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Markurg, Donnerstag, 25. Juni 1885.
XL Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition SV« Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 «fg. (erd. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 vfg. Reklamen für die Zelle 25 Psg.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, s owied.Annoncen- Bureaux von Haascnstein undVogler in Franturt a. M., Kastel, Magdeburg und Men: RudolfMoste in Frankfurt a. M., Berlin,Mün chen und Köln: ®. 8. Daube und So. in Frankfurt a. 3ÄV Berlin,Hannover u. Paris
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
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Erhöhung der Getreide- und BlehMeT
In der Debatte über dir Erhöhung der Getreide- und Viehzölle wurde bekanntlich von freihändlerischer Seite auf daS lebhafteste bestritten, daß der Kleingrundbesttz von dieser Erhöhung Vorteil habe. Man suchte einen künstlichen Gegensatz zwischen Großgrundbesitz uib Kleingrundbesttz zu schassen und diesen letzteren gegen veu ersteren au^zuwiegeln. Da zwei elSohne auch bet der Agitation für die bevorstehenden Landtags wählen dieser Versuch wiederholt werden wird, dürfte eS sicherlich von Interesse fein, zu hören, wie sich eine der ersten unter den lebenden Autoritäten auf dem Gebiete der Landwirtschaft, Herr Professor Dr. Maercker- Halle, über diese Frage äußert. Er hielt über dieselbe einen Vortrag in der am Sonntag Nachmittag zu Roßla stattgehabten Versammlung deS Landwirtschastlichen Vereins für die Grafschaften Stolberg-Stolberg, Stolberg-Roßla und Umgegend, und äußerte sich solgeusermaßen:
Wenn über die Erhöhung der Schutzzölle gesprochen werde, so höre man vou der einen Sette, daß ste nur Vorteile, von der andern Seite, daß ste nur Nachteile bringe. Man könnte ja nun meinen, daß diese Frage überhaupt abgeschloffen und die Erhöhung der Getreibezölle ein Faktum sei, mit dem man zu rechnen habe. Aber dieser Abschluß sei kein definitiver, denn von selten der Gegner der Landwirtschaft würden die Getreidezölle verwertet, um Kapital sür die Wahlen daraus zu schlagen, darum sei Aufklärung über die Frage, ob fie dem kleinen Grundbesitz Vorteil o rer Nachteil brächten, außerordentlich wichtig. Auf Grund te8 von Herrn Geh. Rat Kühn gesammelten Materials glaube er den Nachweis führen zu können, daß der kleine Grund-
Jm Bau« des Schicksals.
Roman von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
Die Dame sprang empor.
„Verliebt sagen Sie?" rief ste mit ungeheucheltem Erstaunen, „in der Thai, da» wäre intertff ant. Aber wie kommen Sie aus diefe Vermutung, Herr Doktor, es wüsten doch hier Indiskretionen vorliegen, die bei dem verfchlostenen Charakter des jungen Grafen doppelt auffallend jltib."
„DaS ist sehr einfach, gnädige Frau. Ste wisten, daß der alte Graf Tembrowskt Beranlaffunz hat, st h über das Thun und Treiben seines Neffen möglichst genau zu informieren, die Mittel und Wege, durch welche dies erreicht wird kommen hierbei weiter nicht in betracht. Ec hat sich mit dem Kammerdiener des Grafen Alexis ins Vernehmen gesetzt und ihn zu bestimmen gewußt, daß er dem Alten über fdne Beobachtungen genauen Bericht erstattet. Kürzlich fand der Kammerdiener In der Brieftafche seines Heern, die er einer Rocktasche entnommenen hatte, daS Photographie-Porträt eines jungen Mädchens, forgsältig tu parfümiertes Seidenpapier eingehüllt. Es ist aber noch nicht gelungen, etwas Näh.reS über das Mädchen zu erfahren, so viel Mühe stch auch der Graf schon gegeben hat, die geheimen Wege seineS Neffen auSzuknndschrfteu."
