XX. JahlW-
Zllarkurg, Dienstag, 23. Juni 1885.
Rr. IM
(Olirrlirffifdir jritmig
gevdr «leopatra.
lFortsetzung folgt)
Erscheint täglich außer an
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Juni. Der „RüchSanzeigrr* veröffentlicht heute die auch von dem englischen Blaubuch publizierten Aktenstücke, betreffend da« Ueberetnkommen zwischen Deutschland uns Englanv wegen Abgrenzung der westcsrikanischen Schutzgchtete am Golf von Guinea und wegen der Gewähr rung gegenseitiger Handels- und Verkehrs Freiheit daselbst.— ES stehl jetzt fest, daß der JustizauSfchuß des Bundesrats, nachdem em Etnoerständniö durch Verhandlungen zwischen den Regierungen erzielt worden ist, der Braunschweiger Frage nur eine formale Sitzung widmen und daß dieselbe vom Bundesrat dann tu seiner nächst.« Sitzung entschieden werden wird. — Die ,D. VolkSwirtsch. Korrefp." schreibt über den JunungStag: Die symptomatische Bedeutung deS JnnuugStageS wird auch von allen Seiten anerkannt. Wenn diese Bedeutung aber hauptsächlich in dem Umstande gesehen wird, daß die Handwerker sich ganz auf den Boden deS Gesetzes vom Jahre 1881 stell.», ;o scheint uns daS eine Verkennung von Ursache uav Wirkung zu sein. ES ist gewiß eine sehr erfreuliche Erscheinung, aber mehr auch nicht; eS ist nicht mehr als natürlich, daß die Handwerker, die für Junungen eiutrrten, das Bestehen e, was ihnen dieselbe verschaffe« kann, vccchtieren und von hi r auS weiterbauen. So mußte es geschehen, wenn die Handwerker erst einmal erwachten und sich darauf besannen, waS ihnen not thut und daS ist darum auch gar nicht merkwürdig. Wir erkennen die grundlegende Bedeutung veS letzten Ja- nungstageS vielmehr darin, daß die H-rreu mit seltener Einmütigkeit aujtraten und unentwegt und uncrschrccken ihre Fahren entfalteten und der Welt zeigten, daß ste die Innung als ihr Ziel erstrebten. Es hat lange gedauert,
Im Öen« des Schicksals.
Roman von Moritz Lilie.
(Fortsetzung.)
V.
Za den elegantesten Stadtteilen von Dreien gehört daS zogen, englische oder amerikanische Viertel, in welchem sich vorzugsweise die zahlreiche Fremdeokolonie, die in der Mehrzahl auS Rusten, Amerikanern, Engländern und Polen besteht, angestedelt hat. Die Häuser und Straße« trage« daS Gepräge einer modernen Großstadt und erstere sind im Aeutzern und Innern mit allem Luxus anSgestattet, dessen der Reichtum und der verwöhnte Geschmack nicht entbehre« mag.
Au der zu diesem Stadtteil gehörige« Lütttchaustraße steht eia Gebäude, welche« sich durch sei«- reiche, aber vornehme Architektur besonders auszeichnet. Ein schone«, tm Renatstancesttl auSgesührtcS Portal führt zu dem Vestibüle von welchem aus sich zu beiden Setten die Treppen ewpor- windm, die oben in einem geräumigen Vorsaal «digen. Dicke, von blanken Messtngstäbe« sestgehaltene Teppiche bedecken die Stufen, an deren Setten sich reichverzierte, goldete Geländer hinziehen. Di- Wände stad mit künstlMsch ausgesührten Malereien bedeckt und der Plafond zeigt schone Stückarbeiten. Das Ganze legt Zeugnis ab von dem feinen Geschmack und ausgebildeten Schönheitssinn seines Besitze» oder Erbauer«; nicht« Aufdringliches, nicht« Ueberladeu^ ist hier zu finden, wohl aber die edle Einfachheit, wahrhaft noble Eleganz.
Eine hohe mit GlaSsenstern versehene Flügelthür führt pv« Treppenaufgänge nach dem Borsaale, dessen Au-stat-
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. Blatte«, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankurt a. M., Kassel, Magdeburg und Men; RudolfMoffe in Frankfurt ♦ a. M., Berlin,München und
Köln: ®. L. Daube und So. in Frarckfurt a- M., verltn,Hannover «. Pari«.
