvon wegen einer Meinungsverschiedenheit bezüglich einer Parlamentsreformbill. Seine B.tei ignng an den Beratungen des Berliner Kongreßes von 1878 ist bekannt.

Sir Stafford Northcote, Baronet, erster Lord des Schatzamts, ist am 27. Oktober 1818 geboren un> folglich 66 Jahre alt. Er war 1843 bis 1845 Privat- fekrctär Mr. Gladstones, als dieser Präsident des HandelS- amtS war, ist UnterhauSmitglied mit einer kurzen Unter­brechung seit 1855, bekleidete von 1859 an verschiedene RegierungSämter und war seit der Erhebung Disraelts in den PairSstans Führer der Konservativen im Untcrhause.

Lord Randolph, H. Spencer-Churchill, Staatssekretär für Indien, ist der dritte Sohn des Herzog« von Marlborough, am 13. Februar 1849 geboren, also

36 Jahre alt. Ec wurde zum ersten Mal 1874 ins Unterhaus gewählt und ist erst seit vier Jahren in wei­teren Kreisen bekannt. Er hat früher noch nie ein Amt bekleidet.

Sir Michael C. HickS-Beach; Baronet, Schatz' kanzler, ist am 23. Oktober 1837 geboren, also 47 Jahre alt. Er sitzt seit 1864 im Parlament, wurde UntcrstaatS« sekretär für las Innere 1868, erster Sekretär für Ir­land 1874, Staatssekretär für lie Koloniecn 1878 bis zum Sturze Lord Beacorfiefis.

Earl Henry rc. of Carnarvon, Lordleutnavt für Irland, steht in seinem 55. Jahre. Er war von 1858 bis 1859 Unterstaatssekretär für die Koloniecn, Staats­sekretär für die Kolonieen 1866—1867 und 1874—1878. Zweimal legte er infolge von Meinungsverschiedenheit mit seinen Kollegen sein Amt nieder; 1867, als Gladstone seine Reformbill einbrachte, und 1878, als die Flotte Be­fehl erhielt, durch die Dardanellen zu gehen. Er gilt für ruffenfreundltch gesinnt.

Sir Hardinge Giffard, Lordkanzler, 60 Jahre alt, trat ins Parlament 1877, war von 1875 an bis 1880 Gcneralprokurator und wurde 1875 geadelt.

Mr. William Henry Smith, Staatssekretär für den Krieg, ist jetzt eben 60 Jahre alt und war bis in die letzten Jahre Haupt der Buchhändler firma M. H. Smith und Sohn. Er trat 1868 ins Parlament, war von 1874 bis 1877 Finanzsekretär des Schatzes und von 1877 bis 1880 erster Lord der Admiralität.

Sir Richard Croß ist 62 Jahre alt, wurde zuerst 1857 ins Unterhaus gewählt, war Staatssekretär des In­nern im Kabinett DiSracli von 1874 bis 1880.

Lord George F. Hamilton, erster Lord der Ad- mirali'.ät, ist der dritte Sohn des Herzogs von Albercorve, trat 1864 in die Armee und wurde zuerst 1868 ins Unterhaus gewählt. Von 1874 bis 1878 war er Unter« staatssekrctär für Indien und 1878 bis 1880 Viz präflcent des ErzichungS-RatcS.

Oberst F. A. Stanley, Staatssekretär für die Kolonieen, ist der Bmdcr und künftige Nachfolger des Grafen Derby. Ec ist 1841 geboren, also 44 Jahre alt. Er trat in die Armee 1858 und 1866 ins Unterhaus. Er war während kurzer Zeit 1868 Zivil-Lord der Admirali­tät, Finarzlekretär des KriegSmintstcriumS 1874—1877, Schatzsekretär 1877-1878 und Kriegsminister 1878-1880.

Edward Stanhope, Präsident des HandclSamtS, ist der zweite Sohu des Grafen Stanhope, 45 Jahre alt, trat 1874 ins Unterhaus, war Sekretär des HmdelS- amts von 1875 -1878 und UnterstaatSstkrctär für Indien 1878-1880.

Earl of Harrowby, Geheimstegelbewahrer, ist 54 Jahre alt, betrat 1856 die parlamentarische Laufbahn und war 1878—1880 Präsident des HandclSamtS.

Herzog Charles Henry of Richmond and Gordon, Lord-Präsident dcS Rates, ist der sechste Herzog seines Namens. Er steht im 68. Jahre und ist Major a. D. Vor feinem Eintritt ins Oberhaus saß er von 1841 an im Unterhause. Er war 1859 Präsident der Armenver- waltung, 1867—68 Präsident des Handelsamts, Führer der konservativen Partei im Oberhaule von 1874—1880 und während derselben Zeit Lord-Präsi ent des Rats.