„Wer sagt Ihnen denn, daß hier von einer ernstlichen Neigung die Rede ist?* warf fie leicht hin. „Man findet die Photographie eines Mädchens in der Rocktasche und hübet stch ein, es handle stch um eine Heirat. Diese Argumentation steht denn doch auf zu schwachen Füßen, lieber Doktor, al» daß ich daran glaube« könnte; eine flüchtige Laune, eine kleine, tnterestante Liaison — da» ist alles I'
besitz zum mindesten dasselbe Jntereste an der Erhöhung der Getreidezölle habe, wie der größere. Zunächst müffe man untersuchen, wie viel Areal in den Händen der größeren Grundbesitzer fei und wieviel in den Händen der k eineren. Als Grenze könne man annehmen einen Besitz von 100 Hektar gleich 400 Morgen. Dann nähme in Deutschland der Großgrundbesitz, wie statistisch uachgewiefen sei, 24Vio Prozent der ganzen bebauten Fläche ein, also noch nicht V* derselben, während s/4 auf den kleinen Grundbesitz entfallen. Hiermit könne nun eigentlich die Frage, ob der Kleingrundbcsitz an den G.treidezöllen interessiert sei, für abgeschloffen gelten, denn wenn % deS bebauten Arerls auf d?n kleineren Besitz entfalle, so sei es natürlich, daß das eine übrig bleibende Viertel den Bedarf der Städte rc. nicht decken könne. Wenn es nun auch ohne weiteres klar fei, daß dir größere Maffe deS zum Verkauf gelangenden Getreides auf den Kleingrundbesitz entfalle, also dieser daS allerhöchste Jntereffe an der Höhe der Getreidepreise habe, so müffe man doch, um die Sache gründlich zu erledigen, zunächst untersuchen, von welcher Höhe des Besitzes ab der Verkauf beginne. Rechne man den Pa^zellenbesttz bis zu V2 Hektar, so sehe man, daß auch hier schon ein Verkauf stattfinde. Zum Teil konsumiere der Parztllenbcsitz-r fein Getreide selbst, zum anderen Teil aber verkaufe er eS und habe das größte Jntereffe daran, daß es ihm genügend bezahlt werde. Bei einem Besitz von 2—5 Hektar würden schon 50 Prozent des produzierten Getreides auf den Markt geliefert. Es sei noch lange nicht genügend durch die Preffe hervorgehoben, daß 1000 Morgen Kleingrundbesitz mehr Getreide auf den Markt lieferten als edeasovitl Großgrundbesitz, well die Großgrundbesitzer einen bedeutenden Teil deS von ihnen gebauten Getreides auf dem Gebiete der Viehzucht verwerteten, während die Kleingrundbefltzer den größten Teil deS von ihnen gebauten Getreides verkauften. Wenn durch die Getreibezölle daS fremde Getreide mehr auögefchloffen würde, so sei nun die große Frage, cb die eigene Produktion im stände sei, den Bedarf zu decken. ES sei dies eine schwer zu erörternde Frage, doch wenn man ihr aus den Grund geh?, so sei ste dahin zu beantworten, daß die ®e« treidezölle gerade so segensreich wirkten als ste den Klein- grandbisitzer anspornten, mehr zu produzieren und so zur Deckung deS Bedarfs beizutragen. Gegenwärtig finde ein großer Import statt, es sei aber ein großer Ueberschuß möglich, wenn alles so stände wie es müßte. Möglich sei dies nur, wenn man der Landwirtschaft Schutz gewähre und die Konkurrenz ste nicht erdrücke. Nur dann könne auch der kleine Gruudbrsitz von der fortgeschrittenen Wiffeu- schaft profitieren, wenn der Getreidebau sich lohne. ES werde nicht immer offen genug betont, daß für die Landwirtschaft höhere Griretoep reise notwendig seien. Oft werde gesagt, daß daS G-treide durch die Zölle nicht verteuert werde. DaS sei falsch, denn dann würden die Zölle nur eine Finanzquelle, nicht aber ein Segen für die Landwirt-
„Darin bin ich nicht Ihrer Meinung, gnädige Frau, daS widerspricht ganz und gar dem Charakter deS jungen Mannes. Er ist viel zu ernst, als daß er an dergleichen Tändeleien Gefallen finden sollt?, dagegen entspricht die Art, wie er sein G hetmniS zu wahren wüst, ganz seinem Wesen/
„Ein junger Mann, der die Welt gesehen hat, biodrt fich nicht so leicht, zum wenigstens in dem Jünglingsalter deS Grafen," meinte Jene.
„Die partriachalifchen Zelten, die wir so oft von unseren Großeltern rühmen hörten, find vorüber; unfere jungen Männer treiben es nicht mehr wie vor fünfzig Jahren ihre Altersgenossen, tie wenige Wochen, nachdem sie die die Bekanntschaft Ihrer Auserkorenen gemacht, den SonntaxSrock angezozen und fein ehrbar um die Hand der Tochter anhielten, die der gestrenge Herr Papa nur gewährte, wenn der Bewerber stch eines gut u Leumunds erfreute und nach- zuweistn im Stande war, daß er eine Frau ernähren konnte. Davon ist heutzutage nicht wehr die Rede; die jungen Herrn flattern von einer Blume zur andern, genießen das Leben bis zur Neige, und erst, wenn Ueberfättigung sie packt, nehmen sie stch ein W lb, um fortan als grämliche, un- liebenswürdize und launenhafte Eheherren zu fungieren. Graf Astx'S wird von dieser Regel schwerlich eine Ausnahme machen."
Sie warf mit einer graziösen Kopfbewegung die schwarzen Locken zurück, welche über die Wange fielen und sich weich und duftig an daS Antlitz der schönen Frau schmiegten.
„Und wenn Sie stch täuschten, gnädige Frau, wenn AlexiS doch Heiratsgedanken hegte und diese Gedanken zur Thai werden ließe?" fragte der Advokat.