Bestellungen für das
111. Quartal
auf die
OSerhessische Zeitung
nebst deren Beiblätter
Amtlicher Anzeiger für die Kreise Marburg und Kirchhain
und
Illustriertes Sonntagsölatt
werden bei allen Postämtern entgegengenommen, auf dem Lande auch von den Landpostboten.
Wir erfuchen unsere auswärtigen Leser, ihre Abonnements baldigst erneuern zu wollen, damit in der Neber- sendung keine Unterbrechung erfolgt
Neu eintretende hiesige Abonnenten erhalten die Oberh.
Zeitung vom Tage der Bestellung bis zum 1. Juli gratis.
Die Expedition der Oberhessischeu Zeitung.
grvtditiou 2*/. SRI., bei ^ Postämter 2 Mk. 50 Bf« (ejct. Bestellgeld). Mertionsgebühr für die «svaltene Zeile 10 vfg. Keßornen für bte Zeile
sinke« ließ und dem sein Volk erschien, wie wir e« heute sehen und wie e« ferner bleiben möge: waffengewaltig und gedankenschwer". Wie sehr wir auf Erhaltung de« Frieden« rechnen dürfen, defleo wir uns, wie heute, so Gott will — auf lange, lange Jahre hinaus erfreuen werden, wir find sicher, daß die Waffen Deutschland« nimmer rosten. An Ihnen aber, an der studierenden deutschen Jugend, wird e« fein, Sorge zu tragen, daß unserem Vaterlande auch die andere Eigenschaft gewahrt bleibe: daß sie nie arm werde an guten und fruchtbaren Gedanken l Viele« über jedes Hoffen und Erwarten hinaus ist uns in den letzten großen Zeiten zu teil geworden. ES wäre thvricht und undankbar zugleich, wollten wir Klage führen, daß noch nicht alles erreicht sei, waS wir erstreben. Wir Aelteren, die wir jeder an seinem Teil mitgewirkt an dem, wa« dem Vaterlande eine glückliche Zukunft verheißt, wir vertrauen, daß unser junges Geschlecht alle Zeit stark sein möge an echtem deutschen Sinne, um in Eintracht, in Gottesfurcht und im Geiste schöner Menschlichkeit daö Werk zu vollenden, da« wir vereint ihm hinterlassen." Der Kronprinz wies sodann darauf hin, daß die Namen aller Derer, die in jener großen Zeit mitgehoisen, in den Tafeln der Geschichte unSauSttlgbar eingegeben seien, daß aber niemandem größerer Ruhm gebühre, als dem, der selber der Anführer des deutschen Volkes in Waffen gewesen, Er. Majestät dem Kaiser und Könige, und ließ nunmehr daS Kommando zum Salamander auf Se. Majestät geben.
Pose«, 20. Juni. Gerüchtweise verlautet, der Reichstagsabgeordnete Landrat Müller sei zum königl. Kommiffar behufs der Verwaltung des Postens des hiesigen Oberbürgermeister« ernannt worden. (Die wiederholte Wiederwahl de« bisherigen Bürgermeister« Heese hat bekanntlich die Bestätigung der Regt rung nicht erhalten.)