Viscount Cranbrook, Kanzler dcS HeizogtumS Lancaster, der erste Viscount dieses Namens, nachd-m er 1878 während der Regierung DiSraeliS in den Pairöstand erhoben worden. Er wird demnächst feilt 72. Lebensjahr vollenden. Im Unterhaus- saß er zuerst 1856 und hat seit 1858 verschiedene höhere Staatsämter und Minister­posten bekleid-t.

Lord John I. R. Manners, General-Postmetster, ist der zweite Sohn des fünften Herzogs von Rutland. Er vollendet in diesem Jahre sein 66. Lebensjahr. Er saß zum e- stenmale 1841 im Unterhause, hat sich auch als Dichter versucht und seit 1866 wiederholt Ministerpostcn bekleid t, sein j tzigcs Amt 1874-1880.

Mr. Edward Gtbson, Lord-Kanzler von Irland, ist im September 48 Jahre alt, trat 1874 inS Unterhaus, war 1877—1880 Gmeralanwalt für Irland.

Wie noch telegraphisch gemeldet wird, ist Sir Wil­liam Har Dyke zum Generalsekretär für Irland, und David Robert Plunket zum Minister für öffentliche Arke'ten ernannt worden. — Der „Momingpost" zufolge soll sichDrummondWolff demnächst als außerordent­licher Gesandter und bevollmächtigter Minister Großbri­tanniens nach Egypten begeben.

Deutsches Reich.

Berlin, 25. Juni. Di- Buudeöratkausschüffe lehnten den bekannt n, vor fast Jahccöf ist überwiesenen Antrag des Reichskanzlers auf Verzollung der Pirole um - Fässer als Böttcherwarcn ab, und zwar sowohl aus formellen, die Kompetenz des BundeSrats betreffenden Gründen, wie auch aus praktischen. — Die vorläufigen AuSiührungSbestim- mungcn zum ZolltE, welche durch die am 1. Juli d. I. in Kraft tretenden Abänderungen bedingt sind, werden, dem Vernehmen nach, in den nächst n Tagen zur Veröffeut tchung gelangen. Dagegen steht der Erlaß der Ausführungsbestim­mungen für das Börscnsteuergesetz, den „B. P. N." zufolge, erst im September nach d-m Wiederzusammentritt des Bundes­rates zu erwarten. —Für den demnächst stattfindendcn Be­such des Kronprinzen in Oels ist der dortigen Zeitung zu­folge das nachstehende Programm ausgestellt worden: Der Kronprinz wird bei der Ankunft zunächst von dem Oberst v. Schmeltng, Landrat v. Kardorff und Regierungsrat Bayer begrüßt werden. In den Straßen, durch welche die Fahrt zur Stadt erfolgt, sind sämtliche Schulen, Mädchen- wie

Im Bau« des Schicksals.

Roman von Moritz Lilie.

(Fortsetzung.)

Der Künstler verbeugte sich, er vermochte nicht« zu er­widern. Wie geblendet stand er, als er die herrliche Ge­stalt eiblickte, die heute in hinreißender Schönheit strahlte.

Ein karmoisinfarbeues Sammiklcid umschloß die vollen Formen und ein bezaubernde« Lächeln schwebte auf dem edelgeformten Antlitz, deffen leicht chawoisschtmmernder Teint vortrefflich zu dem dunklen Purpur des Kleide« stimmte.

Durch da« tiefschwarze, in prachtvollen Locken herab­wallende Haar zog sich eine Schnur gelblichweißer echter Perlen; es war außer einigen Ringen der einzige Schmuck, den sie trug, sie schien zu fühlen, daß ihre eigene Schön­heit alle« Gold und alle Edelsteine überstrahle.

„Nur vorn, an dem schmalen Ausschnitt de« Kleides, hatte sie die im Erblühen begriffene Knospe einer weißen Rose mit einem grünen Blatt befestigt, ebenfalls ein wohl- berechmter, effektvoller Kontrast zu der übrigen Toilette, der um so stärker hervortrat, al« diese Blume in jetziger Jahres­zeit zu den Seltenheiten gehörte und gerade in ihrer Ein­fachheit von einer Wirkung war, die den kostbarsten Brillant- schmuck in Schatten gestellt haben würde.