„Dann wird sei« Oheim klug genug sei«, th« nicht
schäft fein. Nicht zu einer unerschwinglichen Höhe sollten die Getreidepreise durch die Zölle gebracht werden, sondern nur zu einer solchen, daß daS Getreide mit einem mäßigen Nutzen gebaut werden könne. Der kleine Grundbesitz solle stch Mühe geben, mehr Getreide zu produzieren. Wie in dieser Beziehung der Zwang wirke, daS zeige schon die Lage der Zuckerindustrie. In diesem Jahre sei bei dem kleinen Gmndbefltz der Rübenbau zurückgegangen, nachdem die durch die Ueberproduktivn geschädigte Zuckerindustrie aus der KristS die Lehre gezogen habe, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen könnten, und daß man eine gut rentierende Industrie auch nicht allzu weit ausdehnen dürfe. Seit man weniger Rüben baue, feien die Preise wieder im Steigen. Wenn aber auch mehr Getreide gebaut werde, so könne doch der Inlandsbedarf nur dann gedeckt werden, wenn nicht mehr so viel, so ungeheuer viel Getreide verschwendet werde, als dies jetzt der Fall sei. Der Kleingrundbesttz genügt, das, was er produziere, selbst zu konsumieren, statt Getreide zu verkaufen und Kunstfutter einzukaufen. Und doch sei die Rechnung so einfach: Der Dvppelzmtner Kleie koste 9 Mark, der Doppelzentner Getreide aber, selbst wenn eS schlecht sei, 11 Mark, auf 1000 Kilo habe man alfo schon 15 Mark Differenz. Man solle nicht daS Getreide verfüttern, fon- dern es verkaufen; dafür Kunstfutter kaufen und die Differenz einstreichen. ES sei sehr schwierig, auszurechnen, wie viel Getreide auf diese Art disponibel gemacht werden könne, eS sei dies aber nicht allein auf Hunderttausende von Zentnern zu veranschlagen, sondern auf Millionen, die verloren gingen und durch das Ausland gedeckt werden müßten. Große Mengen Getreide könne mau ersparen, und cs dahin bringen, daß man vom Auslande nicht» zu kaufen brauche und von demselben unabhängig werde. Wenn man frage, wer unter der Ungunst der Zeiten mehr zu leiden habe, so sei dicS der kleinere Gr undbesttzer. Denn während der größere Besitzer größere Mengen regelmäßig produzierend zu Markte bringe, bringe der kleinere Grundbesitzer auch nur kleinere Posten und müffe mit einem geringeren Preise vorliebnehmen. Darum habe der kleine Grundbesitzer auch das größte Jntereffe daran, daß ihm sein Handel geschützt werde. Nun komme er zu einer anderen Frage, welche den Gegnern der Landwirtschaft da» Hauptagitationsmittel darbiete. Man wolle künstlich einen Gegensatz konstruieren zwischen dem Großgrundbesitz und der kleineren Wirtschaft, man wolle beweisen, daß beide ganz andere Jnterrsfen hätten. DaS sei einfach eine ganz verlogene Politik, denn das Jntereffe des Kletn- grundbefltzeS sei ganz genau dasselbe, wie das des Großgrundbesitzes. Wenn man sage, der Kleingrundbesttz werde nur geschädigt, well er alles zu höheren Preisen kaufen müffe, so sei daS nicht zutreffend, denn woher solle er da» Geld zu diesem Kauf nehmen? Er könne eS doch nur erwerben durch den Verkauf seiner eigenen Produkte, und
daran zu hindern," versetzte die Dame, er kann dabei nut gewinnen."
„Die neuen Verhältniffe, in die der junge Mann durch eine eheliche Verbindung tritt, die kleinen Sorgen, die an ihn herantreten werden, lenken ihn von seinen sonstigen Angelegenheiten ab und gewähren dem Grafen eine« Aufschub, d r ihm vvrauSstchtlich sehr willkommen sein wird.
„Zeit gewonnen, viel, wenn nicht alle» gewonnen, da» wird Niemand b'ffer wiflen, al» der Vormund des jungen Heiratkk.ndidaten."
Doktor Praß warf einen raschen, lauernden Blick auf die schöne Sprecherin, während er die schwere Uhrkette leise klirrend durch die Finger gleiten ließ. Dann nickte er der Frau leicht zu.
„DaS ist auch meine Ansicht, die Neigung de» jungen Manne» muß eher gesördert, als gehindert werden," stimmte er bei.
„Inzwischen wollen wir zu erforsche« suchen, wer der Gegenstand seiner Liebe ist, und ob er im Stande sein wird, ihn auf die Dauer zu fesseln."
Die Baronin war aufgestanden und an die Konsole getreten, wo ste den Nippsachen andere Stellungen zu geben begann, obgleich stch btefdben in peinlich symmetrischer Ordnung befanden.
Zwecklos rückte ste die Heinen kostbaren Gegenstände hin und her, eine gewlffe Innere Unruhe schien ste zu beherrschen.
Plötzlich wandte fie stch mit einem raschen Entschluß an den Doktor, der bei ihr die Rolle eine- KommiffionärS, einevertrauten Geschäftsführer» spielte. (Fortsetzung folgt.)