Kiel, 20. Juni. Heute fand auf der Germania Werft zu Gaarden bet Kiel die Feierlichkeit de« Stapellaufes de« Dampfers für den Gouverneur von Kamerun unter dem üblichen Zeremoniell statt. Derselben wohnten die ortS- anwesenden Osfizierkorp« mit ihren Damen, sowie ein großer Teil der Beamten und ein zahlreiche« Publikum bet. Dieser Dampfer (composite), welcher Ende Februar 1885 auf Stapel gesetzt wurde, hat eine Länge zwischen den Perpendikeln von 34,0 Meter, die größte Breite beträgt 5,3 Meter. DaS Fahrzeug hat bet einem Deplacement von 155 Tonnen einen Tiefgang von 1,8 Meter, sowie eine Maschine von 180 indizierten Pferdekräften. Seine größte Fahrgeschwindigkeit wird lOVa Knoten betragen. Der Dampfer ist bereits auf der Helling vollständig fertig und hat schon Maschine rc. Alle« an Bord, um noch im Laufe dieses Monats nach Kamerun übergesührt zu werden. Za diesem Zweck wird derselbe zunächst eine Besatzung der kaiserlichen Marine von 17 Köp'en enthalten. Punkt 11 Uhr vormittags bestieg der Chef der Mariuestation der Ostsee, Vizeadmiral v. Wickeve, die vor dem Bug deS
die Thür nach dem Nebenzimmer und mehrere Oelgemälde ia prachtvollen Rahmen, da« eine ein schönes alte« Schloß mit Park und See, da« andere ein armselige«, aber malerisches polnische« Dorf mit kleiner hölzerner Kirche rnb Pfarrhaus darstellend, hingen zwischen kleinen mythologischen Grupp n au« weißem Marmor. J3« der Nähe des Fcuste:« stand ein zierlicher DamensqsteiPjsch <MS Jaccaranda und ihm gegenüber eine vergoldete Konsole mit kostbaren Nippsachen bedeckt.
An dem Klavier aber, vor welchem ein mächtige« Bärenfell auSgebreitet lag, saß auf gesticktch^Seffel eine Dame und ließ die feinen weißen Finger wit^oßer Gewandtheit über die Tasten gleiten. Zu ihren Füßen auf dem Bärenfell lag ein kleine« Bologneserhündchen und fchaute mit seinen klugen, Hellen Augen zu seiner Herrin empor.
ES war eine hohe, volle, üppige Gestalt, in ein knepp anliegende« «leid von feinem, schwarzen Cachemir gehüllt. Ihr Gesicht war von geradezu klassischem Schnitt, jeder Zug (4 len zur ebenmäßigen Harmonie diese« Antlitze« nötig zu sein. Die Hautfarbe zeigte jenen in« gelbliche spielenden Timbre, der die Frauen de« Orient« und Südeuropa« so intereffant macht; mit diesen hatte ste auch die tiefdunklen ausdrucksvollen Augen und da« schwarze Haar, welche« tu fast überreicher Fülle da« schöne Haupt zierte, gemein. Zwischen den leicht g-öfineten, rubinfarbenen Lippe« zeigte sich eine Garnitur wunderbar kleiner, weißer Zähne, da« volle, runde Kinn aber deutete auf einen hohen Grad von Willenskraft und Stärke de« Charakters. E« war nicht die fauste, duldende, stille Penelope, die sich in diesem Weibe l wiederspiegelte — e- war die feurige, heißliebeude, verlan-
biS eine Bewegung in diesem Sinne zu stände kam, bis der Jnnungkgedanke soviel Boden gewann, um sich über- 1
Haupt enthalten zu können. Der JunungStag hat gezeigt, 1
daß dies nunmehr geschehen ist und man in den weitesten I
Kreisen endlich erkannt hat, wa« dem Handwerk frommt. '
Alle Beschlüsse, die gefaßt wurden, zeigten unS daS in evi- ।
denter Weise. Die Hinderniffe, die sich der Entwicklung der J-ee entgegenstellten, waren nicht geringe. War eS doch die Anschauung eine« halben Jahrhunderts, die Idee vom । Walten der freien Konkurrenz, da« Jeeal der Freiheit auf gewerblichem Gebiete, welche« erst zertrümmert werden mußte, ehe die neue Anschauung Boden gewinnen und sich aus- breiten konnte. Da« Handwerk ist erwacht, da« ist da« Fazit der Verhandlungen de« ersten JnnungStage«, und da« ist der Beweis für den Sieg deS JnnungSgedankeuS über die wanchesterliche Anschauung und Lehre. Um die wettere Entwicklung ist uns gar rriLt bange; erst einmal erwacht, wird auch der Handwerker de« richtigen Weg finden, auf dem e« ihm gelingen wird, sein Ziel zu erreichen und seinem Handwerk den goldenen Boden wieder zu gewinnen.—Der Maurerstreik nimmt immer größere Dimensionen an. Sämtliche Bauten ruhen vollständig: die Zahl derer, die durch diesen Streik direkt und namentlich indirekt außer Arbe t gesetzt sind, wird auf 40000 veranschlagt. An 3000 unverheiratete Maurer haben Berlin bereits verlaffen, in einzelnen Vororten, wohin starke Trupps der Streiken" en gezogen sieid, um auch die dortigen Maurer zur Arbeitseinstellung zu zwing«, ist e« zu Krawallen und zum Einschreiten der Gendarmerie gekommen. _