Unter ihrem Seffcl, halb von dem Kleide verdeckt, schaute der kleine Bolognescrhuud hervor und blickte mit leisem Knurren unverwandt nach dem Fremden hin.

Ludmilla bemerkte recht wohl, welchen vorteilhaften Ein­druck sie auf dm jungen Künstler machte, und sie schien sich im Bewußtsein ihres bestechenden Acußeren einer stillen, tarnten Befriedigung nicht erwehren zu könnm. Einige Mtautm lang weidete sie sich an der Verwirrung des Malers,

dann deutete sie mit der Hand nach einem ihr gegeuüb.r- stihenden Seffcl, ihn zum Platznehmen einladend.

„Ich habe Sie rufen lasten, um Sie zu bitten, für wich einen kleinen Auftrag zu übernehmen," kegann die Frau endlich, nachdem Herbat ihrer Einladung Folge geleistet hatte und ihre Augen ruhten mit Wohlgefallen auf dem schönen jungen Mann der heute, in seinem schwarzen Anzug, in der That eine nicht minder bestrickende Erscheinung bil­dete, olS die Dame im Sammetkleide.

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, gnädige Frau, und wenn meine Befähigung dazu ausreicht —"

„O, daran ist nicht zu zweifeln!" unterbrach ihn Lud­milla, „davon habe ich bereit« Beweise."

Der Künstler blickte sie fragend an.

„Ich stellte bisher noch niemals ein BUd von wir au«", sagte er verwundert.

„Und dennoch hatte ich Gelegenheit, eine Arbeit von Ihnen zu schm und zu bewundern, zwar nur eine Kopie, aber gerade deshalb ein Probierstein Ihre» Talentes, denn ich halte die minutiös treue Wiedergabe eines bereits vor« handcuin Gemäldes für weit schwieriger, al« die Kompo­sition nach der Natur, wenigsten« bei der Landschaft, da der Künstler bei Orginalardeitm seiner Phantasie freien Spielraum lasten kann, während er sich bei der Kopie in Allem, von den Konturen bi« zum leisesten Farbcuton, an das Vorbild zu halten hat.

„Sie urteilen über die Kunst, welcher auch ich mich gewidmet habe, sehr richtig^ gnädige Frau," versetzte der Maler, „eine bei einer Dame nicht sehr häufige Erscheinung; man ist geneigt, eine Kopie für eine tdn mechanische Arbeit zu halten, und doch ist gerade hier peinliche Svrg- salt auch in den unscheinbarsten Kleinigkeiten unerläßlich,

wenn die Nachahmung überhaupt Anspruch auf künstlerischen Wert erheben will. Freilich wird eine Originalkompvsiiion stets höhere Bedeutung haben, denn in ihr prägt sich das eigene Können und Schaffen, der Geist und die Jndividu- alilät des Künstlers aus, wa« bei einer Kopie niemals der Fall fiin kann; in technischer Hinsicht aber stellt auch die n tutgetreue Wiedergabe eine« bedeutenden Gemäldes sehr hohe Ansprüche an die Fähigkeiten und daS feine Ver­ständnis des Malers."

Die Baronin nickte zustimmend.

„Und daß sie Ihre Aufgabe von der edelsten Seite er­faßten, al« Sie kürzlich im hiesigen Museum die GuiSnrelsche Landschaft kopierten, wurde mir sehr bald klar, al« ich, von Ihnen unbemerkt, Sie eine Zeit lang belauscht hatte," er­gänzte sie.

„DaS war kein Nachahmen der Farbe und Zeichnung des Bildes, daS war ein tiefes Eingehen in den Geist und das Wesen desselben, und deshalb wünschte ich gerade von Ihrer Hand eine kleine Arbeit, die ich zu einem Geschenk für eine mir nahestehende Person bestimmt habe."

Sie sagte tiefe anerkennenden Worte mit so weicher, fchm.lzcnder Stimme, daß dem jungen Künstler ganz selt­sam um« Herz ward.

Und doch thaten ihm die ausmunterndeu Worte der Dame unendlich wohl. Eine wahre echte Künstlernatur bedarf zu ihrem Gedeihen eines warmen, ermutizcnden Wortes so notwendig, wie die Saat des Regen«; diese wie jme verdorrt sonst, ehe sic sich zu entfalten und Früchte zu bringen ycrwag.

„Sehen Sie diese« Bild an der Wand," fuhr die Baronin sott, mit der Hand auf eine« der beiden Oelgemälve deu- tend, die zwischen den zierlichen kleinen Marmorgruppen hingn.

(Fortsetzung folgt.)