— der,Osip". Ztz." lesen wir folgende« Nachtrag zum Besuche des Kronprinzen in Königsberg: Die An- spräche, welche Se. kaiirrl. und königl. Hoheit der Kronprinz bei seiner neulichen Anwesenheit in unserer Stadt an die Professoren der Universität gerichtet hat, ist in den öffentlichen Blättern, auch in unserer Zeitung, ziemlich wortgetreu abgedruckt worden. De« Gleiche gilt nicht von den Reden, welche auf den Kommersen der Studenten gehalten sind, die Wiedergabe derselben ließ Manches zu wünschen übrig. Wir werden gegenwärtig durch einen Teilnehmer an dem Kommerse der Kouleur - Student n in der neuen Börse, welcher sich während der Rede Notiz-n gemacht uns unmittelbar nachher dieselbe niedcrgeschrieben hat, freundlichst in stand gesetzt, die Ansprache ziemlich wortgetreu wiederzugeben, welche Se. kaiferl. und königl. Hoheit bei dieser Gelegenheit au die Studenten gerichtet hat. Wie Worte lauteten etwa: „Al« Rektor der altehrwürdigen Albertina begrüße ich ihre akademischen Bürger mit herzlichem Gruße. Wenn mir beim jedesmaligen Weil n in dieser Stadt das Bild deS großen deutschen Denker« ror die Seele tritt, dessen Lehre die WeltwciSheit neue Bahnen gewiesen, so möchte ich heute, wo ein militärische« Fest mich nach Königsberg bringt, noch eine« anderen vaterländischen Philosophen gedenken, der in schwerer Zeit den Math nicht tu«g ganz den Erwartungen entspricht, die der Eintretende nach der ganzen Anlage de» Gebäude« zu hegen berechtigt ist.
Ein hoher Spiegel der Thür gegenüber giebt die Gestalt de« Kommenden zurück, ein weißlackierter, mit einer Damastdecke belegter Tisch und mehrere gleichfarbige Stühle füllen die eine Ecke au«, während die andere eine geschickt arrangierte Dekoration seltener Pflanzen und blühender Topfze- wächse z-tgt. Der Fußboden ist getäfelt, aber jedenfalls mit einem weichen hellgrau und rosa gestreiften Teppich belegt, die Tapete aber ist in großen Mustern gehalten, zwischen denen in zierlichen Medaillon« reizende kleine Landschaft«' bilder etnqestreut sind. — Die beiden Fenster befinden sich an der Rücksci:e de« Hause« und sind mit schweren grünwollenen Vorhängen halb verhüllt, so daß sie da« Licht in für da« Auge höchst wohlthuender Weife mlldern.
Ein Diener in h llblauer Livree mit Silbertreff-n befetzt lehnt am Fenster und^liest In einem Zeitungsblatte, von Zett zu Zeit nach einem Fenster de« Seitengebäude« hinüber, schielend, an welchem zuweilen das frische Gesicht eker Kammerzofe erscheint, welche« der Lakai jedesmal mit lebhaftem Kopfnicken begrüßt, da« Jene lachend zurückgsibt.
Eine Reihe blendend weißer, mit Goldleisten verzierter Flügenthüren mündet nach dem Vorsaal; au« einem der entfernteren Zimmer tönen die melancholisch« Akkorde eine« Chopinschen Nocturno«, die von geübter Hand einem klangvollen Pianino entlockt werd«.
Es war ein kleine«, aber mit ausgesuchter Eleganz aus- ; gestattetes Gemach, In welchem das Instrument stand. Eine »arte Silb rtapete mit Vergißmeinnicht und RosenkuoSpen - bestreut, bedeckte die Wände, die Polstermöbel waren mit ■ blauem Sammet überzogen, gleichfarbig« Portier« verhüllt«
* 25 Pfg.____________
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.
— ' Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. ___